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February 13 2014

NSA-Untersuchungsausschuss: Wie viel Aufklärung wird der Bundestag wagen?

Neben der Einsetzung des Ausschusses für digitale Agenda stand heute im Bundestag auch ein möglicher “NSA-Untersuchungsausschuss” auf der Tagesordnung. Dabei standen zwei Anträge zur Debatte: Einer von den Regierungsparteien und einer von der Opposition.

Was soll im Mittelpunkt stehen?

Als erster Redner wies Hans-Christian Ströbele (B90/Grüne) darauf hin, dass es zumindest schonmal eine gute Nachricht sei, dass der Untersuchungsausschuss kommen werde, obwohl die CDU vor einiger Zeit noch behauptet habe es gäbe gar keinen Skandal. Bedauerlich sei, dass sich die Große Koalition nicht dem Antrag von Linken und Grünen angeschlossen habe, denn die zusätzlichen Punkte im Regierungsantrag dienten nicht der Aufklärung. Während im Oppositionsantrag die Frage im Mittelpunkt stehe, was man in Deutschland gewusst habe, rücke im Regierungsantrag die Frage in den Mittelpunkt, was die NSA gemacht habe. Ersteres sei im Bundestag gut untersuchbar, letzteres eher nicht. Es sei denn man holt Snowden und garantiert ihm einen sicheren Aufenthalt in Deutschland.

Thomas Silberhorn von der CSU meinte, es gehe um Nachrichtendienste anderer Staaten. Deswegen werde der Ausschuss Umwege machen müssen, um zuverlässige Aussagen zu Aktivitäten von amerikanischen und britischen Diensten machen zu können. Man spare im Regierungsantrag aber nicht mit unangenehmen Fragen in Bezug auf frühere Bundesregierungen und deutsche Dienste.

Auf die Zwischenfrage Ströbeles, warum denn dann überhaupt ein Gegenantrag eingebracht worden sei, meinte Silberhaar, der Untersuchungsgegenstand habe exakter definiert werden müssen, z.B. die Kontrollinstitutionen hätten ausdrücklich benannt werden müssen.

Doch noch gemeinsamer Antrag?

Anschließend referierte Silberhaar über die Gefahren, die von jungen Leuten oder auch ihren Pässen ausgehen, wenn erstere nach Syrien gehen und mit Gefahrenpotential zurückkommen und/oder dort von al Quaida letztere abgenommen kriegen. Dafür brauche man die Informationen der “befreundeten Dienste”, die auch mitgeholfen hätten, Anschläge in Deutschland zu verhindern. Schließlich gebe es eine “Globalisierung der Gefahr”. Die Erkenntisse des Ausschusses sollten ferner nicht “unsere Sicherheit gefährden”, sondern für mehr Sicherheit sorgen. Also Vorsicht bei der Aufklärung…

Martina Renner (Linke) nannte zentrale Aspekte, die geklärt werden müssten, darunter die Frage, inwiefern durch Abkommen, Techniktransfer und Datenaustausch deutsche Geheimdienste beteiligt seien und wie man als Parlament mit der Privatisierung sensibler Infrastruktur umzugehen habe. Man dürfe nicht die gigantische Aufrüstungsschlacht der Geheimdienste fördern.

Während der Reden von Eva Högl (SPD) und Patrick Sensburg (CDU) ging es auch durch Zwischenfragen vor allem um die Unterschiede zwischen den Anträgen von Regierung und Opposition und letztendlich dann auch darum, wie man weiter verfahren wird. Ein gemeinsamer Antrag, bei dem dann die von den jeweils anderen monierten Schwächen irgendwie umformuliert werden, wurde mehr oder weniger in Aussicht gestellt.

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December 25 2013

Bundesregierung hält “verdeckte Führung” von JournalistInnen mit geheimdienstlichen “Beschaffungsaufträgen” für denkbar

NSA files decoded: Edward Snowden's surveillance revelations explained | World news | theguardian.com 2013-11-01 18-31-13Mehrere Abgeordnete hatten im November und Dezember parlamentarische Anfragen gestellt, um die Spionageaktivitäten von NSA und GCHQ auszuleuchten und die Aktivitäten der Bundesregierung zu überprüfen. Heraus kam etwa, wie die NSA EU-Passagierdaten nutzt oder das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mit dem US-Militär gegen “Cyberangriffe” trainiert. Nun sind auch weitere Antworten auf Fragen von Jan Korte und Hans-Christian Ströbele beantwortet und ins Informationssystem des Bundestages eingestellt (1, 2).

Dementiert wird mehrfach, dass die deutschen Behörden untätig seien. Dennoch gibt es einen weiteren Freifahrtschein für Dienste aus den USA und Großbritannien: Die “von der Bundesregierung eingeleitete Sachverhaltsaufklärung” habe ergeben, dass der “jeweils in Rede stehende Sachverhalt im Einklang mit den einschlägigen Rechtsgrundlagen steht”. Man sei allerdings noch nicht fertig:

Die Dokumente werden entsprechend der jeweiligen Zuständigkeiten analysiert. Da die bislang veröffentlichten Informationen lediglich Bruchstücke des Sachverhalts wiedergeben, hält die Bundesregierung weitere Sachverhaltsaufklärung für erforderlich, um belastbare Ergebnisse zu erzielen.

Einschränkend wird jedoch erklärt, dass die Spionageabwehr nur bei einem “begründeten Verdacht illegaler nachrichtendienstlicher Tätigkeit” tätig wird. Dies gelte “auch gegenüber den Diensten der USA und Großbritanniens”. Allerdings würden diese “einen Großteil ihres Informationsbedarfs” aus offenen Quellen abdecken. Derartige “Hintergrundinformationen” könnten ihnen “helfen, konspirativ beschaffte Informationen einzuordnen und zu bewerten”. Gefragt wurde, inwiefern nach Kenntnis der Bundesregierung etwa das Nachrichtenmagazin Spiegel Ziel von Spähmaßnahmen sein könnte. Nun wird in den Raum gestellt, dass “Medienvertreter” selbst für ausländische Dienste tätig sein könnten:

Gerade Journalisten und sonstige Medienvertreter können hierbei interessante Zielpersonen sein. Auch eine verdeckte Führung solcher Kontaktpersonen mit gezielten Beschaffungsaufträgen ist denkbar.

Inlandsgeheimdienst will vorbeugen

Jedoch habe die Auseinandersetzung um die Snowden-Leaks positive Effekte, auch wenn sich die Vorwürfe gegen NSA und GCHQ nicht bestätigten: Denn das “Bewusstsein für die Anwendung von IT-Sicherheitsmaßnahmen” habe sich “teilweise verbessert”. Daher gelte es, möglichen unrechtmäßigen Maßnahmen “effektiv vorzubeugen”.

Zu entsprechenden Maßnahmen gehören Schulungen durch den Inlandsgeheimdienst. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) warnt hierzu Vorträge bei Behörden und “Multiplikatoren” sowie in “anlassbezogenen Einzelgesprächen” regelmäßig vor Gefahren, “die sich aus der Tätigkeit fremder Nachrichtendienste ergeben”. Das BfV hat eine Sonderauswertung “Technische Aufklärung durch US-amerikanische, britische und französische Nachrichtendienste mit Bezug zu Deutschland” eingerichtet und Luftaufnahmen von mehreren “Liegenschaften der USA in Deutschland” angefertigt, “um deren Dachaufbauten dokumentieren zu können”. Gemeint sind jene Anlagen, die vermutlich zur Spionage genutzt werden.

Erstmals findet sich in den Antworten der Bundesregierung aber eine Drohgebärde, nämlich hinsichtlich des Abhörens der Kanzlerin. Denn dann hätten die USA gelogen:

Sofern die Hinweise auf eine mögliche Überwachung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin durch die NSA verifiziert werden können, würde dies auf die Aussagen der NSA aus den zurückliegenden Wochen ein neues Licht werfen. Verantwortliche der NSA hatten Vertretern der Bundesregierung und der deutschen Nachrichtendienste mündlich wie schriftlich versichert, dass die NSA nichts unternehme, um deutsche Interessen zu schädigen und sich an alle Abkommen halte, die mit der Bundesregierung – vertreten durch deutsche Nachrichtendienste – geschlossen wurden.

Wann und weshalb Merkel ihre Mobiltelefone ausgetauscht hat, soll geheim bleiben. Denn dies ließe “Rückschlüsse auf das Kommunikations-, Abstimmungs- und Entscheidungsverhalten der Bundeskanzlerin” zu. Gleichwohl heißt es, dass ihr zur dienstlichen Kommunikation “kryptierte Kommunikationsmittel (mobil und festnetzgebunden)” zur Verfügung stünden – jedoch nur, sofern die “Möglichkeit zur Kryptierung auch beim Kommunikationspartner” bestehe. Hierfür sind rund 12.000 “Mobiltelefone/Smartphones mit Kryptofunktion (Sprache und/oder Daten)” beschafft worden. Das Smartphone SecuSUITE auf Basis des Blackberry 10 erlaube demnach die Kommunikation von Inhalten bis zum Geheimhaltungsgrad “VS – Nur für den Dienstgebrauch”. Dies ist allerdings die niedrigste aller Einstufungen.

Weitergabe geheimdienstlicher Daten auch an private Unternehmen möglich

Eine Reihe von Fragen widmeten sich auch der Weitergabe personenbezogener bzw. personenbeziehbarer Daten von und an ausländische Geheimdienste. Während das BfV, der Militärische Abschirmdienst und der Bundesnachrichtendienst (BND) hierzu jeden Vorgang protokollieren müssen, gilt dies nicht umgekehrt:

Eine Protokollierung von Übermittlungen personenbezogener Daten von ausländischen Nachrichtendiensten an deutsche Nachrichtendienste ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Solche Übermittlungen werden allerdings je nach Bedeutung des Einzelfalls dokumentiert.

Personenbezogene Daten dürfen vom BfV, BND und MAD sogar an “nicht-öffentliche ausländische Stellen” übermittelt werden. Gemeint sind private Unternehmen.

In Deutschland haben die Enthüllungen von Edward Snowden zur Einberufung eines “Runden Tischs ‘Sicherheitstechnik im IT-Bereich’” geführt. An einer Sitzung im September hatten laut der Bundesregierung “etwa 30 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden” teilgenommen. Auch der BND ist nicht untätig: Zur “Entwicklung gemeinsamer Standards für die Zusammenarbeit der Auslandsnachrichtendienste der EU-Mitgliedstaaten” habe der BND bereits einen “Vorschlag zum Verfahren” verfasst und die “EU-Partnerdienste” zu einer “ersten Besprechung” eingeladen.

Politische Konsequenzen möchte die Bundesregierung aber vermeiden. So sollen alle wichtigen transatlantischen Bündnisse und Verträge beibehalten werden. Hierzu gehören das TFTP-Abkommen zur Weitergabe von Finanzdaten ebenso wie “Safe Harbor” zum Tausch von personenbezogenen Daten. Die Verhandlungen über die “transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft” (TTIP) werden weiter unterstützt und seien für Deutschland “von überragender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung”. Ein Aussetzen sei “nicht zielführend, um die im Raum stehenden Fragen im Bereich NSA-Abhörvorgänge und damit verbundene Fragen des Datenschutzes zu klären”.

Weiterhin kein Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft

Auch der Generalbundesanwalt agiert zahnlos: So habe die Bundesanwaltschaft keine britischen oder US-Behörden kontaktiert, um die Vorwürfe gegen NSA und GCHQ aufzuklären oder den “Prüfvorgang” gegen die beiden Dienste in ein Ermittlungsverfahren zu überführen. Erst dann kann aber ein Rechtshilfeersuchen gestellt werden, um etwa die Vernehmung von Edward Snowden als Zeugen in Moskau zu bewerkstelligen. Weiterhin gebe es aber keinen hinreichenden Anfangsverdacht für das Vorliegen einer Straftat, für die der Generalbundesanwalt zuständig ist. Für “informelle Befragungen möglicher Auskunftspersonen” sehe der Generalbundesanwalt ebenfalls “keinen Anlass”. Auch die Haltung der Bundesregierung zu einer Aufnahme von Snowden in Deutschland “hat sich nicht geändert”.

Nach Medienberichten herrscht hierzu aber keine Einigkeit: Denn die Bundesjustizministerin hatte erklärt, die Bundesregierung habe sich nicht auf eine vorsorgliche förmliche Zusage an die USA zur Auslieferung Snowdens im Falle seiner Festnahme einigen können. Derartige Dissonanzen sollen aber geheim bleiben:

Die Meinungsbildung der Bundesregierung, sowohl hinsichtlich der Erörterung im Kabinett als auch bei der Vorbereitung von Kabinetts- und Ressortentscheidungen, die sich vornehmlich in ressortübergreifenden und -internen Abstimmungsprozessen vollzieht, gehört zum Kernbereich exekutiver Eigenverantwortung, der einen parlamentarisch grundsätzlich nicht ausforschbaren Initiativ, Beratungs- und Handlungsbereich einschließt.

So liefern der BND, das BfV und der MAD auch weiterhin Daten aus der Überwachung satellitengestützter Internet- und Telekommunikation an Geheimdienste der USA und Großbritanniens – die Medienberichterstattung über die Snowden-Leaks tut dem laut Aussagen der Bundesregierung keinen Abbruch:

Die in der Frage angesprochene Presseberichterstattung hat keinen Anlass gegeben, die sich im Gesetzesrahmen vollziehende Zusammenarbeit mit ausländischen Nachrichtendiensten einzustellen. Die Zusammenarbeit dient insbesondere auch dem Schutz Deutscher vor terroristischen Anschlägen und trägt dazu wesentlich bei.

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December 17 2013

NSA nutzt EU-Passagierdaten, das BSI trainiert Abwehrfähigkeiten in den USA und der BND lädt EU-Partnerdienste zum Klassentreffen

gchq-listeningDie Bundestagesabgeordneten Jan Korte, Hans-Christian Ströbele und Andrej Hunko haben jüngst mehrere Kleine Anfragen zu den Spionageaktivitäten britischer und US-amerikanischer Dienste eingereicht (1, 2, 3, 4, 5). Die Fragenkataloge zählen zu den Parlamentarischen Initiativen und müssen innert zwei Wochen beantwortet werden. Die Bundesregierung verfügt über die sogenannte Ressorthoheit und entscheidet selbst, welches Ministerium dabei federführend ist (im Falle des Verteidigungsministeriums werden die Antworten bisweilen mehrere Wochen verschleppt).

Häufig bleiben Informationen auch geheim. Sie sind dann entweder in der Geheimschutzstelle des Bundestages hinterlegt und sind dort für Abgeordnete einsehbar. Einfache Verschlusssachen werden hingegen per Post an die Fragestellenden übersandt, diese dürfen darüber aber nicht öffentlich sprechen.

Die Antworten sind nun eingetroffen, aber noch nicht sämtlich durch die Abgeordneten veröffentlicht. Gewöhnlich haben sie 7-10 Tage Zeit für die eigene Verarbeitung. Anschließend werden sie im offiziellen Informationssystem des Bundestages eingestellt. Spätestens dann sind auch die Antworten auf die Anfragen “Vorgehen der Bundesregierung gegen die US-Überwachung der Internet- und Telekommunikation in Deutschland und insbesondere die der Bundeskanzlerin” und “Aktivitäten der Bundesregierung zur Aufklärung der NSA-Ausspähmaßnahmen und zum Schutz der Grundrechte” öffentlich verfügbar. Korte und Ströbele erkundigen sich dort unter anderem zur Affäre rund um das Merkelphone.

“Geheimdienste der Europäischen Union und die Beteiligung von Bundesbehörden”

Die Antwort auf die Anfrage “Geheimdienste der Europäischen Union und die Beteiligung von Bundesbehörden” zeichnet ein gutes Bild über die Struktur der beiden EU-Geheimdienste INTCEN und EUMS INT. Beide gehören zum Auswärtigen Dienst. Das INTCEN gilt als “Zentrum für Informationsgewinnung und -analyse” und firmiert als ziviler Dienst. Das EUMS INT ist das “Intelligence Directorate” des militärischen Arms der EU. Gemeinsam bilden sie die “Single Intelligence Analysis Capacity” (SIAC). Auch deutsche Behörden sind dabei:

Deutschland ist derzeit mit insgesamt vier Mitarbeitern in der SIAC vertreten (INTCEN: je ein Mitarbeiter von BND und BfV; EUMS INT: zwei Angehörige der Bundeswehr).

Gewöhnlich werden die beiden Lagezentren nicht als Geheimdienste bezeichnet. Denn sie stellen keine eigenen Ermittlungen an, sondern werden von den Diensten der EU-Mitgliedstaaten mit Informationen beliefert. Daraus entstehen dann Lageberichte zu bestimmten Themen. Jedoch verfügen die Institutionen über hochauflösende Spionagebilder aus der EU-Satellitenaufklärung, die ebenfalls ausgewertet und an “politische Entscheidungsträger auf EU-Ebene” sowie den EU-Mitgliedstaaten zugeleitet werden.

Das EU-Satellitenzentrum erwirbt Bilddaten auch von privaten Anbietern aus Europa, den USA oder aus Israel. Genutzt werden auch Regierungssatelliten, darunter das deutsche System SAR-Lupe oder das “französisch-italienisch-spanisch-belgisch-griechische System” Hélios II. Die Analyse erfolgt unter anderem digital:

Nach Kenntnis der Bundesregierung werden öffentlich zugängliche Informationen durch INTCEN und EUMS INT mittels handelsüblicher Hard- und Software ausgewertet und fließen regelmäßig in die in der Antwort zu Frage 2 genannten Produkte ein.

Berichte erhalten das Bundeskanzleramt und der Bundesnachrichtendienst (BND), das Auswärtige Amt, das Verteidigungsministerium, der Militärische Abschirmdienst (MAD), das Bundesinnenministerium, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sowie “themenbezogen unter Umständen weitere Stellen”. Umgekehrt werden die EU-Geheimdienste vom BND und BfV mit “Beiträgen” beliefert.

Die Geheimdienste der EU sind unionsrechtlich nicht für Spionagetätigkeiten ausländischer Dienste zuständig – jedenfalls wird diese Auffassung von der Bundesregierung vertreten. Dies gelte auch, wenn es um Außenbeziehungen oder das Datenschutzrecht gehe. Ganz anders aber wenn es um die “Eigenbetroffenheit” der EU geht. Laut Veröffentlichungen von Edward Snowden wurden neben den Vereinten Nationen auch Einrichtungen der EU ausgespäht. Als Urheber gelten die US-amerikanische NSA und das britische GCHQ. Dennoch sind weder das INTCEN noch das EUMS INT in dieser Hinsicht tätig geworden.

Doch auch in Deutschland wird die Überwachung perfektioniert: Anfang des Jahres wurde ein “Runder Tisch” zum Thema “Sicherstellung der Kommunikationsüberwachung in der Zukunft” eingerichtet. Alle Geheimdienste sowie Polizei- und Strafverfolgungsbehörden des Bundes sind vertreten, teilweise auch die Landesbehörden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert im Bereich “IT-Sicherheit” mehrere Vorhaben, in denen unter anderem die Firmen DE-CIX Management GmbH, EADS Deutschland GmbH, escrypt GmbH Embedded Security, Gesellschaft für sichere mobile Kommunikation, Nokia Siemens Networks und Utimaco Safeware finanzielle Mittel erhalten. Auch diese sind in der Antwort aufgeführt.

In der Anfrage ging es auch um Berichte über angezapfte Glasfaserkabel, wovon die Bundesregierung aber angeblich keine Kenntnis habe. Weil man selbst über keine Snowden-Dokumente verfüge, würde munter mit den Diensten aus Großbritannien und den USA zusammengearbeitet. Ein Fragenkatalog zu den Spionagetätigkeiten, den die Bundesregierung vor sechs Monaten an US-Behörden schickte, ist immer noch nicht beantwortet. Die Justizministerin habe jedoch im Oktober 2013 “an die gestellten Fragen erinnert” – erfolglos. Im gleichen Schreiben wurde ein weiterer Fragenkatalog “zur angeblichen Ausspähung des Mobiltelefons von Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel übersandt”, ebenfalls ergebnislos.

Geantwortet habe aber die britische Botschaft. Gebeten wurde, die Angelegenheit “unmittelbar zwischen den Nachrichtendiensten der Bundesrepublik Deutschland und des Vereinigten Königreichs zu besprechen”. Dies ist wohl auch passiert: Es habe danach “verschiedene Expertengespräche” gegeben.

“Geheimdienstliche Spionage in der Europäischen Union und Aufklärungsbemühungen zur Urheberschaft”

Hierzu erfahren wir mehr in der Anfrage “Geheimdienstliche Spionage in der Europäischen Union und Aufklärungsbemühungen zur Urheberschaft”. Dort heißt es:

Der Bundesnachrichtendienst hat im Auftrag der Bundesregierung Gespräche mit den EU-Partnerdiensten aufgenommen. Ziel ist die Entwicklung gemeinsamer Standards in der nachrichtendienstlichen Arbeit. Im weiteren Verlauf der Gespräche und Verhandlungen gilt es zu prüfen, inwieweit diese gemeinsamen Standards in einen größeren Rahmen einfließen sollen.

Glaubt man dem Innenministerium, will sich die Bundesregierung beim anvisierten Klassentreffen Nachhilfe holen. Denn man habe angeblich keine eigenen Informationen zum Spionagenetzwerk “Nine Eyes”, sondern wisse lediglich dass dort neben den “Five Eyes” (USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland) auch Norwegen, Frankreich, Dänemark und die Niederlande organisiert seien. Gleichwohl beabsichtige man, “mit der US-amerikanischen Seite eine Vereinbarung abzuschließen, die die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit auf eine neue Basis stellt”. Dieses von den Medien als “No Spy-Abkommen” bezeichnete Agreement ist allerdings nach heutigen Berichten vom Tisch.

Gefragt wurde auch zu Meldungen, wonach US-Geheimdienste über einen “root access” auf Passagierdaten in sogenannten “Computerized reservation systems” verfügen, die von Fluglinien weltweit betrieben werden. Verwiesen wird auf den Bericht der EU-Kommission über die Durchführung des PNR-Abkommens vom 27. November. Dort heißt es, dass Behörden der USA “entsprechend der Regelungen des PNR-Abkommens auf die Buchungssysteme der Fluggesellschaften zugreifen”. Die Bundesregierung übersetzt die entsprechende Passage folgendermaßen:

DHS (das US-Heimatschutzministerium) hat erklärt, dass es PNR-Daten an US-Geheimdienste unter Beachtung der Bestimmungen des Abkommens weiterleitet, wenn ein bestimmter Fall unzweifelhaft einen klaren Terrorismusbezug hat. Im Überprüfungszeitraum hat DHS im Einklang mit dem Abkommen 23 fallbezogene Weiterleitungen von PNR-Daten an die US National Security Agency (NSA) vorgenommen, um bei Terrorismusbekämpfungsfällen weiterzukommen.

Zur Spionage auf EU-Ebene gibt sich die Bundesregierung in der Antwort unwissend. Man habe keine Ahnung über ausgespähte Einrichtungen und dort genutzte Abhöranlagen. Auch “Detailkenntnisse über die Netzwerkinfrastruktur von EU-Einrichtungen” liegen nicht vor. Berichte über das mögliche Abhören des Internetverkehrs von EU-Einrichtungen in Brüssel würden daher nicht kommentiert – eine leichtfertige Antwort, denn dies beträfe auch die deutsche Delegation. Doch auch die EU bleibt hierzu weitgehend untätig:

Keine EU-Agentur, also keine der dezentralen Einrichtungen der EU mit einem spezifischen Arbeitsgebiet, befasst sich nach Kenntnis der Bundesregierung mit der Abwehr von Spionage gegen EU-Institutionen. Europäische Kommission, Europäischer Auswärtiger Dienst und das Generalsekretariat des Rates verfügen über eigene Mitarbeiter, die u.a. die jeweiligen Kommunikationsnetze gegen Ausspähung schützen. Sobald in den EU-Behörden in Brüssel der Verdacht der Spionage entsteht, wird zunächst intern ermittelt und ggf. um Amtshilfe des Gastlandes, also der belgischen Behörden, gebeten.

“Kooperationen zur sogenannten Cybersicherheit zwischen der Bundesregierung, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten”

Jedoch arbeiten sowohl die EU als auch die Mitgliedstaaten auf mehreren Ebenen mit den USA und Großbritannien im Bereich der IT-Sicherheit zusammen. Dies geht aus der Antwort auf die Anfrage “Kooperationen zur sogenannten Cybersicherheit zwischen der Bundesregierung, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten” hervor. An zahlreichen Arbeitsgruppen nehmen auch Behörden des Bundesinnenministeriums teil.

Zu den Zusammenarbeitsformen gehören auch die zivilen oder militärischen “Cyberübungen”. Jährlich findet die Übungsserie “Cyber Coalition” der NATO statt, in der “Blue Teams” gegen “Red Teams” kämpfen und sich hierfür “marktverfügbarer Schadsoftwaresimulation” bedienen. An der US-Übung “Cyberstorm III” nahmen das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) teil. “Cyberstorm” wird vom US-Heimatschutzministerium verantwortet, mit dabei sind aber alle Teilstreitkräfte und ihre Geheimdienste, darunter auch die NSA. Mit der EU haben die USA mittlerweile ein eigene, wiederkehrende Übung aus der Taufe gehoben, die sogenannte “EU-US CYBER ATLANTIC”.

Bei welchen dieser IT-Manöver Szenarien simuliert wurden, die “cyberterroristische Anschläge” oder “politisch motivierte Cyberangriffe” zum Inhalt hatten, soll aber geheim bleiben. Gleichwohl bestätigt die Bundesregierung wie auch in früheren Anfragen, dass der Terminus “Terrorismus” zwar auch im Cyberspace für die Aufrüstung herhalten muss, dort aber in Wirklichkeit nicht existiert. Es habe keine versuchte oder erfolgreich ausgeführte Attacke gegeben, die nicht von Staaten vorgenommen worden seien – so jedenfalls lautete die Frage.

Zuende gedacht bedeutet dies, dass alle derzeit aufgebauten Kapazitäten nicht den “Cyberterrorismus” kontern, sondern von Regierungen gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Also dienen auch die zivilen oder militärischen “Cyberübungen” – gewollt oder ungewollt – dem Aufbau entsprechender Fähigkeiten.

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