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January 24 2014

Papst erkennt an, dass Social Media das Internet menschlicher macht

Heute hat der Papst eine Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel veröffentlicht. Der findet zwar erst sechs Wochen nach Ostern statt, aber heute ist Gedenktag von Franz v. Sales, dem Patron der Journalisten. Doch vorher noch zwei Fragen an euch:

  • Wer kannte den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel?
  • Und wer wusste, dass dieser 1967 (!) von Papst Paul VI eingeführt wurde (damals noch als Welttag der Massenmedien)?

Nun, die Kirche überrascht immer wieder, wenn es um ihren Medienumgang geht, wie schon, als sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zur digitalen Gesellschaft geäußert hat. Dass Papst Franziskus selbst die Medien nicht scheut, zeigt sich an seinem Twitteraccount. @Pontifex hat zusammen mit den Sprachvarianten Deutsch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Italienisch, Portugiesisch, Polnisch und Latein über Weihnachten elf Millionen Follower überschritten.

Auch in seiner Botschaft erkennt man, dass er die Bedeutung des Internets erkennt:

In dieser Welt können die Medien dazu verhelfen, dass wir uns einander näher fühlen, dass wir ein neues Gefühl für die Einheit der Menschheitsfamilie entwickeln, das uns zur Solidarität und zum ernsthaften Einsatz für ein würdigeres Leben drängt. [...] Die Medien können uns dabei behilflich sein, besonders heute, da die Kommunikationsnetze der Menschen unerhörte Entwicklungen erreicht haben. Besonders das Internet kann allen größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität untereinander bieten, und das ist gut, es ist ein Geschenk Gottes.

Gleichermaßen zeigt er die Gefahren auf, die von einem unbedachten Umgang mit den neuen Möglichkeiten ausgehen können. Die Geschwindigkeit der digitalen Welt könne die menschlichen Reflexions- und Urteilsfähigkeiten übersteigen, es sei leicht, die Orientierung zu verlieren und diejenigen auszuschließen, die keinen Zugang zu Internet und sozialen Netzwerken haben. Man müsse verhindern, dass Kommunikation nur zum Konsum veranlassen oder manipulieren wolle. Das Bewusstsein für den Menschen, der hinter der Kommunikation steckt, dürfe nicht verloren gehen:

Das digitale Netz kann ein an Menschlichkeit reicher Ort sein, nicht ein Netz aus Leitungen, sondern aus Menschen.

Die Botschaft ist sehr weitsichtig, auch wenn man den religiösen Bezug für sich selbst lieber außen vor lassen will, und zeugt von Unvoreingenommenheit ohne dabei naiv zu sein. Das Gleiche würde ich mir auch manchmal für unsere Politiker wünschen. Und man mag ihnen zurufen – wie es Papst Franziskus tut:

Habt keine Angst, Bürger der digitalen Umwelt zu werden.

Werdet Einwohner von #Neuland!

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November 25 2013

Suggestion Generation Module: Google will dein Ghostwriter sein

ThoughtLeadershipGoogle hat ein neues Patent angemeldet, das den wohlklingenden Namen Automated generation of suggestions for personalized reactions in a social network trägt. Idee: Da man sowieso schon fast alles über den Nutzer weiß, kann Google auch direkt als Ghostwriter einspringen. Man schlägt Antworten vor, die am besten die Persönlichkeit des Nutzers widerspiegeln.

The suggestion generation module includes a plurality of collector modules, a credentials module, a suggestion analyzer module, a user interface module and a decision tree. The plurality of collector modules are coupled to respective systems to collect information accessible by the user and important to the user from other systems such as e-mail systems, SMS/MMS systems, micro blogging systems, social networks or other systems.

Ghostwriter für Twitter, Facebook & Co. sind nichts neues. Je berühmter die Persönlichkeit, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein oder mehrere Ghostwriter engagiert wurden. Bekanntes Beispiel ist hier Annie Colbert, die unter anderem für Guy Kawasaki twittert. Chris Romero schreibt in 140 Zeichen für Rapper 50 Cent. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Auf den ersten Blick mag das befremdlich erscheinen, da man auf Twitter und Facebook davon ausgeht mit der jeweiligen Person zu kommunizieren und nicht mit einem Surrogat. Letztlich sollte man Stars, wie 50 Cent, Britney Spears oder Kanye West eher als Marken statt Personen verstehen. So macht es auch Sinn, dass Agenturen, wie ad.ly, sich einzig und allein darum kümmern, Unternehmen und Stars zusammen zu bringen. Die Agentur sorgte 2012 dafür, dass Charlie Sheen über Internships.com twittert – für 50.000USD pro Tweet. Guy Kawasaki erkannte schon Anfang 2009 das wahre Potenzial Twitters – als Marketing Plattform.

Basically, for 99.9 percent of people on Twitter, it is about updating friends and colleagues about how the cat rolled over. For a tenth of a percent it is a marketing tool.

Was für Stars und Sternchen schnell in Arbeit ausartet und daher dem Outsourcing zum Opfer fällt, kann auch für Normalsterbliche zur Last werden. Mit Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, Tumblr, LinkedIn und Google+ gibt es einige Seiten, die nach Aufmerksamkeit verlangen. Bei mehreren hundert Freunden auf Facebook und tausenden Followern auf Twitter hat immer irgendjemand Geburtstag, einen neuen Job, eine Beförderung, oder irgendetwas anderes auf das man reagieren sollte, so Google. Und hier soll der neue “Vorschlagsgenerator” ins Spiel kommen.

Many users use online social networking for both professional and personal uses. Each of these different types of use has its own unstated protocol for behavior. It is extremely important for the users to act in an adequate manner depending upon which social network on which they are operating. For example, it may be very important to say “congratulations” to a friend when that friend announces that she/he has gotten a new job. This is a particular problem as many users subscribe to many social different social networks. With an ever increasing online connectivity and growing list of online contacts and given the amount of information users put online, it is possible for a person to miss such an update.

Automatisierung wird meist als Chance gesehen, mehr Zeit für das “wirklich Wichtige” zu haben. Autovervollständigung erspart das Tippen. Autopiloten ersparen Aufmerksamkeit. GPS erspart das Nachdenken. Was aber passiert, wenn der Algorithmus nun auch “Wichtiges” übernimmt – wie zwischenmenschliche Kommunikation? Was passiert, wenn wir zunächst Glückwünsche, Gratulationen und Beileidsbekundungen automatisiert “erledigen” lassen und später immer mehr der unzähligen Interaktionen der Automatisierung zum Opfer fallen?

Schon jetzt unterscheiden viele zwischen “echten Freunden” und “Facebook Freunden”. Wird diese Unterscheidung im digitalen Alltag bald vielschichtiger? Personen oder Ereignisse, denen wir unsere “echte” Aufmerksamkeit schenken und all jene, die durch den Algorithmus abgespeist werden? Erstere kommen in den Genuss einer selbst geschriebenen Nachricht, Letztere müssen sich mit dem zufriedengeben, was Googles Algorithmus ausspuckt – ohne dies zu merken. Implizit wird dadurch Aktivität wichtiger als Inhalt. Und Reaktion wichtig als Authentizität. Man wahrt den Schein, da man ja – ganz der Netiquette entsprechend – seine Glückwünsche geäußert, sein Beileid bekundet und seine Grüße ausgerichtet hat. Ohne Google wäre es vielleicht zu gar keiner Reaktion gekommen. Dank der Automatisierung muss man sich darüber aber keine Gedanken mehr machen. Ganz gleich, wie unwichtig und rudimentär die soziale Bindung auch sein mag – der Algorithmus kann sie fortan am Leben halten, indem der Anschein gewahrt wird, dass man am Leben des Gegenübers teilnimmt. Dank berechneter, automatischer Reaktionen.

Robin Dunbar, Anthropologe an der Universität von Oxford, hat die Dunbar-Zahl aufgestellt. Seinen Untersuchungen zufolge ist der Mensch in der Lage lediglich 150 bedeutsame soziale Bindungen zu anderen Menschen zu haben.

This is the number of people you can have a relationship with involving trust and obligation – there’s some personal history, not just names and faces.

Nun könnte man Googles “Suggestion Generation Module” als Lösung des Problems sehen, dass man zwar hunderte “Freunde” auf Facebook und anderen Plattformen hat, aber unter der schieren Masse an möglichen und implizit geforderten Reaktionen versagt. Hier könnten automatisierte Antworten entlasten. Man kann weiter Freunde sammeln und muss sich keine Gedanken darum machen, dass diese “Freundschaften” auch gepflegt werden wollen. Dadurch stellt man sich jedoch nicht die eigentliche Frage: Was sagt es über die soziale Bindung und das eigene Verständnis von selbigen aus, wenn man die Kommunikation einem Algorithmus überlässt? Wo liegt der Sinn einer sozialen Beziehung, wenn nicht im Austausch und der Kommunikation?

Nicholas Carr, Autor von The Shallows, sieht, zugegeben etwas dystopisch, in Googles Automatisierung vor allem ein sich selbst bestätigendes, geschlossenes System.

A computer running personalization algorithms will generate your personal messages. These computer-generated messages, once posted or otherwise transmitted, will be collected online by other computers and used to refine your personal profile. Your refined personal profile will then feed back into the personalization algorithms used to generate your messages, resulting in a closer fit between your  computer-generated messages and your computer-generated persona. And around and around it goes until a perfect stasis between self and expression is achieved. The thing that you once called “you” will be entirely out of the loop at this point, of course, but that’s for the best. Face it: you were never really very good at any of this anyway.

Googles neues Patent sollte zumindest zum Innehalten und zum Nachdenken anregen. Natürlich ist es letztlich Predictive Search  (Apps, die den Nutzer mit Informationen versorgen, bevor dieser danach gesucht oder gefragt hat) angewandt auf Kommunikation. Was bei Wetterberichten und Tagesnachrichten interessant klingen mag, sollte bei zwischenmenschlicher Kommunikation zu Stirnrunzeln führen. Automatisierte, vertextete Reaktionen auf Ereignisse sind grundsätzlich bedeutungsleer. Was ist Kommunikation noch wert, wenn sie ohne jegliches eigenes zutun stattfindet? Scheinbare Anteilnahme, Freude oder Mitgefühl sind letztlich genau das – Schein. Leider ist automatisierte Kommunikation der nächste, logische Schritt in einer Gesellschaft, für die Aktivität wichtiger ist, als Reflexion.

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October 08 2013

Vietnam: Blogger-Netzwerk wehrt sich gegen Beschneidung der Meinungsfreiheit

Es häufen sich nicht nur Berichte von festgenommenen regimekritischen Bloggern in Vietnam, zusätzlich trat im September ein Gesetz in Kraft, dass es Vietnamesinnen und Vietnamesen verbietet Nachrichten auf Blogs oder in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook zu veröffentlichen – erlaubt ist demnach nur noch die Veröffentlichung persönlicher Informationen. Ein weiterer Versuch des Einparteienstaates, Meinungs- und Pressefreiheit einzuschränken.

Bloggerinnen und Blogger werden in Vietnam häufig nach Artikel 258 des Strafgesetzbuches verurteilt, wegen “Missbrauch demokratischer Freiheiten gegen das Staatsinteresse”. no258-vdhGegen diesen Artikel protestiert mittlerweile das Network of Vietnamese Bloggers und nimmt u.a. Kontakt zu ausländischen Botschaften auf.

They highlight that article 258 is a breach of the freedom of expression, and should be repealed. The campaign, one of the most sophisticated human rights campaigns that Vietnam has ever seen, has had wide visibility, both at home and abroad.

Civil Rights Defenders

Aktivist und Blogger Thang Nguyen Lan, der selbst bereits mehrmals verhaftet wurde, spricht in einem 13-minütigen Video nicht nur von dem Netzwerk und der Arbeit gegen Artikel 258, sondern auch über die Bedeutung von Social Media und unabhängigen Nachrichten für die Einwohnerinnen und Einwohner Vietnams.

Currently Vietnam has about 800 newspapers and broadcast stations. But all of them are obedient to only one power, that is the Central Department for Propaganda and Education. This is the headquarter of the Communist Party’s propagandists where propaganda are produced and instructions on the work of all media agencies are made. Any politically sensitive issue raised by the media can be censored by this Department to stop it from criticizing government policies.

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August 19 2013

EU-Studie zu “Crowd Behaviour” auf Demonstrationen warnt vor Anti-ACTA und Occupy

“Hi, my name is XX. I am working on an EU research project and we are studying events like this. I would like to ask you a couple of questions”.

Seit ungefähr zehn Jahren führt die Europäische Union Forschungen durch, um sogenannte “polizeiliche Großlagen” besser in den Griff zu bekommen. Handelte es sich zunächst um grenzüberschreitende Fussballspiele, rückten mehr und mehr auch internationale Demonstrationen ins Visier der Behörden. Hintergrund sind Erfahrungen mit Protesten gegen den EU-Gipfel in Amsterdam 1997 und das Treffen der WTO in Seattle 1999 (der Geburtsstunde des Internetportals Indymedia). Zentrale Wendepunkte für die polizeiliche Reaktion auf Massenproteste in Europa waren jedoch der EU-Gipfel in Göteborg und der G8-Gipfel in Genua, zu denen im Sommer 2001 als “Summer of Resistance” mobilisiert wurde.

Das erste (und später in eine zweite Phase verlängerte) EU-Forschungsprogramm trug den Namen EU-SEC. Ziel waren die Entwicklung von Standards für den Austausch von Informationen unter Polizeibehörden und Geheimdiensten und die präventive Ausforschung internationaler Strukturen. Weil aber DemonstrantInnen auf veränderte Polizeistrategien reagieren, antwortete die EU mit einem weiteren Programm namens GODIAC unter Leitung der schwedischen Polizei.

Als Problem wurde umrissen, dass die Taktik von AktivistInnen bei internationalen Gipfelprotesten “immer weniger vorhersehbar” sei. Während EU-SEC Handreichungen und Handbücher zur Polizeizusammenarbeit produzierte, widmete sich GODIAC mehr der Disziplin “Crowd Behaviour” und “Crowd Research”, also dem Kontrollieren oder sogar Vorhersehen von Massenphänomenen. Sowohl EU-SEC als auch GODIAC sind beendet, Ergebnisse bleiben aber unter Verschluss.

Gipfelproteste haben nicht immer Konjunktur auf internationaler Ebene. Hin und wieder sind Mobilisierungen lediglich für einheimische Bewegungen von Bedeutung. Die EU antwortet jetzt mit Forschungen zur Einrichtung eines “Koordinators für polizeiliche Großlagen”, der ähnlich wie der “Anti-Terror-Koordinator” entsprechende Aktivitäten bündeln und nationale Polizeien beraten soll.

In einem Papier des GODIAC-Programms wird erklärt, Polizeien stünden einer zunehmenden Internationalisierung von Protest gegenüber. Die Polizeiforschung nimmt daher zahlreiche Protestformen unter die Lupe, darunter “gewöhnliche Demonstranten” bis hin zu “Aktivisten/ Extremisten”.

Als Beispiele erfolgreicher, unerwarteter Protestformen gelten die Anreise mehrere Tage vor dem Ereignis, die Blockade von Konferenzgebäuden oder das Agieren als sogenannter “Schwarzer Block”. Laut GODIAC antworten Polizeien zunehmend mit “paramilitärischen Taktiken”. Eine Empfehlung erhalten deshalb die sogenannten “Konfliktmanager” der deutschen Polizei (bzw. “Dialogue Police”/ Schweden, “Event Police”/ Dänemark”Peace Unit”/ Niederlande und “Dialogue Officers/ Großbritannien). Es handelt sich dabei um BeamtInnen mit leuchtenden Westen, die AktivistInnen in langwierige Gespräche verwickeln.

Beforscht wird auch der Umgang mit Sozialen Medien und die Analyse von dort ventilierten Informationen. Die GODIAC-Studie nennt dies “gegenwärtige Herausforderungen von Globalisierung und ‘Technologisierung’ von Massenereignissen [crowd events]“. “Moderne Kommunikationstechnologien” beförderten Protest auch fernab vom eigentlichen Ereignis und trügen zu einer “Synchronisierung” bei:

The technological revolution – smart mobile phones, e-mail, the Internet and social media, especially Facebook and Twitter – can have a direct impact on protest behaviour, for example, by organising flash mobs or spreading information on police deployment or movement.

GODIAC identifiziert die Anti-ACTA-Proteste am 11. Februar 2012 als Unruheherd und potentielles Risiko zukünftiger Protestformen. Damals hätten insbesondere Soziale Medien eine tragende Rolle gespielt, um Demonstrationen in 55 Städten aufeinander abzustimmen. Genannt wird auch die Occupy-Bewegung, die gleichzeitige Proteste in den Finanzzentren London, Frankfurt und Rom durchführen konnte. Geraten wird nun, dass auch Polizeien mehr in Sozialen Netzwerken präsent sein sollen:

Police organisations are addressing these developments and have started to use Twitter and other social media as part of their communication strategies during day-to-day business but also around public order events to inform the public and the demonstrators before, during and after an event.

Für die GODIAC-Studie haben die Polizeiforscher übrigens viele Interviews auch mit Demonstrierenden geführt. Das dürfte sich nicht ohne Peinlichkeiten abgespielt haben, wie das oben gepostete Foto einer holprigen Annäherung von hinten illustriert. Dies obwohl den Beteiligten eingeschärft worden war, mit dem typischen Protestzubehör anzureisen. Hierzu gehören laut GODIAC:

• A bottle of still water (actually against thirst, but can also be good to wash off tear gas)
• Energy or fruit bars
• GPS-capable PDA/Smartphone (if available)
• Spare clothes (sweatshirt, rain jacket, baseball cap)
• Money (coins and banknotes in small denominations)
• Sunscreen

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August 15 2013

Propaganda 2.0: Tweeten fürs Stipendium in Israel

israel-twitter-vs.-Gaza-Social-Media-War

Quelle: thinkmarketingmagazine.com

Ben Lynfield der britischen Zeitung ‘The Independent’ berichtet, dass die israelische Regierung Anfang August eine Initiative startete, bei der israelische Studenten ein Stipendium erhalten, wenn sie im Gegenzug sich dazu verpflichten positive Beiträge auf Twitter und Facebook zu posten. Ins Leben gerufen wurde diese Kampagne durch Daniel Seaman, Deputy Director General for Information (Israeli Ministry of Public Diplomacy and Diaspora Affairs). So bestätigte das Büro des Premierministers, dass das Ziel sei, auch über Social Media Kanäle ein positives Bild von Israel zu zeichnen.

Strengthen Israeli public diplomacy and make it fit the changes in the means of information consumption.

Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet (Paywall), dass für das Programm insgesamt  NIS 3 Million (rund 630.000 Euro) ausgegeben werden sollen. Idee ist, bis zu 550 Studenten von allen sieben israelischen Universitäten zu rekrutieren. Die Studenten werden dann in Gruppen organisiert. Jede Gruppe hat einen Leiter bzw. Koordinator, der ein vollständiges Stipendium erhält und im Austausch mit dem Ministerium steht. Ihm untergeordnet sind 3 Studenten, die sich um die Resorts Sprache, Gestaltung und Geographie kümmern – jeweils mit halben Stipendien. Dieser organisatorischen Einheit sind dann ‘Aktivisten’ zugehörig, die minimale Stipendien erhalten. Seaman betonte, dass es wichtig sei, dass die Studenten sich so weit wie möglich selbst organisieren und keine offensichtliche Verbindung zur Regierung bestünde.

The entire idea of the setup is based on activity of students and by students. The idea requires that the state’s role not be highlighted and therefore it is necessary to insist on major involvement by the students themselves without any political link [or] affiliation.

Die Studenten sollen aktiv gegen anti-semitische Nachrichten vorgehen, über sicherheitsrelevante Themen schreiben und auf Israels Legitimität als Rechtsstaat fokussieren. Hagar Yisraeli, Sprecherin der Studentenvertretung Israels begrüßt das Programm der Regierung. Sie meinte, dass die Studenten durch ihre verschiedenen politischen Ansichten und Weltbilder die Diskussion über Israel in den sozialen Medien bereichern könnten und gegen die teils gezielte Denunziation Israels vorgehen werden.

Israel is dealing with an extreme, ongoing delegitimization campaign that is being conducted against it on the social networks. The student population is a talented, educated group of people with independent and diverse views and speaks [a variety of] languages and can therefore assist in dealing with such an [anti-Israel] campaign… The students are an integral part of the Israeli reality and it is therefore appropriate, in our view, that they take an active part in dealing with the delegitimization… The members of the union hold a range of views from across the Israeli political spectrum, and it is our intention to preserve that.

Israel hat eine lange Historie soziale Medien für sich zu nutzen. Schon 2009 nutze die israelische Armee (Israeli Defense Forces) YouTube, um ihre “eigene Version” des Gaza-Konflikts mit den Hamas zu zeigen. Im Laufe der Zeit wurden die IDF auf allen großen Plattformen aktiv – Facebook, Twitter, Youtube, Tumblr, Instagram. Die sozialen Medien ermöglichen es der IDF direkt Bilder, Videos und Nachrichten vom Kriegsgeschehen an die Öffentlichkeit zu bringen. Dies bringt jedoch einige Kontroversen mit sich. So twitterte die IDF letztes Jahr, relativ eindeutig:

 

Man kann der Auffassung sein, dass dieser Tweet, der eine direkte Gewaltdrohung gegenüber den Hamas darstellt, gegen Twitters Nutzungsbedingungen verstößt. Ein anderes Beispiel ist die Bekanntmachung der Tötung des Hamas-Anführers Ahmed Jabari auf Twitter – mit reißerischem Plakat. Gleiches gilt für explizite Bilder von Kampfhandlungen auf Facebook, oder Videos auf Youtube. Das grundsätzliche Problem ist hier wieder, dass dies alles proprietäre Dienste privater Unternehmen sind, die sich zwar teils der Transparenz verschrieben haben (siehe Google und Twitter Transparenz-Reporte), dies jedoch völlig freiwillig tun und auch selbst bestimmen können, wie viel Transparenz sie im jeweiligen Fall zulassen wollen. Bloombergs Mathew Ingram beschreibt diese Dienste daher als ‘Black Boxes’.

Namely, they are effectively a series of black boxes when it comes to decision-making around what gets removed… And while they have all expressed their commitment to free speech in some form or another, they have absolutely no obligation to uphold that, or to tell users when information has been removed, or why.

Letztlich kann man Israels “Propaganda-Stipendien” als logischen nächsten Schritt eines Landes sehen, das die sozialen Medien sehr forciert zum eigenen Vorteil versucht einzusetzen. Gerade Facebook ermöglicht es diesen Studenten, getarnt als der gewöhnliche Student von nebenan, israelische Propaganda wesentlich subtiler zu verbreiten (was sich z.B. auch Neo-Nazis zunutze machen). Wie viel diese wenigen hundert Studenten dann wirklich ausrichten können, bleibt noch abzuwarten.

Israel’s latest “covert” maneuver on social media, in other words, is far from surprising, though the entire thing smacks of a bad spy movie. The idea that 500 Twitter soldiers would be able to make a meaningful difference in the global morass of social media sounds unlikely.

Letztlich sind die sozialen Medien nur ein weiterer Kanal, den sich die verschiedensten Interessengruppen zunutze machen. Auch, wenn die Rhetorik der sozialen Medien auf Freundschaft, Kommunikation und Verbundenheit abzielt, muss man sich bewusst sein, dass die Akteure teils ganz andere Ziele verfolgen.

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June 28 2013

Türkischer Kommunikationsminister lobt Facebook für Zusammenarbeit während der Proteste

Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı berichtet, sagte der Verkehrs- und Kommunikationsminister Binali Yildrim am Mittwoch, dass die türkische Regierung verschiedene soziale Netzwerke, darunter Facebook und Twitter, in Zusammenhang mit den Protesten kontaktiert hat.

We did not see a positive attitude [from Twitter] but Facebook has been working in harmony with the Turkish authorities for a long time. [...] We don’t have any problem with them.

Diese Aussage führte zu Spekulationen darüber, ob Facebook den Regierungsbehörden Daten von Demonstrierenden ausgehändigt hat. Facebook dementierte dies noch am selben Tag:

Facebook has not provided user data to Turkish authorities in response to government requests relating to the protests. More generally, we reject all government data requests from Turkish authorities and push them to formal legal channels unless it appears that there is an immediate threat to life or a child, which has been the case in only a small fraction of the requests we have received. We are concerned about legislative proposals that might purport to require Internet companies to provide user information to Turkish law enforcement authorities more frequently. We will be meeting with representatives of the Turkish government when they visit Silicon Valley this week, and we intend to communicate our strong concerns about these proposals directly at that time.

Laut Reuters forderte Yildirim am Mittwoch ebenfalls, dass Twitter ein Büro in der Türkei eröffnen soll – es müsse direkte Ansprechpartner geben. Twitter antwortete nicht auf diese Aussage.

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June 27 2013

Großbritannien: Polizeieinheit überwacht 9000 Aktivisten

Eine Polizeieinheit der Londoner Metropolitan Police, die National Domestic Extremism Unit (NDEU), hat fast 9000 politische Aktivistinnen und Aktivisten überwacht. Das fand The Guardian mit einer Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz heraus. Demnach gibt es Akten über 8931 Personen, die als “domestic extremists” gelten – laut einem senior officer haben viele von ihnen keinerlei Vorstrafen.

Die NDEU überwachte die Aktivistinnen und Aktivisten mit einem 17-köpfigen Team, das eine Technik namens “Socmint” (Social Media Intelligence) anwendete. Damit werden Facebook Profile, Tweets, andere öffentliche Daten und Ortungsdaten gesammelt und analysiert sowie “sentiment analysis tools”, also ‘Gefühlanalysewerkzeuge’ genutzt, um zukünftige Vebrechen vorherzusagen. Mit diesen Strategien sowie verdeckten Ermittlern und Informanten überwacht die Polizeieinheit Aktivistinnen und Aktivisten eines breiten politischen Spektrums, von der rechten Englisch Defense League über Tierschützer bis hin zu Anti-Kriegs-Demonstranten.
Met-Police-logo

Umut Ertogral, Leiter der Open Source Intelligence, sagte im Mai auf einer Konferenz in Australien (laut Wired dachte er, es handele sich um eine nichtöffentliche Präsentation):

[Social media] almost acts like CCTV (Videoüberwachungsanlagen) on the ground for us. Just like the private sector use it for marketing and branding, we’ve developed something to listen in and see what the public are thinking.

Seit den Unruhen in England 2011 soll diese neue Art der Überwachung eingerichtet und verbessert worden sein und wie Paul Wright bei Wired schreibt, zielt diese Art der Überwachung auf solche Daten die, absichtlich oder unabsichtlich, öffentlich zugänglich sind – während das Prism Programm der NSA es gerade auf nichtöffentliche Daten abgesehen hat.

Der Regulatory Investigation Powers Act (RIPA), der die Telekommunikationsüberwachung im Vereinigten Königreich regeln soll, wurde im Jahr 2000 verabschiedet und beinhaltet keine Kontrollmöglichkeit für Polizeiermittlungen, bei denen Social Media genutzt wird. Während es für Überwachungsmaßnahmen das Okay eines Vorgesetzten braucht, ist völlig unklar wie es sich bei öffentlichen Social Media Daten verhält. Eric King von Privacy International sieht hier Klärungsbedarf:

Millions of British citizens share billions of pieces of information about their lives with social networking sites every day. While Ripa authorisations are required for most methods of offline surveillance the police are refusing to come clean about what checks and safeguards — if any — are in place to ensure that surveillance of online activities stays lawful and proportionate.

Erst am Dienstag war bekannt geworden, dass die Metropolitan Police heimlich Treffen eines Anwalts mit einem Augenzeugen des Mordes an Stephen Lawrence 1993 abgehört hatte. Der Augenzeuge Duwayne Brooks war Ziel einer Hetzkampagne der Polizei, um seine Zeugenaussage zu diskreditieren. Im vergangenen Jahr wurden schließlich zwei Männer verurteilt, nachdem neue Beweise ans Licht gekommen waren.

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June 26 2013

Sammlung Wissenschaftlicher Paper zu Zensur und Kontrolle im Internet (2/5): Zensur und Klarnamenpflicht bei chinesischen Microblogs

Teil 2/5 einer kleinen Sammlung wissenschaftlicher Paper zu “Internet Censorship and Control”, zusammengestellt von Steven Murdoch und Hal Roberts.

Quelle: Tech In Asia

Quelle: Tech In Asia

King-wa Fu, Michael Chau (University of Hong Kong) und Philip C.H. Chan (Hong Kong Polytechnic University) thematisieren in ihrem Paper “Assessing Censorship on Microblogs in China: Discriminatory Keyword Analysis and Impact. Evaluation of the ‘Real Name Registration’ Policy” die Nutzung von Mikroblogs in China sowie den Einfluss verschiedener Zensurmethoden und der Klarnamenpflicht auf chinesische Mikrobloggerinen und -blogger.

Bei anderen Studien bezüglich der Zensurmaßnahmen in China, zum Beispiel der von Gary King, Jennifer Pan, und Margaret Roberts, sehen Fu, Chan und Chau gleich drei Schwierigkeiten, die die Aussagekraft der Studie gefährden. Zum einen das hohe Spamaufkommen, vor allem beim größten chinesischen Mikroblogging-Dienst Sina Weibo, das einerseits den Traffic künstlich erhöht und andererseits häufig zensiert wird. Weiterhin ist es zu kurz gegriffen, nur die zensierten Begriffe zu betrachten – in China werden häufig Inhalte von bestimmten Personen zensiert, von Dissidenten, Journalisten, Akademikern oder Aktivisten. Die drei Wissenschaftler schlagen daher vor zu fragen, wieso einige Aussagen gewisser Personen zensiert werden und andere nicht, und wie diese Zensur beschaffen ist. Der dritte Punkt, den Fu, Chan und Chau anmahnen, ist die Definition chinesischer Begriffe. Anstatt sich nur an festgelegten Begriffslisten zu orientieren, sollten Forscherinnen und Forscher auch Wortspiele, Homophone und umgangssprachliche Schreibweisen berücksichtigen. Sie könnten sonst den Umfang ihrer Ergebnisse limitieren.

Die drei Wissenschaftler entwickelten für ihre Forschung ein System namens Weiboscope. Durch die offene Sina Weibo API konnten sie eine Liste aller ‘populären’ Mikrobloggerinnen und -blogger (solche mit mehr als 1000 Followern) seit Ende 2012 erstellen, insgesamt etwa 350.000. Deren Timelines (Posts) speicherten sie in einer Datenbank, so kamen zwischem dem 1. Januar 2012 und dem 30. Juni 2012 insgesamt 111 Millionen Posts zusammen. Durch die Beschränkung auf ‘populäre’ Nutzerinnen und Nutzer soll die Anzahl an Spam Accounts minimiert werden.

Da zensierte Inhalte sehr schnell verschwinden, erstellten die Forscher drei priorisierte Gruppen: Gruppe 1 besteht aus weniger als zehn Akademikern der Universität Hong Kong, die sich regelmäßig zu Chinas Medienindustrie äußern. Die Timelines dieser Gruppe werden alle drei Minuten aktualisiert und kontrolliert. Gruppe 2 besteht aus Freunden (Followern?) der ersten Gruppe, überwiegend Dissidenten, Journalisten und Wissenschaftler. Dieser Gruppe werden ebenfalls Nutzerinnen und Nutzer hinzugefügt, bei denen festgestellt wird dass Posts gelöscht werden. Sie besteht aus circa 5000 Personen und wird alle sechs Stunden aktualisiert. In Gruppe 3 befinden sich 38.000 Personen mit mehr als 10.000 Followern, sie wird ein Mal täglich aktualisiert.

Die Forscher verglichen also die aktualiesierte Timeline mit der Version zuvor. Fehlt ein Post, gibt es zwei mögliche Fehlermeldungen: “weibo (Post) does not exist” oder “permission denied”. Tests ergaben, dass “permission denied” dann angezeigt wird, wenn der Post von einem Zensor gesperrt wird – bei Sina Weibo gibt es für Nutzerinnen und Nutzer selbst keinerlei Möglichkeit, Posts zu verbergen oder nur bestimmten Menschen zugänglich zu machen. Wird hingegen “weibo does not exist” angezeigt, kann entweder derjenige Nutzer seinen Post selbst gelöscht haben, oder er wurde von einem Zensor komplett gelöscht. Da die Forscher keine Möglichkeit sehen, bei der zweiten Fehlermeldung zwischen Zensur und selber löschen zu unterscheiden, werden diese Fälle nicht aufgenommen. So wurden insgesamt 17.594 zensierte Posts von 4667 Personen erfasst.

Die am häufigsten zensierten Begriffe thematisierten den Skandal um Bo Xilai, die Ereignisse rund um Chen Guangcheng, die Ein-Kind-Politik, die Wohnungspolitik und das Rentensystem.

Other major keywords included political terms “two meetings” (the two annual meetings that make national-level political decisions), National People’s Congress (leaders in the Communist Party, officials, refuting rumors, content deletion and profanity. Furthermore, we discovered a number of terms that were created by Chinese microbloggers to circumvent the censors. For example Pingxi Wang (literally “King who pacifies the west,” referring to Bo Xilai), CGC (initials of Chen Guangcheng), “crown prince” (referring to Xi Jinping, China’s new leader) and “grass” (an obscure alternative writing of a homophone of a vulgar word).

Die genaue Analyse der Schlüsselwörter findet im Paper auf den Seiten 10-12 statt.

Evaluation des Einflusses der Klarnamenpflicht

Fu, Chan und Chau legten zwei Zeitperioden fest: Die erste, T1, vom 8.12.2011 bis 15.03.2012, die zweite, T2, vom 16.03.2012 bis 22.06.2012. T1 beschreibt die 99 Tage vor Durchsetzung der Klarnamenspflicht, T2 die 99 Tage danach. Insgeamt 166.725 Mikrobloggerinen und -blogger, die während T1 mindestens einen Post abgesetzt hatten, wurden berücksichtigt. Die untenstehende Grafik zeigt die tägliche Post-Frequenz, die an drei Stellen einbricht. Einmal vor dem chinesischen Neujahrsfest, einmal direkt nach dem 16. März und einmal am 20. April (wegen eines “Internet Crackdown”).

weibo

Da die Wissenschaftler jedoch keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Durchsetzung der Klarnamenspflicht und dem Einbruch in den Posts der beobachteten Nutzerinnen und Nutzern feststellen konnten, konzentrierten sie sich auf die “potentially affected microbloggers” (PAM) – also diejenigen Nutzerinnen und Nutzer, die sich von der Klarnamenspflicht womöglich haben beeinflussen lassen. 34.3 Prozent der knapp 167.000 Testpersonen wurden als PAM identifiziert, da sie alle während T2 nichts gepostet haben.

In summary, despite an absence of evidence of significant changes in overall activity after the RnR (Real-Name Registration, Anm. d. Red.), when comparing those microbloggers who did not post after the RnR to those who posted as usual by scrutinizing their contents published before the RnR, we discovered that the best discriminatory terms between two groups were mostly related to political and social issues. We therefore suspected if the RnR were not enforced, some PAM microbloggers could have posted weibos related to politics as usual after the RnR.

Fu, Chan und Chau sehen ihre Forschung nur als vorläufig, weitere Studien mit längeren Zeitperioden seien notwendig, um Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Despite the fact that China is an authoritarian state and the contexts are totally different, this result should have global implications as recently more international social media companies, including Youtube and Google, have expressed interest in forcing their users to disclose real names to minimize trolling.

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January 25 2012

#Changeyourworldcairo – Frauen in der Arabischen Revolution

Heute ist das Jubiläum des 25. Januars, dem Tag an dem die Revolution in Ägypten ausbrach. Zu feiern gibt es leider wenig, die Revolution ist zumindest in Ägypten noch nicht abgeschlossen und ihr Ausgang unklar. Vor allem für die Frauen in Ägypten steht viel auf dem Spiel – ihre Rolle in der Revolution beleuchtete eine eintägige Konferenz, der Yahoo Women Summit #changeyourworldcairo. 

Drivers for change

Was für Frauen in Deutschland absolut selbstverständlich ist, wird von der Sittenpolizei in Saudi Arabien hart bestraft. Autofahren ist hier reine Männersache. Dagen protestiert Manal Al-Sharif  mit ihrer Kampagne Women2Drive. Nachdem sie sich beim fahren filmen und interviewen ließ, wurde Manal zunächst wegen Aufwiegelns der öffentlichen Meinung gegen den Staat verhaftet. Glücklicherweise ist Manal wieder frei und schildert eindrucksvoll ihre Position auf Konferenzen wie dem Yahoo Womens Summit in Kairo, der am 18.01.2012 stattfand.

Nur dank Youtube, Facebook und Twitter konnte sie die notwendige Aufmerksamkeit generieren, die sie benötigt um ihrem Protest die notwendige Wirksamkeit zu verleihen. Ohne Social Media Kanäle wäre sie womöglich einfach nur eingesperrt worden. Es hätte sich keiner für diese, in ihrem Land verfolgte, Frau in Saudi Arabien interessiert. Mit den Augen der Weltöffentlichkeit, über 83,000 Youtube Views und über 57,000 Followern auf Twitter hat sie sich eine Öffentlichkeit und eine Community an Unterstützern aufgebaut, die ihr helfen ihren Protest voranzubringen und sie schützen.

The Power of Social

Manal ist eine von vielen beeindruckenden Frauen, die Yahoo zu #changeyourworldcairo eingeladen hat, um ihre Geschichte zu erzählen. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Revolutionen im Arabischen Raum zieht diese Konferenz Bilanz: Welche Rolle spielen Frauen in der Revolution und wie nutzen sie soziale Medien? Die Konferenz bot eine wichtige Gelegenheit zum kennen lernen der Aktivistinnen unter einander und zum Austausch von Erfahrungen. Einen Tag lang diskutierten die Teilnehmerinnen in verschiedenen Panels über Soziale Medien und Journalismus, Protest, und Wirtschaft. Darunter ebenfalls die 20-jährige Danya Bashir, die sich selbst in ihrem Twitter-Profil als die nächste Präsidentin Libyens bezeichnet. Kein unglaubwürdiges Ziel, wenn man die Entschlossenheit erlebt, welche die junge Frau zeigt um ihr Land wieder aufzubauen. Mutig setzt sie sich für Kinderprojekte und Minenopfer ein. Zu diesen Frauen gehört auch Lamees Dhaif, Bloggerin aus Bahrain. Sie ermahnt, die Revolution in ihrem kleinen Öl-gesegneten Land nicht zu vergessen. Die Welt schaut gerne weg, wenn sie ihre Rohstoffe in sicherer Hand sieht und verzeiht dafür auch mal Menschenrechtsverletzungen. Das dürfe nicht länger sein. Wegen ihrer Protestarbeit darf Lamees schon lange nicht mehr in den Medien berichten. Die Auflagenstärkste Zeitung in Bahrain druckt 12.000 Exemplare täglich, die Zahl ihrer Twitter-Follower  ist drei Mal so hoch. Auch Lamees sieht in sozialen Medien den einzigen Kanal über den sie sich Gehör verschaffen kann – als Revolutionärin und als Frau.

Neben netzpolitischen Themen wie die zeitgleichen Proteste gegen SOPA, Tools für Sicherheit und Anonymität wie das TOR-Projekt und die Bedeutung offener Technologien wurden auch soziologische Fragen diskutiert, zum Beispiel in welcher Sprache man soziale Medien am effektivsten nutzt – richtet man sich an die lokale Bevölkerung oder an die allgemeine Weltöffentlichkeit. Viele der Aktivistinnen wählen eine Mischung. Öffentlichkeit ist ein wichtiger Schutz, in Zeiten in denen Gewalt gegen Frauen ein neues Ausmaß annimmt. Die Überfälle der letzten Monate auf Frauen in Kairo sind Teil der Einschüchterungstaktik der Armee und des alten Regimes sowie religiöser Organisationen. Viele der Frauen die maßgeblich zur Veränderung in ihren Ländern beigetragen haben wurden auch Opfer physischer und psychischer Gewalt, wie Mona Eltahawy. Mit Schienen an den Armen, ein traurige Erinnerung an die Polizeigewalt die sie Erfahren musste, plädiert sie zum Abschluss der Tagung dafür sich stark zu machen, Solidarität zu zeigen, und sich weiterhin für die Rechte von Frauen und Demokratie einzusetzen.

Eine Konferenz wie #Changeyourworldcairo kann natürlich nur einen kleinen Beitrag leisten, Aktivistinnen zu unterstützen. Es gilt die Resultate aus dem schicken, klimatisierten Hotel-Konferenzraum auf die Straße zu tragen und umzusetzen. Auch heute sind Mona und ihre Ägyptischen Revolutionsmitstreiterinnen wieder auf dem Tahir Platz und versuchen ihre Zukunft zu gestalten.

September 22 2011

Die dmexco überleben: Survival in der Einöde des Digital Marketing

Zwei Tage verbrachte ich jüngst in Köln, wo die jährliche Digital-Marketing-Fachmesse Digital Marketing Exposition & Conference (dmexco) abgehalten wurde. Diese Messe ist so eine Art Klassentreffen jener BWL-Studenten, die nach dem Studium “was mit Internet”, und dort möglichst die große Kohle machen wollten. Und was machen sie auf diesem Treffen? Sie versuchen sich gegenseitig etwas zu verkaufen.

Herauszufinden, was genau das denn so ist, sollte mein Ziel sein. Ich wollte diese Lebensform des Online-Marketing-Experten, seine Überzeugungen, Träume und Ziele verstehen und in dieser Expedition ins Ungewisse erforschen. Und ach! Wie ernüchternd war dieser kurze und schmerzhafte Einblick in die Lebens- und Denkweisen der Digital Marketing Professionals!

Schnell lernt der dmexco-Besucher, in der Mitte der Gänge zu laufen, und nicht stehenzubleiben. Wer diese Regel missachtet, macht sofort Bekanntschaft mit einer jener tausenden freundlichen und gesichtslosen Damen, die ihre Einstellungsqualifikation für den Job als Hostess in wenig und engen Stoff gehüllt präsentieren. Man muss dann – das ist wohl so Brauch – an einer Verlosung eines iPad2 teilnehmen. Kaum ein Stand, an dem mir nicht versprochen wird, dass es schon bald in meiner Post liegen könnte. Wer daraus Rückschlüsse auf Kreativität und Ideenreichtum der Aussteller zieht, läuft wenig Gefahr, widerlegt zu werden. Zwecks Verlosungsteilnahme ist das Aushändigen einer Visitenkarte natürlich unausweichlich, schließlich geht es hier um Kontakte, Kontakte, Kontakte!

Wenn man die hübsche (minderjährige) Annabell, Chantall oder Suse dann mal nach den Geschäftsfeldern ihres Arbeitgebers fragt, glänzt sie mit fehlerfreier Aussprache branchenüblicher Zungenbrecher wie Integrated Multichannel-Email-Marketing, High-Quality SEO-Content oder Return-of-Investment-Optimization. Auf Nachfrage, was das denn bedeute, stellt sie einem schnell einen der im hinteren Teil des Standes befindlichen Anzugträger vor, der Titel wie Chief Social Media Relations Optimization Strategist oder Senior Content Investment Evaluation-Analyst trägt. Dieser ebenso gesichtslose Mann verspricht effizienteres Marketing, erfolgreicheres Campaigning und – natürlich – mehr Umsatz.

Gefragt nach seiner Strategie, erzählt er einem dann wahlweise von

  • Suchmaschinenoptimierung (Die Seite zur #1 auf Google machen, was die Konkurrenz sicherlich nicht versucht),
  • Nutzer-Tracking und Behavioral Targeting (den Nutzer durchs Netz verfolgen, seine Vorlieben und Interessen kennenlernen, und ihm dann das Produkt anbieten, das er am wahrscheinlichsten kauft – “Wir helfen Ihnen, Ihre Kunden wiederzuerkennen, wir geben ihnen ein Gesicht!”)
  • Mouse-Tracking (Wohin bewegt der Nutzer seine Maus, was erregt seine Aufmerksamkeit? Klickt er auch schön dahin, wo meine Kasse klingelt?)
  • Conversion Rate Optimization (Erhöhung des Anteils der Seitenbesucher, die auch tatsächlich etwas kaufen)
  • Return of Investment (Steigert die Werbemaßnahme meinen Umsatz?)
  • Social Campaigns (Marketing über Facebook, Twitter etc.)
  • und allen möglichen Tools zur Auswertung des Erfolges von Werbemaßnahmen in Webseiten und Apps.

Dabei kommen dann so überzeugende Slogans wie “Das Wurstfinger-Prinzip: 75% der Nutzer klicken versehentlich auf Bannerwerbung in Apps. Nutzen Sie diesen neuen Marketing-Kanal jetzt für sich!” oder Weisheiten wie “Es gibt guten und es gibt schlechten Traffic.” zum Einsatz. Dazu genießt man Kekse mit – ganz originell! – aufgedrucktem QR-Code oder klassische Schnittchen, serviert von Annabell, Chantall oder Suse.

Was ich mit meiner fiktiven Firma überhaupt mache, ist völlig egal. Ich brauche ohne jeden Zweifel das Produkt des Gegenübers, um meinen Return of Investment zu optimizen und mehr Traffic zu generaten. Guten Traffic natürlich, mit hoher Conversion Rate. Und dazu ist natürlich eine fundierte SEO vom Spezialisten unumgänglich. Allein: Mir fehlt der Inhalt.

“Ach Content! Nichts leichter als das! Natürlich haben wir Content! Buchen Sie jetzt unsere 80.000 Schreiberlinge, die ihnen 1A unique-SEO-content für Ihren Erfolg liefern. High-Quality-Content-Generation ist UNSER Fachgebiet.”

Mir war ja irgendwie klar, dass das Internet mit seinen Tracking-, Storage- und Analysis-Posibilities die World of Marketing upside down stellen würde. Plötzlich kann jeder Minimalaspekt des Wegs von first contact bis conversion detailliert analyzed und optimized werden. Da gehen Marketing-Psychologists natürlich crazy. Endlich cleane data, endlich just-in-time-results, endlich kann man seine Strategie empirically evaluaten und optimizen. Für den Success.

Es ist schon ein trauriges Bild, was diese Personen vom Internet als besserer Fernseher mit Verkaufsmöglichkeit entwerfen, und was für ein verzerrtes Bild sie sich vom Netz und seinen Nutzern trotz ihrer genauen und umfassenden Analysen gemacht haben. Was will man aber auch anderes erwarten, es sind einfache BWL’er und sie haben gelernt, auf statistische Kennwerte zu achten, was sicherlich auch nicht die schlechteste Idee ist. In jede Idee von Datenschutz ad absurdum führenden Firmen für Web-Werbung sind solche Menschen dem Gemeinwesen sicherlich immer noch weniger schädlich als in Welche-Mitarbeiter-soll-ich-entlassen-Unternehmensberatungen wie McKinsey. Und für kreativere Ideen als “Wir spionieren ihre Kunden so gut wie möglich aus”, Glückskekse mit URLs oder Handy-Sessel mit Firmanaufdruck muss man eben zu einer anderen Messe gehen.

Wer aber an 9,3 Millionen Emailadressen mit Werbeeinwilligung oder die Erfolgsversprechen einer Do-it-yourself-Intant-Facebook-Verlosungs-Quiz-App glaubt, der ist bei der dmexco genau richtig.

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