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August 15 2013

“All Out PredPol” – Hersteller von Vorhersagesoftware mobilisiert Nachbarschaft zur “Verbrechensbekämpfung”

Mit dieser Karte sollen Polizeien und Nachbarschaftsgruppen in Santa Cruz heute

Mit dieser Karte sollen Polizeien und Nachbarschaftsgruppen in Santa Cruz heute “Verbrecher” fangen

Irgendetwas gemerkt, ist es sicher geworden auf den Straßen oder im Internet? Denn der heutige 15. August ist der “Internationale Aktionstag für polizeiliche Vorhersage” (“Predictive Policing International Day of Action”).

Die ulkige Ankündigung ist ernst gemeint und kommt von einer US-Firma, die sich im Bereich des Orakelns von unerwünschtem Verhalten etablieren will. Die Rede ist von PREDPOL, dem Start-Up einiger Wissenschaftler, die sich mit den Ergebnissen ihrer Forschungen an der UCLA-Universität Santa Clara selbständig gemacht haben.

PREDPOL konnte mehrere US-Polizeien zur Einführung der Software überreden, darunter die Departments Los Angeles, Seattle, Carlsbad und Santa Cruz. Inzwischen zählt auch die britische Grafschaft Kent zu den Kunden der Firma, die den Herstellern ähnlicher Systeme I.B.M. und Microsoft Konkurrenz machen will.

Die Software von PREDPOL greift auf Statistiken früherer Ereignisse zurück. Hierzu gehören verzeichnete Straftaten, aber auch eingegangene Notrufe deren Standorte geolokalisiert erfasst werden. Daraus werden “Hot Spots” generiert, die dann mit höherer Frequenz bestreift werden.

Die Polizei in Kent behauptet, man habe die Kriminalitätsrate dadurch bereits um 6% gesenkt. Nachprüfbar sind diese und andere Angaben nicht, eine belastbare Studie fehlt.

Datenbank zu Aufständen, Protesten und Friedensinitaiven

Um seine Marktführerschaft zu behaupten, kauft I.B.M. derzeit zahlreiche Firmen die auf eine sogenannte “Big Data-Analytik” spezialisiert sind. Ein seit 2006 von der Firma in Memphis genutztes System basiert auf Analyst’s Notebook, das in seiner rudimentären Form auch vom deutschen Bundeskriminalamt (BKA) eingesetzt wird.

Inzwischen ist es möglich, auch Daten aus Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter in die Analysesoftware von I.B.M. einzubinden. Auch das BKA interessiert sich dafür. Bekannt ist diese Auswertung persönlicher Mitteilungen etwa aus Libyen, wo die NATO aus Tweets zukünftige Ereignisse ablesen wollte.

Derartige Systeme werden unter anderem von dem Informatiker Kalev Leetaru gehyped, der hierfür unter dem Namen “Global Data on Events, Location and Tone” (GDELT) eine Datenbank mit Millionen Einträgen zu Aufständen, Protesten und Friedensinitaiven errichtet. Ziel ist die Identifizierung von “Bedrohungen”. In einem Interview erklärt Leetaru dazu:

Meine Arbeit konzentriert sich auf die Analyse sowohl von Emotionen als auch von Verhaltensweisen. Den emotionalen Ton globaler Medienberichte heranzuziehen, um Konflikte und Stabilität zu analysieren, ist ziemlich neu. Fast jede Firma wertet heute den Tonfall in den Medien aus, um in Erfahrung zu bringen, was die Leute über sie denken, aber es gibt nicht viele, die mit dieser Methode versuchen, die globale Politik vorherzusagen.

Das Projekt von Leetaru wird mittlerweile auch in Deutschland verbreitet. Zu den Protagonisten gehört der selbsternannte “Sicherheitsberater” Florian Peil, der politische Ereignisse als ein “großes Datenproblem” umschreibt:

Immer geht es darum, bislang unerkannte Muster und Zusammenhänge im Datenchaos aufzuspüren, um auf diese Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Dahinter steht der Gedanke, die reale Welt in Form von Daten nachzumodellieren – um dann zu sehen, was passiert, wenn diese Welt sich verändert. Enthusiasten sind sich sicher, dass die Auswertung der Vergangenheit bald einen Blick in die Zukunft ermöglicht. Für sie sind Gesellschaften und Geschichte einfach wie ein großes Datenproblem zu behandeln.

Auf der Verkaufsmesse “Europäischer Polizeikongress” hielt Peil dazu einen Vortrag im Panel zu “Cybercrime”. Seine Aussage: “Wir sehen hier eine enorme Menge an Inhalten. Die Relevanz dieser Inhalte ist aber nicht mitgewachsen”.

ARD auf Schnitzeljagd nach “Verbrechern”

I.B.M. bietet mittlerweile die Erweiterung seiner Plattformen um das System “Coplink” an. Damit können einzelne Polizeidirektionen auch Daten anderer Dienststellen abrufen, etwa wenn – auch ohne richterlichen Beschluss – eine Person oder ein bestimmtes Kennzeichen gesucht wird.

In eine ähnliche Richtung geht der Konzern Microsoft, der letztes Jahr mit der Polizei in New York ein Abkommen zur Entwicklung eines Analysewerkzeugs namens “Domain Awareness System” geschlossen hat. Eingebunden werden 3.000 Überwachungskameras, automatische Kennzeichenscanner und mehrere Datenbanken. Damit sollen Verdächtige aufgespürt werden, angeblich habe es dabei sogar Erfolge gegeben.

Am heutigen “Aktionstag” will PREDPOL erneut auf sich aufmerksam machen. Polizeien in jenen Städten, wo das System eingesetzt wird, sollen vermehrte Präsenz zeigen – vermutlich um Medien anlocken und das Produkt bewerben zu können. Unter dem Motto “All Out PredPol” heißt es:

The plan is to get as much positive and healthy activity and presence in each of the PredPol zones. To accomplish this, we are teaming with our public safety partners and community groups to activate these areas.

Richtig gelesen: Auch “community groups”, also Nachbarschaftsinitiativen sollen mit Karten aus dem Internet versorgt werden, um heute gemeinsam auf die Jagd nach verdächtig aussehenden Personen zu gehen.

Kürzlich hatte die ARD einen Beitrag zu einer derartigen Schnitzeljagd mit PREDPOL-Software in Santa Cruz gesendet, der natürlich “Minority Report” wird Wirklichkeit” heißen musste. Deutlich wurde vor allem der vorurteilsbeladene Charakter und der Alltagsrassismus von Fernsehteam und Polizei. Denn das computergestützte Vorhersagesystem liefert keine Anhaltspunkte, wie denn die erwarteten “Verbrecher” auzusehen haben oder zu erkennen wären.

Demenstprechend liefen der Moderatorin Karin Dohr die üblichen Verdächtigen vor die Kamera, darunter Menschen mit dunkler Hautfarbe, Kapuzenpullis und andere, offensichtlich unterprivilegierte Personen in einem heruntergekommenen Stadtteil.

Das aufgespürte “Verbrechen” (O-Ton Moderatorin), für das am Ende sogar Handschellen klickten: Der Besitz eines angeblich gestohlenen Fahrrads.

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May 17 2013

Bundeskriminalamt zum Schnupperkurs für polizeiliche Vorhersagesoftware bei IBM in Freiburg

Das Bundeskriminalamt interessiert sich für Software, mit der Straftaten statistisch ausgewertet werden, um Prognosen für zukünftige Ereignisse zu erstellen. Mehrere Hersteller konkurrieren auf diesem Sektor, einer der Anbieter (SPSS) bezeichnete dies gar als “Evolution in der Verbrechensbekämpfung”. SPSS ist mittlerweile von IBM aufgekauft.

Bei IBM firmieren die Anwendungen für Geheimdienste und Polizeien unter dem Label “Smarter Cities”. Der Konzern baut damit sein Portfolio der “vorhersagenden Polizeiarbeit” (“Predictive Policing”) aus. Hierzu gehört auch die polizeiliche Nutzung von Analyst’s Notebook, das vom BKA eingesetzt wird. Das Amt gibt die Software (bzw. entsprechende Lizenzen) auch an Behörden anderer Länder weiter, wie es etwa im Falle von Marokko bekannt wurde.

Unter dem Namen “COPLINK” vertreibt i2 ein System, das auf dem Programm “Analyst’s Notebook” basiert. Die Software soll “nicht offensichtliche” Verbindungen zwischen Personen, Orten oder anderen Einträgen aufzeigen, darunter auch Daten von Mobiltelefonen, dort abgehörten Informationen (“phone records”) und Fahrzeugen. Die Polizisten würden es sich laut i2 damit ersparen, alle bei Ermittlungen anfallen Dokumente selbst zu lesen.

Bekannt wurde IBM aber mit dem System Blue CRUSH (Criminal Reduction Utilizing Statistical History), das bereits in mehreren US-Städten eingesetzt wird. Die Software wertet Straftaten aus und zeigt an, an welchen Orten sich womöglich ähnliche Vorfälle ereignen könnten.

Einige der digitalen Werkzeuge zur Vorhersage von unerwünschtem Verhalten werden von IBM in Deutschland programmiert. Der Tagesspiegel berichtete, dass IBM 2009 in Berlin ein “Analytic Solution Center” mit 40 bis 50 Mitarbeitern einrichtete. Auf der CEBIT warb IBM, dass in Berlin auch Software zur Auswertung Sozialer Medien programmiert wird.

Bislang war nur bekannt, dass das BKA “zu Testzwecken” die IBM-Software “InfoSphere Global Name Analytics” beschafft hatte. Es habe “kein kriminalistischer Einsatz” stattgefunden. Dennoch fielen stattliche Kosten in Höhe von 85.975 Euro an.

Für Software zur Vorhersage von Straftaten oder Data Mining existiert hierzulande keine Rechtsgrundlage. IBM sind datenschutzrechtlichen Bedenken deutscher Behörden ein Dorn im Auge. Der Konzern hat deshalb auf der CEBIT mit der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität eine “Strategische Partnerschaft” begonnen. Wissenschaftler des dortigen “Centre for Security and Society” sollen ausloten, was der Einsatz einer “Crime Information Platform” von IBM in der föderalen deutschen Struktur von Polizei und Geheimdiensten bedeuten würde:

With Germany’s federal structure, IBM has the chance to clarify socio-political and legal issues that need to be considered for the development of security technologies. By combining various data sources in the Crime Information Platform, the offenders are identified more efficiently and still conform to state and federal laws. The goal of the cooperation between the Centre for Security and Society and IBM is to investigate legal and social issues of security technology in different application scenarios.

Jetzt hat das Bundesinnenministerium auf Nachfrage bestätigt, dass es erste Kontakte zu deutschen Polizeien des Bundes gibt (zu Landeskriminalämtern müssen gleichlautende Anfragen in Länderparlamenten gestellt werden). Das BKA reiste demnach zum Schnupperkurs nach Freiburg:

Das BKA wurde vom disziplinübergreifenden Institut für Sicherheit und Gesellschaft der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Herbst 2011 zu einem Informationsbesuch eingeladen. Im Rahmen des Besuches im Frühjahr 2012 wurden Möglichkeiten der Zusammenarbeit unverbindlich erörtert. U. a. wurde von der Fa. IBM die sog. „Crime Information Platform” vorgestellt.

Der “Besuch” habe demnach “bisher zu keinen weiteren gemeinsamen Aktivitäten” geführt. IBM hat jedoch große Pläne in Deutschland: Die Forschungen zur Einführung einer “Crime Information Platform” sind erst der Anfang einer ausführlichen Kooperation des US-Konzerns mit der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität. Laut einer Pressemitteilung soll diese “einzigartige strategische Partnerschaft” in den nächsten Jahren “weiter institutionalisiert” werden.

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