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July 08 2013

Wie Copyright Bücher und Musik verschwinden lässt: Studie von Paul Heald

Im März vergangenen Jahres veröffentlichte der US-amerikanische Copyright-Forscher Paul Heald Ergebnisse einer laufenden Untersuchung über die Verfügbarkeit von Büchern bei Amazon, die eindrucksvoll die sogenannte “Lücke des 20. Jahrhunderts” illustrieren: Die Länge urheberrechtlicher Schutzfristen von 70 Jahren nach dem Tod des Autors führt dazu, dass ein großer Teil der Werke schon bald gar nicht mehr verfügbar ist, weil sich deren kommerzielle Verwertung nicht mehr lohnt. Diesen Umstand hatte Heald mit Hilfe eines Zufallssamples von bei Amazon erhältlichen Büchern in Form folgender Graphik illustriert:

Heald-Abbildung1

Verteilung von bei Amazon verfügbaren neuen Büchern nach Erscheinungsdekade (Zufallsstichprobe von 2317 Büchern)

Seit kurzem liegt jetzt die Studie als Arbeitspapier mit dem Titel “How Copyright Makes Books and Music Disappear (And How Secondary Liablity Rules Help Resurrect Old Songs)” vor. Darin findet sich neben der Analyse von bei Amazon erhältlichen Büchern auch eine Untersuchung der Verwendung von Musik in Filmen auf Basis von Soundtrack-Daten der International Movie Database. Die zahlreichen Herausforderungen bei der Datenerhebung und bei der Feststellung der Erstveröffentlichungsdaten von Musik und Büchern werden in dem Aufsatz sehr detailliert dargelegt.

Hinsichtlich der Verfügbarkeit von Büchern liefert Heald noch eine zweite Graphik, in der die Zahl der erhältlichen Bücher mit der Gesamtzahl der im jeweiligen Jahrzehnt erschienenen Bücher ins Verhältnis gesetzt – und damit der Umfang der Lücke des 20. Jahrhunderts noch deutlicher wird (leider fehlt in der Graphik die Y-Achse mit den Prozentangaben, die Verhältnisse werden aber klar):

Heald-Abbildung2

Anteil bei Amazon verfügbarer Bücher im Verhältnis zur Gesamtzahl in der jeweiligen Dekade erschienener Bücher

Im Bereich der Musik ist das Muster einer höheren Verfügbarkeit nach Ablauf des Urheberrechtsschutzes ebenfalls erkennbar und statistisch signifikant, wenn auch weniger stark als im Buchbereich:

Heald-Abbildung4

Veröffentlichungsdatum von Filmmusik aus den 100 Filmen mit den höchsten Einspielergebnissen

Die große Zahl der Musik mit demselben Veröffentlichungsjahr wie dem des Films folgt aus Auftragswerken speziell für den jeweiligen Film. In einer weiteren Analyse vergleicht Heald die Verwendung von Songs in Filmen vor und nach der Verlängerung der Copyright-Schutzdauer in den USA 1977 und kommt dabei zum Ergebnis, dass die Verlängerung mit einem deutlichen Rückgang der Verwendung in Filmen einhergeht:

Heald-Abbildung5

Alter von Songs in Filmen vor und nach der US-Copyright-Reform 1977

Der statistisch signifikante Unterschied zwischen den vor und nach 1977 veröffentlichten Filmen unterstreicht, dass die Schutzdauer einen erheblichen Einfluss auf die Verfügbarkeit von Songs in Filmen hat. Denn vor dem 1977 in Kraft getretenen Copyright Act of 1976 mussten Werke registriert werden und waren für 28 Jahre geschützt, mit der Möglichkeit noch ein weiteres Mal um 28 Jahre zu verlängern. Nach 1977 galt in den USA eine Schutzdauer von 50 Jahren nach dem Tod des Urhebers bzw. 75 Jahre nach Veröffentlichung für Auftragswerke. Die längere Schutzdauer macht die Verwendung von Musik in Filmen also erheblich schwieriger; bis zu einem gewissen Grad könnte hier tatsächlich eine innovationsfördernde Wirkung von sehr langen Schutzfristen bestehen: Rechteklärung wird dadurch so schwer, dass stattdessen lieber neue Musik in Auftrag gegeben wird.

Im vierten Abschnitt seines Aufsatzes widmet sich Heald schließlich der Auswirkung von Haftungsbeschränkungen für Plattformen wie YouTube auf die Verfügbarkeit von Musikinhalten. Weil Plattformbetreiber wie Google oder Facebook erst bei Kenntnis einer Urheberrechtsverletzung durch einen ihrer Nutzer einschreiten müssen, sind mangels Einsprüchen oder auf Grund von expliziter Duldung der Rechteinhaber im Rahmen des Content-ID-Verfahrens viele zusätzliche Werke online zugänglich.

Um hier zu untersuchen, in welchem Ausmaß dieses Potential auch tatsächlich realisiert wird, vergleicht Heald die Verfügbarkeit der Nummer-1-Songs der Charts aus den USA, Frankreich und Brasilien zwischen 1930 und 1960, die sämtliche nach 1923 veröffentlicht wurden und damit noch unter US-Copyright fallen. Mit Stand Mai 2013 liefert Heald folgende Ergebnisse:

  • Mindestens 95% der verfügbaren Songs wurden offensichtlich nicht von den Rechteinhabern selbst hochgeladen, also de-facto von Urheberrechtsverletzern.
  • Mehr als 70% der US-amerikanischen, über 60% der französischen und knapp 40% der brasilianischen Nummer-1-Songs auf YouTube werden monetarisiert, d.h. es wird Werbung eingeblendet, an deren Erlösen in der Regel die Rechteinhaber beteiligt werden.
  • Die nicht-monetarisierten Videos waren nur unwesentlich weniger aktuell als die monetarisierten Interviews und im Mittel (Median) bereits seit knapp vier Jahren via YouTube verfügbar.
  • Die Unterschiede zwischen USA, Frankreich und Brasilien im Bereich der Monetarisierung dürften mit der Anzahl an Views zusammenhängen, die ein Indiz dafür sind, ob sich eine Monetarisierung lohnt:
Heald-Abbildung7

Anzahl von Views bei monetarisierten Nummer-1-Songs auf YouTube

  • Unter den nicht-monetarisierten Videos dominieren Ausschnitte aus TV- oder Filmproduktionen, was der Anforderung von Google für Monetarisierung auf YouTube geschuldet sein dürfte, die sowohl die Rechte an Bild- als auch an Tonmaterial erfordert; interessanterweise könnte aber jeder einzelne der Rechteinhaber eine Sperrung des jeweiligen Clips veranlassen, was offensichtlich in vielen Fällen nicht getan wird. Hinzu kommt, dass viele ältere Video-Ausschnitte von Fernsehsendungen verwaiste Werke darstellen, deren Rechtesituation nur noch schwer zu klären ist.
Heald-Abbildung9

Video-Typ nicht-monetarisierter Nummer-1-Songs auf YouTube

Angesichts dieser Situation lobt Heald die Haftungsregeln des oft gescholtenen Digital Millennium Copyright Acts (DMCA), weil sie im Fall von YouTube “die Bildung eines ziemlich effizienten Marktes” (S. 35) erlauben (meine Übersetzung):

Diese Regeln […] helfen dabei den Zugang zu Kulturgütern zu fördern, während die finale Entscheidung darüber in den Händen der Rechteinhaber verbleibt.

Zusammengefasst zeigt Healds Studie, dass es durchaus (auch: kommerziell relevante) Nachfrage für ältere Werke gibt, die aber zu großen Teilen bereits nach wenigen Jahren über klassische Vertriebskanäle wie Amazon nicht mehr zugänglich sind. Zumindest für den Musikbereich bietet YouTube sowohl bessere Verfügbarkeit als auch bessere bzw. überhaupt wieder Möglichkeiten zur Monetarisierung. Ironischerweise ist diese Monetarisierung nur auf Basis der auch in Deutschland von Seiten der Rechteinhaber heftig kritisierten Haftungsprivilegien möglich.

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August 30 2012

Bokhylla: Norwegen digitalisiert 250.000 Bücher

Als Folge der immer längeren urheberrechtlichen Schutzfristen nimmt kontinuierlich die Zahl jener Werke zu, die noch urheberrechtlich geschützt aber nicht mehr kommerziell verwertbar und deshalb nur noch sehr schlecht zugänglich sind. Archivare sprechen in diesem Zusammenhang von der “Lücke des 20. Jahrhunderts“, weil gerade Werke davon betroffen sind, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veröffentlicht wurden.

In Norwegen hat sich nun die Nationalbibliothek dieses Problems angenommen und bereits 2009 “Bokhylla” (“Bücherregal”) gestartet, um Bücher in norwegischer Sprache zu digitalisieren und zumindest online verfügbar zu machen (vgl. dradio-Kultur). Die dort bereits verfügbaren 50.000 Werke sollen bis 2017 kontinuierlich auf insgesamt 250.000 Bücher ausgebaut werden, womit praktisch alle im 20. Jahrhundert auf Norwegisch erschienenen Bücher erfasst sein werden. Bereits bis Ende diesen Jahres werden 60.000 weitere Bücher via Bokhylla verfügbar sein.

Möglich wurde diese Digitalisierung von urheberrechtlich größtenteils noch geschützten Werken durch eine Einigung mit der Organisation Kopinor, die als Dachorganisation für Verwertungsgesellschaften fungiert und Rechte von Autoren, Verlagen und sonstigen Rechtinhabern vertritt. Kopinor erhält für jedes digitalisierte Buch eine Vergütung durch die Nationalbibliothek (vgl. Pressemeldung von Kopinor). Rechteinhaber haben aber die Möglichkeit, für einzelne Werke die Digitalisierung zu untersagen (“opt-out”).

Voraussetzung für den Zugang wird allerdings eine norwegische IP-Adresse sein und ein Download sowie Ausdruck von urheberrechtlich geschützten Büchern wird nicht erlaubt sein. Wieso norwegisch sprechende Personen außerhalb Norwegens von dem Angebot ausgeschlossen werden, leuchtet nicht wirklich ein – noch dazu, wo sich IP-Sperren über Proxy-Server ohnehin vergleichsweise leicht umgehen lassen. Auch das Download- und Druckverbot erscheint sehr restriktiv – vor allem angesichts der Tatsache, dass eine Vergütung bezahlt wird und die Möglichkeit zum opt-out besteht.

Jedenfalls aber beweist das norwegische Beispiel, dass öffentlich finanzierte Digitalisierungsintiativen jenseits von Google Books durchaus möglich sind.

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