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February 08 2012
Streit im Bundestag um Enquete und Hauptausschuss Netzpolitik
Die CDU/CSU-Fraktion hat heute in einer Pressemitteilung angekündigt, dass die Enquete-Kommission Internet & digitale Gesellschaft bis zur Sommerpause fertig sein soll. Das hat u.a. für einige Verwunderung auf Twitter gesorgt, wo sich für eine Stunde einige beteiligte Sachverständige und Bundestagsabgeordneten samt ihrer Referenten darüber stritten, ob eine einzelne Fraktion einfach mal das Ende der Enquete verkünden kann. Aber das zeigt mal wieder nur das Verhalten der CDU/CSU-Fraktion über die gesamte Laufzeit der Enquete, in der ich auch seit fast zwei Jahren als Sachverständiger sitze. Und die in diesen fast zwei Jahren erst vier von zwölf Arbeitsgruppen beendet hat, so dass ich mich mal davon überraschen lasse, wie die CDU/CSU-Fraktion denn die restlichen Arbeitsgruppen bis zum Sommer beenden will. Es gibt ja die Vermutung, dass man bei der Union keine Lust mehr auf die Enquete habe, weil das mit den Mehrheiten in vielen Fragen nicht so klappt, wie geplant.
Aber das war eigentlich nicht der Grund der Pressemitteilung, sondern die CDU/CSU-Fraktion wünschte sich in dieser nach Ende der Enquete einen “Ausschuss für “Internet und digitale Gesellschaft” einzusetzen. Ein solcher Ausschuss macht Sinn, denn im Moment gibt es nur einen Unterauschuss Neue Medien, der dem Kultur & Medien – Ausschuss untergeordnet ist, was keine richtig befriedigende Lösung für das Querschnittsthema Netzpolitik ist. Die Reaktionen waren dann über den Tag verteilt auch lustig.
Die FDP-Fraktion erklärte erstmal in einer Pressemitteilung, dass man die Idee schon vorher gehabt habe. Die Grüne-Fraktion begrüßt die Idee grundsätzlich, möchten aber erstmal die Enquete ordentlich beenden. Und für die Linke-Fraktion erklärt Halina Wawzyniak, dass man das machen könnte, aber ein neuer Ausschuss “eine umfassende Bürgerbeteiligung nach dem Vorbild der Enquête-Kommission von Beginn an” sicherstellen müsste.
Was bleibt: Wir hoffen mal, dass die CDU/CSU-Fraktion in einem einzusetzenden Netzpolitik-Hauptausschuss mehr Netz-Kompetenz entsendet als in die Enquete-Kommission. Das ist möglich.
Und wenn man denkt, das war schon alles, kommt sicher eine Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit und einer gewohnt lustigen Argumentation. Wie auch diesmal:
“Wir befinden uns mitten in einem tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung. Wo können die Auswirkungen dieses Wandels besser und lösungsorientierter diskutiert werden als im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags, dessen Hauptaufgabe es ist, sich mit den Rahmenbedingungen in diesem Feld zu befassen und immer wieder über den Tellerrand hinauszusehen. Die Gestaltung der digitalen Gesellschaft ist eine kulturelle und kulturpolitische Aufgabe.”
Das ist doch mal die Idee der Woche: Netzpolitik soll nicht mehr von den Netzpolitikern diskutiert werden, sondern von den kompetenten Kulturpolitikerinnen.
February 07 2012
Jacob Appelbaum über Klassenkampf im Netz
Die Sendung Breitband auf Deutschlandradio Kultur hat am Samstag mit Jacob Appelbaum über Freiheit, Überwachung und Netzpolitik geredet: Klassenkampf im Netz. Davon gibt es eine MP3.
Freiheit und Überwachung sind inkompatibel, sagt Jacob Appelbaum. Er forscht an der University of Washington an Sicherheitssystemen, ist in der Szene ein durchaus bekannter Hacker, früherer Wikileaks-Sprecher und arbeitet an der freien Anonymisierungssoftware TOR, deren sichere Nutzung er auch weltweit in Workshops weitergibt. Schon öfter geriet er deshalb ins Visier von Geheimdiensten. Christian Grasse hat mit Jacob Appelbaum auf der transmediale2k+12 über Netzphilosophie und Netzpolitik gesprochen.
Technologie ist für Appelbaum nicht das andere, das Entfremdete, sondern ein menschliches Produkt. “Das Web erlaubt uns aufs Neue, uns im Klassenkampf zu engagieren”, erklärt Appelbaum mit Verweis auf Marx. Aber statt von Informationskriegen spricht er lieber von einer Friedensbewegung:
“This isn’t about war, this is about peace building. (…) I think that we live in a time where humanity is starting to recognize that despite the incredible differences in colour, of skin and gender and religion, and even ways of thinking, we still have more in common than we have in dissimilarity. This is a wonderful thing to see that happen. The time that we live in is sort of a great melting pot in a sense. Hopefully, it will also be like a cornucopia, at the same time. That is to say: We get to retain our individuality, while also understanding that every other person is the center of their own universe, just the same way that we are in our own.”
Die lange Fassung des englischsprachigen Interviews steht auf Soundcloud.
January 30 2012
Dokumentation des Chaos Communication Camp
Nerds in den Ferien: Eine 42 Minuten lange Dokumentation über das vergangene Chaos Communication Camp gibt es auf Youtube zu sehen.
Rückblick auf den 2. netzpolitischen Abend der digiges
Am 17. Januar fand der zweite netzpolitische Abend der digiges in Berlin statt. Einen Kurzbericht und Bilder gibt es drüben. Von den vier Kurzvorträgen gibt es jetzt die Video-Dokumentation.
Falk Lüke über die europäische Datenschutzrichtlinie
Markus Beckedahl über “SOPA, PIPA und ACTA”
Markus Beckedahl und Falk Lüke über “EchtesNetz.de – Kampagne für Netzneutralität”
Matthias Kirschner zu “Secure/Zensur Boot: Wer kontrolliert in Zukunft unseren Computer?“
January 24 2012
NPP116: Jeremie Zimmermann über ACTA, Netzneutralität & Hadopi
Der Netzpolitik-Podcast Folge 116 ist ein rund 53 Minuten langes Gespräch mit Jeremie Zimmermann über La Quadrature du Net, ACTA, Netzneutralität, Netzzensur, sowie die Hadopi-Gesetzgebung und die Vorratsdatenspeicherungsdebatte in Frankreich.
Der Podcast ist in englisch und liegt als MP3 und OGG auf dem Server.
Und das sind die einzelnen Punkte:
0:00 Begrüßung
0:30 Vorstellung
1:06 Geschichte von La Quadrature du Net
- HADOPI-Leak
- Angriff auf das freie Internet
2:15 Organisationsstruktur
- Beispiel: Telecomix
- die Vorteile einer schlanken Organisationsstruktur
- Finanzen
5:45 Finanzierung
- Spenden
- Soros-Foundation (Open Society Foundations)
6:46 Kritik in der Gründungsphase?
- Vergleich zu Digitale Gesellschaft
- Rechtfertigung für Kosten gegenüber Dritten
- Zentralisierung, um schnelle Entscheidungen treffen zu können
8:56 HADOPI
13:40 Enforcement 2.0
- Post-HADOPI: ACTA und SOPA
- Details zu ACTA
- ACTA-Kampagne
22:15 Netzneutralität
- Situation in Frankreich, Niederlande, Deutschland
- Marktversagen
- Deep-Packet-Inspection
- respectmynet.eu
35:40 Neue politische Akteure
- Wikileaks, Anonymous, Telecomix, Occupy
37:15 Reaktion der Regierungen
- e-Commerce-Eingriffe
- Wird Anonymous als nächstes Al-Kaida propagiert werden?
- Telecomix
- Umgang der Medien mit Occupy Wall Street
40:19 Ausblick auf 2012
- Netzneutralität
- ACTA
- Neuregelung der EU-Datenschutzgesetze
41:44 Neue Zensurdebatte?
- SOPA
- ACTA
- Deep-Packet-Inspection
- weitere Zensur-Technologien
47:05 Vorratsdatenspeicherung
January 19 2012
Secure/Zensur Boot: Wer kontrolliert in Zukunft unseren Computer?
Vielleicht erinnert ihr euch noch an TCPA (Video)? Die schlechte Nachricht: Schlechte Dinge kommen immer wieder zurück. Dieses Mal etwas abgewandelt unter dem Namen "Secure Boot". Während viele Aktive im Moment Netzsperren verhindern, entsteht hier die nächste Gefahr für unsere Freiheit. Nachdem ich vorgestern dazu einen Vortrag beim netzpolitischen Abend der Digitalen Gesellschaft gehalten habe, hier eine Zusammenfassung.
Das BIOS, wie auf der Abbildung, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Nachfolger davon wird UEFI sein, welches einige Vorteile, wie schnelleres Booten, CPU-unabhängige Treiber und außerdem mehr Sicherheit verspricht. Der Sicherheitsaspekt wird dabei durch "Secure Boot" umgesetzt. "Secure Boot" stellt sicher, dass beim Einschalten des Computers nur durch einen digitalen Schlüssel autorisierte Software gestartet werden kann. Damit soll das Ausführen von Schadsoftware beim Startvorgang verhindert werden. Es verhindert allerdings nicht, dass Schadsoftware nach dem Bootvorgang eingeschleust wird. Die Komplexität heutiger Anwendungen bedeutet auch, dass es immer Lücken in der Software geben wird, die zur Installation von Schadsoftware benutzt werden können. "Secure Boot" löst also nur ein Randproblem. Dennoch hat Microsoft angekündigt, dass Computerhersteller, welche das "Kompatibel mit Windows 8"-Logo benutzen wollen, diese Funktion implementieren müssen.
Es ist jedoch derzeit unklar, wie Computer-Hersteller "Secure Boot" implementieren werden und wer in Zukunft darüber entscheiden kann, welche Software erlaubt und welche nicht erlaubt wird. Die Kernfrage ist, wer die Kontrolle über die Schlüssel haben wird – Hardware-Hersteller, Betriebssystem-Hersteller, oder die Nutzerinnen und Nutzer.
Die Free Software Foundation Europe befürchtet, dass Microsoft und die Hardwarehersteller durch diese Boot-Beschränkungen privaten und geschäftlichen Anwendern die Kontrolle über ihre Computer nehmen. In der derzeit vorliegenden Form bestimmen die Hardwarehersteller, welcher Software und damit welchen Unternehmen der Hardware-Besitzer vertrauen muss.
Letzte Woche hat der Journalist Glyn Moody auf folgenden Ausschnitt aus den "Windows Hardware Certification Requirements" hingewiesen:
MANDATORY: Enable/Disable Secure Boot. On non-ARM systems, it is required to implement the ability to disable Secure Boot via firmware setup. [...] Disabling Secure MUST NOT be possible on ARM systems.
Wenn die Hersteller sich an die Vorgaben Microsofts halten, dann könnten Anwender auf nicht-ARM Systemen (wie die meisten Laptop- und Desktop-Computer) "Secure Boot" abschalten und GNU/Linux, ein BSD oder ältere Microsoft Windows Versionen installieren. Auf ARM-basierten Systemen hingegen, also primär auf Tablets und Telefonen, hat Microsoft nicht das Problem, dass alte Windows Versionen weiter laufen müssen. (Bei Intel-kompatibler Hardware besteht für Microsoft auch die Gefahr, Probleme mit den Kartellbehörden zu bekommen, sollten sie fordern, dass Secure Boot nicht abgeschaltet werden kann). Auf ARM-Systemen wird es dann ohne die Ausnutzung von Sicherheitslücken nicht länger möglich sein, andere Betriebssyteme zu installieren.
Im Moment sieht es so aus, als sollte jeglichem Anwender die Installation anderer Betriebssysteme als Microsoft Windows erschwert werden. Eine solche Entwicklung wird mit Sicherheit das Microsoft-Monopol auf dem Deskop weiter verfestigen. Unterstellt man Microsoft diese Entwicklung als tatsächliche Strategie, bekommt der Begriff "secure boot" nahezu etwas euphemistisches: "Mit Sicherheit Microsoft"
Noch schlimmer: In Zukunft könnten die Hardware-Hersteller bestimmen, welche Betriebssyteme gestartet werden können. Die Unternehmen, die die Betriebssysteme schreiben, könnten dann bestimmen, welche Programme starten. Wenn das auf allen Computern (und nicht nur wie im Moment bei Mobiltelefonen) der Fall ist, brauchen wir keine Netzsperren mehr. Dann wird unerwünschtes Verhalten direkt durch wenige Hard- und Softwarehersteller auf den Geräten unterdrückt. Eine besseres Werkzeug für Zensur und Unterdrückung ist fast nicht vorstellbar.
Für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ist es wichtig, dass die Besitzer der Geräte die volle Kontrolle über deren Einstellungen haben, gerade wenn diese der Sicherheit dienen. Die Anwender müssen selbst entscheiden können, welchen Unternehmen und welchen Organisationen sie vertrauen und welchen nicht. Sie müssen in der Lage sein, selbst zu bestimmen, welche Programme sie auf ihren Computern installieren wollen und welche nicht. Die Hardware-Hersteller dürfen die Anwender bei dieser Entscheidung nicht entmündigen.
Die Free Software Foundation Europe fordert daher:
- Die Kontrolle über die Schlüssel muss beim Besitzer der Hardware liegen!
- Der Besitzer der Computer-Hardware muss in der Lage sein, Secure Boot auf einfache Weise aus- oder einzuschalten.
Unterschreibt und verbreitet bitte die Petition unserer Schwesterorganisation (derzeit 23.003 Unterschriften)! Außerdem könnt ihr die Arbeit der FSFE mit einer Spende unterstützen.
Weitere Informationen:
- 2012-01-17: Matthew Garrett "Why UEFI secure boot is difficult for Linux".
- 2011-11-22: Dradio Wissen Interview mit mir zu "SECURE BOOT – Streit um Microsoft-Funktion".
- 2011-10-28: Hintergrundpapier von Red Hat und Canonical (PDF)
January 12 2012
Dienstag in Berlin: 2. Netzpolitischer Abend der Digiges
Am kommenden Dienstag, den 17.01.2012 lädt der Digitale Gesellschaft e.V. zum zweiten netzpolitischen Abend in die c-base. Hier ist die Ankündigung:
Wer Lust hat, mit uns einen kleinen Rundgang durch die aktuellen politischen Themen und die bisherigen Ereignisse rund um den Digitale Gesellschaft e.V. zu unternehmen, ist zum Diskutieren und Sozialisieren am 17.01.2012 ab 20:00 Uhr in die Raumstation c-base in der Rungestraße 20 in Berlin (S-/U-Bahnhof Jannowitzbrücke) eingeladen.
In kurzen Vorträgen werden aktuelle netzpolitische Entwicklungen thematisiert, unsere aktuellen Initiativen und weitere Pläne vorgestellt und miteinander diskutiert. Zu den geplanten Themen gehören u.a. Netzneutralität, ACTA, Open Data und die aktuellen EU-Pläne zur Reform des Datenschutzes.
Wir freuen uns auf zahlreiches Erscheinen und gute Gespräche. Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung ist nicht notwendig. Wir planen einen Live-Audiostream und Video-Aufzeichnungen der Vorträge. Infos zum Audiostream gibt es dann auf Twitter und Facebook.
January 11 2012
Die Sozialdemokratie in der digitalen Gesellschaft
Jonas Westphal und Jens Best fordern in einem Positionspapier eine sozialdemokratischere Netzpolitik: Die Sozialdemokratie in der digitalen Gesellschaft.
Zum zweiten, und dies ist eine der bis jetzt — auch in der SPD — am wenigsten verstandenen Aspekte, können die Werkzeuge der Kollaboration, die Werkzeuge der Partizipation, die Werkzeuge des offenen Wissens eingesetzt werden um in der Gesamtgesellschaft zu massiven Veränderungen hinzu mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität und mehr Freiheit führen. Das Internet macht dies erstmalig bequem für Gemeinschaft und das Individuum in seinem Alltag nutzbar. Sei es die Revitalisierung des genossenschaftlichen Prinzips durch Crowdsourcing und Co-Working oder die neuen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe durch Open-Government. All dies ist digital durchdrungen und muss deswegen mit Politik für eine digital erweiterte Gesellschaft ergänzt werden.
Dazu passt auch der Artikel “SPD, GRÜNE und PIRATEN: In den Untiefen der Netzpolitik” bei Cicero.de, wofür Jonas Westphal u.a. interviewt wurde. Der Artikel ist aber mit Vorsicht zu lesen, da er zahlreiche inhaltliche Fehler (vor allem in Details) enthält.
January 05 2012
Private Zollschranken – Netzneutralität in Europa unter Beschuss
Richard Sietmann schreibt in der c’t lang und lesenswert über “Private Zollschranken – Netzneutralität in Europa unter Beschuss”.
Die schwarzgelbe Koalition wollte entsprechend ihrer Koalitionsvereinbarung die Netzneutralität erst gar nicht regeln; nun soll nach § 41a TKG-E die Bundesregierung eine Verordnung erlassen können, die eine „willkürliche Verschlechterung von Diensten“ untersagt. Das klingt auf den ersten Blick gut, ist aber Augenwischerei und windet sich um den wunden Punkt herum. „Pay for Priority“-Verträge mit Inhalteanbietern sind ja keine „willkürliche Verschlechterung“ bestehender Dienste, führen aber dazu, dass künftig in den schnelleren Zugangsnetzen andere Konnektivitätsregeln gelten: Sich den italienischen Lieblingssender ruckel- und aussetzerfrei auf das TV-Gerät zu streamen gelingt dann nur, wenn dieser sich mit dem Zugangsnetzbetreiber seines deutschen Fans über den Einfuhrzoll geeinigt hat.
Die Tendenz ist offensichtlich: Das Abwarten und Hinhalten überlässt den großen Playern das Spielfeld und gleichzeitig die Gestaltung der Spielregeln, damit sie ein neues Verständnis von TK-Netzbetreiber durchsetzen können: Das sind nicht mehr diejenigen, die Konnektivität zu allen anderen Endhosts herstellen, sondern als „Netzbetreiber“ darf sich künftig jeder Schrankenwärter auf den Nervenbahnen der Informationsgesellschaft bezeichnen.
Hintergründe zum Thema bietet unsere Seite EchtesNetz.de.
January 03 2012
Alle #28c3-Vorträge zum Nachschauen
Mittlerweile sind alle Vorträge des vergangenen 28. Chaos Communication Congress online in verschiedenen Formaten zum Herunterladen zu finden. Vielen Dank an alle Helfer, dass das so schnell klappte.
December 28 2011
#28c3: Echtes Netz
Unser Vortrag zum Thema “Echtes Netz – Kampagne für Netzneutralität” ist in einer Vorabversion online:
Echtes Netz – Kampagne für Netzneutralität
Wir haben heute eine Preview-Version von “Echtes Netz – Kampagne für Netzneutralität” gestartet. Mehr gibt es im neuen Jahr zu sehen, vorraussichtlich wird sich das ganze Design noch ändern und sicher werden noch mehr Kampagnenelemente dazu kommen.
Ausbauen und aktualisieren werden wir auch noch diese Zeitleiste, wo wir die Debatte um Netzneutralität abbilden wollen:
December 23 2011
Der internationale Jahresrückblick auf 2011
Nach meinem nationalen Jahresrückblick auf 2011 für den DRadioWissen Netzkommentar in der vergangenen Woche habe ich diese Woche einen internationalen Jahresrückblick geschrieben und eingesprochen. Zu hören ist der bei DRadioWissen und hier kann man den Text lesen. Wie immer gilt: Natürlich ist mehr passiert, aber es gab eine Sendezeitbegrenzung.
Der internationale Jahresrückblick auf 2011
Das Jahr beginnt mit guten Nachrichten aus Tunesien. Innerhalb von drei Wochen wird das Regime weggefegt und über soziale Medien verbreiten sich die ganze Zeit über Fotos und Videos vom Revolutionsgeschehen. Der Einfluß des Internets auf die Ereignisse wird diskutiert, im Laufe des Jahres ist zumindest im Rückblick sicher, dass es auch eine Rolle spielte. Aber die soziale Situation und wirtschaftliche Unzufriedenheit der Menschen wahrscheinlich einflußreicher waren. Der Funke springt rüber nach Ägypten. Dort wird der Tahirplatz zum Ort der Wechselstimmung und des Protests. Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass die hohe Nutzung von sozialen Medien und Handies in diesem Jahr dazu führten, dass die Proteste bereits in einem Frühstadium groß genug waren, um nicht sofort zerschlagen zu werden.
Die Demonstranten schickten Fotos und Videos vom Tahirplatz und luden ihre Freunde und Bekannten über SMS, Twitter und Facebook ein. Das Regime hatte die Macht der Vernetzung durch das Internet offensichtlich unterschätzt. Die Weltöffentlichkeit nahm auf dem Sofa Platz und guckte Revolution, unterstützt von Al Dschasira, das den passenden Livestream vom Geschehen auf die Fernseher und Computer sendete. Da half auch die verzweifelte Maßnahme von Mubarak nicht mehr, einfach das Internet in Ägypten auszuschalten. Ein halbes Jahr später stehen wieder Menschen auf dem Tahirplatz und demonstrieren für politische Teilhabe. Der arabische Frühling zeigt auch: Das Internet ist kein Allheilbringer, eine funktionierende Zivilgesellschaft muss erstmal entstehen, Demokratie erlernt werden.
Aber nicht überall klappte die Revolution. In Syrien, Bahnrain und einigen anderen Staaten bekämpfen die Regime noch immer Aufständische durch Folter und Netzzensur. Weltweit sitzen mehr Blogger in Gefängnissen als je zuvor. Der arabische Frühling und die Solidarität mit den Menschen, die für ein besseres Leben und Teilhabe auf die Straße gingen und immer noch gehen brachte ein anderes bisher kaum diskutiertes Thema in die mediale und politische Öffentlichkeit: Der Export von Überwachungs- und Kontrolltechnologien durch westliche Firmen in repressive Regime. Auch deutsche Firmen sind dabei. Die Bundesregierung sieht darin aber kein Problem, kümmert sich lieber um wenige Arbeitsplätze und unterstützt die Beihilfe zu Menschenrechtsverletzungen sogar mit Hermes-Krediten.
Still und heimlich wird auf internationaler Ebene das umstrittene Anti-Piraterieabkommen ACTA verhandelt. Mit am Tisch sitzt die EU, die gegen Ende des Jahres dem Abkommen im Fischereiausschuss des EU-Rates zustimmt. ACTA soll einen neuen “goldenen Standard” für den weltweiten Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen im Netz schaffen. Kritiker sehen vor allem neue strafrechtliche Sanktionen, die nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit, den Zugang zu Kultur und den Datenschutz haben werden, sondern auch dem internationalen Handel schaden und Innovation lähmen werden. Nächstes Jahr kann das Eu-Parlament ACTA noch stoppen.
Auch die USA haben jetzt ihr Netzzensur-Erwachen. Zensurula heißt dort SOPA und meint den Stop Online Piracy Act. Dieses sieht vor, dass einseitig die Wirtschaftsinteressen von amerikanischen Copyright-Inhabern verteidigt werden sollen – koste es, was es wolle. Die Lex Hollywood hat das Potential, das Internet für immer zu verändern. Nebenwirkungen sind Ideen, wie dass Internetprovider gezwungen werden, proaktiv ihre Kunden zu überwachen, der Aufbau einer Netzzensurinfrastruktur, um missliebige Inhalte hinter einem Vorhang zu verstecken oder die noch absurdere Idee, dass Verlinkungen strafbar sein können. Gegen das Vorhaben stemmt sich das ganze US-Internet, vom Silicon Valley über Wikipedia bis hin zu unzähligen Bloggern. Der Ausgang der Debatte ist zum Ende des Jahres noch unklar, zumindest eine Verlängerung hat das Internet erkämpft. Vermutlich haben Internetfirmen nur einfach zu wenige Politiker gekauft. 2012 wird die Auflösung bringen.
December 19 2011
Deutsche Parteien links und rechts vom Netz
Philip Banse hat am Samstag im Rahmen des ct-Onlinetalks auf DRadio Wissen mit Anne Roth, Falk Lüke und Christoph Kappes über die parteipolitischen Ausrichtungen in der Netzpolitik diskutiert: Deutsche Parteien links und rechts vom Netz.
Ist die Netzpolitik kein Rechts-/Links-Thema, wie Sascha Lobo aufwirft, sondern ein Grabenkampf in ein und der selben Partei um Fortschritt, Innovation oder Besitzstandswahrung? Was bedeutet Netzpolitik heutzutage noch bei all den Bemühungen der Parteien, die internetaffinen Kreise der Bevölkerung für sich zu gewinnen und der Piratenpartei das Wasser abzugraben? Welche Schwerpunkte muss die Netzpolitik setzen, um die Technik und die Auswirkungen der Digitalisierung für eine demokratische Gesellschaft nutzbar zu machen oder ihre Nützlichkeit zu erhalten?
December 16 2011
eco-Politikbrief zu Netzneutralität
Der Politikbrief 2.2011 von eco, dem Verband der Internetwirtschaft, hat als Schwerpunkt das Thema Netzneutralität. Und ich freue mich, dass sich darin die Internetprovider deutlich für Netzneutralität einsetzen, im Gegensatz zu einigen lautstarken und mächtigen Telekommunikationsanbietern und ihrer Verbände, die diese gerne etwas abschaffen wollen.
Jahresrückblick 2011 – national
Für einen Netzkommentar auf DRadioWissen hab ich in 3,5 Minuten einen Jahresrückblick auf 2011 und zwar mit einem Schwerpunkt, was in Deutschland passierte, geschrieben und eingesprochen. Kommende Woche gibt es dann den internationalen Jahresrückblick. Ideen und Themen können gerne noch in den Kommentaren eingeschmissen werden.
Jahresrückblick national
Das Frühjahr begann mit einem Schlag: Der damals amtierende Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird von einem Wissenschaftler beschuldigt, verschiedene Stellen in seiner Doktorarbeit ohne Quellenhinweise abgeschrieben zu haben. Erste Medien berichten darüber und im Internet finden sich über Nacht zahlreiche Freiwillige, die die Doktorarbeit ebenfalls mit untersuchen wollen. Das Guttenplag-Wiki wird aufgesetzt und innerhalb weniger Tage geht die Zahl entdeckter Plagiate steil nach oben. In einem zuvor im deutschsprachigen Raum noch nie zu sehenden Wechselspiel zwischen Journalismus und Netz-Öffentlichkeit werden die Vorwürfe gegen zu Guttenberg so groß, dass dieser nach einem verpatzten Aussetzen-Wollen letztendlich zurücktreten muss. Hunderttausende solidarisieren sich mit zu Guttenberg in Sozialen Netzwerken durch einen Klick auf “Gefällt mir”, die tatsächliche Mobilisierungskraft bleibt dabei aber erstaunlich gering: Nur wenige gehen außerhalb seines Heimatortes für ihn auf die Straße, die Spötter dominieren die Pro-Guttenberg-Demonstrationen. Überraschenderweise taucht zu Guttenberg Ende des Jahres als EU-Berater für Internetfreiheit wieder in der medialen Öffentlichkeit auf. Warum, versteht keiner.
In Stuttgart soll ein neuer Bahnhof gebaut werden. Das über viele Jahre geplante Bauvorhaben löst eine große Protestwelle aus. Menschen koordinieren sich über das Internet und schaffen eine vernetzte Gegenöffentlichkeit. Innerhalb kürzester Zeit sind Protestler in der Lage, tausende Menschen über das Netz und Mobiltelefone zu mobiliseren. Proteste werden live ins Netz gestreamt, als Zuschauer fühlt man auf dem Sofa fast wie live dabei. Was man in den Vorwochen nur aus dem arabischen Raum kannte, wird bei Stuttgart21 real bei uns erlebbar.
Im September gibt es dann einen großen Knall. Vollkommen unerwartet erreicht die Piratenpartei in Berlin fast 9% und zieht ins Abgeordnetenhaus ein. Auslöser waren eine große Unzufriedenheit mit bestehenden Parteien und überraschenderweise nicht ein Onlinewahlkampf, sondern eine kreative und mobilisierende analoge Wahlkampagne. Mit dem Einzug der Piratenpartei in ein Länderparlament erreichen die Themen Netzpolitik, sowie mehr Transparenz und Offenheit in der Politik den medialen Mainstream und bleiben bis auf weiteres dort. Alle Parteien bemühen sich noch mehr, etwas Netzpolitik-Kompetenz aufzubauen. Auch wenn viele Politiker darunter nur die Nutzung von Twitter und Facebook verstehen.
Der Chaos Computer Club überrascht im Herbst: In mühevoller und aufwändiger Kleinarbeit ist es den Hackern gelungen, einen Staatstrojaner zu identifizieren. Die Computerwanze wird heimlich von Sicherheitsbehörden eingesetzt und verstösst gegen die Vorlagen des Bundesverfassungsgericht und damit gegen unsere Grundrechte. In Folge dessen entsteht eine öffentliche Debatte um die Frage, wie wir dem ausufernden Computerschnüffeln ein Ende setzen können und wie die digitale Intimsphäre juristisch zu definieren und wirksam zu bewahren ist. Die Sicherheitsbehörden fühlen sich ertappt, aber Niemand möchte eine politische Verantwortung dafür übernehmen.
Eine weitere Debatte dominiert das ganze Jahr: Die Vorratsdatenspeicherung. Abgeschafft vom Bundesverfassungsgericht wollen CDU/CSU und SPD diese wieder einführen. Bei jeder Gelegenheit wird gebetsmühlenhaft wiederholt, dass dies ein wichtiges Werkzeug für unsere Strafverfolgungsbehörden sei. Beweise für die Behauptung werden aber nicht vorgelegt. Doch unsere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bleibt zumindest das ganze Jahr über hart: Mit ihr sei eine unverhältnismäßige Vollprotokollierung unseres Kommunikationsverhaltens nicht zu machen. Dafür verdient sie Respekt. Gegen Ende des Jahres mehren sich Stimmen unter CDU/CSU und SPD-Mitgliedern, dass die Vorratsdatenspeicherung vielleicht doch nicht so eine gute Idee sei.
Ohne Netz wären die Proteste gegen S21 nicht so massiv gewesen und Karl-Theodor zu Guttenberg wahrscheinlich noch im Amt. Ohne Netz gäbe es auch keinen Staatstrojaner und niemand würde sich Gedanken machen, für sechs Monate zu protokollieren, wer mit wem wann beim Kaffeekränzchen sass. Das Jahr 2011 zeigt: Das Netz ist angekommen im Mainstream. Es entstehen neue Öffentlichkeiten im Netz. Und die Debatten um das Netz finden nicht mehr nur im kleinen Kreis statt, sondern kommen auf den Titelseiten an. Das ist schön.
December 12 2011
Der sehr talentierte Herr zu Guttenberg (Update)
“Wenn jemand die Macht des Internets versteht und seine Macht, die Politik zu kontrollieren, dann ist es Karl-Theodor”.
Neelie Kroes hat heute mit Karl-Theodor zu Guttenberg eine Pressekonferenz abgehalten, um eine neue NoDisconnect-Strategie vorzustellen. Kroes hat nach eigenen Angaben zu Guttenberg im vergangenen Sommer angesprochen, weil er sehr talentiert sei (und wahrscheinlich weil er gerade Zeit hätte). Durch seine Tätigkeit als Minister von gleich zwei Ministerien hätte er mit dem Thema auch in beiden Häusern zu tun gehabt und sei erfolgreich gewesen. Davon hat bei uns aber niemand etwas mitbekommen, außer der Debatte um die Netzsperren.
Guttenberg soll jetzt als unabhängiger Berater von Neelie Kroes mit Regierungen (vor allem der US-Regierung), NGOs, Unternehmen und Bloggern reden und vermitteln.
Die NoDisconnect-Strategie soll übrigens vor allem vier Punkte verfolgen:
Entwicklung und Bereitstellung technischer Instrumente, mit denen der Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit von Menschen in nichtdemokratisch regierten Ländern bei der IKT-Nutzung erhöht wird.
Schulung und Bewusstseinsschärfung von Aktivisten hinsichtlich Chancen und Risiken der IKT. Aktivisten sollen insbesondere dabei unterstützt werden, Werkzeuge wie soziale Netzwerke und Blogs bestmöglich zu nutzen, und es soll ihr Bewusstsein dafür geschärft werden, welche Überwachungsrisiken bei der Kommunikation mittels IKT bestehen.
Sammlung hochwertiger Informationen über das Geschehen „vor Ort“, um die Intensität der Überwachung und Zensur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu beobachten.
Zusammenarbeit. Entwicklung praktischer Methoden, mit denen sichergestellt wird, dass alle Beteiligten Informationen über ihre Aktivitäten austauschen und mehrseitige Aktionen fördern können und sich eine überregionale Zusammenarbeit beim Schutz der Menschenrechte herausbildet.
Es ist ja schön, wenn auch die EU nun eine solche Strategie fährt, die in den USA bereits als NetFreedom-Strategie angewendet wird. Aber interessant dürfte die Ausgestaltung sein.
Und dann ist die große Frage: Wann geht die EU gegen europäische Regierungen wie Frankreich vor, die wegen Urheberrechtsverletzungen Menschen vom Internet ausschließen wollen. Wie wird zukünftig verhindert, dass europäische Firmen Kontroll, Überwachungs- und Zensurtechnologien an repressive Regime liefern (und die Ausführung wie in Deutschland mit Hermes-Bürgschaften auch noch von der Regierung gefördert wird?) Wenn man über Internetfreiheit spricht, sollte man auch über EU-Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung sprechen. Diese Maßnahmen werden auch bei uns auch eingesetzt, um z.B. gegen Demonstranten vorzugehen, wie Anfang des Jahres in Dresden praktiziert (und letztendlich immer noch nicht aufgearbeitet).
Wir brauchen nicht nur Internetfreiheit in repressiven Staaten, sondern auch in der EU.
Warum jetzt nochmal zu Guttenberg dies machen soll, ist mir nach der Pressekonferenz immer noch unklar. Aber er ist ja talentiert, wie Neelie Kroes gebetsmühlenhaft in jeder Antwort auf eine Frage in diese Richtung wiederholte.
Update: Neelie Kroes hat jetzt dazu gebloggt. Bei diesem Teil musste ich lachen:
Wenn jemand die Macht des Internets versteht und seine Macht, die Politik zu kontrollieren, dann ist es Karl-Theodor – das hat er auch selbst schon gesagt.
Jeder der mit Karl-Theodor gearbeitet hat, kennt seine politischen Fähigkeiten – ich habe mit ihm gearbeitet, als er noch Wirtschaftsminister war. Was ich an ihm bewundere, ist sein frischer und internationaler Weitblick. Er hat zwei Ministerien geleitet, dessen Aufgaben bei diesem Projekt eine Rolle spielen. Ich weiß, dass er daher in der Lage ist, wichtige Gespräche zu führen und Ideen zu sammeln, um denen zu helfen, deren Rechte offline und online beschnitten werden.
(Hab den englischsprachigen Blogtext gegen die deutsche Version getauscht).
Also neben seinem Talent ist seine Hauptqualifikation, sondern dass er wie kein anderer die Macht des Internets verstanden hat?
Hier kann man sich übrigens die PK nochmal anschauen.
Update: Da ich gerade nochmal gefragt wurde, was zu Guttenberg qualifiziere, hier meine Antwort:
Ich hab bisher noch kein Argument gehört, warum zu Guttenberg qualifiziert ist, um zum Thema Internetfreiheit die EU-Kommission zu beraten. Neelie Kroes hat seine vielfältigen Talente herausgestellt und dass er wie kein anderer die Macht des Internets und seine Kontrollfunktion verstehe. Ich beschäftige mich intensiv mit diesem Thema und bisher ist mir Karl Theodor zu Guttenberg zu diesem Thema nicht einmal positiv aufgefallen. Wenn er sich bisher zum Thema Internet geäussert hat, ging es wahlweise um einen Ausbau von Überwachungsmaßnahmen oder zur Einführung von Netzsperren. Sowohl Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung als auch Netzsperren werden in repressiven Regimen zur Einschränkung von Meinungsfreiheit genutzt – u.a. exportiert von deutschen Unternehmen, weil das Wirtschaftsministerium keine Exportkontrolle für Überwachungstechnologien einführen will, dessen Minister zu Guttenberg vor nicht allzulanger Zeit war.
December 10 2011
Der Netzaktivist Guttenberg
Die Operation Comeback des Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg geht nun nach Zeit-Interview und Spende an die Kinderkrebshilfe in die dritte Phase. Am Montag trifft er sich mit der EU-Kommissarin für Digitales, Neelie Kroes, um medienwirksam eine Initiative zur Freiheit im Internet zu starten.
Wenn man bedenkt, wie populär das Themenfeld Netzpolitik im letzter Zeit medial behandelt wird, ist dieser Schritt ebenso konsequent wie durchsichtig.
Mit dem Internet hatte Guttenberg, ”Der erste Minister, den das Internet gestürzt hat” bisher bekantlich eher seine Schwierigkeiten.
Erinnern wir uns zum Beispiel an “Tatort Internet“, die RTL2-Serie mit Ministergattin und Netzsperren-Befürworterin Stefanie zu Guttenberg und dem umstrittenen Udo Nagel. Die Sendung erregte schnell das Interesse der Medienaufsichtsbehörde und handelte sich eine Rüge ein. Die an der Sendung mitwirkende Beate Krafft-Schöning erklärte mehrfach öffentlich das Anliegen der Sendung, in der Politik auf Vorratsdatenspeicherung und Echtzeit-Screening zu drängen.
Für die Vorratsdatenspeicherung hatte der Ministergattinnengatte Guttenberg bekanntlich auch gestimmt und diese Entscheidung in aller Breite bei Abgeordnetenwatch verteidigt. Beim Thema Netzsperren bleibt sein Auftritt in der Tagesschau unvergessen, in dem er Netzsperrengegner indirekt die Förderung von Kinderpornografie unterstellte:
Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich einer der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.
Nun möchte er mit Netzsperren und Vorratsdaten anscheinend Blogger und Netzaktivisten in autoritären Regimes unterstützen und sicherstellen, dass Menschenrechte und grundlegende Freiheiten on- wie offline respektiert werden.
Ob es ihm mit dieser Vorgeschichte gelingt, durch netzpolitisches Engagement seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, bleibt abzuwarten.
Wie Konzerne und Initiativen Netzlobbyismus betreiben
Breitband auf Deutschlandradio Kultur hat heute über “Klüngel, Imagepflege, Aufklärung? – Wie Konzerne und Initiativen Netzlobbyismus betreiben” berichtet. Das Gespräch ist rund 21 Minuten lang und als MP3 verfügbar.
Wie alle Teile einer demokratischen Gesellschaft vertreten auch Unternehmen ihre Interessen. Wenn jeder erkennen kann, wer dahinter steht, ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden. Nur dürfen sich Unternehmen nicht hinter vermeintlich gemeinnützigen Vereinen verstecken. In jüngster Zeit beackern immer mehr Internet-Konzerne das neue Politifeld Netzpolitik – mit umstrittenen Methoden. Beim gerade gegründeten Internetverein D64 sind auch Vertreter von Facebook und Google dabei.
Ist netzpolitischer Lobbyismus anders als Lobbyismus für Atomkraft, Banken und Energiekonzerne? Das haben Philip Banse und Volker Tripp mit Felix Kamella von LobbyControl und Jeanette Hofmann, Gründungsdirektorin des von Google finanzierten Instituts für Internet und Gesellschaft, diskutiert. Julia Möckl stellt Netz-Lobbyisten und Interessenvertreter vor.
November 28 2011
Netzpolitik am Bundesparteitag der Grünen [Update]
Noch vor seinem Urlaub hat Markus in einem Beitrag die Frage gestellt, “Wieviel Netzpolitik steckt wirklich in den Grünen?” und für den Bundesparteitag der Grünen beim Thema Urheberrecht einen “Kulturkampf” bzw. “eine Schlacht zwischen Netz- und Kulturpolitikern [...] über Fragen wie ‘Kürzung der Urheberrechtslaufzeiten’ oder “Wiederverkäuflichkeit von digitalen Medien’”.
Auf heise.de hat Stefan Krempl einen ausführlichen Bericht über das Ergebnis dieses “Kulturkampfs” verfasst:
Neue Wege wollen die Grünen vor allem beim Urheberrecht im Interesse eines fairen Ausgleichs zwischen Schöpfern, Verwertern, Nutzern und der Allgemeinheit gehen. Die kommerzielle Nutzung und Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne Erlaubnis hält die Partei für illegitim; für Filesharing und andere Kopierhandlungen für private Zwecke möchte die Partei jedoch bis zu einer “Bagatellgrenze” freigeben. Der Zugang zu geschützten Werken soll grundsätzlich erleichtert werden. Für den Ausgleich “werden unterschiedliche Modelle diskutiert, bei denen monatlich eine pauschale Summe über die Provider je Internetzugang erhoben wird”, heißt es in dem Papier – jedoch ohne Hinweis auf konkrete Vorstöße wie eine Kulturflatrate.
Liest sich so, als hätten sich die Netzpolitiker in so ziemlich allen Punkten durchgesetzt.
[Update]
Eine schöne Übersicht über die zentralen Punkte des Beschlusses liefert Simon Möller bei Telemedicus.
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