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January 11 2012

Pseudonym ist besser

Seit letztem Jahr wissen wir, dass Blogger unter Pseudonym für glaubwürdiger gehalten werden, seit diesem Jahr, dass Kommentatoren mit Pseudonymen besser sind. Jedenfalls wenn man den jeweiligen Untersuchungsergebnissen glaubt.

Ob das was mit geringerem Sendungsgbedürfnis und dem Zurücknehmen-können der eigenen Person zu tun hat? Die Zahlen der Firma Disqus geben darüber leider keine Auskunft. Allerdings liefert ein anderer Mechanismus eine nette Alternativhypothese: Klarnamensidentifikation war gleichbedeutend mit Über-Facebook-eingeloggt-sein. Schreiben Personen, die sich bei anderen Diensten über Facebook einloggen, im Schnitt weniger intelligente Kommentare? Man möchte es nicht ausschließen. Ebensowenig wie die Vermutung, dass die Kommunikation innerhalb von Facebook intelligenter wird wenn der Datenschutz verbessert und Pseudonyme zugelassen werden.

Weitere Kritikpunkte hat Spiegel Online aufgeführt:

Da Disqus aber nicht erklärt, wie genau gewichtet und ausgewählt wurde, ist bei der Interpretation der Ergebnisse aber Vorsicht geboten. Auch ist nicht klar, wie die Zahlen überhaupt zustande kamen: Die Infografik suggeriert, dass Daten aller 600 Millionen Disqus-Nutzer erhoben wurden; ein Nutzer kann aber mehrmals als Unique User auftauchen, etwa indem er oder sie abwechselnd anonym, pseudonym und mit Klarnamen postet.

September 05 2011

Pseudonymitätsdebatte: Offener Brief an Google

Im Rahmen der Pseudonymitätsdebatte hat Christoph Kappes das gemeinsame Schreiben eines offenes Briefes an Google organisiert, den ich mitgezeichnet habe. Dieser ging heute an Google und die Öffentlichkeit.

Google UK Ltd.
Vice President, Northern and Central Europe
Philip Schindler
SW1W 9TQ London

Deutschland, den 5. September 2011

Sehr geehrter Herr Schindler,

wir, die Unterzeichner, wenden uns heute an Sie wegen der Unternehmenspolitik Ihrer Muttergesellschaft Google Inc.

Die Nutzungsbestimmungen Ihres neuen sozialen Netzwerkes “Google +”, das wir für einen gelungenen Wurf halten und gerne nutzen, sehen in Ziffer 13 vor, dass Nutzern den “volle(n) Name(n), mit dem Sie normalerweise von Freunden, Familie und Kollegen angesprochen werden“ verwenden müssen. Nach dieser sog. Common Name Policy ist also jeder Name erlaubt, unter dem man allgemein bekannt ist. Nicht erlaubt ist ein kaum bekannter Künstlername, ein Allerweltsname “Peter Meier23” oder ein Pseudonym, so dass Ihr Dienst in diesen Fällen nicht genutzt werden darf, wenn die Identität des Nutzers unter diesem Namen nicht allgemein bekannt ist.
Wir unterstützen die Argumentation Ihrer Muttergesellschaft, dass diese Regelung das Kommunikationsniveau heben soll. In der Tat gehört es auch für uns zum guten Ton, dass man sich einander vorstellt und namentlich miteinander kommuniziert. Dieses Ziel wird jedoch durch Ihre Maßnahme kaum erreicht, da jedermann versuchen kann, unter einer Anscheins-Identität aufzutreten, deren Echtheit Sie mit gängigen Online-Verfahren schwer überprüfen können. Auch die Verhinderung von Spam erscheint uns als sehr schwaches Argument, da jeder Spammer versuchen wird, sich einen glaubwürdigen Echtnamen zu geben.
Aus unserer Sicht sind diese Argumente bei weitem zu schwach für eine derart schwerwiegende Begrenzung in der Nutzung.

Wir begrüßen es sehr, dass es schon lange für ein Google-Konto unter Ziff. 2 Ihrer Nutzungsbestimmungen heißt: “Die Nutzung der Dienste ist auch unter einem Pseudonym möglich.” Wir würden uns daher auch wünschen, dass Sie dieselbe Regelung für Google Plus gelten lassen. Zudem ist auch die Rechtslage in Deutschland zu beachten. § 13 Absatz 6 TMG lautet: “Der Diensteanbieter hat die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeit zu informieren.” Unsere Frage ist: Ist Ihnen die Bereitstellung mit pseudonymer Nutzung technisch nicht möglich oder nicht zumutbar?

Das TMG bringt klar zum Ausdruck, dass in der Sache seit Jahren durch den Gesetzgeber entschieden ist, was die Auffassung hierzulande ist: Dass nämlich die Nutzung eines solchen Dienstes grundsätzlich nicht an die Verwendung des echten Namens und auch nicht an einen Rufnamen gekoppelt sein soll, sondern pseudonym zu ermöglichen ist. Wir möchten Sie bitten, diese Entscheidung zu respektieren und darauf hinzuwirken, dass diese durch Ihre Muttergesellschaft eingehalten wird.

Wir glauben zudem, dass wir sehr gewichtige Argumente für unseren Standpunkt vorbringen können und möchten eindringlich an Sie appellieren, bei Ihrer Muttergesellschaft folgendes vorzutragen:
1. Wir sind uns darüber im Klaren, dass Pseudonymität nicht für jedermann Alltagsrelevanz aufweist. Sie erfüllt jedoch wichtige Schutzfunktionen: Menschen mit privaten Problemen aller Art, die sie nicht unter ihrem gesetzlichen Namen schriftlich besprechen können, sowie Personen des öffentlichen Lebens, die nicht immer öffentlich sein wollen, nutzen die Pseudonymität gleichermaßen wie Kinder, Lehrer und politische Akteure. Wir glauben zudem, dass in der weiteren konzeptionellen Entwicklung des Netzes auch und gerade der Schutz von Minderheiten und politisch Andersdenkenden, die sich nicht so frei wie wir artikulieren können, als maßgeblich herausstellen wird. Wenn die moderne Demokratie im Geiste Alexander Hamiltons den Schutz von Minderheiten vor Übergriffen der Mehrheit als ihren Kern definiert hat, dann sollten wir das Internet als Errungenschaft unserer demokratischen Gesellschaften nicht dahinter zurückfallen lassen.

2. Die Nutzung eines Pseudonyms ermöglicht es Bürgern, im Einzelfall und nach ihrem eigenen Dafürhalten eine Meinung frei artikulieren zu können, ohne Ächtung und Nachteile befürchten zu müssen. Dies ist essentiell für die freie Meinungsbildung in einer Demokratie. Es entspricht zudem auch der natürlichen Begegnung in der Realität, wo sich Menschen zunächst ohne Namensnennung begegnen und einander dann vorstellen, wenn sie selbst es für geboten halten. Ferner bietet die pseudonyme Nutzung Bürgern in totalitären Staaten gewissen Schutz vor Repressionen.

3. Ein Missbrauch ist zwar möglich, etwa durch Schmähungen und Beleidigungen. Ihm können aber durch Systemmaßnahmen (Meldeverfahren etc.) Grenzen gesetzt werden. Er ist im übrigen auch bei anderen Kommunikationsmitteln von Briefen bis zu Telefon und E-Mail nicht ausgeschlossen. Insbesondere Soziale Netzwerke sollten hier nicht hinter herkömmliche Kommunikationsmittel zurückfallen, wenn es keine zwingenden Gründe gibt: Wo jeder selbst entscheidet, wen er liest, ist auch die Reichweite von Missbrauch beschränkt.

Die Diskussion um die Nutzungsbestimmungen hält nun schon einen Monat an, ohne dass wir von Google Verbindliches über den weiteren Prozess gehört hätten. Wir hoffen natürlich, dass Sie sich angesichts der weltweiten Proteste in einer intensiven internen Diskussion befinden. Von außen ersichtlich ist es jedoch nicht, und daher bitten wir Sie um eine baldige Information, wo Sie in Ihrem Entscheidungsprozess stehen und welche Optionen Sie für gangbar halten. Sollten Sie sich schon entschieden haben, Ihre bisherige Linie nicht zu ändern, bitten wir Sie darum, uns die Gründe zu nennen. Wir möchten uns rational entscheiden können, ob wir Ihren Dienst weiter nutzen und wie weit wir ihn in unserem Kommunikationsverhalten im digitalen Raum berücksichtigen wollen. Diese Erwartung haben wir im übrigen auch an andere Netzwerke, insbesondere Facebook.

Wir laden Sie darüber hinaus herzlich zu einem Hintergrundgespräch ein, bei dem wir unsere Standpunkte austauschen können, eventuelle Missverständnisse ausräumen und auch sondieren können, welche vermittelnden Optionen es gibt.

Unseren Brief haben wir unter http://pseudonymmusssein.posterous.com/pseudonyme-auf-google-plus# veröffentlicht. Auf diese Weise sind Feedbacks vieler Internetnutzer für Sie gut auffindbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dorothee Bär, MdB, CSU
Sascha Lobo
Markus Beckedahl, Digitale Gesellschaft e.V.
Nico Lumma
Teresa Buecker
Falk Lüke
Stefan Gehrke
Wolfgang Macht
Peter Glaser
Stephan Noller
Joachim Graf
Dr. Konstantin v. Notz, MdB, Bündnis 90/Die Grünen
Anke Gröner
Enno Park
Lars Hinrichs
Ingo Scholz
Manuel Höferlin, MdB, FDP
Jimmy Schulz , MdB, FDP
Christoph Kappes
Christiane Schulzki-Haddouti
Lars Klingbeil, MdB, SPD
Michael Seemann
Jürgen Kuri
Dr. Peter Tauber, MdB, CDU
Christiane Link
Stephan Uhrenbacher
Ulrike Langer
Jörg Wittkewitz

August 22 2011

On Pseudonymity, Privacy and Responsibility

In einem langen Essay fasst Kee Hinckley auf TechnoSocial nochmal die Pseudonymitätsdebatte auf Google+ zusammen: On Pseudonymity, Privacy and Responsibility on Google+.

I leave you with this question. What if I had posted this under my pseudonym? Why should that have made a difference? I would have written the same words, but ironically, I could have added some more personal and perhaps persuasive arguments which I dare not make under this account. Because I was forced to post this under my real name, I had to weaken my arguments; I had to share less of myself. Have you ever met “Kee Hinckley”? Have you met me under my other name? Does it matter? There is nothing real on the Internet; all you know about me is my words. You can look me up on Google, and still all you will know is my words. One real person wrote this post. It could have been submitted under either name. But one of them is not allowed to. Does that really make sense?

Behind every pseudonym is a real person. Deny the pseudonym and you deny the person.

August 19 2011

Warum Anonymität gefährlicher ist als eine Schusswaffe

erklärt Bundesinnenminister HP Friedrich auf Abgeordnetenwatch:

Nach Straftaten mit legalen Schusswaffen von Sportschützinnen und Sportschützen müssen die Ursachen und begünstigenden Umstände für eine solche Tat untersucht werden. Pauschale Forderungen nach einem Verbot oder der Einschränkung des Schießsports sind da nicht zielführend.

Klar, nur wegen der paar schwarzen Schafe, die Menschen ermorden, sollte man sich doch nicht etwas so schönes wie den Schießsport vermiesen, denn:

In unserer heutigen, immer individuelleren Gesellschaft, leisten unter anderem auch die Schützenvereine einen vorbildlichen Beitrag für unser Gemeinwohl. Neben der Pflege von Tradition und Brauchtum wird mit der generationenübergreifenden Zusammenarbeit bei jungen Menschen das Gefühl der Zugehörigkeit zum und die Verantwortung für unser Gemeinwohl gestärkt.

Bei der Anonymität (korrekt wäre: Pseudonymität) im Internet ist das aber bekanntlich eine ganz andere Sache. Meinungsfreiheit mag zwar im Gegensatz zum Schusswaffenbesitz ein Grundrecht sein, aber weil sie in Verbindung mit Anonymität keinen so vorbildlichen Beitrag für unser Gemeinwohl leistet, wie eine Schusswaffe, kann man hier ja klare Kante zeigen. Hier ist offensichtlich die Forderung nach einem Verbot oder einer Einschränkung der Pseudonymität zielführend.

So so.

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