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September 10 2013

Black Box Infrastruktur: Brauchen wir Transparenz von Verbindungsarrangements?

Dieser Beitrag “Black Box Infrastruktur: Brauchen wir Transparenz von Verbindungsarrangements?” von Uta Meier-Hahn wurde zuerst im Blog des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft veröffentlicht. Wer mehr Internas zum Thema Peering-Policies hat, kann gerne mit Uta Kontakt aufnehmen.

Unter der Oberfläche des Internets brodelt es. Netzbetreiber, Internet-Zugangsanbieter, Content Delivery Networks und netzwerkaffine Inhalteanbieter ringen um die beste Position, um mit Infrastruktur-Leistungen wie der Bereitstellung, Verteilung und dem Transport von Inhalten Geld zu verdienen.

Erfolgsstory des Internets

Als Netz aus Netzwerken basiert das Internet darauf, dass sich Netzbetreiber und andere Infrastruktur-Akteure miteinander verbinden und darüber einigen, zu welchen Bedingungen sie Traffic austauschen (peeren). Zwischen den Autonomen Systemen, die im Juni 2012 gemeinsam das Internet ausmachten, bestanden schätzungsweise mehr als 200.000 Peering-Verbindungen (Feldmann, 2013). Das sind viele Beispiele für den Erfolg des Prinzips der Verbindungsvereinbarungen.

Rangeleien ziehen Aufmerksamkeit auf Peering-Policies

Doch trotz so vieler gelungener Vereinbarungen können sich die Wettbewerber nicht immer auf Peering-Bedingungen einigen. Einige der Rangeleien («Tussles», Clark et al., 2005) zwischen großen Unternehmen bekamen Internetnutzer in jüngerer Zeit zu spüren. Kunden bestimmter Internetanbieter konnten manche Inhalte nur mit niedriger Bandbreite empfangen, weil die beziehenden und liefernden Netzwerke sich nicht mit der erforderlichen Bandbreite untereinander verbunden hatten.

Jon Brodkin hat eine Liste mit Fällen aus jüngerer Zeit zusammengestellt und zeichnet detailliert die komplexen Marktbeziehungen zwischen den Typen von Unternehmen und die ökonomischen Konflikte nach. Die Lektüre lohnt sich. Denn Fakten über die Konflikte herauszufinden und zu beschreiben, ist eine Leistung für sich. Unternehmen gewähren ungern Einblicke in ihre Verbindungsarrangements, wie diese Präsentation (Blanche, 2012) bei einem Branchentreffen zeigt.

Verbindungsarrangements strukturieren Internetkommunikation vor

Im Schatten ökonomischer Konflikte rund um die Frage, wer wen in welcher Höhe für die Durchleitung von Traffic bezahlen soll, liegt ein weiterer, weniger beachteter Aspekt von Peering-Policies: Über ihre Verbindungsarrangements strukturieren Infrastruktur-Akteure in grundlegender Weise vor, wie sich Nutzer mittels des Internets informieren und wie sie damit kommunizieren können.

Internetzugangsanbieter, Netzbetreiber und Content Delivery Networks agieren als Informations-Intermediäre. Ihre Verbindungsvereinbarungen regeln zum Beispiel, welche Routen Daten-Pakete im Internet nehmen können – lange oder kurze, schnelle oder langsame, regionale oder internationale. Sie beeinflussen insofern – neben anderen Faktoren auf der Anwendungsebene – die Erfahrung der Internetnutzung, und sie beeinflussen auch, welche Rechtsräume eine Kommunikation durchläuft.

Internet-Infrastruktur als Black Box für die Nutzer

Internetnutzer können Peering-Konflikte zwar spüren, etwa wenn datenintensive Video-Streams ins Stocken geraten, obwohl die Bandbreite auf der sogenannten letzten Meile ausreichen würde. Aber als solche erkennen und sie konkreten Akteuren zuordnen können sie die Konflikte zwischen den Anbietern kaum. Denn Verbindungsarrangements basieren auf privaten Vereinbarungen, die in den Bereich der Geschäftsgeheimnisse fallen. Über die Ursache einer beeinträchtigten Übertragung können Nutzer daher nur spekulieren. Die Black Box der Internet-Infrastruktur beginnt hinter dem heimischen Modem.

Transparenz schaffen?

Es stellt sich die Frage, ob der Einfluss von Verbindungsarrangements auf die Interneterfahrung der Nutzer so groß ist, dass Handlungsbedarf besteht. Mangels Transparenz ist es allerdings schwierig, genau diese Frage zu beurteilen und den Anteil an der Interneterfahrung zu isolieren, der sich aus Peering-Policies ableitet. Eine Möglichkeit wäre es, die Anbieter dazu zu bringen, dass sie ihre Verbindungsvereinbarungen offenlegen. Dies würde allerdings einen gravierenden Eingriff in den Markt bedeuten, der wohl überlegt sein will.

Einklagbare Leistungsversprechen bei der Bandbreite

Im Regelfall haben Kunden kein Recht darauf, den Prozess der Leistungserbringung bei Produkten oder Dienstleistungen nachverfolgen zu können. Produkte, bei denen es wichtig ist zu wissen, «was drin ist», bilden die Ausnahme – etwa Bio-Erzeugnisse oder FairTrade-Produkte. Ist es beim Internet also wichtig zu wissen, was drin ist? Wäre es nicht ausreichend, wenn Internetzugangsanbieter ihren Endkunden einklagbare Leistungsversprechen gäben? Anstatt Bandbreiten in der Form von «Bis-zu»-Formulierungen zu annoncieren, könnten sie Mindestbandbreiten zusichern.

Neben inhärenten technischen Schwierigkeiten, Mindestbandbreiten auf der sogenannten letzten Meile zu garantieren, bliebe damit aber das Qualitätsproblem ungelöst. Denn sicherte ein Internetzugangsanbieter seinen Kunden eine bestimmte Bandbreite für Downloads zu, wäre dies nur etwas wert, wenn der Anbieter über seine Verbindungsarrangements auch den Eingang der Inhalte in sein Netz in entsprechender Qualität ermöglichte. Im Zweifelsfall obläge es dann dem Zugangsanbieter, die eigene Peering-Kapazität in Richtung anderer Netzbetreiber und Inhalteanbieter nachzuweisen – eine Aufgabe, die Zugangsanbieter kaum begrüßen dürften.

Leistungsversprechen lösten nicht die Routen-Frage

Selbst wenn Leistungsaspekte zur Zufriedenheit von Unternehmen und Nutzern geklärt wären, blieben weitere Fragen über Verbindungsarrangements offen. Die geheimdienstlichen Späheingriffe in den Internetverkehr haben Bürger dafür sensibilisiert, unter welcher Jurisdiktion ihre Daten liegen. Anbieter von Cloud-Diensten stellen sich zum Beispiel darauf ein, derartige Policy-Ansprüche ihrer Nutzer besser bedienen zu können, indem sie die Lagerung der Daten in bestimmten Jurisdiktionen garantieren. Analog dazu könnte auch das Interesse an Verbindungsarrangements wachsen. Mehr Transparenz würde Einblicke erlauben, welche Jurisdiktionen persönliche Kommunikate durchlaufen und welche potenziellen Eingriffe damit in Kommunikation geschehen können.

Vielleicht würden Transparenz-Regelungen nicht zu unmittelbaren Erkenntnisgewinnen bei den Internetnutzern führen, weil das tatsächliche Routing von Datenpaketen im Internet dynamisch geschieht und ohne Fachkenntnisse kaum zu verstehen ist. Aber sie könnten ermöglichen, dass Angaben zu Verbindungsarrangements für Informationsangebote aufbereitet würden, die den Internetnutzern mittelbar dienen können.
Was sichtbar wird, lässt sich untersuchen

Die Rangeleien unter Netzbetreibern, Internetzugangs- und Inhalteanbietern haben einen guten Effekt: Sie lenken den Blick auf die Internet-Infrastruktur. Sichtbar werden Akteure und Praktiken, die die schöne Welt innovativer Anwendungen überhaupt erst ermöglichen, die aber auch unsere Kommunikation vorstrukturieren. Welche Gliederungsprinzipien im Wechselspiel zwischen den eingesetzten Technologien, Infrastruktur-Akteuren und Internetnutzern greifen, wird zu untersuchen sein. Transparenz bei Verbindungsarrangements zu schaffen, könnte eine Maßnahme sein, die systematische Forschung ermöglichen würde.

Referenzen

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July 11 2013

Durchsuchung der EU-Kommission: Hat die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung missbraucht, um “Sender Pays” durchzusetzen? (Updates)

Die EU-Kommission hat mehrere Internet-Anbieter in Europa durchsucht, darunter auch die Deutsche Telekom. Den Anbietern wird vorgeworfen, Geld von einem amerikanischen Konkurrenten verlangt zu haben, weil der viele Daten gesendet hat. Wenn die Ermittlungen beweisen, dass die Unternehmen damit ihre marktbeherrschende Stellung missbraucht haben, könnte das “Sender Pays” Modell gestorben sein.

Die Europäische Kommission hat heute bestätigt, dass sie “unangemeldete Kontrollen” bei Internet-Providern durchgeführt hat. Die Deutsche Telekom bestätigte mittlerweile, dass auch sie durchsucht wurde – in Zusammenarbeit der Kommission mit dem Bundeskartellamt. Weitere Betroffene sind die Anbieter Orange aus Frankreich und Telefónica aus Spanien.

Die Pressemitteilung der Kommission spricht von “Bedenken, dass die Unternehmen das EU-Wettbewerbsrecht verletzt haben könnten, dass den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung verbietet”. Hier wird auf Artikel 102 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verwiesen.

Zum Inhalt sagt die Kommission nur vague:

Internet players interconnect with each other through a combination of wholesale services to cover all possible Internet destinations. Internet connectivity allows market players (e.g. content providers) to connect to the Internet so as to be able to provide their services or products at the retail level. This service is crucial for the functioning of the Internet and for end users’ ability to reach Internet content with the necessary quality of service, irrespective of the location of the provider.

Laut der französischen Tageszeitung Le Figaro (NSA Translate) geht es um Peering-Abkommen (unsere Übersetzung):

Die Geschichte geht auf Mai 2011 zurück, als Cogent, ein amerikanischer Breitband-Anbieter, der in mehreren Ländern operiert, gegen [den französischen Provider] Orange Beschwerde einreichte. Cogent wirft Orange vor, Peering-Abkommen nicht zu respektieren, die im Internet vorherrschen und Betreibern ermöglichen, Daten-Traffic auszutauschen, ohne diesen in Rechnung zu stellen. Peering geht davon aus, dass man ungefähr so viele Daten empfängt wie man sendet. Cogent aber hat angefangen, 13 mal so viel an Orange zu senden, wie es empfangen hat. Der Grund: Ein großer Kunde von Cogent war Megaupload, der Sharehoster, der im Zuge von Ermittlungen des FBI abgeschaltet wurde. Angesichts dieses Ungleichgewichts hat Orange von Cogent finanzielle Gegenleistungen verlangt, um zusätzliche Peering-Kapazitäten bereitzustellen.

Cogent Communications ist einer der wenigen Tier 1 Provider, die für Internet-Traffic nur kostenlos peeren und nicht bezahlen. Kein Wunder also, dass sie das nicht mit sich machen lassen wollten. Also hat sich Cogent an die EU-Kommission gewendet. Gegen die Deutsche Telekom und Telefónica hat Cogent die selbe Beschwerde eingereicht.

Seit Jahren versuchen Internet-Anbieter, nicht nur aus Endkunden, sondern auch aus datenintensiven Netzübergängen Profit zu schlagen. Vor drei Jahren sagte Telekom-Chef René Obermann:

“Wir können nicht alles umsonst anbieten”, argumentiert der Telekom-Chef, “zahlen müssen diejenigen, die die Netze stark beanspruchen”. Wer besonders datenintensive Premiuminhalte anbietet, soll demnach eine Gebühr entrichten. Je mehr Bandbreite ein bestimmter Web-Dienst benötigt und je öfter er genutzt wird, so die Logik, desto mehr soll der jeweilige Anbieter bezahlen.

Hoffentlich geht die Kommission weit genug und verbietet dieses “Sender Pays” Modell gleich komplett. Der Netzneutralität zu liebe.

Update: Die Telekom hat unsere konkrete Frage “Hat die Telekom versucht, von Cogent Geld für einen erhöhten Traffic zu verlangen?” bisher nicht beantwortet. Ein Sprecher bestätigte aber, dass es um Traffic in Backbone-Netzen geht:

Untersucht wird, ob es bei der Zusammenschaltung der großen Internet-Backbone-Netze zu Verstößen gegen EU-Recht gekommen ist (möglicher Mißbrauch marktbeherrschender Stellung). Es geht also um die Frage, wie der Datenverkehr aus Drittländern in den EU-Netzen transportiert wird.

Update 2: Benedikt Fuest und Florian Eder haben auf welt.de weitere Details:

Cogent hatte sich laut einem internen Schriftsatz, der der “Welt” vorliegt, bereits 2009 bei der Bundesnetzagentur über das Peering-Verhalten der Telekom beschwert: Die Telekom weigere sich, ausreichende Kapazitäten an ihren Peering-Knotenpunkten parat zu halten. Die Anbindung der Cogent-Kunden ins Netz der Telekom sei zu langsam: Cogent benötige mindestens 100 Gigabit pro Sekunde, die Telekom halte weniger als die Hälfte dessen parat.

Der deutsche Konzern hält dagegen, dass Cogent bis zu zwölf Mal mehr Daten ins Netz der Telekom sende als diese ins Netz von Cogent. Cogent solle deswegen für den Ausbau und das große Datenvolumen zahlen.

Update 3: Jetzt bestätigt Philipp Blank, Sprecher der Telekom, gegenüber netzpolitik.org:

Geld von anderen Carriern zu verlangen, ist gerechtfertigt. Wir müssen zusätzliche Kapazitäten aufbauen, um den zunehmenden Datenstrom zu bewältigen und dafür kann nicht nur der Endkunde aufkommen.

Gleichzeitig droht uns die Telekom:

Wenn Sie zudem nicht die Behauptung entfernen, dass wir ein Kartell gebildet hätten, werden wir presserechtlich dagegen vorgehen, weil wir das als Rufschädigung werten.

Kann uns mal wer eine juristische Einschätzung dazu geben? Nach unserer Auffassung haben wir gar keine “Behauptung aufgestellt”. In der Überschrift wird das nur als Frage aufgeworfen. Wie ist das juristisch zu bewerten?

Update 4: Fünf Juristen, zehn Meinungen. Da wir unsere knappen Ressourcen lieber in den Kampf für echte Netzneutralität stecken als in juristische Auseinandersetzungen, haben wir in der Überschrift “Hat die Deutsche Telekom ein Kartell gebildet?” zu “Hat die Telekom ihre marktbeherrschende Stellung missbraucht?” geändert. Davon weichen wir aber nicht ab.

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