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August 26 2013

Remixer #15 Omid McDonald: “Horror-Geschichten über Klärung von Samples”

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Logo von legitmix.com

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Omid McDonald.

Omid McDonald ist Softwareentwickler und Unternehmer. Zur Zeit arbeitet er für Legitmix, einem Marktplatz für Kunstschaffende, die mit Samples arbeiten.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Ein guter Remix oder Mashup haucht alten Songs neues Leben auf eine Weise ein, die Freude bereitet und überrascht.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Für einen Softwareentwickler ist es normal auf bestehender Software aufzubauen. Wie ein Remixer sampelt ein Entwickler bestehenden Code um damit etwas neues zu erschaffen.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Als Softwareentwickler macht es für mich Sinn, auf einem originalen Song aufzubauen, den ein Konsument erworben hat. Auf diese Weise wird der Remixer für seinen kreativen Beitrag bezahlt und auch der ursprüngliche Künstler wird entlohnt, wenn jemand die Werke des Remixkünstlers genießt.

Was ist die Idee hinter legitmix.com? Was war Eure Motivation es zu gründen?

Mir kam die Idee für Legitmix als ein Jugendfreund, Booker Sim, mir über seine Probleme bei der Lizenzierung von Musik für eine Dokumentation erzählt hat, an der er jahrlang gearbeitet hatte. Er erklärte mir die Probleme des Lizenzierens von Samples und ich dachte, vielleicht gibt es eine technologische Lösung.

Abgesehen davon, hattest Du schon einmal rechtliche Probleme wegen künstlerischer oder musikalischer Praktiken? 

I habe Horror-Geschichten über die Klärung von Samples von hunderten Künstlern gehört. Das bestehende händischen System zur Lizenzklärung macht es so schwer, sample-basierte Musik legal zu veröffentlichen, dass die Mehrheit der Remixer ihre Arbeit kostenlos über das Internet verbreiten. Das erzeugt eine “Kostenloskultur”, die sowohl die Remixer als auch die Autoren der Originale um ihr Einkommen bringt.

Wie funktioniert legitmix.com und warum ist es notwendig?

Legitmix erlaubt einem Remixer Anweisungen zu erzeugen, die ein Konsument nutzen kann, um das Werk des Remixers auf Basis seiner eigenen Kopie der gesampelten Werke zu reproduzieren. Wenn der Konsument die Originaltracks nicht hat, machen wir es ihm einfach, diese von iTunes zu kaufen. Das erlaubt dem Remixer den Verkauf seines geistigen Eigentums und stellt sicher, dass auch der ursprüngliche Künstler vergütet wird.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Mir gefällt das Sleeper Mashup von Michael Jacksons “Remember the Time” und “Breathe” von Télépopmusik. Es kombinierte auf perfekte Weise zwei tolle Songs um etwas wunderschönes zu erschaffen.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Das englische Originalinterview führte Georg Fischer, Übersetzung von Leonhard Dobusch.

Wir wollen netzpolitik.org weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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August 22 2013

‘Right 2 Remix’: Englische Seite der Initiative für ein Recht auf Remix

Avatar_en_03Im Rahmen der re:publica 2013 startete der Digitale Gesellschaft e. V. eine Initiative für ein “Recht auf Remix“. Seither gibt es nicht nur wöchentlich ein Interview mit einem bzw. einer Remixer/in, sondern auch via Twitter und Facebook einen Remix des Tages.

Weil die Anliegen der Initiative zum Teil am besten auf europäischer Ebene umsetzbar sind, ist es nur logisch, die Initiative auch auf ebendiese Ebene zu bringen. Mitten im Sommerloch startet deshalb heute die englische Version der Seite unter right2remix.org. In der Pressemeldung dazu heißt es:

Markus Beckedahl, spokesperson of Digitale Gesellschaft e. V., demands legal changes to adapt to these technological and social developments: “The right to remix has become a fundamental requirement for freedom of expression and free speech in a digital society.”

Um Weiterleitung dieser Information an die englischsprachigen Menschen in der jeweiligen Timeline wird gebeten.

Disclaimer: Ich bin in die Konzeption der Initiative involviert.

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August 19 2013

Remixerin #14 DJ Aroma: “Recht auf Remix wäre ein Traum”

aroma

DJ Aroma

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: DJ Aroma.

DJ Aroma lebt momentan in Berlin und Portugal und bezeichnet sich selbst als Künstlerin, weil sie sich als Produzentin, Live Act und DJ nicht als Dienstleisterin versteht. Sie macht Musik mit unterschiedlichen Mitteln und einem sehr performativen Ansatz, der versucht aus der Beschäftigung mit dem Ort und der Art der Nutzung die beste Ästhetik zu entwickeln. Im normalen Cluballtag wird ihre Musik als „Deep House“ bezeichnet. Unter der Woche ist sie Labelmanagerin bei Aromamusic, WAAP und Audio Collective.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Die fieseste Verwertung von Werken Dritter findet ständig in meinem blonden Hinterkopf statt. Ich höre einen Track und er lässt mich nicht mehr los und dann lasse ich mich davon inspirieren. Das kann sein dass ich nur das Arrangement analysiere oder dass ich einen Sound besonders toll finde und den dann nachbaue. Ich bin auch ein großer Fan von Disco, da wird es dann allerdings schwieriger weil ich da bereits Loops im Kopf schneide , die ich dann nicht verwenden darf.

Wie geht es Dir damit, wenn Werke von Dir remixt werden? Hast Du keine Angst, dass Leute damit Dinge tun, die Dir nicht gefallen?

Ich bin da schmerzfrei, denn mein Track steht ja als Original im Raum.Wenn jemand anderes da etwas Ekelhaftes daraus macht, steht ja sein oder ihr Name drauf . Ich stelle mir gerade zum Beispiel vor, Guetta remixt DJ Aroma, da kommt bestimmt was ganz schlimmes raus – aber was soll’s, ich würde sicher viele neue tolle Geräte von dem Geld kaufen können, das mir so ein Remix einspielt, wenn das korrekt geregelt wäre.

Aber der Regelfall ist ja ein anderer, man macht Remixe mit Freunden und für Freunde oder Künstler die man mag und da ist das nur ein großer Spaß unter Musikschaffenden. Denn man kann beispielsweise seine Lieblingstracks von anderen so remixen, dass sie noch einmal die Dynamik eines anderen Produzenten oder einer anderen Produzentin bekommen. Ich habe in den letzten zwei Jahren so viele Remixes gemacht, dass ich gerade ein Remix-Album vorbereite, das im November erscheint.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Ein guter Remix ist auf jeden Fall eine eigene künstlerische Leistung in der Auseinandersetzung mit dem Werk. Die heute oft gängige Praxis ist: man nimmt einen sehr bekannten Track, legt einen Beat darunter und macht so den eignen Namen bekannter, aber Remix ist das keiner. Die Gründe hierfür liegen aber in einer anderen Problematik, denn heute regiert der Markt viel mehr als früher und den sogenannten Underground oder die Avantgarde gibt es kaum noch. Die meisten wollen heute mit Musik einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen, denn nur so kommt man an Gigs. Das hat im Zuge des Überangebotes eine fiese Dynamik angenommen.

Wie ist Deine Herangehensweise an Remixes?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man an Remixe herangeht, ich mache das immer von dem Material abhängig, das ich habe. Manchmal gefallen mir nur ganz kleine Parts und manchmal bleiben große Reste von Vocals oder einer Hookline, da ist der Wiedererkennungswert höher. Das ist im Vorfeld schwer zu sagen. Heutzutage kann man kaum noch wirklich aufwendig produzieren, weil der Verkaufszyklus von Musik immer kürzer wird. Bei Vinyl konnte vor 10 Jahren ein Track durchaus ein Jahr verkauft werden, bei Mp3s ist das Zeitfenster im Normfall heute gerade mal 6 Wochen bis 3 Monate.

Hast Du schon einmal aus nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet und warum?

Oh ja. Ich habe gerade mal wieder das aktuelle Problem weil ich mich an Disco vergriffen habe und genau weiß, wenn ich das herausbringe, dann bin ich auf der Flucht vor hungrigen Anwälten. Ich kann diesen Track nur live spielen, das ist legal. Aber bereits wenn ich den Liveact mitschneide und auf Soundcloud stelle, kann ich schnell ein Problem bekommen, also lasse ich es. Ich hätte kein Problem zu bezahlen, der Originalkünstler sollte ja auch seinen Anteil bekommen. Bei unserem Label regeln wir das immer 50% Original, 50% Remixer, das finden wir fair. Wenn man nicht solche „Unternehmen“ wie die GEMA hätte, die sich einfach weigern ein ordentliches Warenwirtschaftssystem bereit zu stellen, wäre auch die Abrechnung in einem größeren Rahmen kein Problem.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit? 

Ich habe bereits einen Prozess mit der GEMA geführt, weil ich keine Lust hatte für Dinge bei der GEMA zu bezahlen, die gar nicht aus deren Repertoire stammen. Das wird auch noch eine spannende Frage, wenn die GEMA einmal in einzelnen Tracks abrechnen muss, weil ich nämlich noch einen alten GEMA-Vertrag habe, indem die digitalen Rechte nicht enthalten sind. Mal sehen wie es auf dieser Tanzfläche weitergeht.

Was Abmahnungen betrifft bin ich sehr vorsichtig und halte mich da sehr genau an die Regeln. Für meine eigenen Werke mache ich von daher grundsätzlich keine Exklusivverträge, so dass ich das Recht an meinem Werk immer selbst behalte. Da gibt es dann vergleichsweise wenige Wege einen zu belangen. Ich habe zum Beispiel einmal einen Brief eines Anwaltes bekommen, der behauptete er würde die Rechteinhaber meiner Songs vertreten, da musste ich herzlich lachen.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Ein vergütetes Recht wäre ein Traum und vor allem der Zeit angemessen. In absehbarer Zeit werden wir mit Samples und Loops wahrscheinlich gleich viel einspielen wie mit Tracks, da wäre es sinnvoll wenn man dann schon so weit wäre das zu vergüten. Die DJs werden aufgrund der neuen Technologien auch immer kreativer, was die Verwendung von Musik betrifft, da muss man Musik auch anders denken. Eine Grundforderung ist auch DJing als künstlerisch eigenständige Leistung zu honorieren, das verweigert die GEMA. Jeder Honk, der auf einem Klavier eine Taste trifft darf da als Künstler abrechnen, DJs aber nicht. Wenn man Tracks wie verlegte Werke betrachten würde könnte man ohne Probleme auch DJing als Kunstform anerkennen, dann gäbe es einen Anteil für die Aufführung bzw. Performance. Da ist wohl insgesamt ein grundsätzliches Neudenken erforderlich, da die letzten 30 Jahre technologisch und ästhetisch viel geändert haben. Bei Clubmusik ist das meiste Repertoire nicht GEMA-geschützt. Jetzt muss man sich nur mal vorstellen es würde im Clubkontext trackbasiert abgerechnet werden und nicht nach Gießkannen-Prinzip an die grossen Player verteilt, da würde viel mehr Geld an die Clubszene zurückfliessen.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Mein persönlicher Lieblingsremix ist momentan ein Track von Maurice Aymard aus Barcelona vom Galaktika Label. Der Track hat mich durch einen bösen Berliner Winter gerettet und da ich Maurice kenne habe ich ihn nach den Remix Files gefragt. Und dann waren wir uns einig dass wir kein Abrechnungskuddelmuddel wollen, sondern ihn verschenken. Freier Download auf meiner Soundcloudseite:

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet.

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August 05 2013

Remixer #12 Marcus Maack: “Zu einem großen Teil bekommen die Künstler Nichts”

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Marcus Maack (Foto: Anne Oschatz)

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Marcus Maack.

Marcus Maack ist als DJ unter dem Namen Der Vinylizer unterwegs. Auf ByteFM zeichnet er für Sendungen wie “BTTB – Back To The Basics” und “All Samples Cleared!?” verantwortlich. Außerdem ist er Mitveranstalter der Basspartyreihe “WobWob!” und Resident im Mojo Club.

In Deinen oder anderen Sendungen auf ByteFM werden bestimmt auch manchmal Remixes oder Mashups gespielt, die es so nirgends zu kaufen sondern nur im Netz als Download gibt. Wie werden in so einem Fall die Rechte geklärt?

Gute Frage. Wenn jemand Musik bei SoundCloud anbietet, muss er beim Upload bestätigen, dass er die Rechte an der Musik hält. Dementsprechend gehe ich beim Einsatz davon aus, dass ich das problemlos spielen darf. Ob wir als Radiosender überhaupt Rechte klären müssen, ist mir unklar. Immerhin gibt es ja die GEMA-Vermutung, die besagt, dass ich – wenn ich GEMA-freie Musik spielen möchte, der GEMA beweisen muss, dass die Musik GEMA-frei ist. Im Umkehrschluss würde ich vermuten, dass diese Vermutung auch für mich gilt, und ich mir keine Gedanken darüber machen muss, ob die Musik die ich spiele von der GEMA überhaupt abgedeckt wird oder nicht. Soweit ich weiß ist die GEMA dafür zuständig, dass die Künstler ihren Anteil bekommen. Dafür zahlen wir GEMA-Gebühren und geben entsprechende Tracklistings unserer Sendungen ab. Wobei ich mich seit Jahren frage, wieviel Geld die von mir gespielten Künstler letztendlich von den von uns gezahlten Gebühren bekommen. Ich würde wetten: Zu einem großen Teil bekommen die von mir gespielten Künstler Nichts.

Und wer bekommt dann die GEMA-Gebühren?

Wir geben Tracklistings ab, die rudimentäre Infos beinhalten (Artist, Titel, Label). Beim NDR enthalten die Tracklistings weitere Infos wie Autoren, Komponisten, Katalognummer und Labelcode. Seit Musik aber größtenteils als MP3 promotet und vertrieben wird, ist all das Kleingedruckte entfallen, das auf Plattencovern und in CD-Booklets unter den Titeln stand. Das heißt wir bekommen die wichtigen Infos wie Autor und Labelcode gar nicht mehr und können sie somit auch nicht weiter geben. Der GEMA scheint das egal zu sein – in 21 Jahren haben die noch nie nähere Infos zu irgendwelchen von mir gespielten Titeln angefordert. Da ich größtenteils britische Bassmusik spiele, denke ich, dass die GEMA-Gebühren für die von mir gespielte Musik zu 90% bei Dieter Bohlen, Phil Collins und Heino landen wird. Wohin der Rest geht ist mir unklar. Die von mir gespielten Künstler bekommen, wie oben bereits erwähnt, vermutlich nichts.

Wie sieht die Situation bei Mashups aus, die mehr als 2-3 verschiedene Stücke miteinander kombinieren?

Wo soll da der Unterschied sein? Ich gebe den Namen eines Künstlers an. Die GEMA hat diesen Namen noch nie gehört und wird das Geld halt irgendwohin überweisen. Ich würde mir sehr wünschen, dass das GEMA-System transparenter wäre. Aber um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass das in den nächsten 100 Jahren passieren wird.

Wie sind eigentliche die Rückmeldungen der Radio-HörerInnen auf Remixmusik, die es nicht bei iTunes zu kaufen gibt? 

Erstmal ärgert mich die Formulierung “die es nicht bei iTunes zu kaufen gibt”. Ich würde meine Musik nie bei iTunes kaufen. Es gibt auch andere Anbieter von Musik: Boomkat, Juno, Beatport usw. Außerdem spiele ich oft Musik, die es nur auf Vinyl gibt. Aber zur Frage: Wie sollen da schon die Reaktionen sein? Ich spiele fast ausschließlich Musik, die meine Hörer bei mir zum ersten Mal hören. Musik, die es “bei iTunes” nicht gibt. Das ist in meiner Sendung nicht wirklich etwas besonderes. Für freie Downloads von Soundcloud biete ich Playlisten an, so dass die Hörer sich die Musik selbst laden können. Darauf sind die Reaktionen ausgesprochen positiv.

Als DJ und Promoter bist Du auch in vielen Hamburger Cubs unterwegs und kennst die Szene. Was denkst Du: Welchen Stellenwert haben Remixes, Mashups und exklusive DJ-Versionen im Club?

Gerade für jüngere Musikrichtungen wie Trap haben solche Remixes einen sehr hohen Stellenwert. Es gibt unzählige Trap-Remixes bekannter Songs, die es so nie “bei iTunes” geben wird. Das ganze ist ungemein spannend und vielleicht vergleichbar mit den ganzen Maxis und Dubplates, die es in Hochzeiten der CD nie als CD sondern nur als Vinyl gegeben hat. Sie befruchten die musikalische Entwicklung ungemein und fordern sehr viel Einsatz vom DJ. Ähnlich wie man früher tagelang durch Plattenläden ziehen musste, um rare Remixes und Songs zu finden, muss man heutzutage stundenlang SoundCloud und YouTube durchforsten, um die besonderen Remixes und Songs zu finden.

Zum Abschluss: Was ist Dein persönlicher Lieblingsremix? Und warum? 

Osymyso’s Intro Inspection. 101 Popsongintros in 12 Minuten. Das Stück ist 2002 erschienen und das beste Mashup, das ich kenne.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Das Interview führte Georg Fischer.

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July 29 2013

Remixer #11 Andi Otto: “Der Track schlummert für immer auf einer Backup-Platte”

Andi Otto (Foto: Robin Hinsch)

Andi Otto (Foto: Robin Hinsch)

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Andi Otto.

Der in Hamburg lebende Andi Otto veröffentlicht seit 2002 Musik als “Springintgut” auf Pingipung und City Centre Offices. Seit 2007 tritt er solo oder in Duos mit DJs mit dem “Fello” System auf, ein um Sensoren erweitertes Cello. “Fello” wurde  am niederländischen STEIM entwickelt, über dessen Geschichte und die dortigen Instrumental-Konzepte verfasst Otto außerdem gerade seine Doktorarbeit. Außerdem komponiert er für Theater- und Tanzperformances und arbeitet selbst als DJ.

Du hast mit dem “Fello” sogar ein eigenes Musikinstrument entwickelt. Was hat es damit auf sich und wie verwendest Du es?

Die Gesten des Bogens beim Streichen oder in der Luft verändern den Cellosound durch Software, die die sensorisch erfassten Daten meiner Gesten liest, das ist schon das ganze Konzept. Weil es etwas grundsätzlich anderes ist als Cello zu spielen, habe ich dem System einen Namen gegeben. Seit 6 Jahren spiele ich nur noch mit dem “Fello” in unterschiedlichsten Kontexten. Es ist eine experimentelle Klangsuche, ich improvisiere viel, aber ich sehe es am liebsten im sogenannten Clubkontext und spiele oft mit DJs.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Wenn jemand seine Begeisterung für ein bestehendes Stück Musik durch eine eigene Produktion mitteilen kann, dann ist ein Remix gut. Also nicht fremde Ideen in eigene einbauen, sondern mit dem Produzenten-Finger auf die Genialität eines bereits komponierten Sounds zu zeigen.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Kürzlich habe ich ein Konzert auf einem Festival in Ancona gespielt. In der zweiten Hälfte habe ich aus iTunes Techno Maxis abgespielt, zu denen ich improvisiert habe. Diese Maxis sind auf “Sutsche” aufgenommen, also von einem Plattenspieler gesampelt der auf 33 statt 45 läuft. Sutsche ist das Soundsystem in Hamburg, die nur nach diesem Prinzip auflegen. Durch das herunterpitchen entsteht viel Raum im Sound, zu dem ich gut spielen kann. Das prozessierte Cello fügt sich immer wieder neu ein und macht live etwas Neues aus dem Track. Wenn ich kann trete ich live mit dem Sutsche DJ “akaak” auf (siehe auch Video-Embed)

Außerdem nehme ich manchmal einen Sound, ein Fieldrecording oder ein Sample aus einem Track und prozessiere ihn mit Software, nur so, z.B. beim ICE Fahren – das finde ich spannender als Filme schauen oder ein spielen. Daraus entstehen dann manchmal Ideen für Neues, meistens ist es aber um des Moments willen, wie eine Etüde kennenzulernen etc.

Hast Du schon einmal nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet und wenn ja, warum?

Naja, nicht direkt rechtlich, aber einmal hatte ich Bedenken: Ich hab mal einen Edit von einer William Onyeabor Platte gemacht, die ich in Nigeria gekauft habe. Das ist eine ganz seltene Platte, von der ich ein paar Hooklines gesampelt und dann mit dem Cello etwas darum herum arrangiert habe. Den Track wollte ich eigentlich auf das aktuelle Album packen. Letztlich habe mich dann aber dagegen entschieden, weil ich den Credit natürlich angeben müsste, aber keine Ahnung hatte was da alles dranhängt. Und das Label fand den Track auch nicht so zwingend, dass man da jetzt Kohle dafür in die Hand nimmt. Der Track schlummert jetzt wahrscheinlich für immer auf einer Backup-Platte.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit?

Noch nie. Wenn sich Samples in meinen Tracks befinden, dann sind die so sehr prozessiert oder geschnitten, dass ich teilweise selber nicht mehr weiß was das im Ursprung war.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Auf den ersten Blick klingt ein Vergütungsmodell nach Bürokratie, weil erfasst und ausgewertet werden muss. Ich glaube, dass das spontane Einfach-Machen ein charakteristischer Teil der Sampling-Kultur ist.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Da fallen mir spontan zwei ein, beide spielen einen Track nach und sind also keine waschechten Remixe.

School Of Zuversicht: A Night In Berlin (Festland Replay):

Caribou: Melody Day (Four Tet Remix):

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Das Interview führte Georg Fischer.

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July 22 2013

Don’t ask, don’t tell: (k)ein Kommentar zum Thema Remix

Avatar_05In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Ein Bericht über Hintergrundgespräche zum Thema.

“sorry aber darüber möchte ich nicht reden…”

Diese Antwort, die ich kürzlich vom Betreiber eines Independent-Labels auf eine Interviewanfrage zum Thema Remixpraktiken erhalten habe, ist prototypisch für den aktuellen Stand der Diskussion zu Remixpraktiken im Musikbereich. Analog zur kürzlich abgeschafften Regelung für Homosexuelle im US-Militär heißt es in diesem Zusammenhang weitgehend immer noch: “Don’t ask, don’t tell.

Beispielsweise versuchen wir seit Start der Initiative “Recht auf Remix” mit Musikredakteuren und -verantwortlichen von öffentlich-rechtlichen oder anderen großen Radiosendern zum Thema ins Gespräch zu kommen. In einem persönlichen Gespräch hatte mir der Redakteur eines Mainstream-Formatradiosenders von den begeisterten Reaktionen der Radiohörer/innen erzählt, wenn manchmal Mashups bekannter Songs gespielt werden. Danach stünden die Telefone häufig nicht mehr still vor lauter Anfragen, wo es diese Mashups denn zu kaufen gäbe. Allerdings ist das Spielen von Mashups im Radio rechtlich keineswegs unproblematisch. Wenn, wie in den meisten Fällen, die Rechte nicht geklärt sind, können auch nicht die entsprechenden GEMA-Gebühren abgeführt werden.

Auf diesbezügliche Interviewanfragen, wie denn mit diesem Problem umgegangen werde, bekam ich jedoch trotz mehrmaligen Nachhakens keine Rückmeldung. Ein weiterer Versuch bei einem anderen öffentlich-rechtlichen Sender blieb zumindest nicht völlig unbeantwortet, die Rückmeldung auf eine Reihe von Fragen fiel allerdings wortkarg aus:

hier sind die Antworten, die ich ihnen geben kann:

Unsere Hörer freuen sich über spezielle Tipps. Wir behelfen uns bei Mash-Ups mit der Gema-Vergütung, indem wir eigenständig beide Songs über die Playlist abrechnen, bei Edits läuft es dann über Komponist und Musik.

Das Problem bei Mashups ist aber, dass dabei häufig (viel) mehr als zwei Songs miteinander kombiniert werden. Remixer David Wessel, mit über 130.000 Facebook-Fans einer der erfolgreichsten Mashup-DJs Deutschland, verwendet in seinen auf mashup-germany.com verlinkten Mashups meistens fünf oder mehr verschiedene Songs. In solchen (Normal-)Fällen ist die eigenständige Abrechnung beider Songs keine Option mehr.

Dass ich mit meinen Erfahrungen keineswegs alleine bin, bestätigt folgender Bericht eines Journalisten, der ebenfalls zum Thema “Recht auf Remix” recherchiert und Interviewpartner gesucht hatte:

Die Labels, bei denen ich um eine Stellungnahme gebeten hatte, wollten sich entweder nicht dazu äußern oder haben nach anfänglicher Zusage nicht mehr auf Anrufe und Mails reagiert. Die GEMA und die GVL haben sich zwar zu Hintergrundgesprächen bereiterklärt, ein offizielles Interview wollte mir jedoch niemand geben.

Der Hauptgrund für die inflationäre Gesprächsverweigerung zum Thema Remix ist genau die erwähnte Don’t-ask-don’t-tell-Logik: wir wissen, dass unsere Remixpraktiken regelmäßig Urheberrechte verletzen, wir reden aber nicht darüber. Exemplarisch dafür auch die Antwort, die ich von einem Künstler und Labelbetreiber aus der Hiphop-Szene auf die Frage erhalten habe, wie er eigentlich mit Sampling umgeht:

Eigentlich dürfte ich dir das ja nicht schreiben.
Aber im konkreten Fall sieht es so aus:
[…] Ich hab noch nie im Leben ein Sample geklärt. Nie. […] Dadurch, dass wir zu kleine Fische sind im großen Musikbecken hat da niemand Interesse daran, ein paar Euros rauszuquetschen. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass wenn man z.B. sehr auffällig ABBA etc. sampled, dann wird das vielleicht schon jemandem spanisch vorkommen. Dadurch, dass ich meistens irgendwelche unbekannten Sachen verwende, findet das in der Regel nur ein Nerd. […]
ich weiss, dass das […] Thema ist, gerade aktuell wurde [ein Sample in einem bestimmten Album] aus Angst vor Clearance-Schwierigkeiten nicht verwendet. Oder dass bei großen Chartproduktionen kaum Samples verwendet werden.

Mit anderen Worten: Während im Mainstream entweder auf Samples verzichtet wird oder die Rechte geklärt werden, setzen Indie-Labels und -Künstler darauf, nicht erwischt zu werden. Damit verbunden ist natürlich auch Vorsicht, sich öffentlich zu dem Thema zu äußern – schließlich steigt mit öffentlicher Aufmerksamkeit das Risiko, doch noch abgemahnt zu werden. Im US-Militär ist “Don’t ask, don’t tell” mittlerweile Geschichte. Es ist an der Zeit, dass sich auch Proponentinnen und Proponenten der Remixkultur von ihrem selbstauferlegten Schweigegebot entbinden.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet.

Wir wollen netzpolitik.org weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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July 08 2013

Remixer #9 Georg Fischer: “Sampling ist eine weitverbreitete ‘Schattenpraktik’”

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Georg Fischer.

Georg Fischer

Georg Fischer

Georg Fischer hat Soziologie, Philosophie und Musikwissenschaft in Berlin studiert. Neben journalistischen Tätigkeiten, vor allem für das Wiener Printmagazin skug und das Berliner Webmagazin und -radio BLN.FM spielt Fischer als DJ unter dem Namen “Ghost Notes” House und Bassmusic und seit ein paar Monaten in einer Bandformation namens “Remustard” (zusammen mit einem MC und einem Schlagzeuger). Hinzu kommt seit drei Jahren das Blog Jäger und Sampler.

Du hast eine Diplomarbeit zum Thema “Kreativität und Innovation des Samplings” geschrieben – was genau war hier Deine Forschungsfrage?

Ich hatte zwei grundlegende Forschungsfragen: Welche Kreativität(en) lassen sich beim Sampling historisch und aktuell beobachten? Und: Welche innovativen, das heißt konkret: folgenreichen Konsequenzen hatte die historische Entwicklung des Samplings auf die heutige Produktion, Distribution und Rezeption von Musik?

Und was hast Du herausgefunden?

Ich habe mir mit einem historischen Zugang die Entwicklung des Samplings von etwa 1900 bis 2000 angesehen. Das Interessante an dieser Geschichte ist, dass die Methode des Samplings zuerst in einem avantgardistisch-intellektuell-wissenschaftlichen Kontext erprobt, diskutiert und erschlossen wurde. Diese sogenannte “Neue Musik”, die dabei herausgekommen ist, war aber höchst umstritten und gesellschaftlich nur bedingt einflussreich. Ab den 1970er Jahren jedoch scheint die Situation zu “kippen”, nämlich als die ersten DJs beginnen, die Platten ihrer Sammlung nicht mehr als vorgefertigte Musikstücke zu betrachten, sondern sie für ihre eigenen Belange zu zweckentfremden. Ein paar Jahre später kamen dann die ersten preisgünstigen Sampler auf den Markt, mit deren Hilfe es nun einigermaßen einfach wurde, neue Musik aus bestehender Musik re-kombinatorisch zu erzeugen.

Hat das zu einer “Demokratisierung” von Originalität und Kreativität geführt?

Viele Beobachter glauben das, ich bin da einer anderen Auffassung: In allen Sample-basierten Genres wie beispielsweise HipHop, Drum’n'Bass, House u.a. gibt es interne, unterschiedlich strenge Logiken, wie Samples verwendet werden dürfen – und wie nicht. Diese “Neuheitsimperative” sind entscheidend für die Innovativität eines Genres und so gibt es auch in diesen Genres Musiker, denen Genialität oder besondere Originalität zugeschrieben wird. Der “Neuheitsanspruch” scheint offensichtlich einen immensen Einfluss auf künstlerische und gesellschaftliche Entwicklung zu haben. Überall da, wo Gesellschaft ist, ist auch Distinktion.

Welche Auswirkungen haben die rechtlichen Rahmenbedingungen für Sampling?

Ich denke, die Auswirkungen sind ambivalent: Einerseits werden die rechtlichen Rahmenbedingungen oft als Einschränkung für die Publikation von Stücken angeführt, wenn Samples nicht geklärt, also lizenziert werden können. Oft werden die Lizenzkosten von den Gesampelten zu hoch angesetzt oder es kann auf einfachem Wege nicht eindeutig geklärt werden, wenn es mehrere Rechteinhaber an einem Stück gibt, wie zum Beispiel auf die Komposition (Urheberrecht) oder auf den wirtschaftlichen Ertrag des Tonträgers (Leistungsschutzrecht). Manchmal dauert das Procedere auch einfach zu lange, wenn es sich über mehrere Jahre zieht und ein Release deshalb nicht mehr finanziell tragbar wird usw. Andererseits ruft das Urheberrecht aber auch regelrecht zu Kreativität auf, weil es indirekt dazu auffordert, neue Wege der Herstellung zu gehen, zu stärkeren Abweichungen von der Ästhetik des Ausgangssamples provoziert oder einfach dazu ermuntert, die Probleme zu umgehen. Das kanadische Start-Up Legitmix beispielsweise umgeht mit einem Trick und der passenden Technik einfach das Distributionsproblem von Remixes und Mashups.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit? Und sonst?

Nein, abgemahnt wurde ich noch nie, aber ich bin auch sehr vorsichtig und bewege ich mich zudem in einer Szene, deren Mitglieder sich ob der gnadenlosen Aufmerksamkeitsökonmie freuen, wenn ihr Track in einem DJ-Set gespielt wird. Einmal wollte ich bei Soundcloud eine Tracklist hochladen, die für “Jäger und Sampler” wichtig gewesen wäre. Leider hat es ein Track, nämlich Grandmaster Flashs “Adventures on the Wheels of Steele” nicht durch den automatischen Scan geschafft, durch den ein Hochladen von bestimmtem urheberrechtlich geschütztem Material verhindert werden soll. Sehr schade, besonders weil dieser Track als Meilenstein in der Samplinggeschichte und als das Paradebeispiel für die 1981er Sample-Ästhetik gilt. Ein anderers Beispiel ist der sehr tolle Sampling-Film “Sample: Not for sale” von Mike Redman, der leider nie öffentlich erscheinen oder aufgeführt werden kann, ohne dass rechtliche Schwierigkeiten zu befürchten sind. So zynisch das auch klingt, aber eine großartige Sampling-Doku wird wegen Sample-Clearing-Trouble niemals die Öffentlichkeit bekommen, die sie verdienen würde.

Ganz allgemein: Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Um es mit dem amerikanischen Philosophen John Dewey zu sagen: Der Remix muss einen neuen Aspekt, eine unbekannte Qualität, eine besondere Note aus dem Ausgangstrack hervorholen. Es muss geradezu “unerhört” und doch irgendwie bekannt klingen, dass es diesen “Dejavu-Moment” ergibt.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Ich denke, dass das ein wichtiger Schritt ist, um das Sampling, das mit Sicherheit nicht nur im Do-it-Yourself-Bereich sondern auch in der Musikindustrie eine weitverbreitete “Schattenpraktik” darstellt, aus der rechtlich bedenklichen Grauzone zu holen. Letztlich ist es dann aber auch eine schwierig einzuschätzende Sache, wie viel (prozentuale) Vergütung sein muss oder darf. Außerdem sollten die Konsequenzen mit dem zu erwartenden Nutzen und Problemen abgewogen werden. Ich könnte mir nämlich auch vorstellen, dass sich viele “Geremixte” entstellt, vorgeführt oder in gewisser Weise missbraucht fühlen, wenn ihre persönliche geistige Schöpfung gegen ihren Willen oder ihre Überzeugung kommerziell breit vermarktet wird, selbst wenn Lizenzen die Beteiligung regeln würden.

Wie sieht die Situation heute in Szenen aus, die auf Remix basieren?

Ein „Recht auf Remix“ ist in vielen Undergroundszenen ja schon lange wichtiger Motor für Neuerungen und Szene-legitim, wenn auch nicht legal. Man muss da nur nach Großbritannien blicken: Illegale Bootlegs, besondere, exklusive Remixes, Versionen von aktuellen Charthits – alles wird aufgenommen und in Form von Remixes in die eigenen musikalischen Codes übersetzt. Die DJs sind heiß darauf, den exklusiven Shit zu spielen und das ist oft auch einfach ein ohne Lizenzrechte gepresstes White-Label in 300er Auflage ohne Herkunft, Artistinfo, etc. Die Aura des Halbseidenen, Exklusiven, Verruchten – auch das ist letztendlich auf die Einschränkungen durch das Urheberrecht zurückzuführen und wird zum DJ-Distinktionsmerkmal. Es wird wohl immer ein Abwägungs- und Interessenskonflikt bleiben. Trotzdem halte ich die “Recht auf Remix”-Initiative vor allem im Hinblick auf die Bagatellschranke aber für einen wichtigen Vorstoß in der Debatte. Es ist zu befürchten, dass die Rechtssprechung aus strukturellen Gründen noch lange den tatsächlichen Praktiken und Kulturen hinterherhinken oder irgendwann womöglich vollkommen den Anschluss verlieren wird. Websites wie legitmix.com können auch als Vorboten einer Entwicklung gedeutet werden, dass jetzt langsam was passieren muss, bevor sich große Unternehmen dem Remixproblem annehmen und es privatisieren.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Eigentlich ist das ein Cover und kein Remix im strengen Sinne. Aber Larry Golds Version von Booka Shades Minimalklassiker “Night Falls” ist halt ‘n Killer, was will man da machen. Absolut nicht das, was man mit Booka Shade wohl assoziieren würde, aber trotzdem – oder gerade deshalb – so großartig:

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet.

Wir wollen netzpolitik.org weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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July 01 2013

Remixer #8 Alex Hertel aka DJ Phekt: “Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg gehen”

Phekt

Alex Hertel aka DJ Phekt

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Alex Hertel a.k.a. DJ Phekt.

Alex Hertel ist seit 1995 als DJ (u.a. des Duos “Kayo & Phekt”, siehe Video-Embed) und seit 2005 als Redakteur, DJ, Moderator und Produzent beim österreichischen Radiosender FM4 tätig. Dort gestaltet er unter anderem gemeinsam mit Trishes die wöchentliche Hip-Hop-Radiosendung “FM4 Tribe Vibes“, jeden Donnerstag von 22 bis Mitternacht.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Ein guter Remix lässt eine Nummer, die man bereits kennt, in einem ganz anderen Kontext erscheinen. Oder schafft es, einen Song auf ein noch besseres/spannenderes Level zu heben als das Original.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Ich verwende in meinen DJ-Sets hauptsächlich Musik anderer Künstler. Dazu mische ich teilweise Acappellas von Songs über Instrumentals anderer Stücke und kreiere so im Club live Remixe. Außerdem mache ich regelmäßig Scratches auf Alben diverser Musiker (Kayo, Fiva) und verwende dazu Wort-Phrasen fremder Songs, um diese im Kontext des eigenen Stücks einzubauen.

Hast Du schon einmal aus nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet und warum?

Ja, ich habe für die Produktion des letzten Albums “Die Stadt gehört wieder mir” von “Fiva & das Phantom Orchester” aus rechtlichen Gründen komplett auf Scratch-Phrasen fremder Platten verzichtet und nur mit der Stimme von Fiva bzw. mit eigens aufgenommenen Sounds und Phrasen gescratcht. Da der Release in D/Ö/Schweiz erhältlich war und medial große Aufmerksamkeit bekommen hat, haben wir im Vorfeld entschieden, eventuellen Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Ich weiss nicht genau, was damit gemeint ist? Wenn ein Remix offiziell in Auftrag gegeben wird, dann ist der Urheber des Songs sowieso in den Prozess eingebunden und stellt meist sogar die Einzelspuren seines Songs zur Verfügung.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich unendlich viele Remixes schätze und auch in meinen DJ-Sets spiele. Ein Beispiel für einen sehr gelungenen Remix: Hudson Mohawke Remix von Tweet’s “Ooops”.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet.

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June 24 2013

Remixerin #7 Zoe.Leela: “Jede Idee baut auf der eines anderen auf”

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Zoe Leela (Bild: tompigs.com)

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal:  Zoe.Leela, Sängerin und Songwriterin aus Berlin.

Könntest Du Deinen Werdegang und Deine Musik kurz beschreiben?

In der festen Überzeugung, dass Kreativität als Wert für alle da ist, habe ich sowohl meine Debut EP „Queendom Come“ (2009) als auch mein Debut Album „Digital Guilt” (2012) unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Mit meinem Werdegang kann ich mittlerweile an vielen Beispielen zeigen, wie sich meine unter nicht-kommerziellen Creative-Commons-Lizenzen veröffentlichten Werke außerhalb traditioneller Schemata dennoch kommerziell verwerten lassen. Zoe.Leela steht daher für einen zeitgemäßen Umgang mit dem Urheberrecht, welches die private und faire Nutzung digitaler Güter nicht behindert, und gleichzeitig die Künstler, Autoren, Wissenschaftler und Forscher an Gewinnen beteiligt – und nicht etwa Wertschöpfungsketten und alte Geschäftsmodelle multinationaler Konzerne fördert. Ein wichtiges Bindeglied zwischen Free Culture und Business ist dabei für mich die C3S, eine gemeinschaftliche Initiative mit KünstlerInnen und für KünstlerInnen, eine neue und richtungsweisende europäische Verwertungsgesellschaft zu gründen.

Was meine Musik angeht, so wurde mein Debut Album „Digital Guilt kürzlich als ein „Berliner Bastard“ beschrieben, „der mit voller Wucht süße Popklänge mit kreativen Beats und Gitarrenriffs vereint.“ Des Weiteren: „leiste sich Digital Guilt einen immensen Abwechslungsreichtum. Mal poppig, mal smooth, mal was für den Club, mal verzweifelt mit verschmiertem Make Up, mal unterkühlt mit größter Souveränität“. Ich stimme all dem gerne zu.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Ich “verwende“ Werke Dritter in meinem kreativen Prozess. Jede Idee baut auf der eines anderen auf. Das neuste Video zu meinem Song „Pink Lips“ zum Beispiel (siehe Embed), basiert auf einem alten Hollywood Film, dessen Schutzfrist abgelaufen ist umd wir somit das Material für unseren eigenen Kontext nutzen konnten.

Du veröffentlichst Deine Musik unter einer Creative-Commons-Lizenz und erlaubst damit anderen, sie zu remixen. Hast Du keine Angst, dass Leute damit Dinge tun, die Dir nicht gefallen?

Kunst eröffnet dem Betrachter sowohl die Chance als auch das Risiko, mit sich selbst in Kontakt zu treten bzw. zu bleiben. Ich sehe das bei der Musik nicht anders. Daher ist Musik auch eine hochdifferenzierte Kommunikation mit der Gesellschaft. Wieso sollte ich diese Kommunikation werten, manipulieren oder gar unterbinden? Das käme einer Restriktion und Unterbindung von Kunst- und Meinungsfreiheit gleich.

Dinge, die mir nicht gefallen sind andere, zum Beispiel, wenn Leute als industriepolitisches Instrument mit den (scheinbaren) Interessen der Kreativschaffenden argumentieren, um Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Musik materialisiert sich nicht mehr vorrangig in und mit der Produktion von abgeschlossenen Werken, sondern verkörpert Reflexionsweisen; es geht heute um Handlungen und Haltungen parallel zur Kunst. Dabei kann die Kunst (Remix) auch vom Werk (Original) distanziert, entkoppelt und/oder systematisch infrage gestellt werden.

Ich gebe jedoch zu, wenn jemand meine Songs remixed freue ich mich natürlich dennoch, wenn die Quelle erkennbar ist, der Song selber aber zu einem Ort des experimentellen Austauschs geworden ist.

Hast Du schon einmal aus nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet und warum?

Ja. Ich wollte ursprünglich bei meinem Song „I Am“ einen Sample von Missy Elliott und Ice T verwenden, da ich aber weiß, dass ich mit meiner kulturpolitischen Haltung polarisisere, wollte ich meinen Kritikern keine Fläche bieten und habe mich an die Regeln gehalten.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit?

Nein, ich wurde noch nie abgemahnt. Ich hatte bisher auch keine rechtlichen Probleme. Mein Anspruch auf eine wirtschaftliche Beteiligung gegenüber Dritten, die mit meinen Werken Geld verdienen wurde – abgesehen von Seiten der GEMA – Rechnung getragen. Dies wird allerdings nicht von jedem gerne gesehen. Das Musikbusiness ist wie jeder andere Wirtschaftszweig primär an Profit interessiert. Da passt eine erfolgreiche Selbstvermarktung nicht wirklich in das Konzept. Trotz der wirtschaftlichen Vorteile, die mir die CC-Lizenzen verschaffen, werde ich als Künstlerin aufgrund der Wahl meiner Lizenzierung von der Verwertung ausgeschlossen. Eine Zwei–Klassen-Gesellschaft im Umgang mit geistigem Eigentum ist die Konsequenz.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Die Frage stellt sich für mich nicht. Durch die Erstellung der Creative-Commons-Lizenzverträge sind den Urhebern Optionen an die Hand gegeben worden, festzulegen, ob und unter welchen Bedingungen (im privaten Raum) eigene Werke geremixed werden dürfen. Entsteht ein Remix im kommerziellen Raum, werden Zahlungen vereinbart. Aber bitte lasst den Menschen doch auch ihren Spaß an Kreativität und Produktivität. Es lebe die Vielseitigkeit!

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Mein persönlicher Lieblingsremix ist der The-Unik-Tambour-Battant-Remix meines Songs „Destroy She Says, welcher der Gewinnerbeitrag von The Unik beim Remix Contest in Kooperation mit dem Beat Magazin (2010) war.

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June 20 2013

Interview zum erstinstanzlichen Urteil im Technoviking-Prozess

Anfang des Jahres haben wir schon einmal über den laufenden Prozess rund um das Internet-Meme Technoviking berichtet (vgl. “Der Technoviking-Prozess“) . Bei der gerichtlichen Auseinandersetzung geht es darum, dass sich der unfreiwillige Hauptdarsteller eines im Rahmen der Fuckparade 2000 in Berlin aufgezeichneten Videos (siehe Embed) in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht und von dem  Video-Künstler Matthias Fritsch 2005 Entschädigung, sämtliche Einnahmen die mit dem Video erzielt wurden sowie eine weitreichende Unterlassungserklärung fordert.

Mittlerweile liegt das erstinstanzliche Urteil vor und Matthias Fritsch hat eine Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo gestartet, um die Kosten für eine Berufung und einen Dokumentarfilm darüber zu finanzieren. Im folgenden ein Interview über den bisherigen Verlauf des Verfahrens sowie Gründe, warum jemand Geld für die Berufung gegen das Urteil besteuern sollte.

Noch einmal kurz ein Blick zurück: Was waren die wichtigsten Stationen im Technoviking-Fall bisher?

Matthias Fritsch: Das Video wurde 2000 gefilmt, dann als experimentelles Kunstvideo unter der Klammer “Wirklichkeit oder Fiktion” veröffentlicht und auf Festivals, Filmprogrammen und in Filmhochschulveranstaltungen gezeigt. Auf Youtube landete es 2006 mit anderen Kunstvideos von mir und wurde im September 2007 durch einen viralen Effekt zu einem weltbekannten Internet-Mem, also einem Film, der durch tausende von Usern aufgegriffen und weiterverarbeitet und -verbreitet wird.

Wann begann dann die rechtliche Auseinandersetzung?

Matthias Fritsch: Kurz vor Weihnachten 2009 erhielt ich einen Brief mit einer Abmahnung und einer angefügten Unterlassungserklaerung durch einen Rechtanwalt im Auftrag des in meinem Video als Protagonist abgebildeten Tänzers. Es wurde beklagt, dass ich das Video ohne die Erlaubnis des Protagonisten gefilmt, im Internet veröffentlicht sowie kommerziell ausgewertet hatte.

Und du hattest auch tatsächlich nicht die Zustimmung zur Veröffentlichung des Videos eingeholt?

Matthias Fritsch: Es stimmt, dass ich mir nicht extra eine schriftliche Erlaubnis nach dem Filmen geholt hatte. Die Kamera war jedoch nicht versteckt, ich war lediglich wenige Meter entfernt und der Protagonist war sich auch der Kamera bewusst, was ein direkter Blick ins Objektiv bei im Video ca. min 3 zeigt, der nicht nur in Trance vorbeischweift wie es im Laufe der Verhandlung seitens des Klägers behauptet wurde. Da es sich um eine als politisch angemeldete Veranstaltung handelte und der Kläger in aller Öffentlichkeit vor vielen Menschen in der Form auftrat, wie es unkommentiert im Video abgebildet ist, war ich der Meinung, dass ich keine Rechteprobleme habe.

Hast Du versucht, Kontakt mit der Person hinter dem Meme “Technoviking” aufzunehmen?

Matthias Fritsch: Nachdem das Video im Netz berühmt wurde habe ich versucht, den Kläger ausfindig zu machen, denn er ist ja Teil des Filmes, & hatte so zB sehr viele Fitnessstudios in Berlin abtelefoniert, dann aber nach einer Weile unverrichteter Dinge aufgegeben. Ich ging davon aus, dass der Protagonist sich früher oder später sicherlich bei mir melden wuerde, da ich sehr leicht über das Youtube-Video zu kontaktieren bin. Das sich statt des Protagonisten ein Anwalt melden würde, hatte ich nicht erwartet, denn die Resonanz auf das Video war ja durchweg sehr positiv und ich bekam immer wieder Angebote in Bezug auf Auftrittsmöglichkeiten für den Darsteller.

Wie sieht es mit Monetarisierung aus – Du hast mit dem Video auch Geld verdient?

Matthias Fritsch: Nachdem ich 2008 von Youtube die Anfrage bekam, neben dem Video Werbung zu schalten, nutzte ich als freier Künstler, der mit seinen Werken nicht den Kunstmarkt bedient, diese Art der Einnahme, um damit bis zum Zeitpunkt der Abmahnung Ende 2009 meine WG-Zimmer-Miete und die Versicherung zu finanzieren. 2009 kamen dann noch kleinere Einnahmen aus T-Shirt-Verkäufen sowie 2 Fernsehlizenzen dazu. Alles in allen ca. 10.000 Euro.

Wie hast Du auf die Abmahnung reagiert?

Matthias Fritsch: Mit der Abmahnung Anfang 2010 stellte ich sofort das Merchandising ein, es blieben lediglich ein paar Schriftzüge und ein gezeichnetes Motiv im Shop, der nirgendwo mehr beworben wurde, um den ich mich nicht weiter kümmerte und der seitdem auch keinen Umsatz mehr machte. Ich gab Auskunft über die Einnahmen bis zum damaligen Zeitpunkt, stoppte und überblendete  als Zeichen meiner Kompromissbereitschaft das Youtube-Video mit einem Himweis, so das es nicht mehr ohne weites abspielbar war. Auch eine modifizierte Unterlassungserklärung mit dem Verzicht auf eine Verwertung der Abbildes des Klägers gab ich ab. Ich bot auch an, das Video aus dem Netz zu nehmen. Aufgeben wollte ich jedoch nicht das Recht, mein Werk im nichtkommerziellen Kunst- und Bildungskontext zeigen zu dürfen.

Dieses Angebot wurde abgelehnt?

Matthias Fritsch: Die Gegenseite ging leider auf keinen meiner Kompromissvorschläge ein und es war mir auch unmöglich den Kläger persönlich zu sprechen. Im März 2010 kündigte sein damaliger Anwalt an, dass nun geklagt werden würde und für eine lange Zeit hörte ich nichts mehr, bis 2012 ein Mahnbescheid über ca. 3.100 Euro ohne jegliche Erklärung oder vorherige Ankündigung von einem neuen Anwalt per Post kam. Auch auf mehrmalige Anfrage gab es keinerlei Erklärung, wie sich diese Summe genau zusammensetzte, die noch dazu rückwirkend eine Menge Zinsen beinhaltete. Vorsorglich überwies ich schon mal 10% der Summe. Ich hatte dem Kläger ja schon direkt auf die erste Abmahnung hin geschrieben, dass ich gerne bereit bin die Einnahmen des Videos zu teilen, wie es bei Filmproduktionen üblich ist.

Und wann kam es dann zur Klage?

Matthias Fritsch: Ende 2012, knapp vor der Verjährung kam dann die Klageschrift per Post. Darin ging es um die Unterlassung der Veröffentlichung des Video, um die Unterlassung des Merchandisings, das aber schon seit den Verhandlungen 2010 keine Abbilungen des Klägers mehr beinhaltete und auch keinerlei Gewinn erzeugt hatte, um die Unterlassung der Veröffentlichung von Usergenerierten Bildern wie Technoviking Figuren in 3D-Filmen oder Welten wie Minecraft, die Auskunftspflicht, der ich meiner Meinung nach doch schon damals sofort nachgekommen war, sowie um Schadensersatz, Gewinnabschöpfung und Schmerzensgeld.

Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens?

Matthias Fritsch: Mitte Januar und Ende Mai 2013 fanden die mündlichen Verhandlung am Berliner Landgericht statt. Die Gegenseite hatte zuletzt noch einmal die Klage erweitert und der Streitwert wurde von 40.000 auf 70.000 Euro angehoben. Nach der Verhandlung kamen die Richter zum Schluss, dass mir die zukünftige Veröffentlichung meines originalen Videos untersagt wird sowie Zuwiderhandlung mit bis zu 250.000 Euro Strafe oder bis zu 6 Monaten Gefaengnis geahndet werden sollen. Solange Bearbeitungen des Materials meines Filmes kunstgerecht genug erfolgen und der Kläger daraus nicht identifizierbar ist soll es mir und damit auch anderen jedoch weiterhin im Rahmen der Meinungsfreiheit gestattet, sich öffentlich mit dem Mem auseinander zu setzen.

Warum zögerst Du dann, die geforderte Unterlassungserklärung einfach zu unterschreiben?

Matthias Fritsch: Ich bin freier Künstler und das Video ist als experimentaler künstlerischer Film veröffentlicht worden. Das es sich um Kunst handelt zeigt schon die Wahrnehmung des Filmes in Experimentalfilmprogrammen & Festivals viele Jahre bevor die Community daraus Technoviking geschaffen hat. Film und die damit verbundenen Fragestellungen sind Teil meines Werkes. Wenn ich die Unterlassungserklärung damals einfach unterschreiben hätte, dann würde ich mich selbst von meinem Werk ausschliessen und darf es noch nicht einmal mehr im Kunst- oder Bildungskontext zu nichtkommerziellen Zwecken zeigen, obwohl es in Form des Mems sowieso weiter unkontrollierbar existieren würde. Als eines der ersten Youtube-Memes mit einer unglaublichen Vielfalt an User-Reaktionen, die nach wie vor trotz des Alters des Memes nicht abebbt, ist es im Sinne der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit für mich nicht vertretbar, diese Vielfalt nicht mehr in einem reflektierenden Kontext zeigen zu dürfen. Ich habe jahrelang User-Reaktionen gesammelt und diese illustrieren hervorragend eine ganz bestimmte Epoche des Internets, die auch wieder vorüber gehen und zu Geschichte werden wird. Dies ist der Kern des Streites. Es geht hier auch um die freie Ausübung meines Berufes.

Auf Indiegogo hast Du jetzt eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Was genau soll damit finanziert werden?

Matthias Fritsch: Über die Crowdfounding-Kampagne will ich die Produktion eines Dokumentarfilmes finanzieren, der sich mit dem Phänomen auseinandersetzt. Auf der einen Seite rekonstruiert der Film wie es überhaupt zu der Entwicklung dieses Memes kommen konnte und auf der anderen Seite reflektiert er Fragestellungen, die der ganze rechtliche Prozess aufgeworfen hat. Da die Gegenseite sämtliche ausser- und innergerichtlichen Vergleiche ausgeschlagen hat und es unbedingt auf ein Urteil ankommen lassen wollte, ist der öffentliche Prozess in Gang gesetzt worden und stellt jetzt einen Präzedenzfall dar, der auch in anderen Fällen als Referenz herangezogen werden kann. Da durch das jetzt erfolgte Urteil Grenzen eines konkreten Falls der freien User- & Memkultur aufgezeigt werden, die für viele andere Fälle relevant sein können gibt es daraus viel zu lernen.

Wieso meinst Du, dass die Entscheidung in Deinem Verfahren auch für andere Leute im Netz wie zum Beispiel Blogger oder Nutzer von sozialen Netzwerken so wichtig sein könnte, dass sie bereit sind Dich finanziell zu unterstützen?

Matthias Fritsch: Das aktuelle Urteil schließt mich von meinem eigenen “Original”-Werk aus. Ich sehe darin eine Gefahr, dass so etwas auch mit anderen Usern, Bloggern und Kuenstlern passieren kann. Es geht hier nicht nur um mich und das Technoviking-Meme, das Thema ist viel weitreichender. Wenn Künstler, Blogger und User nicht mehr extrem populäre und sowieso schon weitverbreitete und unkontrolierbare Inhalte auf nichtkommerzielle Art und Weise verbreiten dürfen, stattdessen Abmahnungen oder Prozesse riskieren, dann sollte das aktuelle System einmal überdacht und möglicherweise neue Kategorien eingeführt werden.

Aber Persönlichkeitsrechte sind doch schon auch wichtig und ein schützenswertes Gut?

Matthias Fritsch: Ich finde den Schutz der Persönlichkeit sehr sinnvoll und eine entsprechende Rechtsprechung auf jeden Fall erhaltenswert. Es sind jedoch die zeitlichen Umstände in diesen speziellen Fall, die einen Prozess als absurd erscheinen lassen, der mich in eine Verschuldung treibt und die eigentliche Ursache, ein extrem populäres Meme im Netz dadurch sowieso nicht beseitigen kann, sondern dieses im Gegenteil sicherlich nur noch populärer und bekannter macht. Wir haben es ja immerhin mit einem 13 Jahre alten Video zu tun, das im öffentlichen Raum mit nicht versteckter Kamera gefilmt wurde; der Rechtstreit begann erst Jahre nach dem viralen Effekt und scheinbar war es ja auch seitens des Klägers nicht besonders eilig, diesen zu lösen. Der Anwalt des Protagonisten hat im Prozess sehr oft von Opfer und Täter gesprochen. Ich finde diese beiden Kategorien verschwimmen extrem in einem Fall wie diesem.

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June 11 2013

Videos vom Netzpolitischer Abend sind online: Netzneutralität, Recht auf Remix, EU-Datenschutzreform

Am vergangenen Dienstag fand in der c-base in Berlin der monatliche Netzpolitische Abend des Digitale Gesellschaft e.V. statt. Nun sind auch die Aufzeichnungen auf den Seiten der Digiges online.

  • Ben Scott, Visiting Fellow der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin, über „Introduction on net neutrality – internet as a public good“
  • Markus Beckedahl, Vorstandsmitglied von Digitale Gesellschaft e.V., über den aktuellen Stand der Netzneutralitätsdebatte in Deutschland und Johannes Scheller, Initiator der Bundestags-Petition, über seine Motivation und die Hintergründe der Petition
  • Clemens „funktional kaputt“ Schrimpe zu den technischen Hintergründen der Netzneutralität und der angeblichen „Bandbreitenknappheit“
  • Leonhard Dobusch, Mitglied bei Digitale Gesellschaft e.V., über die neue Urheberrechtskampagne „Recht auf Remix“
  • Sandra Mamitzsch, Mitglied bei Digitale Gesellschaft e.V., über die EU-Datenschutzreform

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Zu Besuch in Zürich: Remix Cultures Night im Dock18

Avatar_03Dock18 in Zürich firmiert unter “Raum für Medienkulturen der Welt” und lädt für den 21. Juni ab 20 Uhr zur Remix Cultures Night. Nach einer Diskussionsveranstaltung zur Initiative Recht auf Remix werden dort

VertreterInnen der Zürcher Remix Kultur (sofern man von einem derartigen Genre überhaupt sprechen kann) Beispiele ihrer Arbeit in jeweils 10-15 Minuten [zeigen.] So wird der lokalen Remix Kultur in Bild, Ton + Code anhand von Beispielen nachgegangen.

Bereits vorab ist in der Zeitschrift rote Fabrik in der Reihe Medienkulturgespräch ein Beitrag zu offenen Werken erschienen (PDF). Nach einem Aufschlag meinerseits mit einem Plädoyer für eine “Förderung, die Offenheit fördert” haben u.a. Hans Läubli (Suisseculture), Poto Wegener (Swissperform), Matthias Stürmer (digitale-nachhaltigkeit.ch) und Dominik Landwehr (Migros-Genossenschafts-Bund) darauf mittels Kommentar reagiert (die Namen sind mit ihren jeweiligen Repliken verlinkt).

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet.

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June 03 2013

Remixerin (4) Kassandra Wellendorf: “Musikrechte klären ist zu kompliziert”

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Kassandra Wellendorf.

Die Regisseurin und Medienkünstlerin hat Film, Medienwissenschaft und Visual Culture an der Universität Kopenhagen studiert, wo sie derzeit am Department of Arts and Cultural Studies auch in der Lehre tätig ist. Ihre Videoinstallationen wurden unter anderem im Dänischen Nationalmuseum, den Kunstmuseen Magdeburg und Skive sowie Dänischen Museum für zeitgenössische Kunst ausgestellt. In der Liste ihrer Arbeiten für das Dänische Filminstitut finden sich auch Hintergrundinformationen zu der Trilogie “Mismeetings”, bestehend aus Close (2002), Invisible (2004) und Outside (2005).

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Einem guten Remix gelingt eine Balance zwischen der Wiedererkennung und neuen persönlichen Ausdrucksformen. Eine Arbeit, die mit den eigenen Vorstellungen des Betrachters bzw. Zuhörers spielt sowie mit dem Erkennen des Originals. Ein Remix öffnet sich damit für verschiedene Re-Interpretationen des Publikums.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Ich verwende nicht direkt Werke von anderen, aber ich bin oft inspiriert von Bildkomposition, Bearbeitung, Texten und Sounddesign von Kunstschaffenden wie beispielsweise Marguerite Duras, Alain Resnais, Dziga Vertov und Vladimir Mayakovsky. Ich verwende ihre Werke bewusst nicht unmittelbar, weil ich mit dem Urheberrecht nicht in Konflikt geraten möchte. Die Sounddesigner, mit denen ich arbeite, bedienen sich jedoch via Copy&Paste bei verschiedenen Künstlern (keine Musik), wenn sie Sounddesigns für meine Werke erstellen.

Hast Du schon einmal aus nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet und warum?  

Ich möchte häufig Musik in meinen Soundcollagen und Filmen integrieren, entscheide mich aber das nicht zu tun. Jedes Mal wenn ich versucht habe die Musikrechte für meine Filme zu klären, war es oft so kompliziert, dass ich es aufgegeben habe. Andere Künstler haben oft meine Arbeiten kopiert und umgewandelt, mal ohne mich zu fragen und mal mit. 2005 wurden größere Teile meines Films ‘Invisible’ als Teil des Bühnenbilds für das französische Bühnendrama ‘Planète’ verwendet. Sie fragten um Erlaubnis und ich fühlte mich geehrt, Teil ihres Werkes zu werden. Im Jahr 2009 wiederum stolperte ich über einen Film von Daniel Egennolf, der ‘Invisible’ mit Doctor Schiwago remixed hat. Ich habe den Link dazu auf meiner Facebook-Seite geteilt.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit? 

Da ich bislang noch nicht bewusst das Urheberrecht verletzt habe, hatte ich bislang noch keine rechtlichen Probleme. Aber ich habe drei experimentelle Radiocollagen im Rahmen der DR (öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Dänemark) erstellt und es gibt keine legale Möglichkeit für mich, diese Produktionen außerhalb des nationalen Radios zu spielen. Der Grund dafür ist, dass wir Musik und Töne des nationalen Radioarchivs verwendet haben, deren Rechte nur für die Ausstrahlung im Rahmen der DR geklärt sind, aber für nirgendwo sonst. Bisweilen spiele ich trotzdem eine oder zwei dieser Collagen in einem Museum.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Das wäre eine gute Idee, solange klar gemacht wird, welche Werke wie verändert wurden.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Mein Favorit ist “Man With a Movie Camera: The Global Remake“. Diese Produktion schafft es, Leute zur Erstellung nutzer-generierter Re-Interpretationen sämtlicher Einstellungen des Films ‘Man with a Movie Camera’ von Dziga Vertov zu motivieren. Das Ergebnis ist sowohl Anerkennung, Remix und fortgesetzte – seit mittlerweile sechs Jahren – Re-Interpretation seines Werks.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Unter allen Nominierten wird ein Remix.Award verliehen.

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May 13 2013

Remixer (1) David Wessel: “Der größte Generationenkonflikt seit der 68er-Bewegung”

David Wessel a.k.a. Ben Stilller

David Wessel a.k.a. Ben Stilller

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Den Auftakt macht David Wessel von Mashup-Germany.

David Wessel, 29 Jahre alt, ist gebürtiger Kölner mit amerkanischem Reisepass und wohnt in Frankfurt. Nach einem Studium der Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung (kurz MPEB) begann er als als Mediaplaner in der Flugbranche zu arbeiten. Außerdem ist er seit einigen Jahren leidenschaftlicher Produzent von Audio-Mashups, die er unter “Mashup-Germany” kostenlos im Internet veröffentlicht. Er nimmt dabei die Einzelelemente von bis zu 40 unterschiedlichen Songs um daraus neue, transformative Werke zu erstellen.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Ein Remix ist in meinen Augen dann gelungen, wenn der Remixer durch die Bearbeitung der Originalinformation im Ergebnis eine Weiterentwicklung und/oder eine originelle Interpretation der selbigen erschaffen hat. Die Bewertung dessen ist natürlich höchst subjektiv, da ein Remix nichts anderes als ein nonverbaler Kommentar zu einer Information ist, dessen Aussage ausschließlich in der Art und Weise der Neuanordnung der Information steckt. Die Ausdrucksmöglichkeiten im klassischen Remix – Veränderung/Bearbeitung einer abgeschlossenen Informationseinheit – sind jedoch beschränkt. Erst durch die Technik des Mashens – Rekombination von Teilelementen mehrerer abgeschlossener Informationseinheiten untereinander -, die für mich die Weiterentwicklung des klassischen Remixes darstellt, erhalte ich die Werkzeuge,  um wie in meinem Fall aus unterschiedlichen musikalischen Informationen/Identitäten eine neue musikalische Identität, die vom Rezipienten auch als solche erkannt wird, entwickeln zu können.

Du schreibst auf Deiner Seite, dass Du kein Geld mit den Remixen verdienst – gleichzeitig kann man Dich aber für Live-Auftritte buchen. Remixt Du dann live oder spielst Du vorher erstellte Remixes von Dir? Und verdienst Du auf diese Weise nicht doch Geld mit Deiner Remixkunst?

Mir wäre es lieber von “Mashups” als von “Remixen” zu sprechen. Konkret:

  1. Ich stelle meine Mashups kostenlos und zur freien Verfügung ins Internet.
  2. Ich nehme kein Geld von Labels, Künsterln, Radiostationen. etc. für die Erstellung von Mashups oder die Verwendung eines bestimmten Interpreten und/oder Songs an.
  3. Meine Webseite ist, trotz sechsstelliger monatlicher Zugriffszahlen und dadurch entsprechend hoher Hostingkosten, werbefrei.
  4. Die Erlöse aus meinem “Merchandise” Store werden vollständig gespendet (an Vezuthando e.V.)
  5. Ich mixe die von mir vorher erstellten Mashups bei Auftritten live und verändere sie. Ich mixe beispielsweise zusätzliche Gesangsspuren und/oder Effekte hinzu. Zusätzlich setze ich Livedrums ein – das sieht dann so aus:

Ich lege seit Jahren kostenlos im Rahmen der weltweiten BOOTIE-Vereinigung auf. Das ist ein Zusammenschluss von Mashup-DJs und Produzenten rund um den Planeten, die in ihren Ländern jeweils “BOOTIE” Parties veranstalten. Auf diesen Events werden zu 100% Mashups gespielt und sie sind in der Regel nicht kommerziell (Ausnahme USA). Wir haben beispielweise die letzten vier Jahre in Berlin monatliche “Booties” veranstaltet. Dafür haben wir eigens einen Verein gegründet und das gesamte Team hat ohne Bezahlung die Party organisiert und umgesetzt. Ich habe außerdem bereits auf Bootie Parties in London, Los Angeles, Sao Paulo, Rio de Janeiro, New York, San Francisco, Boston, usw. gespielt. Für alle anderen Bookings erhalte ich allerdings eine angemessene Gage und das ist auch gut so.

Ein Liveauftritt stellt eine eigene Dienstleistung dar, die nicht nur ausgiebiger Vorbereitung und einer oft langen An- und Abreise bedarf, sondern zusätzlich durch die Zahlung der jeweiligen Veranstalter an die GEMA auch lizenztechnisch
auf sicheren Füssen steht.

Ich freue mich sehr über die enorme Nachfrage nach “Mashup-Germany” als Live-Act, weil es meine Theorie bestätigt, dass gute Mashups offenbar eigenständige musikalische Identitäten kreieren. Erlebten die Menschen durch meine Mashups keinen künsterlischen Mehrwert, kämen sie sicher nicht seit Jahren so zahlreich und begeistert zu den Auftritten.

Fast alle Deine Remixes kann kann man kostenlos herunterladen – wurdest Du schon einmal abgemahnt deswegen?

Nein, ich wurde bislang nicht abgemahnt. Über meine Webseite kann man mir mitteilen, wenn man als betroffener Urheber mit der Verwendung eines Stückes nicht einverstanden ist. Das ist in den letzten fünf Jahren jedoch nicht ein einziges Mal vorgekommen. Ich betone regelmäßig, dass ich kein Interesse habe gegen die Urheber zu arbeiten und ich kenne bisher auch keinen, der es so empfindet. Dennoch: sollte jemand mit der Verwendung eines Stückes nicht einverstanden sein und teilt er mir dies mit, so würde ich das betreffende Mashup sofort von der Webseite nehmen.

Wenn es ein Recht auf Remix gäbe, was würde sich dadurch für Dich verändern?

Für mich persönlich würde sich, neben der gesellschaftlichen Anerkennung meiner Kunst, nur eine Sache ändern: ich müsste nicht mehr in der permantenen Sorge leben, dass mich meine Liebe zu Mashups eines Tages meine Freiheit und meine Existenz kosten wird. Die wesentliche Frage ist aber nicht, was sich für mich ändern, sondern was sich für uns alle ändern würde. Eine Entkriminalisierung des natürlichen Kommunikationsverhaltens einer signifikanten Bevölkerungsgruppe, wäre die erste zu begrüßende Folge.

Ein Recht auf Remix könnte zudem ein Umdenken und eine Grunderneuerung unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft einleiten. Neue Technologie veränderte stets menschliches Verhalten und die Art und Weise unseres Zusammenlebens. Dies geschieht jedoch inzwischen in einem derart hohen Tempo, dass weder unsere politischen Institutionen, noch wir als Gesellschaft mithalten können. Das erleben wir derzeit bei zahlreichen Themen. Von der Finanz- und Bankenkrise über die Datenschutzproblematiken in sozialen Netzwerken und Suchmaschinen bis hin zum Patentrecht oder der Frage, wie wir Technologie in Bildung und Wissenschaft einsetzen. Oft fehlt der gesellschaftliche Diskurs über diese Themen vollständig oder er findet nur am Rande statt, weil er die Menschen entweder thematisch in seinen technischen Details überfordert oder erst gar keine Sensibilisierung für das Thema vorhanden ist.

Avatar_03Aber sind Remix und Mashups nicht eher  ein Rand- oder Nischenthema?

Wir haben es hier mit dem größten Generationenkonflikt seit der 68er-Bewegung zu tun. Niemals zuvor ist in der Geschichte der Menschheit eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (Digital Natives) aufgrund von technologischer Entwicklung derart anders als der Rest der Bevölkerung (Non-Natives) sozialisiert worden. Um darauf reagieren zu können, bedarf es zunächst einer Einschätzung dieser veränderten Sozialisierung, die auf folgender These basiert: Alles ist ein Remix! Jeder Gedanke und jede Handlung eines Menschen basiert ausschließlich auf dem, was er bislang erfahren hat oder was ihm an genetischer Erinnerung von seinen Vorfahren mitgegeben wurde.

Was bedeutet das für das Verhältnis zwischen Alt und Neu?

Das Neue entsteht ausschließlich durch das Vorhandensein des Alten und der Kombination dessen. Die menschliche Neugierde ist dabei der Motor, der uns stets mit neuen Impulsen und Informationen versorgt, die uns als Werkzeuge und Grundlage für unser Denken und Handeln dienen. Dies erschüttert natürlich die Grundfesten menschlicher Arroganz, der die Annahme zu Grunde liegt, dass der Mensch aus dem Nichts und isoliert von seiner Umwelt geniales und eigenständiges erschaffen kann. Kann er nicht! Zumindest habe ich bislang keinen historischen Beweis für das Gegenteil finden können. Selbst die großen Genies unserer Geschichte, von Einstein über Edison bis Mozart, hätten ihre Leistungen niemals erbringen können, wenn sie sich nicht innerhalb ihres Referenznetzwerkes befänden und dieses auch genutzt hätten. Einsteins “Zur Elektrodynamik bewegter Körper” enthält keine einzige Literaturangabe, dafür aber erschreckende Ähnlichkeiten mit dem ein Jahr zuvor veröffentlichtem Werk “Wissenschaft und Hypothese” des Franzosen Henri Poincaré. Kaum eine Erfindung Thomas Edisons wäre ohne die Ideen eines Nikola Tesla möglich gewesen und Mozart hat erst gar keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich von Haydn hat inspirieren lassen. Ich behaupte nicht, dass alle Innovateure in der Geschichte der Menschheit nur kopiert haben. Nein, die wirklich guten Jungs haben kopiert und rekombiniert. Ich möchte damit einfach nur verdeutlichen, dass wir uns von der Ideologie des “Originals” verabschieden und uns für die Möglichkeiten öffnen sollten, die uns ein offener Ideen- und Wissensaustausch bieten würde.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um  Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Unter allen Nominierten wird ein Remix.Award verliehen.

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May 07 2013

Für einen Neustart der Urheberrechtsdebatte: rechtaufremix.org

Die Urheberrechtsdebatte im Jahr 2012 hat im Zuge von Anti-ACTA-Protesten und diversen Kampagnen zwar enorme Aufmerksamkeit erfahren, aber letztlich auch zu verhärteten Fronten geführt. An dem Umstand, dass viele alltägliche Online-Nutzungspraktiken mit dem aktuellen Urheberrecht nicht kompatibel sind hat sich deshalb auch nichts geändert.

Avatar_01Mit rechtaufremix.org versucht der Digitale Gesellschaft e. V. jetzt einen konstruktiven Neustart der Urheberrechtsdebatte zu initiieren. Die derzeitige Rechtslage ist zum Nachteil aller Beteiligten: Wer Werke verändert und anderen zugänglich macht, riskiert abgemahnt zu werden, gleichzeitig bekommen die UrheberInnen der verwendeten Werke keine Vergütung. Der Vorschlag des Digitale Gesellschaft e. V. sieht stattdessen ein Bündel aus drei vergüteten Kreativitätsrechten vor:

  • Das Recht, Werke bei der Nutzung zu verändern und das Ergebnis öffentlich zugänglich zu machen. (Pauschalvergütetes Transformationsnutzungsrecht – Beispiel: Hintergrundmusik im Handy-Video)
  • Das Recht, Remixes von bestehenden Werken zu erstellen und diese öffentlich zugänglich zu machen. (Pauschalvergütetes Remixrecht – Beispiel: Fake-Trailer einer Fernsehserie)
  • Das Recht, gegen Zahlung einer angemessenen Vergütung Remixes auch kommerziell zu verwerten. (Lizenzpflichtiges Remixverwertungsrecht – Beispiel: Verkauf von Musik-Mashup via iTunes)

Jenseits von großen Lösungen á la Kulturflatrate soll mit einem Recht auf Remix das kreative Potential von Internet und digitalen Technologien zur Entfaltung gebracht und gleichzeitig eine Verbesserung der Einkommenssituation von Kreativen erreicht werden. Details zu den rechtlichen Möglichkeiten, ein solches Recht auf Remix zu realisieren, sowie eine erste Liste mit FAQs finden sich auf der Homepage zur Kampagne.

Da es sich beim Urheberrecht um ein besonders dickes Brett handelt, ist die Kampagne längerfristig angelegt. Ab sofort gibt es die Möglichkeit, die Forderung nach einem Recht auf Remix per Unterschrift zu unterstützen. Bei dieser Gelegenheit werden die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner auch gebeten, einen Link zu ihrem persönlichen Lieblingsremix mit anzugeben. Auf diese Weise soll nicht nur dokumentiert werden, wie lebendig und wertvoll Remixkultur bereits heute ist. Die vorgeschlagenen Remixes bilden auch die Basis für die Verleihung von Remix-Awards in den Kategorien Musik, Video und Freestyle.

Avatar_04Außerdem in Entwicklung ist ein digitales Remix-Museum, das Geschichte, Gegenwart und rechtliche Fragen von Remix und Remixkultur einer breiten Öffentlichkeit erlebbar machen wird. Als KuratorInnen für das Museum konnten für den Bereich “Geschichte” Susanne Regener, Inhaberin des Lehrstuhls für Mediengeschichte an der Universität Siegen, für den Bereich “Memes” Dirk von Gehlen, Autor des Buchs “Mashup – Lob der Kopie” und Betreiber des Phänomeme-Blogs sowie für den Bereich “Recht” Till Kreutzer, Rechtsanwalt bei iRights.Law, gewonnen werden.

Via Twitter oder Facebook kann man über den Fortgang der Kampagne am Laufenden bleiben. Außerdem ist “Recht auf Remix” heute ein Thema des netzpolitischen Nachmittags auf der re:publica 13.

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March 28 2013

Zur netzpolitischen Dimension (3) von Heino: Covern erlaubt, Remixen verboten

In der Serie „netzpolitische Dimension“ geht es um Themen, deren netzpolitische Relevanz sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt. Diesmal: Heino.

Mit seiner jüngsten Albumveröffentlichung „Mit freundlichen Grüßen“ hat der Schlagersänger Heino einen neuen Rekord für den Verkauf von Musikalben im Internet aufgestellt. Die Besonderheit dieses Albums und wohl hauptausschlaggebend dafür, dass gerade ein Schlagersänger mit Kernzielgruppe 50+ die Download-Charts anführt, ist der Umstand, dass es sich um ein Album voller Coverversionen handelt.

Auf wohlkalkulierte Weise singt Heino auf seiner Platte Lieder von viele Jahre jüngeren KünstlerInnen im Bereich Pop (Sportfreunde Stiller, Nena), Hip-Hop (Fanta 4, Absolute Beginner), Punkrock (Die Ärzte) und Industrial-Rock (Rammstein) nach. Wie sich alleine durch die markante Stimme Heinos dadurch der Charakter der Stücke verändert, ist durchaus hörenswert.

Es soll hier allerdings nicht um die künstlerische Werthaltigkeit von Heinos Cover-Album gehen – die wurde in den Feuilletons schon ausführlich behauptet bzw. bestritten. Auch soll nicht die öffentlichkeitswirksam inszenierte, wohl mehr vermeintliche als tatsächliche Aufregung unter den interpretierten „Rockern“ diskutiert werden (vgl. „Rockerkrieg gegen Heino!“ bzw. “Heinos erfundener Rocker-Krieg“).

Aus netzpolitischer Perspektive ist das interessanteste an Heinos Cover-Album, dass er es ohne größere Probleme veröffentlichen durfte. Mehr noch, Heino durfte das sogar, ohne zu fragen. Und er darf Geld damit verdienen, durch Downloads und CD-Verkäufe genauso wie durch Live-Auftritte. Zwar muss er von seinen diesbezüglichen Einnahmen durchaus beträchtliche Anteile an Komponisten und Autorinnen der Stücke abgeben, diese könnten ihn aber – selbst wenn sie wollten – nicht am Nachsingen, Aufführen und Verkaufen „ihrer“ Werke hindern, sofern sie Mitglied einer Verwertungsgesellschaft sind. Das juristische Konstrukt hinter dieser allgemeinen Karaoke-Erlaubnis sind „Zwangslizenzen“, die von Verwertungsgesellschaften erworben werden können.

Bedingung für Heinos Möglichkeit, Songs auch ohne Zustimmung der Rechteinhaber zu covern, ist jedoch, dass er diese gerade nicht zu stark verändert – abgesehen von jener, durchaus tiefgehenden Änderung, die Heinos Stimme und das neue Einspielen der Musik mit sich bringen. Die Grenzen sind fließend.

Hätte sich Heino stattdessen dazu entschlossen, die unterlegte Musik abzuwandeln oder zum Beispiel bei einigen Stücken nur den Refrain nachzusingen und die Strophen selbst zu texten oder hätte er den Refrain aus einem Song mit Strophen aus einem anderen Song kombiniert, er hätte für jede Veröffentlichung und Verwertung die Zustimmung aller betroffenen Rechteinhaber gebraucht.

Zugespitzt erlaubt unser derzeitiges Urheberrecht also in den allermeisten Fällen „bloßes“ Nachsingen zustimmungslos dank Zwangslizenz, während kreative Fortschöpfung in Form von abgeleiteten, re-kombinierten Werken – kurz: Remix – verboten ist. Mehr noch, auf Grund von Leistungsschutzrechten der Tonträgerhersteller ist auch die Verwendung „kleinster Teile“ – die berüchtigten drei Töne in der erst jüngst wieder bestätigten BGH-Entscheidung Metall-auf-Metall (vgl. „Zwei Takte Leistungsschutzrecht“) – im Rahmen eines Remixes nicht erlaubt, sofern eine durchschnittlich ausgestattete Musikproduzentin die entsprechende Tonfolge selbst einspielen könnte. Dieser Maßstab ist aber in einer Welt, in der alle mit Computer über die Werkzeuge zum Remixen aber immer noch nur die wenigsten über Zugang zu einem Tonstudie verfügen, mit Sicherheit der falsche.

Im Ergebnis versperrt diese Rechtslage vielfach künstlerisch wertvoller und auch beim Publikum beliebter Remixmusik jegliche Möglichkeit legaler Verbreitung. Eines der bekanntesten – und hörenswertesten – Beispiele für illegale Remixkunst stammt von DJ Danger Mouse. Bevor er 2006 gemeinsam mit dem Sänger Cee-Lo Green als Gnarls Barkley mit „Crazy“ auch einen kommerziellen Welthit hatte, veröffentlichte er sein ebenso geniales wie illegales „Grey Album“ – ein Remix aus dem Sprechgesang des „Black Albums“ von Rapper Jay-Z und Samples vom „White Album“ der Beatles. Illegal war das Werk deshalb, weil zwar Jay-Z die Acapellas seines „Black Albums“ bewusst für Remixes zur Verfügung gestellt hatte, die Rechteinhaberin der Beatles-Songs – die Plattenfirma EMI – jedoch die Verwendung auch nur kurzer Samples verbot. Dem künstlerischen Erfolg tat die verhinderte kommerzielle Verwertung keinen Abbruch, wie in der Wikipedia dokumentiert ist:

 „Entertainment Weekly nannte es das ‚beste Album 2004’, der Rolling Stone ‚ein geniales Hip-Hop-Album, das seiner Zeit auf seltsame Weise weit voraus ist’ und der Boston Globe ‚das am kreativsten fesselnde Album des Jahres’.“

Aber nicht nur solch begnadete Kunstschaffende wie DJ Danger Mouse sehen bisweilen keine legale Möglichkeit, um ihrer Kreativität Ausdruck und Öffentlichkeit zu verleihen. Das Internet im Allgemeinen und YouTube im Besonderen sind voll von Beispielen mehr oder weniger kreativer Remixes und Mashups – neuen Werken, geschaffen aus der Rekombination von Bestehendem. Dirk von Gehlen, Leiter “Social Media/Innovation” bei der Süddeutsche Zeitung, hat ein ganzes Buch mit Beispielen derart „kreativen Kopierens“ gefüllt und das bei Suhrkamp erschienene Ergebnis konsequenterweise selbst als „Mashup“ betitelt.

Um wieviel lebendiger und vielfältiger könnte Remixkunst sein, wenn ihr Dank Zwangslizenz auch kommerzielle Verwertungsmöglichkeiten einfacher offen stünden? Wenn Rapperinnen und Rapper nicht beim Sampeln zuerst überlegen müssten, ob sich die Rechte auch werden klären lassen? Noch einmal anders gefragt: wieso darf Heino ungefragt nachsingen, Dj Danger Mouse aber nicht ungefragt remixen? Warum also gibt es nicht ein Recht auf Remix, pauschalvergütet für nicht-kommerzielle Nutzung und zwangslizenziert bei kommerzieller Verwertung?

Auf diese Fragen werden bislang vor allem drei Argumente gegen ein solches Recht auf Remix vorgebracht: (1) das Problem gebe es gar nicht, Rechteklärung sei gar kein Problem; (2) Remix würde einen Eingriff in das natürliche Recht Kunstschaffenden an ihrer Schöpfung darstellen sowie (3) Nazis.

Zu den Punkten im Einzelnen:

  1. No-Problem-Einwand: Für den allergrößten Teil mehr oder weniger kreativer Fortschöpfungen – Alltagskreativität in Facebook und YouTube-Videos, vgl. auch eine diesbezügliche Studie von Stalder u.a. – ist es völlig lebensfremd, das Abklären entsprechender Rechte zu verlangen. Im Gegenteil, schon heute verdienen bei vielen Video-Memes die RechteinhaberInnen der verballhornten, nachgesungenen oder eingetanzten Lieder an Googles Werbeerlösen mit. Aber auch im Bereich professioneller Musikproduktion ist das Klären von Rechten alles andere als einfach. Besonders gut zu beobachten ist das im Hip-Hop, der auf dem Sampling bestehender Werke basiert. Dort ist die Schere im Kopf – also der vorauseilende Verzicht auf Samples – der Normalfall, wie mir ein Hip-Hop-Künstler und Label-Chef versicherte, der nicht zuletzt aus Angst vor Abmahnungen lieber anonym bleiben möchte: er verwende entweder Samples von Werken, deren Urheberrecht schon abgelaufen ist, oder hoffe darauf, nicht erwischt zu werden – was im Erfolgsfall allerdings eher unwahrscheinlich ist.
  2. Naturrechts-Einwand: Was bei analog-einzigartigen Kunstwerken wie Malerei oder Skulpturen noch nachvollziehbar ist, vermag bei Kunstwerken im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit nicht mehr zu überzeugen. Beim Remix handelt es sich immer nur um eine kreative Kopie, das Original wird dadurch nicht beeinträchtigt. Warum eine Urheberin anderen Urhebern verbieten können sollte, auf Basis von Kopien ihres Werkes neue Werke zu schaffen, ist zumindest aus sich selbst heraus – „natürlich“ – nicht einsichtig. Dass sich Bedeutung und „Aura“ eines Werkes durch dessen Rezeption ändern mag, stimmt, ist aber unausweichlich. Bedeutung und Bedeutungszuschreibung lässt sich auch ohne Remix nicht kontrollieren sondern wird im Diskurs mit Publikum, Kritik und im Vergleich mit anderen Werken hergestellt. Hinzu kommt, und auch dafür ist das Heino-Beispiel illustrativ, dass selbst „bloßes“ Covern bisweilen sehr stark in den Charakter eines Werkes eingreift.
  3. Nazi-Keule: Der Einwand, Werke könnten dann auch in neonazistischen Kontexten verwendet werden, wird vor allem in Deutschland und Österreich gegen die Einführung eines allgemeinen Rechts auf Remix vorgebracht. Abgesehen davon, dass das bloßen Abspielen von Liedern bei Neonazi-Veranstaltungen im Falle einer GEMA-Anmeldung auch jetzt nicht verhindert werden kann, lassen sich hierauf drei Punkte entgegnen: Erstens ist die befürchtete Nutzung in neonazistischen Kontexten in der Regel mehr eine hypothetische denn eine tatsächlich praktische Bedrohung. Für den, zweitens, unwahrscheinlichen Ernstfall bleiben jedoch bestehende Verhetzungs- und Wiederbetätigungsverbote von einem Recht auf Remix unberührt. Und wenn, drittens, auch diese nicht helfen sollten, handelt es sich wahrscheinlich um einen Fall, auf den das Voltaire zugeschriebene Zitat von S.G. Tallentyre passt: „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“

Zusammengefasst besteht die netzpolitische Dimension von Heinos Cover-Album also im Aufzeigen von Widersprüchlichkeiten und Absurditäten des herrschenden Urheberrechts. Nachsingen ist erlaubt, kreative Fortschöpfung in Form von Remix und Mashups sind verboten. Wer Remixkunst dennoch legalisieren möchte, verbringt häufig mehr Zeit mit Rechteklärung als mit eigentlich kreativer Arbeit. Die Einführung eines Rechts auf Remix ist mehr als überfällig und Heinos Cover-Album der Beweis.

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