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February 05 2014

Netzpolitische Filmtipps: Berlinale

Wie mittlerweile auch in die etwas isolierteren Filterblasen vorgedrungen sein durfte, laufen morgen die alljährlichen Berliner Filmfestspiele an. Seit jeher ist die Berlinale eines der politischeren Filmfestspiele, aber netzpolitische Anliegen, die ja gerade im Kunstbereich eben auch kulturpolitische Fragen aufwerfen, sind noch immer eine Randerscheinung. 2012 ließ sich die Berlinale von Lobbyverbänden einen Spot bei der Preisverleihung platzieren, der vor der “Demokratisierung der Kunst” warnte und um “klare gesetzliche Regelungen” in der Urheberrechtsthematik bat – eine Forderung, die wir natürlich auch unterschreiben können, aber der Subtext, dass nur ein stärker durchgesetzes restriktives Urheberrecht das Abendland retten könne, der ist natürlich … diskussionswürdig.

Nichtsdestotrotz gab es in den letzten Jahren immer wieder Beiträge in den verschiedenen Sektionen, die entweder vom Inhalt, der Produktion oder der Lizensierung die Nutzung des Internets und das (künstlerische) Potenzial der Neuen Öffentlichkeit und rechtliche Alternativen erforscht haben. Es gibt auf dieser Berlinale zwar Beiträge die entweder direkt oder indirekt Bezug auf das Internet nehmen, doch die Thematisierung einer allgegenwärtigen Überwachungserfahrung, wie es vielleicht nach dem letzten Jahr zu erwarten gewesen wäre, geschieht nicht. Nichtsdestotrotz haben wir für euch eine kleine Auswahl an Filmen aus diesem und aus vergangenen Jahrgängen erstellt. Finden, kaufen und gucken könnt ihr sie natürlich über die wohlbekannten Vertriebswege. Hinweise auf weitere interessante Filme die auf der Berlinale gelaufen sind könnt ihr uns gerne in den Kommentaren zukommen lassen.

Berlinale 2014

 

Obietnica (2014)

In der Sektion 14plus läuft dieses Jahr mit Obietnica ein Jugenddrama, welches maßgeblich über Textnachrichten, Skype-Gespräche und Chats erzählt wird. Damit fängt der Film einen erheblichen Teil der Lebenswirklichkeit der heutigen Generation ein, die mit den Selbstverständlichkeiten des Internets aufgewachsen ist. Die Nutzung dieser Kommunikationstechnologien wird nicht bewertet, kein Verlust von Nähe oder Wirklichkeit wird beklagt – und obwohl die Handlung des Films ganz und gar nicht Technologien behandelt, sind sie ständig präsent.

 

House of Cards – Staffel 2, Episoden 1 & 2 (2013/14)

House of Cards erzählt die Machtspiele des fiktiven US-Demokraten Frank Underwood und ist ähnlich wie die dänische Serie Borgen unter PolitikerInnen ausgesprochen beliebt. Es ist explizit keine inhaltlich netzpolitische Serie aber dafür ist der Vertriebsweg, der eingeschlagen wurde, fortschrittlich. Es ist eine der ersten TV-Serien, die ausschließlich per Online-Streaming verfügbar sind und aus dieser Reihe die erste, die mit haufenweise Preisen überschüttet wurde (und das zu Recht!). House of Cards hat gezeigt, dass Formate die nur noch das Internet als Vertriebsweg benutzen keine inhaltliche und kommerzielle Nullnummer sein müssen. Am 14. Februar wird die gesamte zweite Staffel online gestellt und am 16. Februar zeigt die Berlinale die beiden ersten Folgen im Haus der Berliner Festspiele als “Berlinale Special TV Event”.

The Midnight After (2014)

2005 zeigte Fruit Chan mit “Dumplings” einen … ähm, kulinarischen Horror-Thriller auf der Berlinale. In seinem neuen Film begleitet er eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Buspassagiere, die nach einer Tunneldurchfahrt plötzlich in einem menschenleeren Hong Kong ankommen und von einer unsichtbaren Bedrohung verfolgt werden. “The Midnight After” basiert auf dem Online-Roman “Lost on a Red Minibus to Taipo” des Hongkonger “netizens” Mr. Pizza, welcher zwischen Februar 2012 bis Mai 2012 online im Internetforum “Hongkong Golden Forum” veröffentlicht wurde. Die Wege von online veröffentlichten Romanen und Serien führen also mittlerweile zu international renommierten Filmfestspielen. So soll es sein.

Vergangene Berlinale-Jahrgänge

 

Iron Sky (2011)

Als zur Berlinale 2012 Iron Sky seine Weltpremiere feierte, frohlockte das Internet: Nicht nur war der Film von Energia Productions über Nazis in geheimen Mondbasen mit Reichsflugscheiben und Weltraum-Zeppelinen ein ziemliches Trash-und-Verschwörungstheorien-Feuerwerk, sondern auch das Ergebnis einer umfassenden Crowdfunding-Kampagne, in deren Zuge auch das Drehbuch kollaborativ geschrieben wurde (Schlagwort: participatory cinema). Etwas mehr als 1 Million Euro, also knapp 14% des gesamten Budgets, ist durch Einzelpersonen beigesteuert worden. Das Ergebnis ist eine schwarze Komödie die zwar leider weit hinter ihren Möglichkeiten zurück bleibt, aber hey. Nazis im Weltraum. Pew Pew!

 

The Pirate Bay: Away from Keyboard (2013)

Die Dokumentation des Piratebay-Prozesses wurde 2013 in der Sektion Panorama gezeigt. Während es bemerkenswert ist, dass ein Film über Filesharing auf einem der größten Filmfestspiele der Welt gezeigt wurde, war die Interpretation seitens der Berlinale trotzdem wenig positiv:

In seinem Langfilmdebüt zeigt Simon Klose die Hacker der Pirate Bay anders als die Medienanwälte Hollywoods sie darstellen. Es wird deutlich, dass sie keine abgebrühten Abzocker sind, sondern vielmehr weltfremde Nerds, deren soziale Fähigkeiten und Verständnis für die analoge Welt begrenzt sind.
TPB: AFK ist frei verfügbar, allerdings hat der schwedische Sender SVT die Lizenzierung von 4 Minuten Filmmaterial unter einer Creative Commons Lizenz untersagt. Aus diesem Grunde gibt es eine zweite, um die besagten Minuten gekürzte Version mit separaten Audiotrack unter einer CC BY-NC-SA Lizenz.
The Green Wave (2010) 
Die großen Widerstandsbewegungen in Nordafrika und dem Mittleren wie Nahen Osten waren in den letzten Jahren der Berlinale ein zentrales Thema. Neben Paneldiskussionen zur Situation von widerständigen FilmemacherInnen wurden auch mehrere Dokumentationen und Verfilmungen der Ereignisse gezeigt. Die Arbeiten an The Green Wave begonnen zwar schon vor dem schicksalshaften 17. Dezember 2010, die Ereignisse gaben dem Film aber noch zusätzliche Brisanz. The Green Wave erzählt die Ereignisse um die gefälschten Präsidentschaftswahlen im Iran des 12. Juni 2009 anhand einer Collage aus Facebook-Postings, Twitter-Nachrichten und Youtube-Videos, eingebettet in eine fiktive Handlung. Ein im wahrsten Sinne multimedialer Film, der auch dem später erdachten Schlagwort “Facebook-Revolution” zuarbeitet. Damit portraitiert er angemessen die politische Schlagkraft der sozialen Medien.

Chocolate City – We are here to stay

Rein technisch gesehen ist Chocolate City kein Berlinale-Film. Der viertelstündige Dokumentarfilm über die Aufräumarbeiten und humanitäre Arbeit in New Orleans 155 Tage nach Hurricane Katrina wurde während der Berlinale 2006 von der “dropping knowledge” Initiative veröffentlicht. Besonders hervorhebungswürdig: Der Regisseur Ralf Schmerberg trat alle Urheberrechte an dem Film ab, die Initiative bezeichnet den Film als “Copyleft“-Film und damit war dieser Film eine Weltpremiere. Allerdings gab es wohl große Unstimmigkeiten über die tatsächliche Auslegung der Lizenz, und als auf der Pressekonferenz eben diese Frage aufkam, führte das zu einem heillosen Durcheinander. Während klar war, dass der Film nicht-kommerziell verbreitet werden soll, wurde sich explizit gegen eine kommerzielle Nutzung ausgesprochen – was eigentlich im Widerspruch zum Idee hinter dem Copyleft-Prinzip steht. Chocolate City sollte daher eher als Beispiel dafür gesehen werden, wie die richtigen Ideen alleine noch lange keine gute Umsetzung garantieren. Er ist auf der Seite der Dropping Knowledge Initative zu finden.

Wir wollen netzpolitik weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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December 04 2013

Crowdfunding für Dark Mail erfolgreich

Ende Oktober hatten wir über Dark Mail berichtet, ein Projekt von Lavabit und Silent Circle für ein neues, offenes und sicheres E-Mail-Protokoll. Damals wurde auch eine Kickstarterkampagne gestartet, um das Aufräumen und Erweitern des bereits vorhandenen Lavabit-Codes und die Entwicklung von Mailclients mit Dark-Mail-Support zu finanzieren. Am Ende soll dabei ein System entstehen, mit dem jeder Ende-zu-Ende-verschlüsselt kommunizieren kann, ohne sein bestehendes Mailsystem zu verändern oder sich explizit mit den technischen Hintergründen von PGP-Verschlüsselung oder ähnlichem beschäftigen zu müssen.

Erfreulicherweise gelang es den Entwicklern, $212.513 zu sammeln, $196.608 waren als Mindestbetrag anvisiert. Ich bin gespannt, wie sich das Vorhaben entwickelt und wann die ersten Ergebnisse zu sehen und auszuprobieren sein werden.

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October 24 2013

Etappensieg für “Europe versus Facebook”

Die Gruppe Europe versus Facebook hat heute eine Mitteilung veröffentlicht, die von einem ersten Erfolg in einer Klage gegen die irische Datenschutzbehörde (DPC) berichtet. Die Behörde hatte auf vorherige Anzeigen der Gruppe gegen Facebook und Google nur geantwortet, dass deren Datenübertragungen legal seien und keine weiteren Schritte unternommen. Die Anzeigen bezogen sich darauf, dass die Unternehmen nach Bekanntwerden der Überwachung durch die NSA weiterhin Daten in die USA übermittelten. Das widerspricht laut den Mitgliedern dem “Safe Harbor”-Prinzip, da man annehmen müsse, dass dort kein angemessener Datenschutz mehr gewährleistet ist. Unter dem Vorwand, die Anzeigen seien nicht ernstzunehmen, ist die DPC untätig geblieben, wie wir bereits berichtet haben. Daraufhin klagte Europe versus Facebook die Behörde selbst an, mit ihrer Ignoranz die Verletzung von Bürgerrechten in Kauf zu nehmen.

Nun hat der irische High Court die Klage zugelassen und sie der DPC zugestellt, die sich nun verantworten muss. Damit ist zwar noch nicht absehbar, wie das Verfahren ausgehen wird, aber zumindest der Anfang wurde gemacht.

Finanziert wird die Klage gegen die DPC als auch die gegen Facebook über Crowdfunding. Die offiziell angestrebte Summe von 300.000 Euro scheint hoch, ist jedoch für den Fall bestimmt, dass ein Urteil gegen Facebook angefechtet werden muss, was mit horrenden Kosten verbunden wäre.

 

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October 18 2013

Wikileaks, iPredator und jetzt Rock aus Rügen – PayPal sperrt Crowdfunding-Konto

PayPal fiel schon öfters durch die Sperrung von Transaktionen auf. Bisher mussten dran glauben: Der crowdfinanzierte Maildienst Mailpile, der VPN-Anbieter iPredator, die Vereinigung Courage to resist, die Bradley Manning unterstützt, Wikileaks und Online-Händler, die Rum verkaufen wollen. Jetzt hat PayPal auch erklärt, keine Transaktionen mehr für die Rügener Trashrock-Band COR abzuwickeln. Die Musiker haben auf startnext.de eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Damit wollen sie eine Tour durch Kuba finanzieren, die kostenlos und von einem Filmteam begleitet sein wird. Ziel ist es, die kubanische Punk- und Metalszene zu unterstützen – mit öffentlicher Aufmerksamkeit wie auch mit Sachspenden in Form von Instrumenten und anderem Equipment.

 


 

Startnext musste den Musikern nun mitteilen, dass PayPal für das Projekt deaktiviert wurde. Grund dafür ist das US-Handelsembargo gegen Kuba, dass amerikanischen Unternehmen (wie PayPal eines ist) die Finanzierung kubanischer Bürger, Marken oder Produkte verbietet. Jetzt müssen die Musiker nachweisen, dass von den Crowdfunding-Geldern nur das Projekt direkt unterstützt wird und nichts davon in die kubanische Wirtschaft fließt.

Knapp 3.800 Euro wurden via PayPal bereits gespendet, berichtete der Bassist der Band in einem Interview mit der taz. Das ist bei einem Gesamtspendenziel von 8.307 Euro ein gewaltiger Anteil. Die Musiker lassen sich dadurch nicht entmutigen und wollen das Projekt fortführen, vorzugsweise mit Spenden aus anderen Bezahlmodellen wie Vorkasse oder Sofortüberweisung.

Im Moment beträgt die Gesamtspendensumme bereits 8.848 Euro, was mehr als die angestrebte Summe darstellt. Der Überschuss soll in weitere Unterstützung für Kubas Musikszene gesteckt werden. Es bleibt zu wünschen, dass den Musikern durch die Aufmerksamkeit, die durch die PayPal-Sperre entstanden ist, mehr Nutzen als Schaden zuteil wird.

Außerdem zeigt der Fall, dass es notwendig ist, alternative und sichere Bezahlmodelle zu entwickeln bzw. zu etablieren. Wenn auch eine der neuesten Ideen, Zahlen per E-Mail, durch Sicherheitsbedenken eher wie eine riskante Schnapsidee daherkommt.

 

 

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September 05 2013

June 20 2013

Interview zum erstinstanzlichen Urteil im Technoviking-Prozess

Anfang des Jahres haben wir schon einmal über den laufenden Prozess rund um das Internet-Meme Technoviking berichtet (vgl. “Der Technoviking-Prozess“) . Bei der gerichtlichen Auseinandersetzung geht es darum, dass sich der unfreiwillige Hauptdarsteller eines im Rahmen der Fuckparade 2000 in Berlin aufgezeichneten Videos (siehe Embed) in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht und von dem  Video-Künstler Matthias Fritsch 2005 Entschädigung, sämtliche Einnahmen die mit dem Video erzielt wurden sowie eine weitreichende Unterlassungserklärung fordert.

Mittlerweile liegt das erstinstanzliche Urteil vor und Matthias Fritsch hat eine Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo gestartet, um die Kosten für eine Berufung und einen Dokumentarfilm darüber zu finanzieren. Im folgenden ein Interview über den bisherigen Verlauf des Verfahrens sowie Gründe, warum jemand Geld für die Berufung gegen das Urteil besteuern sollte.

Noch einmal kurz ein Blick zurück: Was waren die wichtigsten Stationen im Technoviking-Fall bisher?

Matthias Fritsch: Das Video wurde 2000 gefilmt, dann als experimentelles Kunstvideo unter der Klammer “Wirklichkeit oder Fiktion” veröffentlicht und auf Festivals, Filmprogrammen und in Filmhochschulveranstaltungen gezeigt. Auf Youtube landete es 2006 mit anderen Kunstvideos von mir und wurde im September 2007 durch einen viralen Effekt zu einem weltbekannten Internet-Mem, also einem Film, der durch tausende von Usern aufgegriffen und weiterverarbeitet und -verbreitet wird.

Wann begann dann die rechtliche Auseinandersetzung?

Matthias Fritsch: Kurz vor Weihnachten 2009 erhielt ich einen Brief mit einer Abmahnung und einer angefügten Unterlassungserklaerung durch einen Rechtanwalt im Auftrag des in meinem Video als Protagonist abgebildeten Tänzers. Es wurde beklagt, dass ich das Video ohne die Erlaubnis des Protagonisten gefilmt, im Internet veröffentlicht sowie kommerziell ausgewertet hatte.

Und du hattest auch tatsächlich nicht die Zustimmung zur Veröffentlichung des Videos eingeholt?

Matthias Fritsch: Es stimmt, dass ich mir nicht extra eine schriftliche Erlaubnis nach dem Filmen geholt hatte. Die Kamera war jedoch nicht versteckt, ich war lediglich wenige Meter entfernt und der Protagonist war sich auch der Kamera bewusst, was ein direkter Blick ins Objektiv bei im Video ca. min 3 zeigt, der nicht nur in Trance vorbeischweift wie es im Laufe der Verhandlung seitens des Klägers behauptet wurde. Da es sich um eine als politisch angemeldete Veranstaltung handelte und der Kläger in aller Öffentlichkeit vor vielen Menschen in der Form auftrat, wie es unkommentiert im Video abgebildet ist, war ich der Meinung, dass ich keine Rechteprobleme habe.

Hast Du versucht, Kontakt mit der Person hinter dem Meme “Technoviking” aufzunehmen?

Matthias Fritsch: Nachdem das Video im Netz berühmt wurde habe ich versucht, den Kläger ausfindig zu machen, denn er ist ja Teil des Filmes, & hatte so zB sehr viele Fitnessstudios in Berlin abtelefoniert, dann aber nach einer Weile unverrichteter Dinge aufgegeben. Ich ging davon aus, dass der Protagonist sich früher oder später sicherlich bei mir melden wuerde, da ich sehr leicht über das Youtube-Video zu kontaktieren bin. Das sich statt des Protagonisten ein Anwalt melden würde, hatte ich nicht erwartet, denn die Resonanz auf das Video war ja durchweg sehr positiv und ich bekam immer wieder Angebote in Bezug auf Auftrittsmöglichkeiten für den Darsteller.

Wie sieht es mit Monetarisierung aus – Du hast mit dem Video auch Geld verdient?

Matthias Fritsch: Nachdem ich 2008 von Youtube die Anfrage bekam, neben dem Video Werbung zu schalten, nutzte ich als freier Künstler, der mit seinen Werken nicht den Kunstmarkt bedient, diese Art der Einnahme, um damit bis zum Zeitpunkt der Abmahnung Ende 2009 meine WG-Zimmer-Miete und die Versicherung zu finanzieren. 2009 kamen dann noch kleinere Einnahmen aus T-Shirt-Verkäufen sowie 2 Fernsehlizenzen dazu. Alles in allen ca. 10.000 Euro.

Wie hast Du auf die Abmahnung reagiert?

Matthias Fritsch: Mit der Abmahnung Anfang 2010 stellte ich sofort das Merchandising ein, es blieben lediglich ein paar Schriftzüge und ein gezeichnetes Motiv im Shop, der nirgendwo mehr beworben wurde, um den ich mich nicht weiter kümmerte und der seitdem auch keinen Umsatz mehr machte. Ich gab Auskunft über die Einnahmen bis zum damaligen Zeitpunkt, stoppte und überblendete  als Zeichen meiner Kompromissbereitschaft das Youtube-Video mit einem Himweis, so das es nicht mehr ohne weites abspielbar war. Auch eine modifizierte Unterlassungserklärung mit dem Verzicht auf eine Verwertung der Abbildes des Klägers gab ich ab. Ich bot auch an, das Video aus dem Netz zu nehmen. Aufgeben wollte ich jedoch nicht das Recht, mein Werk im nichtkommerziellen Kunst- und Bildungskontext zeigen zu dürfen.

Dieses Angebot wurde abgelehnt?

Matthias Fritsch: Die Gegenseite ging leider auf keinen meiner Kompromissvorschläge ein und es war mir auch unmöglich den Kläger persönlich zu sprechen. Im März 2010 kündigte sein damaliger Anwalt an, dass nun geklagt werden würde und für eine lange Zeit hörte ich nichts mehr, bis 2012 ein Mahnbescheid über ca. 3.100 Euro ohne jegliche Erklärung oder vorherige Ankündigung von einem neuen Anwalt per Post kam. Auch auf mehrmalige Anfrage gab es keinerlei Erklärung, wie sich diese Summe genau zusammensetzte, die noch dazu rückwirkend eine Menge Zinsen beinhaltete. Vorsorglich überwies ich schon mal 10% der Summe. Ich hatte dem Kläger ja schon direkt auf die erste Abmahnung hin geschrieben, dass ich gerne bereit bin die Einnahmen des Videos zu teilen, wie es bei Filmproduktionen üblich ist.

Und wann kam es dann zur Klage?

Matthias Fritsch: Ende 2012, knapp vor der Verjährung kam dann die Klageschrift per Post. Darin ging es um die Unterlassung der Veröffentlichung des Video, um die Unterlassung des Merchandisings, das aber schon seit den Verhandlungen 2010 keine Abbilungen des Klägers mehr beinhaltete und auch keinerlei Gewinn erzeugt hatte, um die Unterlassung der Veröffentlichung von Usergenerierten Bildern wie Technoviking Figuren in 3D-Filmen oder Welten wie Minecraft, die Auskunftspflicht, der ich meiner Meinung nach doch schon damals sofort nachgekommen war, sowie um Schadensersatz, Gewinnabschöpfung und Schmerzensgeld.

Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens?

Matthias Fritsch: Mitte Januar und Ende Mai 2013 fanden die mündlichen Verhandlung am Berliner Landgericht statt. Die Gegenseite hatte zuletzt noch einmal die Klage erweitert und der Streitwert wurde von 40.000 auf 70.000 Euro angehoben. Nach der Verhandlung kamen die Richter zum Schluss, dass mir die zukünftige Veröffentlichung meines originalen Videos untersagt wird sowie Zuwiderhandlung mit bis zu 250.000 Euro Strafe oder bis zu 6 Monaten Gefaengnis geahndet werden sollen. Solange Bearbeitungen des Materials meines Filmes kunstgerecht genug erfolgen und der Kläger daraus nicht identifizierbar ist soll es mir und damit auch anderen jedoch weiterhin im Rahmen der Meinungsfreiheit gestattet, sich öffentlich mit dem Mem auseinander zu setzen.

Warum zögerst Du dann, die geforderte Unterlassungserklärung einfach zu unterschreiben?

Matthias Fritsch: Ich bin freier Künstler und das Video ist als experimentaler künstlerischer Film veröffentlicht worden. Das es sich um Kunst handelt zeigt schon die Wahrnehmung des Filmes in Experimentalfilmprogrammen & Festivals viele Jahre bevor die Community daraus Technoviking geschaffen hat. Film und die damit verbundenen Fragestellungen sind Teil meines Werkes. Wenn ich die Unterlassungserklärung damals einfach unterschreiben hätte, dann würde ich mich selbst von meinem Werk ausschliessen und darf es noch nicht einmal mehr im Kunst- oder Bildungskontext zu nichtkommerziellen Zwecken zeigen, obwohl es in Form des Mems sowieso weiter unkontrollierbar existieren würde. Als eines der ersten Youtube-Memes mit einer unglaublichen Vielfalt an User-Reaktionen, die nach wie vor trotz des Alters des Memes nicht abebbt, ist es im Sinne der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit für mich nicht vertretbar, diese Vielfalt nicht mehr in einem reflektierenden Kontext zeigen zu dürfen. Ich habe jahrelang User-Reaktionen gesammelt und diese illustrieren hervorragend eine ganz bestimmte Epoche des Internets, die auch wieder vorüber gehen und zu Geschichte werden wird. Dies ist der Kern des Streites. Es geht hier auch um die freie Ausübung meines Berufes.

Auf Indiegogo hast Du jetzt eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Was genau soll damit finanziert werden?

Matthias Fritsch: Über die Crowdfounding-Kampagne will ich die Produktion eines Dokumentarfilmes finanzieren, der sich mit dem Phänomen auseinandersetzt. Auf der einen Seite rekonstruiert der Film wie es überhaupt zu der Entwicklung dieses Memes kommen konnte und auf der anderen Seite reflektiert er Fragestellungen, die der ganze rechtliche Prozess aufgeworfen hat. Da die Gegenseite sämtliche ausser- und innergerichtlichen Vergleiche ausgeschlagen hat und es unbedingt auf ein Urteil ankommen lassen wollte, ist der öffentliche Prozess in Gang gesetzt worden und stellt jetzt einen Präzedenzfall dar, der auch in anderen Fällen als Referenz herangezogen werden kann. Da durch das jetzt erfolgte Urteil Grenzen eines konkreten Falls der freien User- & Memkultur aufgezeigt werden, die für viele andere Fälle relevant sein können gibt es daraus viel zu lernen.

Wieso meinst Du, dass die Entscheidung in Deinem Verfahren auch für andere Leute im Netz wie zum Beispiel Blogger oder Nutzer von sozialen Netzwerken so wichtig sein könnte, dass sie bereit sind Dich finanziell zu unterstützen?

Matthias Fritsch: Das aktuelle Urteil schließt mich von meinem eigenen “Original”-Werk aus. Ich sehe darin eine Gefahr, dass so etwas auch mit anderen Usern, Bloggern und Kuenstlern passieren kann. Es geht hier nicht nur um mich und das Technoviking-Meme, das Thema ist viel weitreichender. Wenn Künstler, Blogger und User nicht mehr extrem populäre und sowieso schon weitverbreitete und unkontrolierbare Inhalte auf nichtkommerzielle Art und Weise verbreiten dürfen, stattdessen Abmahnungen oder Prozesse riskieren, dann sollte das aktuelle System einmal überdacht und möglicherweise neue Kategorien eingeführt werden.

Aber Persönlichkeitsrechte sind doch schon auch wichtig und ein schützenswertes Gut?

Matthias Fritsch: Ich finde den Schutz der Persönlichkeit sehr sinnvoll und eine entsprechende Rechtsprechung auf jeden Fall erhaltenswert. Es sind jedoch die zeitlichen Umstände in diesen speziellen Fall, die einen Prozess als absurd erscheinen lassen, der mich in eine Verschuldung treibt und die eigentliche Ursache, ein extrem populäres Meme im Netz dadurch sowieso nicht beseitigen kann, sondern dieses im Gegenteil sicherlich nur noch populärer und bekannter macht. Wir haben es ja immerhin mit einem 13 Jahre alten Video zu tun, das im öffentlichen Raum mit nicht versteckter Kamera gefilmt wurde; der Rechtstreit begann erst Jahre nach dem viralen Effekt und scheinbar war es ja auch seitens des Klägers nicht besonders eilig, diesen zu lösen. Der Anwalt des Protagonisten hat im Prozess sehr oft von Opfer und Täter gesprochen. Ich finde diese beiden Kategorien verschwimmen extrem in einem Fall wie diesem.

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May 30 2013

Wettbewerb: Wie soll die Zukunft des Urheberrechts aussehen?

Bild von Radek Czajka, Lizenz: CC-BY-SA

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Die “Modern Poland Foundation” veranstaltet bereits zum zweiten Mal einen Wettbewerb zum Thema “Zukunft des Urheberrechts”. Unter dem Namen “Future of Copyright Contest 2.0″ können bis zum 1. Juli Arbeiten zu diesem Thema abgegeben werden, egal in Textform, als Video oder als eine Audio-Produktion. Damit der spätere Gewinner beziehungsweise die spätere Gewinnerin auch einen Preis erhält, wurde auf indiegogo eine Crowdfounding-Kampagne gestartet, mit dem Ziel mindestens 500€ zu erhalten.

It’s hard to find a person who is pleased with the current shape of the copyright system. In most countries. People who attempt to earn a living from this system also try to have digital monitoring systems work for them. Meanwhile, users are have less and less rights. „Lady with an Ermine” is laughing about our battle to use her image (see below). The public domain is shrinking. There are some efforts to expropriate some of its areas. Therefore, user’s rights are tightened. There are new proposals on the table that focus on finding a way to narrow fair use and to cut proposed exceptions for unprivileged people (impaired or just living in Global South).

Therefore, once again we ask the following question: what should a good copyright system look like? Is it possible to live without sharing? Will artists disapear if we make copyright less strict? Can we make culture without artists?

Die Jury, welche später den Sieger küren wird, besteht neben dem Präsidenten der “Modern Poland Foundation” Jaroslaw Lipszyc, aus Mike Linksvayer, dem ehemaligen Vize-Präsidenten von Creative Commons, Joe McNamee, dem Geschäftsführer von EDRi sowie Jérémie Zimmermann , dem Mitgründer von La Quadrature du Net.

Das Werk des Gewinners aus dem letzte Jahr, “Morphology of a Copyright Tale” von Aymeric Mansoux, ist hier online zu finden.

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August 23 2012

Buch “Generation Facebook”: Crowdfunding für englische Open Access Version

Das Buch Generation Facebook: Über das Leben im Social Net will “eine medien- und kulturkritische Perspektive auf das Phänomen Facebook” entwickeln. Linus hatte das bereits rezensiert. Jetzt soll das Buch auch auf englisch herausgegeben werden – gedruckt und als kostenloses PDF. Dafür gibt es eine Crowdfunding-Aktion auf Indiegogo:

Facebook’s success poses a lot of controversial questions – economically, socially, politically – which are far from answered yet. This book provides insights into these questions at an as yet unprecedented level of theoretical depth. Which is why it deserves to become available to an international audience.

The book has also proven to be an invaluable resource for a critical theoretical grounding of discussions about Facebook. Given the enormous user base of Facebook, it is vital to spread this kind of knowledge as widely as possible. Putting the texts under an Open Access license and making them freely accessible for everyone is the best way to achieve this goal.

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January 18 2012

DigitalFilmCamp 2012

Das bereits siebte DigitalFilmCamp wird am 14. und 15. Februar in der HomeBase Lounge Berlin stattfinden. Das DFC ist eine Konferenz für OpenSource- und Creative-Commons-geprägte Filmprojekte und bietet eine Plattform, um sich über die Möglichkeiten von Crowdfunding zu informieren und auszutauschen.

Gestern wurde ein erster Teil des Programms des DigitalFilmCamp bekannt gegeben. Zu den Referenten gehören unter Anderem der Crowdfunding-Experte Konrad Lauten und der chilenische Dokumentarfilmer Felipe Bustos Sierra.
Wer sich möglichst schnell Tickets sicher will, kann hier tun. Die Teilnahme inkl. kleiner Verpflegung kostet 32€ für einen Tag und 60€ für die ganze Konferenz.

 

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