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June 15 2011

Goldmedia-Studie: Netzneutralität

Vergangene Woche hat der Verein Digitale Gesellschaft zur Anhörung gesetzlicher Regelungen im TKG, die auch die Netzneutralität betreffen, in einer Pressemitteilung betont, dass Provider Belege für eine tatsächlich existierende Überlastung bislang schuldig blieben.

Einen Tag später präsentierte der VATM in der US-Botschaft Berlin eine Studie der Firma Goldmedia, die anscheinend diese Belege liefern sollte. Zur Netzneutralität ist die Position des VATM eindeutig: Abschaffen. Der VATM ist der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten, und seine Mitglieder hätten gerne sowohl reservierte*, als auch priorisierte** Diensteklassen – natürlich gegen Bezahlung.

Bestimmte Dienste sollen also gegenüber anderen bevorteilt, und dadurch Geld verdient werden. Zum Beispiel, indem man dem Kunden Geld dafür abnimmt, dass YouTube-Videos auch in HD*** geschaut werden können (obwohl die Bandbreite des Anschlusses x-fach dafür reichen würde) oder indem man EC-Bezahlsystem-Anbietern*** Geld dafür abnimmt, dass die IP-basierte Verifikation der Karten eine Sekunde schneller abläuft, und die Kunden dadurch glücklicher werden.

Innerhalb von Diensteklassen aber, so wird immer betont, solle es dann keine Diskriminierung geben, deshalb sei das das Netz dann auch weiterhin neutral. “Keine Diskriminierung nach der Diskriminierung” also. Mit diesem recht einfachen Trick  nehmen die Autoren die große Hürde der “prinzipiellen” – also das offene Internet betreffenden – Erwägungen, die im weiteren Verlauf als “gelöst” betrachtet und entsprechend ignoriert wird. Der Einwand, dass das Beispiel EC-System ohne Diskriminierung von Konkurrenzanbietern kein Geschäftsmodell wäre, blieb unbeantwortet. Für diese eigenwillige Definition von Netzneutralität eine Argumentationsgrundlage zu liefern, war der Auftrag, den der VATM der Firma Goldmedia erteilt hatte, und dessen sich die Autoren Prof. Dr. Klaus Goldhammer, Dr. Michael Schmid und Dr. André Wiegand angenommen haben.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

Das Ergebnis der Studie ist entsprechend vorhersehbar: Lobby-Verbände geben keine wissenschaftlichen Studien in Auftrag, sondern definieren deren Ergebnis. Dafür taugen unabhängige Wissenschaftler nur begrenzt, weshalb man mit Vorliebe auf Unternehmensberatungen zurückgreift, bei denen ein vorhandener Doktortitel dem Leser Seriosität vorgaukeln soll.

Ein erster Blick ins Literaturverzeichnis der 44 Seiten kurzen Studie enttäuschte aber selbst die niedrigste Erwartung. Nicht einmal die Suche nach bekannten Studien zur Netzneutralität, die für andere Lobbyverbände in anderen Ländern von anderen Lobby-Instituten geschrieben worden waren, war von Erfolg gekürt. Stattdessen: zuhauf Bezüge auf Pressemitteilungen(!), Zeitungs(!)- und Blog(!)-Artikel, die zu allem Überfluss auch noch durch falsche und vielleicht sogar bewusst irreführende Zitationsform als wissenschaftliche Artikel ”getarnt” wurden.

Die einzige annähernd wissenschaftlichen Quelle war ein Wirtschaftspolitik-Lehrbuch aus dem Springer-Verlag von 2004. Von diesem Buch sind seither 2 neue, überarbeitete Auflagen erschienen.

Zum eigentlichen Inhalt: hier wäre eine Datenerhebung oder der Bezug auf bereits bestehende Daten zu erwarten gewesen. Endlich Klarheit, wo die vielbeschworenen Überlastungen auftreten, und wie sie durch eine Verletzung der Netzneutralität auf wundersame Weise verschwinden würden? Fehlanzeige.

Stattdessen wird anhand frei verfügbarer Daten des DE-CIX illustriert, dass die Internetnutzung über den Tagesverlauf fluktuiert. Dieser Befund ist ohne jegliche Aussage zum Thema und findet sich in ähnlicher Form zum Beispiel bei der Wasser-, Strom-, und TV-Nutzung. Auch der Hinweis, dass dem Endverbraucher immer höhere Bandbreiten zur Verfügung gestellt werden, mit dem die Leser sich zufrieden geben müssen, ist nicht überraschend. Dies wird an mehreren Stellen mit dramatischen Grafiken illustriert. Eine davon rechnet bereits im nächsten Jahr mit einer Bandbreitenexplosion durch IP-vermitteltes 3D-Fernsehen in HD-Qualität – wie realistisch diese Prognose ist, wird sich zeigen.

Ohne also nur den Hauch eines empirischen Anhaltspunktes zu liefern, heißt es dann in Abb. 18, S.41, technisch sei Netzwerkmanagement “offensichtlich” notwendig und auf der “dienstebezogenen Ebene” die Notwendigkeit von “Qualitätsklassen & Dienstegütern weitgehend anerkannt.” Dass der Begriff Netzwerkmanagement nicht äquivalent zu der Einrichtung ökonomisch verwertbarer Qualitätsklassen ist, fällt bei dieser Aufstellung sicher nur der Minderheit der Leser auf, was an dieser zentralen Stelle der Argumentation wenn nicht beabsichtigt, dann zumindest billigend in Kauf genommen wurde.

Ansonsten wird angeführt, dass heute viele VOIP-Telefonanschlüsse und TV-Angebote mit reservierten Bandbreiten angeboten würden. Das, so der präsentierende Autor Klaus Goldhammer, erfordere Netzwerkmanagement, und verletze bereits heute die Netzneutralität zum Vorteil der Kunden.

Diese Verschmelzung von Inhalte- und Netzanbietern ist eines der Grundübel in der Debatte um die Netzneutralität. Der Anreiz für einen Anbieter von Internet-Infrastruktur und TV-Diensten natürlich groß ist, einen Konkurrenten zu behindern bzw. eigene Dienste zu priorisieren und für die gleiche Qualitätsklasse von Konkurrenten Wegegeld zu verlangen. Darüber, wie die Diensteklassen definiert werden sollen, um (1) nicht Konkurrenten und Privatkommunikation zu diskriminieren (das geht nicht) und (2.) gleichzeitig neue Verdienstmöglichkeiten zu eröffnen, ohne die jetzigen Internetanschlüsse zu beschneiden, um die Kunden zum Buchen von Zusatzdiensten zu zwingen (auch das geht nicht), darüber wird in der Studie kein Wort verloren. Stattdessen gibt es folgende entlarvende Grafik:

Diese Tabelle stellt ausschließlich Vorteile dar. Die Existenz von Nachteilen wird noch nicht einmal in Erwägung gezogen – sei es auch nur, um sie zu entkräften.

Die Zusammenstellung ist eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen: Sie ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie durch pseudowissenschaftliche Wirtschafts“studien“ Argumente in der Politik unterfüttert werden sollen, die jeglicher Anforderung an Nachvollziehbarkeit und Konsistenz widersprechen. Dass auf dieses Machwerk ein Politiker hereinfällt, sollten eigentlich selbst die Auftraggeber des VATM nicht glauben können.

Der interessierte Leser findet sie Studie hier zum Download.

* reservierte Bandbreiten werden auch bei Nichtnutzung nicht freigegeben
** priorisierte Dienste werden zum Nachteil von anderen Diensten schneller behandelt.
*** Die Beispiele stammen von VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner

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May 24 2011

Studie über Traffic-Shaping (Netzneutralität)

Mit dem Tool Shaperprobe kann man prüfen, ob der Internet-Provider “Shaping” betreibt. Inzwischen wurden 5.700 ISPs damit geprüft und so viele Daten gesammelt, dass nun ein Paper mit einigen Analysen veröffentlicht wurde (PDF). Darin bekommt der Provider Comcast, der immer an erster Front ist, wenn es um Eingriffe ins Netz geht, für 70% der Fälle sowohl beim Up- als auch bei Download Shaping nachgewiesen.

Shaping wirkt sich so aus, dass Datenübertragungen mit zunehmendem Volumen gedrosselt werden: Instant Messages, Webseiten und kleine Emails werden flott zugestellt, aber an der Übertragung größerer Datenmengen möchte der Provider einem den Spaß nehmen.

Gegen Netzneutralität im engeren Sinne ist shaping ein offensichtlicher Verstoß. Allerdings wird von Seiten vieler Netzbetreiber argumentiert, dass das Internet in seiner heutigen Form ohne Shaping längst zusammengebrochen wäre. Nehmen wir als Beispiel ein YouTube-Video von 10 Minuten Dauer: Wieso sollte es in 30 Sekunden übertragen werden? In der Praxis wird gerne der Anfang schnell übertragen, und dann die Übertragung verlangsamt. Der Nutzer schaut derweil sein Video – und die höhere Bandbreite steht anderen zur Verfügung bzw. das Netz wird entlastet.

Wenn der Anbieter YouTube das von sich aus macht, ist das nett und sinnvoll, aber wenn ein Provider seine Kunden bevormundet, dann kommen vor allem deshalb Probleme auf, weil das (1.) nicht möglich ist ohne den Traffic zu analysieren (der Provider muss “in die Pakete hinainschauen” und sie in Zusammenhang setzen) und (2.) in Fällen, wenn es nicht um ein YouTube-Video geht auch ein sehr viel üblerer Verstoß gegen die Netzneutralität sein kann.

Einer der Diskussionspunkte der Netzneutralitätsdebatte ist, dass Shaping sich schwer so definieren lässt, dass nur “gutes Shaping” gemeint ist, und “schlechtes Shaping” ausgeschlossen wird. Das sollte aber nicht davon ablenken, dass es durchaus auch Provider gibt, die aus ökonomischen Erwägungen gerne sehr viel mehr als nur ein bisschen Shaping durchsetzen würden – die notwendige Technologie für “Trafficoptimierung” und Überwachung, Kontrolle, Zensur und Diskriminierung ist prinzipiell die gleiche.

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Tools zum Messen von Netzneutralität (Update)

Auf Verletzungen der Netzneutralität werden wird man bei ehrlichen Providern durch das Studieren des Kleingedruckten aufmerksam – oder wenn wegen Fehlkonfigurationen seitens der Provider auf einmal World-of-Warcarft nicht mehr vernünftig funktioniert. Wenn aber die neue Linux-Distribution trotz 60 Seedern nun mit einem Fünftel der bezahlten Bandbreite auf den Heimcomputer tropft – wie sollte man wirklich nachweisen, dass hier manipuliert wird?

Indem man mit den gleichen peers Daten über andere Protokolle austauscht und festellt, ob diese ebenso langsam, oder auf wundersame Weise schneller transportiert werden. So hat man zumindest einen Anhaltspunkt. Schwieriger wird es dann, herauszufinden an welchem Knoten die Drosselung stattgefunden hat. Dafür braucht man möglichst viele Messungen von möglichst vielen Punkten.

Das ist das Prinzip von Neubot. Das Programm läuft im Hintergrund und führt regelmäßig Verbindungstests mit Servern und anderen Neubot-Nutzern durch. Die Daten werden gesammelt und anonymisiert an die Neubot-Server gesendet. So entsteht eine Landkarte der Netzneutralität. (siehe Update!)

Neubot ist gerade nach großen Überarbeitungen in der Version 0.3.7 für Windows, Mac und Linux erschienen. Alternativen zu Neubot sind Switzerland von der EFF (das in letzter Zeit etwas eingeschlafen zu sein scheint, und das ich ehrlich gesagt nie zum Laufen bekommen habe) und der Glasnost Test von MeasurementLabs (der als Web-Anwendung bei weitem nicht so komfortabel ist, wie Neubot). Ansonsten gibt es dort noch Shaperprobe, dazu gleich mehr in einem separaten Artikel.

Zum Pflicht-Download von Neubot hier entlang.

Update: Es gibt selbst auf der Website von Neubot widersprüchliche Informationen, ob das Tool in der aktuellen Version nur einen HTTP-Geschwindigkeitstest oder auch wirklich Tests über andere Protokolle macht. Zwar steht überall:

The program runs in background and periodically performs transmission tests with some test servers and with other instances of the program itself. These transmission tests probe the Internet using various application level protocols. The program saves tests results locally and uploads them on the project servers.

…das scheint aber eher das Ziel für Version 1.0 zu sein: Ich habe den Neubot seit heute Morgen Laufen, und jetzt mal in die Logfiles geschaut – für das Prüfen unterschiedlicher Protokolle sehe ich darin keinen Anhaltspunkt. Ich bin mittel-erbost und widerrufe daher hiermit meine Download-Empfehlung, ersetzte sie durch einen “helft mit!”-Appell und schließe mich der Empfehlung von Sebastian in den Kommentaren an: Der Netalyzr prüft auf jeden Fall verschiedene Protokolle, läuft als Java-Applet und wurde auch von heise in einer Version mit Auswertung in deutscher Sprache bereitgestellt.

(Sorry auch an Golem… ;-)

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April 14 2011

Revolutionen auf der re:publica: Country + Internet = Awesome?

Welches Thema könnte im Jahr der erfolgreichen Revolutionen von Ägypten und Tunesien stärker auf der re:publica vertreten sein als die Diskussion über Facebook-Revolutionen und Clicktivism? Aber der Ton scheint sich gewandelt zu haben: An Stelle des Aufeinandertreffens von Cyberpessimisten (Evgeny Morozov) und Internet-Utopen (Jeff Jarvis) im letzten Jahr scheint die Erkenntnis getreten zu sein, dass gesellschaftliche Hintergründe wichtig sind.

Wie Cyrus Farivar, Autor des bald erscheinenden Buches “The Internet of Elsewhere”, in der Einleitung zu seinem gleichnamigen Vortrag sagte: “wenn das Internet an einem Ort ankommt, trifft es auf das, was schon da ist”. Und in unterschiedlichen Kontexten produziert es unterschiedliche Folgen. Die simple Gleichung “Country + Internet = Awesome” sei so nicht zu halten.

Farivar beleuchtet in seinem Buch vier Länder mit ganz unterschiedlichen “Internet-Geschichten”: Von Südkorea, dem Land mit dem schnellsten Internet, der höchsten Breitband-Abdeckung und der größten eSport-Liga der Welt, bis zum Senegal, in dem das Internet trotz wirtschaftlicher und politischer Stabilität Schwierigkeiten hat, Fuß zu fassen.

Aber was macht die Unterschiede aus, die den Einfluss des Internets formen? “Moderne Revolutionen sind zivilgesellschaftliche Revolutionen”, formulierte Ludger Schadomsky den Originaltitel einer von Geraldine de Bastion moderierten Runde (“Modern Revolutions are Digital Revolutions”) um: ohne funktionierende Zivilgesellschaft würden sich die Revolutionen in Nordafrika nicht auf den Rest des Kontinents ausbreiten.

Widerspruch kam von berufener Stelle aus dem Publikum: Noha Atef, die später selbst “ägyptische Social Media-Geschichten” erzählen wird, glaubt nicht, das NGOs wichtig sind, um Straßenproteste anzustoßen. Erst jetzt, nach der Revolution, müssten zivilgesellschaftliche Institutionen aufgebaut werden, um die alten, vom diktatorischen Regime korrumpierten Instanzen zu ersetzen.

Vielleicht können soziale Medien aber auch ohne Revolution helfen, die Zivilgesellschaft zu stärken. Aus Südamerika berichteten Rosana Hermann und Vanina Berghella von brasilianischen Bloggern, die eine Konferenz organisierten, um soziale Medien in den benachteiligten Teil Brasiliens zu tragen – und dort wichtige Themen wie den noch immer existierenden Rassismus in der brasilianischen Gesellschaft ansprachen.

Solidarität überschreitet – getragen von Twitter und Facebook, aber auch Satelliten-TV wie Al Jazeera – nationale Grenzen. “Was man immer wieder hören konnte war: ‘wir sind alle Tunesier’”, berichtete Amira Al Husseini. “Und dann: ‘wir sind alle Ägypter’”. Und das nicht nur im Nahen Osten, sondern weltweit: Durch den direkten Kontakt über Twitter hätten sich Brasilianer während der “Grünen Revolution” mit den Iranern verbunden gefühlt – und sich zum ersten Mal für das weit entfernte Land interessiert.

Vielleicht ist die tatsächliche Social Media Revolution, dass sich Menschen über frühere Grenzen hinweg zusammenfinden. In Kenia, Tanzania und Uganda, berichtete Ludger Schadomsky, habe der in allen drei Ländern operierende Mobilfunkanbieter Safaricom dazu beigetragen, dass sich eine gemeinsame ostafrikanische Identität entwickelt.

Wenn auf der re:publica über Revolutionen geredet wird, dann ist also viel von Menschen die Rede. Und wenn man Cyrus Farivar folgt, dann sind es auch einzelne Akteure, die technologischen Fortschritt vorantreiben – wie etwa der südkoreanischen Informatik-Professor, der seine Studenten dazu anhielt, als Entrepreneure ihr Land voranzubringen.

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