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February 25 2014

February 18 2014

February 14 2014

Die digitalen Agendas von CDU & SPD – Jung & Naiv: Folge 115

Vielleicht habt ihr’s mitbekommen: In diesem Bundestag gibt es jetzt einen neuen Ausschuss. “Digitale Agenda” wird er genannt und von 16 Bundestagsabgeordneten bewohnt. Der Ausschuss ist zwar nicht wie andere Ausschüsse, d.h. Gesetze schreiben und irgendwelche “Federführungen” hat dieser nicht, aber hey, wenigstens Ausschuss. Nicht nur mehr Internetenquete!

Anyway, am Mittwoch hat die große Koalition nacheinander, fein getrennt über ihre Vorstellungen zu dem neuen Ausschuss gequatscht. Nach dem Pressetermin habe ich dann mit den jeweiligen Ausschussvorsitzenden der Parteien, Jens Koeppen (CDU) und Lars Klingbeil (SPD) gequatscht. Sie sollten mir erzählen, was nun ansteht, wie ihre Vorstellungen sind und wie es u.a. mit Netzneutralität, Glasfaserausbau usw aussieht.

Apropos Netzneutralität, da habe ich mal die Aussagen beider Parteienvertreter in einen kurzen Clip zusammengepackt…

Außerdem befragte ich Koeppen und Klingbeil zu der Diskriminierungspraxis der Bundestagsverwaltung…

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February 11 2014

Die Putin-Spiele in Sotschi – Jung & Naiv: Folge 114

Vielleicht habt ihr’s mitbekommen: Die Olympischen Brot & Spiele laufen seit dem Wochenende in Sotschi. Russlands attraktivster Bäcker Wladimir hat geladen und versprochen nicht nur die teuersten, sondern auch sichersten und freudlosesten Wettbewerbe zu veranstalten. In der neuen Folge Jung & Naiv geht’s mit dem “Sportjournalisten des Jahres 2013″ (medium magazin) Jens Weinreich um Sotschi:

Ich wollte naiv wissen: Wie sexy ist Putin wirklich? Wie konnten Winterspiele in den Subtropen landen? Was hat Wladimir davon? Wie ist das mit kleiner und großer Korruption? Wie ist das mit der Olympischen Charta – zählt die? Warum setzt sich das IOC nicht für die Rechte aller ein? Warum ist IOC-Präsident Thomas Bach gerade Fan von Putin? Seit wann gibt es olympischen Wintersport eigentlich? Und warum liegt hier eigentlich Schnee?

Nach dem Dreh der Folge haben wir noch einen Bonus aufgenommen. Ich stellte Jens Weinreich Eure naiven Fragen, die zuvor via den sozialen Netzwerken reinflatterten.

Die Fragen waren:

*”Sind die Putin-Spiele genauso schrecklich wie eine FIFA-WM in Katar?” *(@Suhaib1410)

*”Wie wird die russische Regierung mit Petitionen gegen die Antihomogesetze umgehen?” *(@Matengor)

*”Warum darf man in Sotschi sein Klopapier nicht in die Toilette werfen?” *(@StephanEwald)

*”Warum sind die Spiele so teuer? Kann man das nicht auch billiger machen?” *(@kweenys)

*”Wann finden die Winterspiele in Pjöngjang statt und wie wird Thomas Bach dies öffentlich verteidigen?” *(Andreas Cichowicz)

*”"Alle stören sich gerade am Verbot “homosexueller Propaganda”. Lenkt das nicht von anderen Problemen in Russland ab?” (*@FeuRenard)

*”Warum unternimmt die Politik nix gegen die Olympiavergabe?” *(@Meeeeelih)

*”Wusste eigentlich das IOC nicht, dass in Sotschi ein subtropisches Klima herrscht?” *(@CareyOnAir)

*”Was würdest du einem Sportler raten, wie er sich in Sotschi verhalten soll?” *(@Exilfortunin)

*”Sind heute die Idee der Spiele als friedlicher Völkeraustausch und die massive Militärpräsenz zu vereinbaren?” *(@Exilfortunin)

*”Wie naiv sind ARD, ZDF und dt. Öffentlichkeit wenn sie deutsche Biathleten und Eisschnellläufer hochjubeln? #doping” *(@stephanito)

*”Was sagen eigentlich Investoren und Sponsoren zu den unwürdigen Zuständen rund um die Spiele? #CorporateImage” *(@Kennzeichen_E)

*”Ist die Angst eines Anschlags berechtigt?” *

*”Hätte Deutschland die Olympischen Spiele boykottieren sollen?” *(Martin Meier)

*”Im “Sochi Reporter’s Guide” kritisiert Human Rights Watch das IOC dafür, dass es Menschenrechtsfragen nur an das Organisationskomitee weiterreiche und selbst offenkundig falsche Erklärungen der russischen Behörden ohne weiteres akzeptiere. An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit sich das IOC in Zukunft nicht mehr aus der Verantwortung stehlen kann?” *(Roland Thele)

Alle bisherigen 114 Folgen gibt es im Youtube-Kanal (Abonnieren kostet nix!). Montags, 19.30 Uhr läuft Jung & Naiv zudem in diesem Fernsehen, auf joiz.

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February 05 2014

Hoffnungsschimmer in Syrien – Jung & Naiv: Folge 113

Letztens habe ich mal wieder mitbekommen, dass dieser Bürgerkrieg in Syrien noch nicht vorbei ist. Nix mit Frieden, nix mit Entwicklungen in erfreuliche Richtungen. Ich habe mich jungundnaiv ja bereits mehrfach mit Syrien befasst, doch noch nie jemanden getroffen, der schon selbst vor Ort war. Das wollte ich nun ändern und habe mich mit Jan van Aken verabredet. Jan ist nicht nur stellvertretender Vorsitzender der Linken und Außenpolitiker, sondern war früher mal UN-Waffeninspekteur.

Jan sollte mir von seiner Arbeit als Waffeninspekteur berichten: Wie werden die syrischen Chemiewaffen jetzt eigentlich zerstört? Wie kontrolliert, wie inspiziert man Chemie- und Biowaffen? Und warum gibt es immer noch Atombomben auf der Erde, warum werden wir die nicht los?

Im Hauptteil haben Jan und ich uns mit seiner Reise nach Syrien befasst: “Ich fühlte mich in Syrien selbst, im Vergleich zum Irak, sicher”, erzählt Jan. Er hatte den Norden Syriens besucht, der unter kurdischer Kontrolle ist. Ich informierte mich über Kurden und Jan berichtete von zarten Hoffnungsschimmer aus dieser Region.

Schließlich thematisierten wir noch Deutschlands Waffenexporte und warum Jan diese grässlich findet, was er dagegen tut und wann er glaubt, dass die Waffenexporte vorbei sind. Hier ist das Video:

(Jung & Naiv wird langsam berühmt: Gestern haben uns die Tagesthemen gefeatured!)

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January 29 2014

Die sechs Ws der Überwachung mit Sascha Lobo – Jung & Naiv

Zum Start der zweiten Jung & Naiv Staffel in diesem deutschen Fernsehen (montags, 19.30 Uhr auf joiz) habe ich mir einen dieser professionellen Interneterklärer gesucht. Den Mann habe ich dann ins Berliner Stasimuseum gelockt, wo wir uns an die analogen Zeiten der Überwachung erinnern konnten.

Sascha Lobo, einige kennen ihn vielleicht, sollte mir jungundnaiv die “sechs Ws der Überwachung” erklären: Wer überwacht uns? Was, wie, wo, (seit) wann und warum wird überhaupt überwacht? Außerdem reden wir über die Reaktion auf sein Naiv-Outing, ob man das Internet nun reparieren sollte, was Lösungen für einen Weg aus der Totalüberwachung sein können und noch so einiges naives mehr.

Ein paar Ausschnitte:

“Dadurch dass das Netz eine so umfassende Wirkung auf die Gesellschaft hat, die von den meisten dramatisch unterschätzt wird…. dadurch ist es viel einfacher, Internetexperte zu werden, als Internetexperte zu bleiben – und damit auch „Internet­Erklärer“ zu werden oder zu bleiben.”

“Deutschland ist ja nicht nur experten­hörig, sondern es hat ein tieferes Fundament, über das ich auch schon ein paar Mal geschrieben habe. Deutschland ist deshalb ein Expertenland, weil das Rechthaben hier quasi heilig ist. Deutschland ist das Land des Rechthabens. Das hängt direkt mit der Expertenhörigkeit zusammen. In Deutschland muss man allerdings – und das ist auch sehr wichtig – nicht nur Recht haben, sondern man muss auch schon immer Recht gehabt haben. Das ist ganz, ganz wichtig, dass man bloß nicht zugibt, sich getäuscht zu haben. Das erkennt man in der politischen Landschaft am besten.”

“Wer überwacht uns? Ich würde da von einer Spähmaschinerie im staatlichen Auftrag sprechen. Das ist der Kern, dieser staatliche Auftrag, denn das Problem ist faktisch ein politisches.”

“Big data heißt übersetzt: Es ist nicht so, dass wir zu viele Daten haben. Big data heißt übersetzt: Ja, wir können die Daten von allen Leuten überwachen. Wir machen das nicht mehr händisch. Es ist mehr wie hier im Stasi­Museum, dass da einzelne Leute saßen, die Akten verglichen haben und das hatte dann schlimme Folgen. Es funktioniert jetzt automatisiert, es funktioniert skalierbar. Es ist ausdehnbar über eine ganz große Anzahl von Menschen und es funktioniert automatisiert. Das ist das eigentlich Furchterregende. Denn es gibt eine immense Fehlerquote in alle Richtungen.”

“Ich glaube, Überwachung und Kontrolle hängen zusammen. Dahinter steckt vermutlich ein sehr tief verwurzeltes Misstrauen in die Vielen. Demokratie heißt ja Herrschaft des Volkes oder Herrschaft der Vielen. Und ich glaube, dass es viele Leute im politischen Betrieb gibt, auch in Deutschland, die der Masse nicht über den Weg trauen und eigentlich beruhigt sind, dass da ordentliche Kontrolle ausgeübt wird. Ich kann das sogar verstehen. Auch ich habe manchmal Angst vor der Masse. Aber ich habe die naive Hoffnung, dass die Demokratie, dass die crowd am Ende doch eine vernünftige Entscheidung treffen wird.”

“Es gibt ja diesen Begriff „Schlandnet“, mit dem man über alles herfällt, was auch nur die geringste Änderung der Infrastruktur bedeutet. Aber faktisch haben wir im Moment ein „US­Schlandnet“. Es ist tatsächlich so, dass in ganz vielen Bereichen das Internet sehr wenig dezentral ist. Es gibt zum Beispiel die sogenannten Knotenpunkte. Diese Knotenpunkte sind zentrale Vermittlungsstellen für Daten. Und es gibt eine extrem kleine Anzahl von Knotenpunkten.”

“Ich würde nicht sehen, dass jetzt die große Zeit einer Idee gekommen ist. Ich würde eher sehen, dass jetzt die große Zeit gekommen ist, eine Idee zu überprüfen, die viel zu viel Macht gewonnen hat über die Welt. Und das ist die Idee der systematischen, flächendeckenden Ausspionierung der Bevölkerung. Diese Idee – vielleicht ist deren Ende gekommen. Vielleicht können wir diesen Spruch umdrehen und sagen: Nichts ist so attackierenswürdig wie eine große Idee, deren Zeit gekommen ist.”

Außerdem habe ich von Euch Fragen an Sascha gesammelt, die ich ihm in einer Bonusfolge Jung & Naiv gestellt habe

Die Bonusfragen waren:
- Was wenn man das Internet von heute auf morgen abstellen würde?
- Wie hat sich dein Verhalten im Netz verändert seit dem NSA-Skandal?
(Günther Hack)
- Wie kann man das Netz wieder stärken? (Martin Lindner)
- Kannst du das Argument “Beschwert euch nicht, wenn ihr bei Facebook eure
Fotos hochladet” zerreißen?
- Wieso bist du nicht so in sozialen Medien nicht aktiv?
- Ist Angela Merkel ist für dich eine “lupenreine Demokratin”?
- Macht’s Obama besser als Merkel?
- Was kommt nach der Kränkung? Die Couch?
- Wer hat dich zum Sprecher der Netzgemeinde gewählt? (8:55min)
- Welchen Satz würde Sascha an George Orwell in die Vergangenheit schicken?
- Wen meinst du, wenn du von “wir” redest?
- Wie wird man glücklich? Und ist das zu vermeiden? (11:50 min)
- Können Projekte wie Freifunk das Internet wieder besser machen?
- Bist du der Bundestrainer der Deutschen im Internet?

Ihr könnt die “Jung & Naiv”-Videos übrigens kostenlos abonnieren und jede bisherige Folge ungekürzt und ungeschnitten im
Youtubekanal gucken.

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January 16 2014

Akzelerationismus: Kapitalismus beschleunigen? – Jung & Naiv: Folge 101

Neulich habe ich mich in Berlin verlaufen und bin auf einer Konferenz gelandet, wo man sich mit einem sonderbaren Thema
beschäftigte: Akzelerationismus. Das soll eine neue politische Denkrichtung sein, die diesen ominösen Kapitalismus “beschleunigen” will. Doch was ist darunter zu verstehen? Wie soll diese Beschleunigung funktionieren?

Ich habe auf der “Accelerationism”-Konferenz Spiegel-Autor Georg Diez getroffen, der schon in seiner Kolumne darüber schrieb. Georg sollte mir es dann nochmal ganz jungundnaiv erklären. Außerdem fand ich Armen Avanessian, der das erste Manifest der Akzelerationalisten schrieb.

Den “Jung & Naiv”-Youtubekanal könnt ihr abonnieren und dadurch keine neue Folge mehr verpassen. Kostet auch nix. Außerdem findet ihr dort alle bisherigen Episoden.

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January 01 2014

“Jung & Naiv” beim #30c3: Constanze Kurz, Fefe, Tim Pritlove

Unser erstes Mal beim Kongress der chaotischen Kommunikation sollte gleich ein tolles werden. Ohne Vorahnung und -warnung fuhren wir nach Hamburg und verbrachten zwei Tage unter Menschen, die sich Gedanken machen und an die Zukunft denken. Ist ja eher die Ausnahme wenn’s um Politik geht heutzutage. Zurückgekommen sind wir mit fünf Folgen im Gepäck.

Tim Pritlove, Eröffnungsredner beim 30c3, fragte ich, ob und wie wir uns denn gegen die Überwachung wehren können und sollten



Jan Philipp Albrecht, Europaabgeordneter der Grünen, erklärte mir, was ein Politiker auf dem CCC zu suchen hat und warum es europäische Lösungen im Datenschutz und bei den Geheimdiensten geben sollte

Alexa O’Brien war beim Prozess von Chelsea Manning dabei. Doch wer ist Chelsea Manning? Was hat sie angestellt? Und warum muss sie dafür nun 35 Jahre ins Gefängnis?

Fefe alias Felix von Leitner war ein bisschen kamerascheu, aber erzählte mir von Fnords, warum Vorratsdatenspeicherung doof ist, welche Wunder er der neuen großen Koalition einräumt und ob er Hans-Peter Friedrich als vorbildlichen Innenminister vermissen wird.

Schließlich traf ich die grandiose Constanze Kurz, Sprecherin vom CCC. In einer tollen Folge ging es über ihre Rolle im Verein und in der Gesellschaft, über ein gutes Ende im Überwachungsskandal und warum sie ein Buch über Roboter geschrieben hat.

Alle bisherigen 106 Folgen Jung & Naiv gibt’s im Youtube-Kanal Eures Vertrauens. Abonnieren kostet auch nix.

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December 23 2013

Iran & die Bombe – Jung & Naiv: Folge 100

Pünktlich zum Fest feiern auch wir. Nur nicht den Jesus, sondern ein erstes kleines Jubiläum: 100 Folgen sind seit Ende Februar entstanden. 95 mehr als ursprünglich geplant. Jetzt also die Hundertste. Kein Promi, kein Politiker sollte mein Gast sein, sondern ein perfekter Repräsentant des Formats: Peng-und-Bumm-Erklärbär Thomas Wiegold. Mit ihm ging es um diesen Deal, der Ende November in Genf ausgeklüngelt wurde: China, Russland, Frankreich, Großbritannien und die Amis haben mit den Iranern vereinbart, dass es in den kommenden sechs Monaten keine Atombombe geben wird? Oder dass der Uran die Iran-Anreicherung stoppen wird? Und was passiert am Ende dieses halben Jahres? Irgendwie alles unklar. Zum Glück gibt’s Thomas.

An dieser Stelle einen herzlichsten Dank an das Netzpolitik-Team. Besonders an Markus Beckedahl. Ohne euch wäre die Sendung nicht das, was sie heute ist.

Alle restlichen 99 Folgen “Jung & Naiv“, ungekürzt & unbeschnitten, gibt’s natürlich im Youtube-Kanal Eures Vertrauens. Abo kostet auch nichts.

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August 23 2013

Jung & Naiv – Folge 78: Jürgen Trittin

Und schon wieder ein Grüner. Nachdem ich letztens noch recht zufällig Renate Künast traf, stand nun das jungundnaive Gespräch mit dem wahlkämpfenden Jürgen Trittin an. Der Grüne Spitzenkandidat erzählte mir, ob er der nächste Umweltminister wird, warum er keine Schulden mag, woran es in der Europolitik hapert, was wir mit unseren Freunden in Südeuropa machen, wie er es mit dem Neoliberalismus hält und wie die Banken zu bändigen sind. Außerdem reden wir darüber, weshalb die Grünen gegen so viele Verbote sind und ob sie als “Bevormunder” gelten. Abschließend erklärt Trittin ziemlich anschaulich den NSA-Skandal, erzählt, wie die Überwachung zu stoppen ist, ob er die US-Drohnenangriffe z.B. im Jemen als Kriegsverbrechen sieht und ob auch Deutschland Kampfdrohnen braucht.

Feedback? Sharing? Yes, please.

Wer’s verpasst hat: In Folge 77 war SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu Gast bei “Jung & Naiv”.

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August 20 2013

Jung & Naiv – Folge 77: Peer Steinbrück + Transkript

Die heiße Wahlkrampfphase steht bevor. Klar, dass Politiker derzeit leichter vor die Kamera und zum Gespräch zu bekommen sind, als üblich. Mein Glück. Denn plötzlich stand für die mittlerweile 77. Folge der SPD-Kanzlerkandidat 2013, ein gewisser Peer Steinbrück da. Eine halbe Stunde bekäme ich Zeit, aber duzen? Nein, duzen wollte Peer mich nicht. Das ginge dann doch zu weit. Zum Glück ging es zu weit.

Nachdem Montagabend aufm neuen Sender joizdie geschnittene TV-Folge lief, hier also nun das gewohnte Original. Ungekürzt. Unbeschnitten.

Peer hat mir erklärt: Wie wird man eigentlich zum Kanzlerkandidaten? Demokratisch? Führt Angela Merkel wirklich die “beste Regierung aller Zeiten”? Hat Peer schon mal eine Wahl verloren? Was ist eigentlich Macht? Mit wem er sich die teilen? Was hat Peer 2008 im Abgrund der Finanzkrise gesehen? Wie hält er’s mit Nahrungsmittelspekulationen? Ist auf dem Finanzmarkt alles wieder in Ordnung? Muss ich mir über die großen Banken noch Sorgen machen? Helfen wir unseren Freunden in Südeuropa wirklich? Warum machen wir mit der Hilfe sogar Gewinn? Wie ist die Eurokrise eigentlich zu lösen? Was macht die “Troika”? Und was ist der Sinn bei einer “Sparpolitik”?

Außerdem erklärt Peer die “Sparpakete” für Griechenland am Beispiel Deutschland und ob die Deutschen auch eine Mitverantwortung für die Entwicklungen in Südeuropa haben. Zum Schluss reden wir über den NSA-Skandal. Peer erklärt ihn aus seiner Sicht, erzählt, wie die Überwachung sich stoppen lässt und warum die Politik es nicht schafft, den Skandal der Bevölkerung zu erklären.

Am Ende redet Peer über die Möglichkeiten nach der Wahl und in welchem Bereich der Politik er eigentlich ein Revoluzzer ist.

Hinweis: Am Mittwoch geht es mit Jürgen Trittin weiter. Kleiner Teaser: Der Grünen-Spitzenmann erklärt den Überwachungsskandal.

*Too long to watch? Hier gibt’s, exklusiv auf netzpolitik.org, dank Roland Thele das jungundnaive Transkript des
Interviews*:

Tilo Jung:

So, eine neue Folge “Jung&Naiv”. Eine Premierenfolge, weil “Jung&Naiv” zum ersten Mal im Fernsehen läuft. Und ich habe mir gedacht, ich hole mir doch gleich mal ein prominentes Gesicht. Magst du dich kurz vorstellen?

Peer Steinbrück:

Mein Name ist Peer Steinbrück. Ich bin 66 Jahre alt. Ich bin seit 44 Jahren in der SPD. Ich habe drei Kinder, aber die sind schon über 30.

Tilo Jung:

Die sind ja älter als meine Durchschnittszuschauer!

Peer Steinbrück:

Ja, das kann gut sein. Aber die haben immer noch Kontakt zu denjenigen, die jünger sind, weil sie viele kennen und mit denen zusammen sind.

Tilo Jung:

Du bist Kanzlerkandidat. Warum bist du das geworden?

Peer Steinbrück:

Weil ich dieses Land nicht nur verwalten möchte, sondern gestalten möchte.

Tilo Jung:

Was heisst das?

Peer Steinbrück:

Ich möchte mehr für die Zukunft tun, und das bedeutet—auch für jüngere Generationen.

Tilo Jung:

Aber das sagen ja alle.

Peer Steinbrück:

Na ja, Bildung zum Beispiel. Durchlässiger. Dass Bildungsabschlüsse nicht davon abhängig sind, was haben die Eltern mal gemacht. Mehr Kinderbetreuung. Gebührenfreie Kindertagesstättenplätze, was für viele junge Frauen wichtig ist, die ihre Kinder allein erziehen, und das kommt häufiger vor denn je.

Tilo Jung:

Und das will die CDU nicht?

Peer Steinbrück:

Nee. Die haben ein Betreuungsgeld in Gang gesetzt, das hält die Frauen fest zu Hause, statt dass sie versuchen einen Job zu kriegen und Kinder in die Welt zu setzen.

Tilo Jung:

Ja, aber was ist wichtiger? Kinder erziehen, oder einen Job haben?

Peer Steinbrück:

Beides. Ich glaube Frauen müssen eine gute Wahlmöglichkeit haben.

Tilo Jung:

Aber, erzähl mal—wie wird man Kanzlerkandidat bei der SPD?

Peer Steinbrück:

Na ja, da sind die Leute, die kennen einen, und die sind ein bisschen neugierig auf einen, und die haben schon mal mitgekriegt, dass man woanders tätig war—in Nordrhein-Westfalen, in Schleswig-Holstein, ich war mal Bundesfinanzminister…

Tilo Jung:

Im Ernst?!

Peer Steinbrück:

Ja, daher kennen die mein Gesicht, und haben den Eindruck, ich könnte
mit Geld umgehen.

Tilo Jung:

Aber nur den Eindruck.

Peer Steinbrück:

Ja genau. Einige glauben, dass glaube ich, nicht so ganz genau.

Tilo Jung:

Das wollte ich ja herausfinden jetzt, so ein bisschen.

Peer Steinbrück:

Und dann haben die mitgekriegt, wir hatten diese Bankenkrise vor einigen Jahren. Die hält immer noch an, und da haben die…

Tilo Jung:

Echt jetzt?! Die ist immer noch?

Peer Steinbrück:

Ja. Haben Sie ein gutes Sparkonto?

Tilo Jung:

Gut gefüllt.

Peer Steinbrück:

Ja. Das ist sicher.

Tilo Jung:

Meinst du?

Peer Steinbrück:

Wie alle anderen Sparkonten auch.

Tilo Jung:

Stimmt! Warst du das nicht vor fünf Jahren, der irgendwie gesagt hat, das ist sicher?

Peer Steinbrück:

Jetzt haben Sie mich wiedererkannt! Das finde ich ganz gut.

Tilo Jung:

Ja ja, aber da warst du mit Merkel.

Peer Steinbrück:

Ja, mit Merkel.

Tilo Jung:

Ach, und ihr wart in einer Regierung zusammen?

Peer Steinbrück:

Ja, wir waren das Traumpaar 2008.

Tilo Jung:

Traumpaar?

Peer Steinbrück:

Ja. So ähnlich wie beim Eiskunstlauf.

Tilo Jung:

Habt ihr was miteinander gehabt, oder was?

Peer Steinbrück:

Nee, das wäre zu weit gegangen.

Tilo Jung:

Okay. Aber?!

Peer Steinbrück:

Nee, kein Aber. Wir haben das, glaube ich, ganz gut hingekriegt, weil die Leute anschliessend keine Angst mehr hatten.

Tilo Jung:

Aber ich habe auch gehört, du hast mal gesagt, das war jetzt alles so auf Luft gebaut.

Peer Steinbrück:

Na ja, anschliessend ist sie eine andere Liebesheirat eingegangen mit der FDP. Und seit vier Jahren passiert da aber nicht mehr viel. Da ist… Still ruht der See.

Tilo Jung:

Ja. Ich wollte aber trotzdem noch mal, bevor wir auf Europa und Finanzen kommen… Erzähl mir mal, wie wird man Kanzlerkandidat? Ich habe neulich mal gehört, die SPD wollte das so wie in Amerika machen. Basisdemokratie und so weiter. Warum hast du dich dafür nicht entschieden?

Peer Steinbrück:

Na ja, das ging nachher ein bisschen holterdipolter, wie ich zugebe, weil… Das war wie so eine Lawine, die zu Tal rast, und die wurde immer schneller, immer schneller. Und da haben wir gesagt, jetzt müssen wir raus aus der Deckung, und dann hat meine Parteiführung mich präsentiert.

Tilo Jung:

Aber, wie wurde das entschieden? Wurde da die ganze Partei gefragt, oder haben das nur Sigmar und Frank-Walter entschieden?

Peer Steinbrück:

Nein. Das wurde natürlich auf einem Parteitag entschieden, aber nicht durch eine Mitgliederbefragung. Aber, eine Mitglieder…

Tilo Jung:

Warum nicht?

Peer Steinbrück:

Na ja, weil eine Mitgliederbefragung eigentlich nur sinnvoll [ist], wenn jemand zur Auswahl steht, wenn da zwei sind, und die Mitglieder sagen: entweder nehme ich A oder B.

Tilo Jung:

Ja, da hätte man doch Frank-Walter nehmen können… dann hättet [ihr] Frank-Walter und Peer.

Peer Steinbrück:

Nee, die wollten nicht. Und ich wäre auch nicht gegen Frank-Walter angetreten.

Tilo Jung:

Wieso?

Peer Steinbrück:

Wenn der gesagt hätte, ich mache es nochmal, dann hätte ich gesagt: Frank, du hast meine Unterstützung.

Tilo Jung:

Ja, aber du glaubst doch jetzt, dass du besser bist als sie—also der bessere Kandidat.

Peer Steinbrück:

Na ja, vor dem Hintergrund der Gespräche, die wir gehabt haben, und der Meinung der Partei, glaube ich, dass ich der ganz gute Kandidat bin, ja.

Tilo Jung:

Warum bist du eigentlich nicht Vorsitzender der Partei? Weil, ich habe,mal… Warum ist der beste Mann nicht gleich auch Vorsitzender und Kanzlerkandidat?

Peer Steinbrück:

Weil es Arbeitsteilung gibt. Und alle haben ihre Vorteile, und einige Nachteile haben wir auch. Und da finde ich es ganz gut, wenn solche Rollen auch verteilt werden.

Tilo Jung:

Hast du eine Rolle in der Partei? Ausser Kanzlerkandidat?

Peer Steinbrück:

Na ja, ich bin mal stellvertretender Vorsitzender der SPD gewesen. Aber ich bin nicht der typische Parteivorsitzende. Da ist der Sigmar Gabriel besser.

Tilo Jung:

Bist du nicht so ein Genosse? So ein Freund von Genossen, und so?

Peer Steinbrück:

Na ja, ich bin spät in die Politik gekommen. Nicht über die Ortsvereine, nicht über die Gremien, nicht die Kernarbeit, die man so sagt, sondern eher aus der Rolle der Funktion in Regierungen, in Landesregierungen und Bundesregierungen.

Tilo Jung:

Wann wurdest du zum ersten Mal gewählt? Wann hast du dich zum ersten Mal zur Wahl gestellt?

Peer Steinbrück:

2000, in einem herrlichen Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen. Die meisten kennen ihn. Da ist das Kamener Kreuz. Da ist häufig Stau.

Tilo Jung:

Hast du gewonnen?

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Schön!

Peer Steinbrück:

Ja, mit über 55%.

Tilo Jung:

Hast du schon mal eine Wahl verloren?

Peer Steinbrück:

Ja, habe ich auch. 2005 in Nordrhein-Westfalen, in der Landtagswahl.

Tilo Jung:

Und? Geheult?

Peer Steinbrück:

Nee, geheult nicht, aber [es] war eine schwierige Ausgangslage… Aber verloren ist verloren, muss man nicht lange drumherum reden.

Tilo Jung:

Es heisst immer, du hast auch mal gesagt: “Ich will an die Macht.” Erklär uns mal, oder erklär deinen jungen Zuschauern mal—was ist eigentlich Macht?

Peer Steinbrück:

Einfluss auszuüben unter Kontrolle, und das auf Zeit. Das heisst, ihr alle—Sie alle wählen auf vier Jahre ein Parlament, und das kontrolliert eine Regierung. Und dann können sie die Regierung auch wieder abwählen, wenn ihr den Eindruck habt, dass sie Mist gebaut haben.

Tilo Jung:

Hat unsere Regierung Mist gebaut?

Peer Steinbrück:

Na, ich will das nicht so plump machen, aber…

Tilo Jung:

Komm!

Peer Steinbrück:

Na ja, man kann sich ja fragen: was haben die in den vier Jahren eigentlich gemacht? Haben die was bei der Rente hingekriegt? Bei der Bildung? Beim schnellen Internet? Nicht [wahr]… Frau Merkel hat mal eine große Breitbandausbau-Strategie vertreten. Ist nix gekommen! Internet ist im ländlichen Raum immer noch so langsam, wie ihr das kennt.

Tilo Jung:

Du darfst mich nebenbei auch angucken.

Peer Steinbrück:

Ja, aber ich rede ja auch mit denen.

Tilo Jung:

Ja, aber ich bin auch da.

Peer Steinbrück:

Ja gerne, mache ich.

Tilo Jung:

Ich habe sogar gelernt—wir haben ja schon über 75 Folgen gemacht, dass aus dem Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb fast gar nichts umgesetzt wurde.

Warum behauptet dann Angela Merkel, dass wir die beste Regierung aller Zeiten haben?

Peer Steinbrück:

Ja. Aber das musst du sie fragen, und nicht mich.

Tilo Jung:

Aber, findest du das nicht krass?!

Peer Steinbrück:

Nee, das finde ich einen Witz.

Tilo Jung:

Ja!

Peer Steinbrück:

Ja, vor allen Dingen, wenn ich mir die Leute angucke. Die haben sich ja selber als Gurkentruppe bezeichnet, und…

Tilo Jung:

Haben sie?

Peer Steinbrück:

Ja. Und einige haben gesagt, da sind Wildsäue drin.

Tilo Jung:

Wildsäue?!

Peer Steinbrück:

Ja, so haben die sich selber bezeichnet. Und dann kommt Frau Merkel auf den Jahrhundertwitz, es sei die beste Regierung seit der Wiedervereinigung.

Tilo Jung:

Krass.

Peer Steinbrück:

Ja, finde ich auch.

Tilo Jung:

Aber du willst an die Macht, aber es ist auch klar—du musst die Macht teilen. Mit wem willst du dir die Macht teilen?

Peer Steinbrück:

Mit den Grünen.

Tilo Jung:

Warum?

Peer Steinbrück:

Weil wir die größten Übereinstimmungen haben. Zwischen den verschiedenen Parteien haben wir die größten Übereinstimmungen mit den Grünen.

Tilo Jung:

Übereinstimmungen, wo? Hast du in das Wahlprogramm geguckt, oder was?

Peer Steinbrück:

Bei der Bildungspolitik. Bei der Gleichstellung von Frauen und Männern. Bei einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn, den wir brauchen in Deutschland…

Tilo Jung:

Den gibt’s noch nicht?

Peer Steinbrück:

Nee, den gibt’s nicht. Aber der ist notwendig.

Tilo Jung:

Warum gibt’s den noch nicht?

Peer Steinbrück:

Das frage ich mich auch.

Tilo Jung:

Ihr wart doch so lange in der Regierung.

Peer Steinbrück:

Ja, aber damals hatten wir keine Mehrheiten dafür. Die CDU wollte nie einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn.

Tilo Jung:

Aber ihr schon.

Peer Steinbrück:

Wir wollen das zusammen mit den Grünen. Und wir machen das auch als erstes.

Tilo Jung:

Wie hoch soll der sein?

Peer Steinbrück:

8,50 Euro. Das sind dann 1 300 Euro im Monat, wenn man 38 Stunden arbeitet.

Tilo Jung:

Das heisst, keiner in Deutschland darf dann unter 8,50 Euro die Stunde verdienen?

Peer Steinbrück:

Du sagst es.

Tilo Jung:

Im Ernst?

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Jeder?

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Gut, dann kommen wir mal… Du hast ja schon gesagt, du warst Finanzminister. Erklär uns mal, ist mit den Banken—jetzt auf der Welt und in Europa—alles wieder in Ordnung?

Peer Steinbrück:

Nein.

Tilo Jung:

Nicht?!

Peer Steinbrück:

Nee.

Tilo Jung:

Wieso denn nicht?

Peer Steinbrück:

Weil viele Banken nach wie vor erhebliche Risiken haben. Oder auch nur dahingehend…

Tilo Jung:

Was heisst das?

Peer Steinbrück:

Na die machen Geschäfte, wo sie nicht genau wissen ob die platzen. Und dann haben die auf ihrer Bilanz—also das, was die so tun—nach wie vor einige faule Kredite.

Tilo Jung:

Echt?!

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Warum? Warum dürfen die das haben?

Peer Steinbrück:

Na ja, da sind sie Risiken eingegangen vor einigen Jahren. Und jetzt haben sie dort Positionen in ihrem Bankhaus, so ähnlich wie Dagobert Duck unten in seinem riesigen Speicher, und der denkt, da ist noch Geld drin. Aber in Wirklichkeit ist das Geld da gar nicht drin.

Tilo Jung:

Tut ihr da was?

Peer Steinbrück:

Ja, man muss denen Regeln auferlegen. Man muss denen Spielregeln geben. So ähnlich wie im Fussball. Das dürft ihr, und das dürft ihr nicht.

Tilo Jung:

Wie sieht’s da aus?

Peer Steinbrück:

Ja, man muss denen zum Beispiel sagen wann sie ins Abseits spielen.

Tilo Jung:

Was ist das? Was heisst “Abseits” im Banken-mäßigen?

Peer Steinbrück:

Dass sie zum Beispiel keine Geschäfte machen mit Rohstoffen und mit Nahrungsmitteln.

Tilo Jung:

Bist du dagegen?

Peer Steinbrück:

Ich bin dagegen, dass die spekulieren mit Rohstoffen und mit Nahrungsmitteln, ja. Dann sind sie im Abseits.

Tilo Jung:

Wie willst du das regeln?

Peer Steinbrück:

Indem ich das verbiete.

Tilo Jung:

Warum hast du das nicht schon als Finanzminister gemacht?

Peer Steinbrück:

Weil wir das da nicht gemeinsam konnten. Und weil ich das nicht alleine in Deutschland kann, sondern weil ich dazu natürlich auch andere europäische Länder brauche.

Tilo Jung:

Ist das dasselbe Problem, wie mit der Finanz[markt]-Transaktionssteuer gerade?

Peer Steinbrück:

Sehr richtig! Aber wir…

Tilo Jung:

Kannst du das kurz erklären, warum es die nicht gibt?

Peer Steinbrück:

Genau. Also, erstmal müssen wir erklären, was eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer ist.

Tilo Jung:

Ja, bin ich gespannt.

Peer Steinbrück:

Also, alle zahlen auf einen DVD-Player oder einen Computer eine
Umsatzsteuer, 19%.

Tilo Jung:

Mehrwertsteuer.

Peer Steinbrück:

Genau. Mehrwertsteuer. Und auf Nahrungsmittel, also auf Butter und Margarine, zahlt man 7% Mehrwertsteuer. Aber der einzige Bereich, wo es keine Mehrwertsteuer gibt, sind Finanzmarktgeschäfte. Aktiengeschäfte, Wertpapierhandel. Da gibt’s keine Mehrwertsteuer darauf.

Tilo Jung:

Im Ernst?

Peer Steinbrück:

Ja. Bisher hat das nie jemand für notwendig erachtet, da eine Mehrwertsteuer drauf zu führen.

Tilo Jung:

Aber da wird doch so viel Geld umgesetzt, pro Tag allein.

Peer Steinbrück:

Genau! Und deshalb sage ich ja auch, nachdem die Banken uns so ein bisschen in den Mist reingeritten haben…

Tilo Jung:

Ein bisschen?

Peer Steinbrück:

…ja …sollen die auch an den Folgekosten beteiligt werden. Und deshalb sind wir dafür, dass die jetzt eine Mehrwertsteuer auf Finanzgeschäfte zahlen.

Tilo Jung:

Du hast gesagt “ein bisschen in die Scheisse geritten haben”…

Peer Steinbrück:

Ja. Also etwas anders habe ich mich ausgedrückt, ja.

Tilo Jung:

Du hast mal gesagt, bei der HRE [Hypo Real Estate], da hast du mal in den Abgrund geguckt.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Was hast du denn da gesehen?

Peer Steinbrück:

Na ja, da war ein Wochenende, da kam der Chef von dieser Bank—Hypo Real Estate heisst die—und sagte: “Wir haben einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 20 Milliarden.”

Tilo Jung:

Auf deutsch, bitte.

Peer Steinbrück:

Ja – 20 Milliarden Kröten, 20 Milliarden Euro.

Tilo Jung:

Die brauchen sie unbedingt jetzt?

Peer Steinbrück:

Ja, der hat gesagt: “Soviel brauchen wir, sonst sind wir pleite.” Und dann ist er wenige Tage später wieder gekommen und hat gesagt: “Jetzt brauchen wir ungefähr nochmal soviel.” Und da habe ich gedacht: Wenn da jetzt ein Abgrund ist, dann spring ich da rein.

Tilo Jung:

Und hat der Abgrund auch zurück geguckt? Was hat der Abgrund gesehen in dir?

Peer Steinbrück:

Der hat gesagt: ‘Lass es sein!’

Tilo Jung:

Lass es sein?

Peer Steinbrück:

Ja, spring nicht rein.

Tilo Jung:

Und, hast du es gemacht?

Peer Steinbrück:

Na ja, dann habe ich mit anderen versucht, eine Lösung zu finden. Und dann haben wir diese Bank, wenn man so will, verstaatlicht. Das ist ein ziemliches Ding, ja.

Tilo Jung:

Ja. Und was ist passiert?

Peer Steinbrück:

Das ist passiert, dass die alle Aktionäre—das waren natürlich viele Aktionäre—die haben ihr Eigentum an dieser Bank verloren. Und dann ist das Ding in Staatseigentum überführt worden. Das ist der einzige Fall in Deutschland. In Großbritannien, in Amerika haben die das häufiger gemacht.

Tilo Jung:

Und, mit [der] Commerzbank, und dem ganzen anderen Krach, da ist Deutschland auch reingegangen.

Peer Steinbrück:

Ja, aber die haben wir unterstützt. Die haben wir… Da hat dann der Staat… Der hat da eine Beteiligung erworben. Ich nenne das mal Beteiligung. Ist ein bisschen komplizierter, aber das ist egal.

Tilo Jung:

Aber ich habe jetzt noch mal in den letzten Jahren mitbekommen, die wollen die Banken, also die Bankenregeln reformieren hier, irgendwie… Ja, ich weiss nicht… Fiskalpakt und Basel III und so weiter. Die wurden doch beschlossen—warum gibt’s die immer noch nicht?

Peer Steinbrück:

Na ja, einiges ist vorangekommen.

Tilo Jung:

Warum wurde das verschoben—Basel III, und sowas?

Peer Steinbrück:

Nee, das wird nicht verschoben, daran arbeiten die. Das heisst, wieviel Eigenkapital, wieviel eigenes Geld muss eine Bank für ihre Geschäfte unterlegen und bereitstellen.

Tilo Jung:

Kannst du das mal anschaulich mit einem Beispiel erklären?

Peer Steinbrück:

Also, die kaufen zum Beispiel ein Wertpapier, und dann müssen sie bei diesem Wertpapierankauf einen Teil ihres eigenen Geldes unterlegen. Und je höher dieser Teil ist, desto weniger riskant gehen die vor. Das heisst, das diszipliniert die. Das ist wie so eine Jacke, in die sie gesteckt werden.

Tilo Jung:

Das heisst, wenn so ein Wertpapier 100 Euro kostet müssen sie wieviel haben?

Peer Steinbrück:

Fünf, oder sechs, oder acht Euro müssen sie selber haben.

Tilo Jung:

Fünf oder sechs Euro? So wenig?!

Peer Steinbrück:

Ja, so wenig.

Tilo Jung:

Und der Rest—ist das ein Kredit, oder was ist das?

Peer Steinbrück:

Den Rest können sie auch finanzieren über eine eigene Kreditaufnahme, und können das Geschäft machen.

Tilo Jung:

Macht das Sinn?

Peer Steinbrück:

Na ja, wenn die dann darauf einen Gewinn kriegen – ja. Es sei denn das geht schief. Und das ist häufig schief gegangen. Und deshalb sind wir ja in den Mist gebracht worden.

Tilo Jung:

So, und wenn’s schief geht, bezahlt der Steuerzahler?

Peer Steinbrück:

Das ist genau das Problem, das mich beschäftigt. Wer haftet nachher und ist der letzte Idiot in der Reihe.

Tilo Jung:

Das war aber 2008 als du Finanzminister warst dann auch so.

Peer Steinbrück:

Ja, das waren die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen. Und das ist zu ändern.

Tilo Jung:

Wieviel hat uns das gekostet?

Peer Steinbrück:

Das weiss noch keiner so genau, weil da ja viele Anleihen sind, oder Wertpapiere, die noch eine Laufzeit haben, aber… Also die müssten erst zurückgezahlt werden 2017, 2018, 2019 – und dann weisst du erst, ob es schiefgegangen ist, oder nicht.

Tilo Jung:

Ich habe jetzt zur Eurokrise und so weiter, bevor wir gleich zu Europa kommen… Ich habe jetzt mal von den Wirtschaftsweisen gehört, da gibt’s jetzt eine Lösung zur Eurokrise: Der Altschulden-Tilgungsfonds.

Peer Steinbrück:

So ähnlich, ja.

Tilo Jung:

Kannst du das mal erklären? Aber, findest du den gut, erstmal?

Peer Steinbrück:

Ja, das ist… einer der wenigen konstruktiven Vorschläge.

Tilo Jung:

Wenigen?

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Aber erklär mal, was ist das?

Peer Steinbrück:

Also, da schmeissen alle Länder ihre Schulden rein in einen riesigen Topf, und dann wird der gemeinsam getilgt.

Tilo Jung:

Also griechische Schulden…

Peer Steinbrück:

Griechische Schulden und andere…

Tilo Jung:

Und deutsche, und britische…

Peer Steinbrück:

Ja, und dann wird der über Jahre oder Jahrzehnte getilgt. Das haben wir in Deutschland auch gehabt nach der Wiedervereinigung.

Tilo Jung:

Ist das denn so, irgendwie, Vermögensabgabe, oder was?

Peer Steinbrück:

Nee, sondern das ist, sagen wir mal, ein gemeinsames Management einer solchen Ansammlung, eines solchen riesigen Topfes der Altschulden. Und das kann billiger sein, als wenn es jeder einzelne machen muss.

Tilo Jung:

Aber warum gibt’s den noch nicht?

Peer Steinbrück:

Weil es auch da wieder Widerstände gibt.

Tilo Jung:

Von wem?

Peer Steinbrück:

Ich glaube, selbst hier in der jetzigen Bundesregierung sind viele gegen einen solchen Altschulden-Tilgungsfonds, weil sie sagen, da müssen die Deutschen ja mehr leisten als zum Beispiel die Italiener, oder die Spanier, oder die Griechen. Das heisst letzten…

Tilo Jung:

Sehen wir gar nicht ein!

Peer Steinbrück:

Ja, das nennen die: “Dann sind wir der Zahlmeister Europas, und wir kommen in Vorlage für das, was die anderen unterlassen haben, oder falsch gemacht haben, und das wollen wir nicht.”

Tilo Jung:

A propos Europa, jetzt kommen wir… Das ist ein großes Jugendthema, bei der Jugend… Erklär mal, nicht nur der deutschen, sondern auch der europäischen Jugend, was du für eine Idee von Europa hast. Wie soll das weiter gehen?

Peer Steinbrück:

Dass weiter Frieden ist, und das meine ich jetzt sehr ernst. Ich bin nach meinem Urgroßvater, nach meinem Großvater, nach meinem Vater die erste Generation, die nicht in einem Krieg verheizt worden ist. Und ihr habt das große Glück, dass ihr als nächste Generation auch nicht mehr verheizt werdet, weil ein Krieg in Europa unvorstellbar ist.

Tilo Jung:

Na, wer weiss.

Peer Steinbrück:

Nee, dafür muss man sich ja einsetzen. Und ich möchte, dass ihr euch alle dafür einsetzt, dass es nie wieder dazu kommt.

Tilo Jung:

Ja, aber wie verhindern wir das? Das war jetzt wie… Welche Idee hast du?

Peer Steinbrück:

Indem wir anderen Leuten, und anderen Ländern auch behilflich sind, wenn es ihnen mal schlecht geht. So wie es uns nach dem Krieg schlechtgegangen ist, und uns geholfen worden ist. Das hiess damals Marshall-Programm. Da haben uns die Amerikaner und andere geholfen…

Tilo Jung:

Ja.

Peer Steinbrück:

…und ich finde, jetzt sollten wir denen helfen, die im Augenblick in den Erbsen sind.

Tilo Jung:

Ich habe jetzt auch in den letzten Folgen immer gelernt—helfen wir unseren Freunden in Griechenland und Spanien zum Beispiel wirklich, oder verdienen wir? Ich habe gelernt, wir verdienen sogar Geld mit diesen Aktionen.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Wir geben ja Kredite, und so weiter. Da kriegen wir ja Geld zurück.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Es wird ja immer gesagt, wir pumpen da denen den Arsch voll. Wo denn?!

Also, von Schäuble und Merkel wird immer gesagt: “Wir helfen denen. Die müssen dann auch das machen, was wir wollen.”

Aber effektiv hauen wir doch gar nichts rein. Wir machen doch nur—wie ist das— Bürgschaften?

Peer Steinbrück:

Ja. Bürgschaften, Garantien. Ja. Aber die können natürlich fällig werden, und dann zahlen wir auch darauf, und…

Tilo Jung:

Und wann sind die fällig?

Peer Steinbrück:

Na ja, wenn die nicht…

Tilo Jung:

Nach der Wahl?

Peer Steinbrück:

Ja, ich behaupte ja, die Merkel schiebt das alles in die Zeit nach der Wahl. Aber nehmen wir mal an, die Griechen haben einen Kredit aufgenommen mit einer Laufzeit von 10 Jahren. Dann wissen wir natürlich erst nach 10 Jahren, ob und wieviel sie davon zurückzahlen können.

Aber du hast völlig Recht, wir kriegen… Auf diese Kredite kriegen wir Zinsen. Also…

Tilo Jung:

Wir machen Gewinn!

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Bei der Hilfe, mit Freunden.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Ist das gut?

Peer Steinbrück:

Nee.

Tilo Jung:

Warum machen wir das dann? Warum sagen wir nicht einfach: “Ey – wir sind Freunde, wir sind Europa. Butter bei die Fische jetzt hier!”

Peer Steinbrück:

Ja, wir haben denen die Zinsen auch schon erlassen. Das sind nicht wir alleine, nicht nur wir Deutschen, also…

Tilo Jung:

Na ja, klar.

Peer Steinbrück:

Nicht wir alleine. Also, das ist eine Bank, die nennt sich Europäische Zentralbank. Und die hat denen Kredite gegeben.

Tilo Jung:

Was ist das?

Peer Steinbrück:

Das ist die Europäische Zentralbank. Das ist die Zentralbank von allen Ländern, die den Euro haben. Von Deutschland, Niederlanden…

Tilo Jung:

Also eine Superbank, oder was?

Peer Steinbrück:

Also so eine Superbank. Früher war das… Auf nationaler Ebene war das die Bundesbank, und jetzt ist es für alle Euroländer die Europäische Zentralbank. Und die hat den Griechen und den Portugiesen Kredite gegeben, und darauf werden Zinsen gezahlt. Aber wir haben denen die Zinsen auch schon reduziert.

Tilo Jung:

Wir kommen mal kurz zur Troika. Hat da die EZB auch irgendwas mit zu tun?

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Was denn?

Peer Steinbrück:

Na ja, das ist so eine Dreiergruppe. Die besteht aus dem Internationalen Währungsfonds, der sitzt in Washington, aus der EU-Kommission in Brüssel, und aus der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Und die untersucht—was passiert so in den Ländern? Wie geht es voran? Oder, wo klemmt es?

Tilo Jung:

Untersuchen? Ich habe jetzt immer mitbekommen, die gehen nach Griechenland, sagen denen, was zu tun ist… nach Spanien, sagen denen, was zu tun ist… und dann so – friss, oder stirb! Also, die Regierungen oder Parlamente können ja entweder zustimmen, oder es ablehnen. Die können ja irgendwie nichts rauspicken. Ist das demokratisch?

Peer Steinbrück:

Na ja, erstmal untersuchen sie, und dann geben sie Empfehlungen. Und sie geben Empfehlungen nach dem Motto: “Wenn ihr Kredite haben wollt von uns, dann müsst ihr auch was tun als Gegenleistung. Dann müsst ihr versuchen, wieder aus dem Sumpf rauszukommen.”

Tilo Jung:

Sind das diese Beispiele, wo dann gesagt wird: “Ja, hier – ihr müsst den Taximarkt reformieren.” und so ein Quark alles?

Peer Steinbrück:

Ja. Oder was müsst ihr privatisieren. Oder wo müsst ihr Löhne, Renten und Gehälter kürzen. Und das führt in diesen Ländern zu einer ziemlich ekelhaften Situation. In Griechenland teilweise zur Verarmung. Und die Jugendarbeitslosigkeit ist stark gestiegen.

Tilo Jung:

Ist das diese sogenannte Austeritätspolitik?

Peer Steinbrück:

Ja, das versteht kein Mensch.

Tilo Jung:

Sparpolitik?

Peer Steinbrück:

Ja. Na ja, Austerität heisst eigentlich Verarmung eher.

Tilo Jung:

Aber Sparpolitik. Ist das richtig?

Peer Steinbrück:

Ja, und das ist nicht genug. Es macht keinen Sinn denen die Keule von “Sparen, sparen” immer nur über den Kopf zu ziehen, sondern die Frage ist, wo helfen wir ihnen denn, wieder auf die Beine zu kommen, und nicht auf dem Krankenlager liegenzubleiben?

Tilo Jung:

Ich habe gelernt, sogar, Austerität ist in sich Quatsch. Also in einer Krise, also in schlechten wirtschaftlichen Zeiten zu sparen und zu kürzen ist doch… Ich habe in der Schule gelernt… habe ich Keynes gelernt.

Peer Steinbrück:

Donnerwetter.

Tilo Jung:

Ja. Keynes gelernt. Wenn’s der Wirtschaft gut geht, dann muss der Staat sparen, dann zieht er sich zurück, dann macht er [..] kleine Häufchen, Geldanhäufungen und so weiter. Und wenn es der Wirtschaft schlecht geht, und gepumpt werden muss, dann geht der Staat rein.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Der Wirtschaft geht’s halt schlecht.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Warum machen wir… Warum hauen wir da nicht rein? Warum investieren wir nicht? Warum machen wir nicht Schulden?

Peer Steinbrück:

Weil einige sagen—auch die jetzige Bundesregierung—dass die Krise eine Krise der Staatsverschuldung ist. Und wenn es eine Krise der Staatsverschuldung ist, dann müssen die sparen, sparen, sparen.

Tilo Jung:

Aber Schulden sind doch in diesem Kapitalismus der Kern von allem. Also, es muss doch Schulden geben.

Peer Steinbrück:

Nee, es muss nicht unbedingt Schulden geben. Aber es macht manchmal Sinn, durchaus Schulden aufzunehmen, wenn man dann das Geld investiert in die Zukunft.

Tilo Jung:

Ja.

Peer Steinbrück:

Ja, das macht Sinn. Aber manchmal haben wir ja auch Schulden aufgenommen, um es zu konsumieren, um es zu verfressen – und das ist nicht so gut.

Tilo Jung:

Aktuell ist ja die Schuldenaufnahme für Deutschland so billig wie nie, oder?

Peer Steinbrück:

Ja. Wir müssen im Augenblick als Deutsche kaum Zinsen zahlen für die Schulden, die wir aufnehmen.

Tilo Jung:

Warum… das Geld, das wir da quasi sparen – warum geben wir das nicht den Griechen, und helfen denen? Oder warum hauen wir nicht da 100 Milliarden in Bildung und alles Mögliche? Ich meine, wir können gerade so billig wie möglich Schulden machen!

Peer Steinbrück:

Ja, das ist die beste Kritik an dem schlechten Management der Regierung, [was] du da beschreibst. Die wollen nur sparen, sparen. Und ich sage: Sparen alleine reicht nicht, sondern die müssen Wind unter die Flügel kriegen. Wir müssen ihnen helfen, dass sie wieder auf die Beine kommen.

Tilo Jung:

Aber, dann sagst du ja beides: Sparen und Helfen.

Peer Steinbrück:

Ja.

Tilo Jung:

Warum nicht sagen: nur Investieren! Sparen hat ja nichts geholfen.

Peer Steinbrück:

Nein. Ich meine, die Griechen sind inzwischen verschuldet—ich runde ab—fast zweimal so groß wie ihre jährliche Wirtschaftsleistung. Davon müssen die natürlich runterkommen, ist doch klar. Aber die Frage ist: Ist die Dosis des Sparens so tödlich, dass sie nicht mehr aufstehen? Und ich bin dafür, dass wir vorsichtig sind, und das die Dosis wie bei einem guten Medikament so ist, dass die wieder auf die Beine kommen. Aber dann brauchen sie auch Unterstützung. Sie brauchen wirtschaftliche Impulse. Sie brauchen ein Sofortprogramm gegen die Jugendarbeitslosigkeit…

Tilo Jung:

Genau.

Peer Steinbrück:

…und wir müssen Banken regulieren.

Tilo Jung:

Kannst du mal an dem Beispiel Deutschland erklären, was wir da in den letzten drei, vier Jahren in Griechenland gemacht haben? Was wurde da umgesetzt? Ist das vergleichbar mit Deutschland? Also, kannst du sagen: “Das mussten die machen…” Also irgendwie 30% Staatshaushalt kürzen, oder so was.

Peer Steinbrück:

Ja, die mussten…

Tilo Jung:

Aber am Beispiel Deutschland.

Peer Steinbrück:

Die mussten jährlich, die Griechen mussten jährlich ungefähr sechs Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung einsparen. Das übertrage ich mal auf Deutschland. Das wären dann ungefähr 170 Milliarden, die wir Deutschen einsparen müssten.

Tilo Jung:

Pro Jahr?

Peer Steinbrück:

Pro Jahr. Und zwar, wir haben ja vier öffentliche Haushalte: Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen. Und über diese vier öffentlichen Haushalte müssten wir ungefähr 170 Milliarden einsparen. Das müssen die Griechen und die Portugiesen. Das machen wir mit denen.

Tilo Jung:

Was wäre in Deutschland los, wenn wir das hier machen würden?

Peer Steinbrück:

Der Teufel.

Tilo Jung:

Warum machen wir das in Griechenland?

Peer Steinbrück:

Ja, weil das hier kaum bekannt ist. Und weil wir den Eindruck haben, das können wir denen abverlangen.

Tilo Jung:

Warum sagst du das den Deutschen nicht? Du bist doch [..] “Klartext-Peer”?

Peer Steinbrück:

Mensch, das habe ich doch schon mal gesagt.

Tilo Jung:

Aber die Deutschen denken doch irgendwie: Wir helfen denen. Das muss so.

Peer Steinbrück:

Nee, also die Deutschen haben manchmal den Eindruck, also, die haben sich selber in den Mist geritten. Und wir wollen nicht für deren Fehler und Versagen, weil sie auch manche Situation falsch gemacht haben, oder manches falsch gemacht haben… Da kommen wir nicht für auf. Dann sollen die doch ihre Inseln verkaufen. Die Akropolis nehmen wir nicht, weil sie kaputt ist.

Tilo Jung:

Haben wir Deutschen eigentlich Mitverantwortung? Also, alles was in Griechenland und Spanien, und so weiter, passiert. Ich habe gelernt von Harald Schumann, dass in Spanien eine Menge Deutsche in den letzten Jahrzehnten und Jahren in den Häusermarkt investiert haben, und die Spanier wurden dann irgendwie gerettet, damit die deutschen Kapitalanleger und französischen Kapitalanleger gerettet werden. Haben wir da nicht eine Mitverantwortung. Das wird irgendwie… Was sagst du dazu?

Peer Steinbrück:

Na ja, also wenn Deutsche in Spanien, oder auf Mallorca, oder entlang der Costa del Sol noch Eigentumswohnungen kaufen, kann man ihnen das nicht übel nehmen. Das, was in Spanien passiert, ist das die Banken wahnsinnig viel Geld, viele Hypotheken bereitgestellt haben für Bauaktivitäten. Das heisst…

Tilo Jung:

Das Geld muss ja irgendwo hergekommen sein.

Peer Steinbrück:

Ja, das haben die kreditfinanziert. So, und jetzt brechen diese Bauprojekte teilweise zusammen, und die Banken werden schwächer, und sie kriegen die Hypothekenkredite nicht wieder. Und deshalb haben wir in Spanien eine Bankenkrise. Also, die Frage, ob wir mit Schuld sind, die wird sehr heftig debattiert, oder diskutiert in vielen anderen Ländern. Ein Argument ist: Wir exportieren wie die Verrückten.

Tilo Jung:

Ja.

Peer Steinbrück:

Deutschland exportiert krachend. Soviel…

Tilo Jung:

Ist gut, ne?

Peer Steinbrück:

Ja, das finden wir erstmal gut, weil wir Exportvizeweltmeister sind. Die Chinesen sind noch weiter. Der Punkt ist nur: Die Länder, die unsere Exporte aufnehmen, die finanzieren diese Exporte mit Krediten.

Tilo Jung:

Die Kredite, die wir ihnen finanzieren.

Peer Steinbrück:

Also, das was wir an Autos, Maschinen und an anderem rausgeben, an Chemieprodukten in europäische Länder, das führt bei uns zu wahnsinnigen Zahlungsbilanz-Überschüssen. So heisst das. Und wir platzen aus allen Nähten. Und bei denen sind die Zahlungsbilanz-Defizite, und das ist eine Unwucht in Europa. Und da sagen diese ganzen europäischen Nachbarn: “Entschuldigt bitte mal, das müsst ihr mal langsam ausgleichen. Ihr müsst auch von uns was kaufen, und ihr müsst eure Nachfrage in Deutschland steigern, damit sich das stärker ausgleicht in den Zahlungs- und in den Leistungsbeziehungen.”

Tilo Jung:

Das ist schon wieder so ein komisches Deutsch, aber…

Peer Steinbrück:

Ja, aber…

Tilo Jung:

Kannst du auch einfach erklären?

Peer Steinbrück:

Ich sage mal, dadurch dass wir so große Exportüberschüsse haben…

Tilo Jung:

Was ist ein Exportüberschuss?

Peer Steinbrück:

Indem wir weit mehr exportieren, als wir importieren. So, und da ist eine ganz große Differenz. Wir exportieren weit mehr, als wir importieren – und die anderen Länder importieren weit mehr, als sie exportieren. Und dadurch gibt es eine Unwucht.

Tilo Jung:

Gibt es da nicht irgendwie im deutschen Grundgesetz irgendetwas, wo gesagt wird—na , das sollte eigentlich nicht so sein?

Peer Steinbrück:

Gute Frage! Nicht im Grundgesetz. Aber in einem Gesetz, das nennt sich Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Da ist zum Beispiel die Rede von einem aussenwirtschaftlichen Gleichgewicht.

Tilo Jung:

Was ist das?

Peer Steinbrück:

Das heisst, dass Exporte und Importe sich in etwa die Waage halten. Das tun wir nicht.

Tilo Jung:

Warum nicht?

Peer Steinbrück:

Weil wir einfach immer weiter gemacht haben mit dem Exportieren, und wir gesagt haben, das verschafft uns ja auch Wohlstand. Der Export ist wichtig für viele Unternehmen, die einen hohen Exportanteil haben. Das heisst, sie haben auch Nachfrage in anderen Ländern…

Tilo Jung:

Aber—das habe ich gerade gelernt—davon profitieren die deutschen Unternehmen, aber alle anderen leiden darunter, weil sie mehr zahlen müssen.

Peer Steinbrück:

Ja, weil sie ihre Importe aus Deutschland dann kreditfinanzieren.

Tilo Jung:

Also, wir verdienen nicht nur mit den ganzen Krediten und Bürgschaften an die Griechen und so weiter, sondern auch mit unserer Exportwirtschaft.

Peer Steinbrück:

Ja. So, und nun müssen wir ja nicht unsere Exporte reduzieren, sondern nur verkleinern. Also so eine Art: “Wir machen mal ein Jahr Pause.”

Das ist natürlich Blödsinn, weil wir ja auch wettbewerbsfähig bleiben wollen. Aber die anderen Länder sagen – na, dann müsst ihr mal mehr importieren. Und dann sagen sie: “Dazu müsst ihr eure Kaufkraft steigern. Zum Beispiel Löhne und Gehälter.”

Tilo Jung:

Was ist Kaufkraft?

Peer Steinbrück:

Dass die einzelnen Menschen mehr kaufen können. Dass die sich mehr leisten können. Ihr müsst mehr investieren, ihr Unternehmen, und alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland müssen eigentlich mehr Geld kriegen, mehr Löhne kriegen, mehr…

Tilo Jung:

Deshalb Mindestlohn?

Peer Steinbrück:

Deshalb Mindestlohn! Genau so! Der stärkt nämlich die Kaufkraft. Und wenn die dann nachfragen, dann fragen die zum Beispiel auch nach Produkten und Gütern, oder Dienstleistungen aus Italien, aus Griechenland, aus Frankreich und aus Spanien. Und dann gleicht sich das wieder aus.

Tilo Jung:

Warum glauben 80% der Deutschen, dass die Eurokrise nicht vorbei ist?

Peer Steinbrück:

Weil sie unsicher sind, und viele machen auch keinen Hehl daraus. Ich kann das auch gut verstehen. Ich bin kein Zweckpessimist. Aber dass wir aus dem Ärgsten raus sind, das weiss ich nicht.

Tilo Jung:

Frank Schäffler hat mir vor einer Weile erklärt, egal was man denken mag – ihr lügt uns alle an vor der Wahl, und erst nach der Wahl kommt die Scheisse richtig ins Rollen.

Peer Steinbrück:

Na ja, manchmal habe ich auch den Eindruck, dass die Merkel alles Unangenehme an Nachrichten hinter die Wahl verschiebt, nach dem Motto: Ich will jetzt keinen irritieren. Ich will jetzt keinen unsicher machen. Deshalb schiebe ich das alles hinter die Wahl.

Tilo Jung:

Aber ist das demokratisch? Also, ist das ehrlich?

Peer Steinbrück:

Nee, deshalb kritisiere ich sie ja auch, weil das nicht wahrhaftig ist. Sie tut schon zum Beispiel so, als ob Deutschland nicht mit haftet für das, was in der Eurozone passiert. Und in Wirklichkeit haften wir längst mit, wenn etwas schief geht.

Tilo Jung:

Normalerweise lesen ja “Jung&Naive” nicht das Feuilleton. Aber im Feuilleton habe ich letztens gelesen, vor 70 Jahren hat Deutschland noch mit seiner Armee Europa in Trümmer gelegt, aber jetzt sind wir drauf und dran das mit unserer Wirtschaft zu machen – also Wirtschaftskrieg.

Peer Steinbrück:

Nee, das geht ein bisschen weit.

Tilo Jung:

Findest du das?

Peer Steinbrück:

Ja – also Gott sei Dank! Erstmal sind die Zeiten vorbei, und zweitens: Wir legen ja nicht das ganze andere Europa in Trümmer. Die meisten anderen in Europa wollen ja, dass wir eine Lokomotive sind und sie rausziehen aus dem Sumpf. Aber wir machen einiges auch falsch, ja.

Tilo Jung:

Was denn?

Peer Steinbrück:

Ja, indem wir denen immer nur sagen: Ihr müsst sparen, sparen, sparen. Und wir sagen denen nicht: Sag mal wie können wir euch denn helfen, damit ihr wieder auf die Beine kommt?

Alle reden… Oder die europäischen Staats- und Regierungschefs haben über Sofortprogramme geredet zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, aber seit 12 Monaten hat sich da kaum etwas getan.

Tilo Jung:

Ja, das ist immer schlimmer geworden.

Peer Steinbrück:

Ja, in Spanien ist fast jeder zweite junge Mann, und jede zweite junge Frau arbeitslos.

Tilo Jung:

Boah!

Merkel wird ja jetzt immer so in den letzten Jahren ein bisschen dargestellt, [als sei] sie die “Queen of Europe”, also die Königin, Herrin Europas. Was willst du, wenn du Kanzler bist? Wirst du dann auch so sein?

Peer Steinbrück:

Nee.

Tilo Jung:

Bist du auch der “Große Peer” dann? “Peer, der Erste.”

Peer Steinbrück:

Ich bin… Da stehe ich unter dem Eindruck von Willi Brandt. Der hat mal gesagt: “Wir wollen ein Volk guter Nachbarn sein.” Und ich…

Tilo Jung:

Aber wir sind doch Freunde!

Peer Steinbrück:

Ja, aber im Augenblick haben viele im Ausland den Eindruck, die Deutschen strotzen vor Kraft, und wir übertragen unsere ökonomische Kraft, unser politische Gewicht, und setzen den anderen eine Krisenstrategie vor, die die nicht wollen. Wir verabreichen denen eine Medizin, die ganz schlecht schmeckt. Puh!

Tilo Jung:

Ich wollte jetzt zum Abschluss noch mal kommen zu diesem Großen, der uns alle bewegt: Der Überwachungsskandal. Kannst du das mal erklären, was da gerade in den letzten Wochen passiert ist?

Peer Steinbrück:

Na ja, da sind ausländische Geheimdienste, zum Beispiel in den USA, und in Großbritannien. Und wenn wir beide E-Mail-Verkehr haben, oder wenn wir beide telefonieren, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die das abfischen können.

Tilo Jung:

Wie—das haben die gelesen zwischen uns?

Peer Steinbrück:

Ja. Also entweder machen sie das über die Server, die in ihren Ländern sind, oder indem sie Transatlantik-Kabel anzapfen, oder auf Satellitenkommunikation abschöpfen. Und das tun die ziemlich massiv.

Tilo Jung:

Das ist… Ist das diese sogenannte Totalüberwachung—also im digitalen Raum?

Peer Steinbrück:

Ja, das ist das, was die gerne wollen. Also, das Geschäft des amerikanischen Nachrichtendienstes NSA, das sagt: “Wir wollen einen full take. Full take heisst, wir wollen so weit wie möglich alles abfischen, was es gibt im Sinne der Sicherheit, im Sinne der’Terrorismusbekämpfung.” Aber…

Tilo Jung:

Was ist Sicherheit?

Peer Steinbrück:

Die amerikanische Sicherheit. Dass wir zum Beispiel Attentate und Anschläge terroristischer Art abwehren können, so wie Sie es furchtbarerweise erlebt haben im September [2001] auf die amerikanischen… auf New York und auf Washington.

Tilo Jung:

Aber [das] ist schon 12 Jahre her jetzt.

Peer Steinbrück:

Ja, aber seitdem hat es ja auch wieder neuere Attentate gegeben. Gerade vor einigen Monaten in Boston.

Tilo Jung:

Aber in Deutschland? Auch in Deutschland?

Peer Steinbrück:

Da sind sie bisher verhindert worden, weshalb ja auch gar nichts dagegen spricht, dass Nachrichtendienste befreundeter Nationen zusammenarbeiten.

Tilo Jung:

Wirklich?

Peer Steinbrück:

Natürlich, ja. Spricht alles dafür. Ich will doch nicht, dass hier irgendein Anschlag passiert.

Tilo Jung:

Ja, aber hast du nicht gelesen, dass der BND eventuell Daten irgendwie in Jemen und in Afghanistan an die Amis weitergibt, und die mit diesen Daten dann per Drohne die Menschen töten.

Peer Steinbrück:

Das ist erst noch festzustellen, ob das stimmt oder nicht stimmt. Dam muss man vorsichtig sein mit einem einfachen Verdacht. Aber, dass Nachrichtendienste die Bevölkerung schützen sollen vor Anschlägen, vor Terroristen – das ist völlig glasklar. Die andere Frage ist, ob unser Grundrecht auf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis eigentlich durchbrochen wird – ja oder nein?

Tilo Jung:

Ja, aber die Deutschen verstehen doch einfach nicht, dass jetzt hier der… Der Briefkasten wird denen ja aufgebrochen. Das ist denen ja alles zu abstrakt. Ich meine, da versteht ja keiner, dass denen ins E-Mail-Postfach geguckt wird, wie bei uns.

Peer Steinbrück:

Ja, also…

Tilo Jung:

Also, wie kannst du den Leuten klar machen, dass das eigentlich eine neue Stufe der Überwachung ist, dass das eigentlich viel krasser, umfangreicher und schlimmer ist, als bei der Stasi?

Peer Steinbrück:

Das ist eben schwer, weil es nicht weh tut. Das tut nicht weh.

Tilo Jung:

Ja, aber da müsst ihr uns doch dann erklären, was da los ist!

Peer Steinbrück:

Ja, aber darüber rede ich mir doch den Mund fusselig, und die anderen versuchen es zu verharmlosen. Herr Pofalla, der zuständig ist für die Nachrichtendienste, sagt einfach gutsherrenartig: “Und hiermit ist der Skandal beendet, oder die Abhöraffäre beendet.” So als ob er das selber entscheiden kann nach dem Motto: “Alles ist in Ordnung.” Ja, pipapo – Friede, Freude, Eierkuchen – so läuft das aber nicht!

Tilo Jung:

Aber wie, also, versprecht ihr die Überwachung zu stoppen durch die Amerikaner?

Peer Steinbrück:

Erste Möglichkeit ist, mit den Amerikanern in der Tat ein Abkommen zu schliessen. Dass sie die deutsche Rechtslage und deutsche Interessen sichern und schützen. Dass sie deutsche Unternehmen auch nicht abfischen, und Wirtschaftsspionage betreiben…

Tilo Jung:

Ja, aber…

Peer Steinbrück:

Das hat Gerhard Schröder 1999 mal gemacht.

Tilo Jung:

Aber ich möchte als normaler Bürger auch das Gleiche—genauso wenig abgehört werden wie deutsche Wirtschaftsunternehmen. Ich möchte ja am besten genauso sicher kommunizieren mit Barack Obama. Wenn du im Kanzleramt wärst, wie…

Peer Steinbrück:

Ja, aber davon rede ich ja. Aber davon rede ich ja, dass ausländische Nachrichtendienste das Grundgesetz und die Rechtslage in Deutschland nicht nur akzeptieren, sondern dass sie die nicht verletzen.

Tilo Jung:

Aber Geheimdienste halten sich doch im Kern nicht an ausländische Gesetze!

Peer Steinbrück:

Ja, dann kommt das Zweite – dass wir selber unsere IT-Sicherheit verbessern und zum Beispiel mehr denn je Verschlüsselungstechnologien einsetzen.

Tilo Jung:

Ja, aber das wäre dann so, als ob du sagst: “Ja Mensch, Polizei kann nicht helfen – holt euch mal alle Knarren.”

Peer Steinbrück:

Nee, in meinen Augen ist das so oder so erforderlich, denn ich bin der Auffassung, dass Nachrichtendienste meistens technisch das machen, was auch technisch möglich ist. Und deshalb glaube ich, dass wir auf das Thema IT-Sicherheit sehr viel mehr Ehrgeiz verwenden sollten als bisher. Ich bin vor 14 Tagen bei einer Einrichtung gewesen in Darmstadt, wo ein Fraunhofer-Institut, und die Universität, und eine andere Einrichtung sich um IT-Sicherheitsstandards kümmern. Und ich glaube, wir werden uns mit dem Thema viel intensiver auseinandersetzen müssen.

Tilo Jung:

Warum gibt es immer noch amerikanische Basen in Deutschland? Warum hat die NSA hier Stützpunkte?

Peer Steinbrück:

Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch welche hat. Die hatte einen Stützpunkt in Bad Aibling, aber ich glaube der ist von Deutschland übernommen worden. Aber dort gibt es nach wie vor Amerikaner, die dort tätig sind.

Tilo Jung:

Aber es gibt Rammstein, und so die ganzen Militärsachen.

Peer Steinbrück:

Ja, aber da sind meines Wissens nicht irgendwelche Einrichtungen, die nachrichtendienstliche Daten abfischen. Dazu brauchen die Amerikaner Deutschland auch gar nicht.

Tilo Jung:

Aber da sind trotzdem die Armeen. Die Armee ist immer noch hier stationiert. Warum?

Peer Steinbrück:

Ja, aber deutlich abgespeckt. Das war ja alles mal viel, viel, viel stärker.

Tilo Jung:

Ja, die können doch rausgehen.

Peer Steinbrück:

Ja, die gehen auch sukzessive raus, also… Auf der anderen Seite brauchen die hier nach wie vor im Rahmen der NATO-Beziehungen auch logistische Möglichkeiten. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Aber der Truppenabzug von Amerikanern, von Briten, von Franzosen ist ja weit fortgeschritten.

Tilo Jung:

Ja, ja.

Peer Steinbrück:

Nach der Wiedervereinigung von russischen Einheiten ja auch. Oder sowjetischen.

Tilo Jung:

Okay. Und zum Abschluss – du wolltest mit Rot-Grün Kanzler werden. Was ist, wenn es irgendwie für Schwarz-Rot reicht? Oder Rot-Rot-Grün?

Peer Steinbrück:

Damit beschäftige ich mich jetzt noch nicht, sondern ich will jetzt das Ding gewinnen, und dann habe ich den ganzen Kopf…

Tilo Jung:

Willst du gewinnen?

Peer Steinbrück:

Ja. Ich setze nicht auf Platz, ich setze auf Sieg. Anders kann man Wahlkampf nicht machen.

Tilo Jung:

Aber du wirst… Dann wenn du nicht gewinnst, wirst du Oppositionsführer?

Peer Steinbrück:

Wenn ich nicht gewinne, gehe ich jedenfalls nicht mehr in ein Kabinett von Frau Merkel.

Tilo Jung:

Ja, aber wenn ihr in die Opposition kommt, machst du den Oppositionsführer?

Peer Steinbrück:

Im Zweifel, wenn das der Wille des Wählers ist, dann muss man das akzeptieren.

Tilo Jung:

Aber warum schliesst ihr immer… Du sagst, ihr wollt einen Wechsel, ne? Warum nehmt ihr dann nicht die anderen Parteien mit rein, die den Wechsel herbringen können irgendwie? Angenommen die Piraten kommen in den Bundestag, oder die Linken. Warum? Was ist da das Problem?

Peer Steinbrück:

Weil ich mit denen verlässlich regieren muss. Ich kann nicht am Montagmorgen mit denen was verabreden, wo ich nicht mehr weiss, ob das Montagabend gilt. So kann ich die Bundesrepublik Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern, und als Schwergewicht in Europa, und als internationaler Partner nicht regieren.

Tilo Jung:

Aber das hast du doch mit deiner Ankündigung, mit Einlagensicherung und so… Das ging ja auch von einem Tag auf den anderen.

Peer Steinbrück:

Nee, ich muss wissen, ob ich Partner habe, die verlässlich sind. Und die Linkspartei, in meinen Augen, sind mindestens zwei Parteien: Irgendwelche Sektierer im Westen, einigermaßen verlässlichere Leute jedenfalls im Osten. Und bei den Piraten habe ich noch gar keine Parteiorganisation erkannt, mit der ich wirklich sagen könnte: Okay, wir machen das vier Jahre zusammen. Vielleicht kommen die vier Tage später auf die Idee, dass das ganz anders ist?

Tilo Jung:

Dann nimmst du einfach die Ost-Linken, die du gut kennst.

Peer Steinbrück:

Ja, das muss sich aber entwickeln. Ich glaube nicht, dass das dieses Jahr schon möglich ist. Ich lasse mich jedenfalls nicht darauf ein. Wie sich das weiterentwickelt in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten, muss man mal abwarten.

Tilo Jung:

Gut, das ist jetzt das Ende. Du hast jetzt noch die Möglichkeit—guck mal—in diese Kamera zu gucken, und mal den jungen Menschen zu sagen, warum sie nicht nur Peer Steinbrück als Kanzler haben sollten, sondern auch warum sie die SPD wählen sollen.

Peer Steinbrück:

Na, das Erste ist: Ihr solltet nicht anderen überlassen, wie eure Zukunft aussieht. Wenn ihr nicht wählen geht, weil ihr sauer seid, oder weil ihr den Eindruck habt, mit diesen Parteien und diesen Politikern habt ihr nichts am Hut, und die sind alle langweilig, dann sollen die anderen wählen. Dann wählen andere, und zwar sehr viel ältere. Und die wählen eher nach ihren jetzigen Interessen, und nicht im Sinne eurer

Zukunftsinteressen. Und dann solltet ihr diejenigen wählen, die eure konkreten Probleme aufgreifen – zum Beispiel einen Job, Ausbildung, bezahlbares Wohnen.

Einige von euch kriegen kaum noch bezahlbaren Mietraum. Wenn ihr Familien gründen wollt, dass ihr Kindertagesstättenplätze habt. Dass insbesondere junge Frauen von euch beides machen können – Beruf und Familie. Dass es mehr Geld für die Bildung gibt. Dass es Abschlüsse gibt. Berufliche Bildung. Akademische Bildung. Dass die Ausstattung der Schulen besser wird, und der Universitäten, und auch die berufliche Ausbildung.

Tilo Jung:

Also – mehr, mehr, mehr. Und was doof ist – weniger, weniger, weniger. So ein bisschen.

Peer Steinbrück:

Na ja, das ist ein bisschen platt, ne?

Tilo Jung:

Aber, ganz kurz, letzte Frage noch – hast du irgendwas, was du in diesem politischen System grundlegend ändern würdest? Wo bist du ein Revolutionär?

Peer Steinbrück:

Ich möchte gerne einige Steuern für einige erhöhen für die…

Tilo Jung:

Das ist wieder – mehr, mehr, mehr.

Peer Steinbrück:

Nee, sondern das nennt man Verteilung. Das bedeutet, dass die fünf Prozent in den höheren Einkommen, in den höheren Vermögen bezahlen sollen, stärker für öffentlich wichtige Aufgaben, wie Bildung, Infrastruktur und eine bessere Ausstattung ihrer Kommunen.

Tilo Jung:

Aber hast du irgendwie was, wo du sagst—das muss im Kern ganz anders werden, das müssen wir ganz anders organisieren!

Peer Steinbrück:

Raus aus der Zwei-Klassen-Medizin. Einheitliches Krankenversorgungssystem. Nicht mehr zwei verschiedene Kassen – gesetzlich und privat. Eine Bürgerversicherung, in die alle gleich, nach ihrer Leistungsfähigkeit einzahlen.

Tilo Jung:

Na, das ist doch mal ein Wort. Dankeschön, Peer Steinbrück. Grüße nochmal die jungen Leute.

Peer Steinbrück:

Ja ja, vergesst den 22.09. nicht! Nicht pennen, sondern dahin gehen, ins Wahlllokal.

Tilo Jung:

Oder Briefwahl machen.

Peer Steinbrück:

Oder Briefwahl noch machen – er sagt das ganz richtig.

Tilo Jung:

Oder, wann gibt’s E-Mail-Wahl? Wenn das mit der NSA aufgeklärt ist.

Peer Steinbrück:

Oh, das müsste kontrollierbar sein dann, dass nicht alle plötzlich dreimal die Stimme abgeben.

Tilo Jung:

Dankeschön. Bye-bye.

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August 12 2013

Jung & Naiv – Folge 76: Renate Künast

Ach, wie grün bin ich doch hinter meinen Ohren, musste ich feststellen! Was ich nicht alles weiß! Zum Glück gibt’s diese wilde Renate Künast. Sie hat mich am Sonntagnachmittag aufgeklärt: Warum sollten sich junge Leute für die Grünen im Wahllokal entscheiden? Wofür stehen die eigentlich? Was macht Renate eigentlich bei den Grünen? Was fordert sie und ihre Partei in Sachen Drogenlegalisierung, Finanzkrise und gesundes Leben?

Folge 76 “Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte” mit der Mutti der Grünen im Bundestag, Renate Künast!

Too long to watch? Ein paar jungundnaive “money quotes”:

“Bist du eigentlich Atheistin?” – “Ich glaube schon!”

“Die ganz jungen Leute leiden mehr unter dem CO2-Ausstoß als ich… weil die jungen Leute erleben die ganzen Wetterextreme, mal zu viel, mal zu wenig Wasser. Die Flüchtlingsbewegung aus Hungersgründen und so.”

“Du bist also für den Kanzler Steinbrück?” – “Ja, muss ich ja dann. Kann ich mir ja auch nicht aussuchen. Er könnte manchmal etwas lustiger sein.”

“Ich bin für die Legalisierung von Cannabis. Bei Crystal Meth und so müssen wir mehr Aufklärung machen, Substanzen testen. Das ist Gesundheitsschutz.”

“Ich kiffe nicht mehr. Ich habe für mich irgendwann beschlossen, dass ich das alles lieber im Original erleben will… ohne die Verstärkung oder Veränderung, die diese bewusstseinsändernden Drogen in einen auslösen.”

“Nach der Legalisierung kann ich also auch zuhause Gras anbauen?” – “Ja. Wenn du den Platz hast.”

“Da freut sich die Pharmabranche doch bestimmt, wenn ich meine Medizin im Garten anbaue!” – “Joar, genau. Medizin und Kräuter.”

“Euer 337-seitiges Wahlprogramm ist kein Wunschzettel, sondern mehr ein Wunschbuch.” – “Nun ja. Ein Wunschbüchlein!”

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July 30 2013

Jung & Naiv – Straßenumfrage: Was protestierst du denn gegen Überwachung?

Ich konnte es nicht glauben, aber es gibt sie wirklich: Menschen, die gegen den Überwachungsstaat sind. Unfassbar, aber wahr. Ich konnte mit ein paar dieser Exoten gestern am Rande des 1. Großen BND-Spaziergangs (“Geheimdienste hautnah erleben”) bei der neuesten “Jung & Naiv” Straßenumfrage sprechen und wollte wissen: Was habt ihr denn bitte gegen Sicherheit? Warum wollt ihr nicht von Staaten überwacht werden? Wollt ihr etwa nicht sicher sein?

Alle Folgen “Jung & Naiv” gibt’s im Youtube-Kanal www.jungundnaiv.de

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July 25 2013

Jung & Naiv – Folge 74: Wie funktioniert ein Untersuchungsausschuss?

Man hört von ihnen ständig, nur von den Ergebnissen recht wenig: Untersuchungsausschüsse. Was soll das sein? Warum nutzen Bundestagsabgeordnete dieses Mittel? Wie läuft das ab? Und vor allen Dingen: Worum geht es im aktuellen “Eurohawk”-Untersuchungsausschuss? Sollte mich das interessieren? Warum gerät unser Herr der Drohnen, Verteidigungsminister Thomas de Maizière, derzeit so in Bedrängnis? Hat er etwa gelogen?

Dafür habe ich mich mit dem Parlamentsjournalisten meines Vertrauens, Thomas Wiegold, getroffen. Thomas kam gerade aus der letzten U-Ausschusssitzung des Tages.

Too long to watch? Zitate aus der Folge:

“Der sogenannte Eurohawk ist eine Riesendrohne, die die Bundeswehr in den USA gekauft hat und darin eigene Aufklärungstechnik für Krisengebiete eingesetzt werden. Doch man bekommt keine Zulassung, sie in Deutschland zu betreiben bzw. hier in zu starten.”

“Ein Untersuchungsausschuss hat ähnliche Rechte wie ein Gericht. Er kann Leute vorladen, Akten anfordern. Das besondere am Verteidigungsausschuss ist, dass er sich schon per Grundgesetz in einen U-Ausschuss umwandeln kann.”

“Wie viel sitzen da drin?” – “Eigentlich 34. Aber, seien wir mal ehrlich, es sind nie alle da. Es ist ja Wahlkampf.”

“Bei einer Zeugenvernehmung ist es aufgeteilt nach der Größe der Fraktion. Die Union darf 23 Minuten pro Stunde fragen, SPD 14 Minuten, FDP 9 Minuten, Grüne und Linke jeweils 7 Minuten.”

“Die Ausschussmitglieder müssen bis Ende August fertig werden. Wenn sie vor der Wahl nicht fertig werden, ist es dank Diskontinuitätsprinzip, können sie nach der Wahl wieder bei Null anfangen.”

“Der Verteidigungsminister denkt wie ein Beamter. Er denkt sehr formal. Beispielsweise heißt das, dass ein Gespräch erst offiziell stattgefunden hat, wenn es im Nachhineina auch verschriftlicht wurde.”

“Sind Verteidigungsminister schon für weniger zurückgetreten?” “Ja klar. Wenn sie eingesehen haben, dass sie einen Fehler gemacht haben.”

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July 19 2013

Jung & Naiv – Folge 73: Eure Fragen an Jacob Appelbaum

Nachdem mich Jacob Appelbaum in Folge 71 und 72 mit erschreckenden Neuigkeiten über unsere Regierungen und ihre geheimen Machenschaften konfrontierte, hatte ich gehofft, im dritten und letzten Teil der jungundnaiven Big-Brother-Trilogie über angenehmere Dinge reden zu können. Schließlich standen Eure Fragen an Appelbaum auf dem Programm. Doch irgendwie sollte sich auch in Folge 73 so ziemlich alles um Überwachung, Big Brother und Big Daddy Data drehen. Komisch.

Ihr wolltet von Jacob Appelbaum wissen (eingesammelt via FB und Twitter):

“Wie erkläre ich meinen Eltern, dass Internetüberwachung doof ist?”

“Does the NSA try to hack into Tor servers? Is it true that NSA holds
on to encrypted info for longer than regular communications?”

“Is China better at surveillance or is the US? i.e, are Americans
better off using Chinese social media, than say Facebook?”

“In the future, what will state surveillance mean for the ‘internet of
things’ – ie., will doors literally be closed to people?”

“A judge just granted Chevron access to the identities and IPs of
activists that protest them. Will we see more of this?”

“How do you see the future of “big data”? Is it an opportunity, or
simply a risk for all of us?”

“do you think that it’s principally compatible with constitutionality
when a state has a secret service?”

“what do you think of the term ‘digital self defense’ and its
implications?”

“Is he scared to return to the US, after his stay in Germany with all
his revelations and the media coverage of his activities? What will
happen when he returns to the US? What does he expect? What’s going to
happen at the border? How long does he plan to stay in Germany?”

“Wieso trifft sich Snowden mit Human Rights Watch?”

“considering the cases of snowden, manning but also michael hastings
and barrett brown – is obama at war with journalism? how can
investigative journalism be secured in the US?”

“Why is the Patriot Act not patriotic? What’s a patriot?”

“ask @ioerror what he thinks about a world with no secrets and a
complete transparent society?”

“Everyone is talking about the U.S. and UK surveillance programs which
they use against their European partners. Is he aware of any activities
from European countries against the U.S. or between European “partners”?
Does he or Snowden have any information about that?”

“Is there any bigger response aboout PRISM & Co. in the USA? Why not?”

“Given that the majority of people worldwide is against the methods of
NSA – is it possible to form a worldwide alliance against surveillance?”

Wer die ganz normalen “Jung & Naiv”-Folgen mit Jacob verpasst hat:

http://www.youtube.com/watch?v=ox_SUlzcJMs

http://www.youtube.com/watch?v=GbGwBuFjo9k

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July 16 2013

Jung & Naiv – Folge 72: The Architecture of Big Brother – Jacob Appelbaum

Nachdem mir Jacob Appelbaum in Folge 71 erklärt hat, warum der Überwachungsstaat dann doch keine so tolle Idee ist, wollte ich nun mehr von ihm wissen:

Was hat ein gewisser Edward Snowden da nun eigentlich ans Licht gebracht? Muss ich ihm dankbar sein, dass ich unseren Regierungen nun noch weniger trauen kann? Wie sieht die Architektur hinter “Big Brother” aus? Warum ist es wichtig, sowas zu wissen? Wieso vergleichen sehr viele die heutige Zeit mit der Stasi? Und sollten wir unsere Politiker nicht verstehen, wenn sie bei diesen Problemen einfach nix machen können?

Ich habe mich für diese offenen, naiven Fragen mit Jacob Appelbaum erneut eine halbe Stunde hingesetzt. Jacob ist Kryptographie-Experte und hat letztens gerade einen gewissen Edward Snowden interviewt. Er schien also Ahnung zu haben.

Kernaussagen von Jacob:

“The Foreign Intelligence Surveillance Court actually redefined the word ‘relevant’, such, that it does not mean anything that is a common understanding of the word relevant.”

“When someone says, ‘it’s not like the Stasi’, but then they basically support drone operations that killed women and children, innocent people, people who don’t even have a trial, who are killed because of a data trail [..] And when they shoot them twice, so-called ‘double-tap’, that’s a war crime. And the surveillance data ties into those actions. There is a direct connection between them, because the surveillance data is used for targeting, and targeting is the first step in identification for murder, which is a war crime in this case, especially with double-tapped drone
strikes. It’s especially a war crime when it’s women and children, who are completely innocent in a sovereign nation, being killed by another sovereign nation.”

“The things that we have questions about are not, whether or not it’s happening – that’s undeniable. Now the question is, how is it legal, lawful and proportionate to spy on Germany. Germany is the most spyed-upon nation in Europe.”

“When your [Interior] Minister just was in the U.S., I guess most of the oppositional parties were not very pleased with what he said, which was effectively nothing [...] The point is, that if he did say something, it would be relevant, because it is not the German government that decides about the people’s data, it is the American government who decides, because they have the data, and they do whatever they want with it.”

“As a person with last name of Appelbaum, in Germany I’m very sensitive to this notion that I want to choose when someone learns about my background, and about my history. And I am robbed of that choice when these systems record everything about me, all of my associations, and someone else gets to ask the database and not me about my history.”

“There exists a concept that’s called ‘The data doubleganger’, and this is essentially the data shadow you leave behind. And the thing is, at some point it becomes more you than you. Someone looks at you and they say – oh you’re very radical politically. But, you’re not. You just happen to read very broadly across many different spectrums.”

“When it is [done in] secret, then it is not consensual, because we cannot have a democracy without a well-informed people. Therefore it is clear, that when it is secret, it is not as consensual as it would be, would it be done in the open.”

“So, part of what Snowden has revealed to us, is exactly that huge problem that there is a disconnect between what we believe is happening, and what is possible, and what is actually taking place, and why its is taking place, and who is doing it.”

“What Snowden has shown us, Manning has shown us as well. Manning has shown us the data that has been set, while Snowden has shown us the architecture. The result has always been open for us to see, and so, now the important part is that we have the information to change these things.”

“Fundamentally, we can make it so that dragnet surveillance is worthless by using strong cryptography and mathematics. We can change the political ramifications, so that we can say ‘no’ to torture, we can say ‘no’ to targeted assassinations, we can say ‘no’ to drone strikes, we can say ‘no’ to ‘Zersetzung’-like techniques, infiltration, secret police, intelligence agencies that are massively overfunded.”

“Instead of playing the spying game, like everyone seems to be doing, we should actually secure our communications. This is a radical concept.”

“So, when you hear about things like CISPA, SOPA, PIPA and ACTA – what you hear is people trying to expand authoritarian control, where they can watch, where they can monitor, where they can interfere.”

“But if we want to actually secure the internet, we should make it, so that when you make a phone call, no one can monitor it without you detecting it, and when you detect it, you should have a trail that allows you to understand, who has ordered this, where has it occurred, and what the consequences are. This ensures a kind of accountability.”

“It would be preposterous to hear German politicians saying, there is nothing to be done about atomic weapons, or landmines, or cluster bombs. That’s ridiculous. Adults are talking.”

“When politicians say there’s no solution, we have to push back, and say: ‘No, no – let’s actually secure our communications, let’s secure our communications metadata, let’s make sure that if you want to wiretap a terrorist, you use exceptional means through a judicial process. Not, for example, everyone being kept insecure so that anybody can do this.”

“I think Germany should not tolerate, in an election cycle, this kind of dialogue. It’s a preposterous thing to say, there’s nothing to be done. And in fact, Germany knows exactly what is to be done. It’s election time, right? So, when people say, they don’t want to talk about these things, kick them out.”

“And when someone says, ‘it’s not like the Stasi’, but then they basically support drone operations that killed women and children, innocent people, people who don’t even have a trial, who are killed because of a data trail [..] And when they shoot them twice, so-called ‘double-tap’, that’s a war crime. And the surveillance data ties into those actions. There is a direct connection between them, because the surveillance data is used for targeting, and targeting is the first step in identification for murder, which is a war crime in this case, especially with double-tapped drone strikes. It’s especially a war crime when it’s women and children, who are completely innocent in a sovereign nation, being killed by another sovereign nation.”

“The German people have, I think, the opportunity now to ask Merkel and other people reasonable questions, that will show their true character about these topics which range from spying on the German people, and national sovereignty to political assassination and murder. Those are all completely unreasonable things to be engaged in, especially at planetary scale.”

Morgen dann Teil 3 mit Euren Fragen.

“Jung & Naiv” steckt in der Beta-Phase. Der erste Anteil vom Crowdfunding ist investiert und wir probieren uns ab sofort aus: Wie und welche Technik muss und kann sein? Gefallen euch die ersten Neuerungen, das Intro, der Theme Song? Feedback? Sharing? Abonnieren? Yes, please!
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July 15 2013

Jung & Naiv – Episode 71: Big Brother – Jacob Appelbaum

Ich weiß nicht, ob ihr es mitbekommen habt, aber in den letzten Wochen ging es irgendwie immer wieder um Überwachung, Kontrolle und “Big Brother”. Das meint jedenfalls meine Lokalzeitung, die wöchentlich kostenlos im Briefkasten landet.

Deshalb wollte ich mehr wissen: Wer ist mein großer Bruder? Habe ich auch eine große Schwester? Ist Unterdrückung schlimm? Warum ist ein Überwachungsstaat eigentlich eine doofe Sache? Wer schützt uns schließlich sonst vor Kinderpornos und Terrorismus und sorgt für “Sicherheit”? Und wer soll bitte George Orwell sein?

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Teil 2 & 3 mit Jacob folgen die kommenden Tage.

“Big Brother? That’s us.” – Jacob Appelbaum

“The difference between the NSA program and Germany’s Vorratsdatenspeicherung is that the German people only have themselves to blame whereas the Americans can blame the NSA and say they did not know.” Jacob Appelbaum

“Information is power. If you have information about the whole planet you have power over the whole planet. By knowing what people do in Germany they, of course, have power over them.” – Jacob Appelbaum

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July 09 2013

Jung & Naiv – Folge 67: Sprache & Propaganda im Wahlkampf

Von den Inhalten zu den Inhalteverpackungen: Wie quatscht eigentlich Angela Merkel? Was labert Steinbrück? Wie sprechen die deutschen Parteien das Wahlvolk an? Mit welchen Parolen probieren sie es? Was für eine Rhetorik macht den Wahlkampf aus? Und wie lässt sich die ganze Propaganda entschlüsseln?

Eine ausführliche neue Folgen “Jung & Naiv” über Sprache im Wahlkampf mit Autor, Redenschreibertrainer und Rhetorikblogger Hans Hütt.

“Wahlprogramme sind (so ernst zu nehmen) wie Wunschzettel an den Weihnachtsmann.” – Hans Hütt

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July 04 2013

Jung & Naiv – Folge 69: What’s going on in Egypt?

Nachdem sich gestern im Laufe des Tages abzeichnete, dass das Militär in Ägypten gegen Präsident Morsi putscht, brauchte ich im Laufe des Abends erstmal ein wenig Einordnung. Dazu habe ich den Autor und Journalisten Sultan Sooud Al-Qassemi, der zu den bekanntesten und bestvernetzten Menschen im Nahen Osten und der Arabischen Welt gehört, spontan zu einem “Jung & Naiv”-Live-Hangout eingeladen.

Ich wollte vom Sultan wissen: Was ist da soeben in Kairo passiert? Was ist überhaupt ein Militärputsch? Warum freuen sich die Menschen auf den Straßen so darüber? Wer ist überhaupt dieser Morsi und diese Muslimbrüder? Ist nicht vor 2 Jahren erst ein Pharao in Ägypten gestürzt worden? Und wie geht’s jetzt weiter?

Und weil es ja ein Coup des Militärs war, habe ich noch meinen Peng-und-Bumm-Experten Thomas Wiegold dazugeholt. Am Ende sind’s 55 erfrischende Minuten (auf Englisch) geworden. In den letzten 20 Minuten habe ich Sultan zudem eure Fragen gestellt, die im Laufe und vor der Sendung per Twitter und Facebook eintrudelten.

Wie funktioniert “Jung & Naiv” via Google Hangout? Kann man mal öfter machen?
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June 24 2013

Jung & Naiv – Folge 65: Sommerpause im Bundestag

Wir haben uns diesmal exklusiv vorm Reichstag platziert. Denn: die letzte offizielle Sitzungswoche unserer grundsympathischen Volksvertreter steht vor der Tür und in Folge 65 soll es genau darum gehen: Was wird kurz vor der Sommerpause nochmal durch das Parlament gepeitscht? Warum hat man das nicht schon vorher geschafft? Wie läuft das eigentlich ab? Und warum kotzen die Mitglieder eines neuen Untersuchungsausschuss jetzt schon ab? Mit der Hörbuchstimme der Nation, Thomas Wiegold von Augen Geradeaus! habe ich die Lage mal erörtert.



Derweil hat der Jung & Naiv”-Youtube-Kanal die Marke von 100.000 Views geknackt. Ein kleiner Meilenstein, wie ich finde. Ein kleiner Hinweis an alle, die das “Jung & Naiv”-Crowdfunding auf Krautreporter unterstützt haben: Ab sofort findet ihr euch in den Credits am Ende jeder Folge wieder. Ohne euch gäbe es “Jung & Naiv” nicht mehr. Danke dafür!

Ansonsten: “Jung & Naiv” steckt in der Beta-Phase. Der erste Anteil vom Crowdfunding ist investiert und wir probieren uns ab sofort aus: Wie und welche Technik muss und kann sein? Gefallen euch die ersten Neuerungen, das Intro, der Theme Song? Feedback? Sharing? Abonnieren? Yes, please! www.jungundnaiv.de

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