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January 06 2014

EU-Polizeiagentur bastelt an grenzüberschreitendem Echtzeit-Tracking von Peilsendern

europolNicht erst seit der Einrichtung seines neuen “European Cybercrime Centre” (EC3) geht die EU-Polizeiagentur EUROPOL auch gegen unliebsamen Netzaktivismus vor. Hierzu gehören internationale, gemeinsame Razzien gegen vermeintliche Mitglieder des Anonymous-Netzwerks, Treffen zu “Hacktivism” zur internationalen Koordination von Ermittlungsverfahren sowie Öffentlichkeitsarbeit im “Project 2010″, das im fiktiven Staat “South Sylvania” spielt. Vermeintliche “Hacker” und “Cyberkriminelle” bedrohen dort die Gesellschaft, die Folge sind Chaos und Revolution.

Während “Hacker” auf mehreren Ebenen verfolgt werden, ermitteln EUROPOL bzw. das EC3 nicht wegen der mutmaßlich staatlichen Angriffe beim belgischen Finanzdienstleister SWIFT, dem Telekommunikationsanbieter Belgacom oder Einrichtungen der Europäischen Union in Brüssel vom Sommer 2013. Als Urheber werden die US-amerikanische National Security Agency oder das britische GCHQ vermutet.

Seit längerem jedoch betreibt EUROPOL ein Projekt zum TOR-Netzwerk. Im Jahresbericht zu den Aktivitäten von 2012 heißt es über die generierten “intelligence products”:

  • Threats coming from Anonymous or linked groups of hacktivists
  • A European project related to TOR[1] and anonymous surfing on the internet
  • Police ransomware
  • Measures to take against DNS changer malware
  • Cybercrime in general, global challenges and Europol’s instruments. […]
  • Optimise data handling systems and work processes to ensure maximum exploitation of information with available resources

Der Einrichtung des EC3 ging eine Umstrukturierung der gesamten Architektur Europols voraus: Der Bereich “Cybercrime” hat als drittes Standbein nun die gleiche Wertigkeit wie “Terrorismus” und “Organisierte Kriminalität”. Bislang zeichnet sich das EC3 aber eher durch eine Aufrüstung des Vokabulars aus.

Im Ausblick für 2014 ist die Rede von der Entwicklung weiterer Techniken zur Kriminalitätsbekämpfung (“Pioneer new techniques to prevent and combat international serious crime and terrorism”). EUROPOL ist außerdem mit den US-amerikanischen “Fusion Centres” und dem US-Zoll vernetzt.

Jährlich verdoppeln sich die Zulieferungen an die EUROPOL-Informationssysteme aus den Mitgliedstaaten. Weiterhin führen hier Belgien, Deutschland und Großbritannien, auch bei den Abfragen. Die City of London Police gleicht mittlerweile alle festgenommenen EU-Staatsangehörigen mit EUROPOL-Datenbanken ab.

Mittlerweile werden die Datensammlungen umstrukturiert: Die sogenannten “Analysearbeitsdateien” werden fortan unter den Schwerpunkten “Organisierte Kriminalität” und “Terrorismus” geführt, alle einzelnen Datensammlungen gliedern sich darunter auf. Jedoch kämpft auch EUROPOL mit zuviel Information. Maßnahmen zur “optimierten Datenbehandlung” sollen daher Abhilfe schaffen. Bekanntlich nutzt EUROPOL längst “Big Data”-Anwendungen, die auch Data Mining erlauben. Im Sprech der Agentur heißt das “comprehensive data cross-matching” oder “tactical exploitation of operational datasets”. Bald soll ein Mechanismus zur Batch-Suche eingerichtet werden, um Abfragen mit bis zu 400 gleichzeitigen Suchen zu ermöglichen. Zu den weiteren, bereits bestehenden Features gehören:

  • Access to other systems and databases – Schengen Information System (SIS II)
  • Improved interconnection between Europol’s systems – rollout of Unified Search Engine within Europol
  • Alignment with Universal Messaging Format (UMF) standard/framework
  • Adequate processing capabilities, especially for large volumes of cybercrime data

Wie alle anderen Einrichtungen der EU soll EUROPOL die Arbeit von Behörden der Mitgliedstaaten erleichtern. Dies auch in Bezug auf verdeckte Ermittlungen: Derzeit arbeitet die Agentur an einer “European Tracking Solution”. Gemeint ist die Möglichkeit, Peilsender auch über EU-Binnengrenzen zu verfolgen und unterschiedliche Hard- und Software der jeweiligen Polizeibehörden zu synchronisieren. Dadurch sollen sowohl Personen oder auch Sachen in Echtzeit per GPS lokalisiert werden. Für derartige Ermittlungen ist EUROPOL in der “Cross-Border Surveillance Working Group” organisiert, die weitere technische Möglichkeiten eruiert.

EUROPOL bastelt unter anderem an Systemen zur geografischen Zuordnung oder auch der verbesserten Textanalyse. Auf der Wunschliste stehen weiterhin:

  • Open source intelligence: provision of tailored newsfeeds on cybercrime trends, technological developments and other relevant information
  • future-oriented scanning of technological and other external developments, with a view to identifying potential risks,
  • Initiate a growing number of high-profile international operations

Ausgebaut werden Finanzermittlungen in allen Kriminalitätsbereichen, für die EUROPOL zuständig ist. Gemeint ist das hinterher spüren von Finanzströmen, darunter internationale Überweisungen, verdächtige Transaktionen oder neue Trends (die sogenannte “horizontal intelligence”). Vorgefundene Muster sollen dann in weitere Ermittlungen einfließen. EUROPOL könnte dann sogenannte “Financial Intelligence Notifications” produzieren, eine Art permanenter Lagebericht zu verdächtigen Vorgängen samt proaktivem Hinweis zu ihrer möglichen Bekämpfung. Die Agentur soll dabei unbedingt den Polizeien der Mitgliedstaaten zuvorkommen:

Expected result Better, more proactive service from Europol to MS in relation to operational coordination, whereby initiative comes from Europol before Member States themselves have identified an opportunity for joint action with a significant scope.

Nach einem Upload von allein 1.000 Personen durch die Polizei Rumäniens wurden in einem automatischen Abgleich mit Datensammlungen anderer Staaten 22 Personen herausgefiltert. Kürzlich hat EUROPOL mit Polen und Großbritannien die Operation “Bad Boys” gestartet. 23 Mitgliedstaaten bzw. sonstige “Partner” haben in “Cross Border Crime Checks”, einer Art Rasterfahndung, rund 14.000 grenzüberschreitend aktive, mutmaßliche Kriminelle in den Datenhalden identifiziert.

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November 08 2013

“Hacking back”: Cyber-Chef von EUROPOL für grenzüberschreitende Trojaner auch bei “Cyberkriminalität”

Aus der Präsentation

Aus der Präsentation “Hacking Back” bei der RSA Europe

Der Leiter des European Cybercrime Centre (EC3), Troels Oerting, spricht sich für mehr Online-Durchsuchungen in der Europäischen Union aus. Dies berichtet die britische Webseite der Zeitschrift Computerworld. Zwar fordert Oerting zunächst keine derartigen Kompetenzen für die EU-Polizeiagentur EUROPOL, bei der das EC3 im niederländischen Den Haag Anfang dieses Jahres in Betrieb ging. Jedoch sollten die Polizeien aller EU-Mitgliedstaaten verstärkt von der Möglichkeit Gebrauch machen, Trojaner auch bei “Cyberkriminalität” einzusetzen. Bislang ist dies meist nur gegen “Terrorismus” oder “schwere organisierte Kriminalität” gestattet. Gesetze müssten deshalb entsprechend geändert werden.

Oerting war zu Gast bei der Konferenz “RSA Europe” in Amsterdam und nahm dort an einem Podium namens “Hacking Back as a Law Enforcement Role” teil (hier die wenig aussagekräftige Präsentation). Zu den weiteren Rednern gehörten Bart Jacobs von der University Nijmegen und Peter Zinn von der holländischen Polizei. Die Diskussion wurde moderiert von Ronald Prins, einem Mitarbeiter des IT-Sicherheitsdienstleisters Fox-IT.

Hintergrund des Podiums war die baldige Erneuerung der Kompetenzen für die Polizei der Niederlande. Vorgesehen ist, Onlinedurchsuchungen auch für “Cyberkriminalität” einzusetzen. Dies in einem Gesetz zu verankern wäre laut Computerworld EU-weit einmalig. Ein Entwurf wird bereits diskutiert. Mindestens zwei Mal hatte die Polizei in den Niederlanden bereits Gerichtsbeschlüsse zur Nutzung von Trojanern bei “Cyberkriminalität” erhalten. Auch Großbritannien hatte sich hierfür interessiert.

Laut dem Bericht brachte Oerting erneut die grenzüberschreitende Onlinedurchsuchung innerhalb aller EU-Mitgliedstaaten ins Spiel. Sie könnte sich an bereits vorhandenen Zusammenarbeitsformen des “physischen Raums” orientieren. Als Beispiel nennt er das Schengener Abkommen, das den polizeilichen Austausch von Daten, gemeinsame Einsätze oder die grenzüberschreitende Entsendung von Polizeispitzeln regelt. Dort ist auch festgeschrieben, unter welchen Umständen Polizisten vermeintlichen StraftäterInnen über die Grenze folgen darf. Weil “Cyberkriminalität” meist von entfernten Orten begangen würde, müsse es diese sogenannte “Nacheile” laut Oerting auch im digitalen Raum geben.

Erste Initiative vor fünf Jahren

2008 wurde erstmals eine Initiative bekannt, EU-Polizeien die grenzüberschreitende Onlinedurchsuchunge zu erlauben. “Ermittlungsteams” von EU-Mitgliedsstaaten sollten demnach “Ferndurchsuchungen” dergestalt erleichtert werden, dass sie “mit Zustimmung des Gastlandes raschen Zugang zu den Informationen erhalten können”. Erst in einer späteren Form des zu verabschiedenden Dokuments über “Schlussfolgerungen des Rates über eine konzertierte Arbeitsstrategie und konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der Cyberkriminalität” wurde der Passus “sofern diese nach nationalem Recht vorgesehen sind” hinein verhandelt – angeblich auf eine Initiative der österreichischen Delegation.

Auch Gilles de Kerchove, der “Anti-Terrorismuskoordinator” der EU, forderte 2010 in seinen halbjährlichen Handlungsempfehlungen einen “gemeinsamen justiziellen Rahmen für bestimmte Ermittlungstechniken”. Er bezog sich dabei auch auf Online-Durchsuchungen. In einer späteren Mitteilung wird sein Vorschlag von der ungarischen EU-Präsidentschaft im März 2011 als “Follow-up” aufgegriffen und als Gesetzgebungsinitiative anvisiert. Dabei werden “Onlinedurchsuchungen” im gleichen Satz mit dem zunehmenden Einsatz von Spitzeln genannt.

Während die Einsätze von Trojanern in Deutschland mittlerweile Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung wurden, bleiben Details für die EU-Ebene im Dunkeln. Fraglich ist etwa, ob deutsche Behörden Material von ausländischen Polizeien für Ermittlungszwecke nutzen, das andernorts durch Online-Durchsuchungen erlangt wurde. In der Antwort auf eine frühere Kleine Anfrage erklärte die Bundesregierung, dass hierüber keine Statistiken darüber geführt würden. Deutsche Behörden hätten indes noch nie ihre Zustimmung zu Durchsuchungen von in Deutschland befindlichen Rechnern durch ausländische Ermittlungsteams gegeben. Das solle auch zukünftig so bleiben, denn hierfür gebe es laut Bundesregierung noch keine Rechtsgrundlage. Die Antwort war jedoch von 2011.

Auch über die Cybercrime-Konvention möglich

In der Strafprozessordnung regelt § 110 Absatz 3 den “Zugriff auf räumlich getrennte Speichermedien”, was sich allerdings auf das Inland bezieht ( “Die Durchsicht elektronischer Speichermedien darf auf räumlich getrennte Speichermedien, auf die der Betroffene den Zugriff zu gewähren berechtigt ist, erstreckt werden.”). In “grenzüberschreitender Weise” sei dies laut Bundesregierung nur im Rahmen der internationalen Rechtshilfe möglich. Hierfür wird auf das Übereinkommen des Europarates über Computerkriminalität vom 23. November 2001 verwiesen (“Cybercrime-Konvention”), die Deutschland erst 2009 ratifiziert hat.

Tatsächlich findet sich dort in Artikel 19 zur “Durchsuchung und Beschlagnahme gespeicherter Computerdaten” der Passus, dass jede Vertragspartei “ein Computersystem oder einen Teil davon sowie die darin gespeicherten Computerdaten und einen Computerdatenträger” in ihrem Hoheitsgebiet durchsuchen “oder in ähnlicher Weise darauf Zugriff zu nehmen” darf.

Ein Vermerk des Rates vom 25. März 2010 fordert, den Austausch über “neue Technologien” auch mit anderen “europäischen Einrichtungen” auszubauen. Genannt werden neben EUROPOL die Agenturen EUROJUST (zur justiziellen Zusammenarbeit) und CEPOL (zur polizeilichen Ausbildung). Zwar sind hier “Ferndurchsuchungen” nicht explizit erwähnt, die Rede ist aber von der “Verwendung von computergestützten Ermittlungsinstrumenten durch Polizei, Justiz und forensische Dienste in ganz Europa”.

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September 26 2013

Europol ermittelt nicht zur Spionage in “Operation Socialist”, es fehle Auftrag von EU-Mitgliedstaaten

Die Chefs des IGCI und des EC3 (Nakatini und Oerting) beim Gucken eines angebllich

Die Chefs des IGCI und des EC3 (Nakatini und Oerting) beim Gucken eines angebllich “fantastic movie” zum “Project 2020″

Troels Oerting ist ein vielbeschäftigter Mann. Wenn er gerade keinen Roman schreibt oder über die Gefahren des Internet twittert, ist er mit der Aufrüstung gegen allerlei “Cybercrime” und “Hacktivism” beschäftigt: Oerting leitet das “European Cybercrime Centre”, das bei der EU-Polizeiagentur Europol Anfang des Jahres unter dem Kürzel EC3 in Betrieb genommen wurde und seitdem fleißig twittert.

Der Einrichtung des EC3 ging eine Umstrukturierung der gesamten Architektur Europols voraus: Der Bereich “Cybercrime” hat als drittes Standbein nun die gleiche Wertigkeit wie “Terrorismus” und “Organisierte Kriminalität”. Das EC3 soll Bedrohungsanalysen erstellen und IT-Systeme auf ihre Verwundbarkeit testen – kein großer Schritt also zu staatlichen Hackerangriffen.

Oberster Vorgesetzter von Oerting ist Rob Wainwright, der Direktor von Europol. Vorgestern war Wainwright zur dritten Anhörung des Ausschusses für “Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres” (LIBE) des EU-Parlaments geladen. Die Abgeordneten verlangen Auskunft zur internationalen Spionageaffäre, die durch Enthüllungen von Edward Snowden losgetreten wurde. Kurz vorher wurde bekannt, dass der US-Geheimdienst NSA auch den Finanzdienstleister SWIFT ausgespäht hatte. Wie die NATO und die EU-Kommission ist SWIFT auf belgischem Stattsgebiet beheimatet.

Europol trifft Fox-IT, ermittelt aber nicht wegen staatlichen Hacks bei SWIFT und Belgacom

Wainwright erklärte dem Ausschuss, Europol verfüge als Polizeiagentur über kein Mandat für eigene, entsprechende Ermittlungen. Vorher müsse eine Anfrage aus einem Mitgliedѕstaat vorliegen. Hierzu berichtete Erich Moechel:

Nicht ein einziger Mitgliedsstaat hat eine solche Untersuchung verlangt”, antwortete Wainwright, vom Mandat her sei Europol aber nur für Straftaten Krimineller zuständig, nicht aber für Spionageangriffe durch staatliche Behörden. Auf die Frage was denn so ein typisches “Cyber-Verbrechen” sei, antwortet Wainwright “Kinderpornografie”. Er habe keine Hinweise darauf, so Wainwright abschließend, dass die USA gegen das Abkommen verstoßen hätten und schloss daraus, dass eben alles rechtmäßig zugegangen wäre.

Wainwright musste allerdings eilig von seinem Stelldichein beim EU-Parlament verschwinden, denn es wartete ein weiterer Termin: Die erste gemeinsame “Cybercrime-Konferenz” von Europol und der internationalen Polizeiorganisation Interpol in Den Haag.

Der neue “Global Complex for Innovation” bei Interpol

Der neue “Global Complex for Innovation” bei Interpol

2014 will Interpol – analog zum EC3 von Europol – in Singapur ein “Interpol Global Complex for Innovation” (IGCI) zur Bekämpfung von “Cyberkriminalität” errichten. Der neue Komplex soll eng mit der Interpol-Zentrale in Lyon, aber auch mit privaten Konzernen zusammenarbeiten. Die “Cybercrime-Konferenzen” sind gedacht, um das EC3 und das IGCI zukünftig besser miteinander zu synchronisieren.

Auf der Konferenz trafen Wainwright und Oerting auf einen Manager der niederländischen Firma Fox-IT, die mit der Untersuchung des britischen, staatlichen Hacker-Angriffs auf den belgischen Telekommunikationsdienstleister Belgacom befasst ist (die sogenannte “Operation Socialist”). Detlef Borchers war in Den Haag und hat heute etwas mehr zur diesjährigen ersten Konferenz berichtet. Demnach habe Ronald Prins, CEO von Fox-IT, “die Strafverfolger ermahnt, eine aktivere Rolle im Kampf gegen Cybercrime einzunehmen”:

Den über 250 Cybercrime-Spezialisten legte Prins ans Herz, “Online muscle power” zu zeigen und aktiv zurück zu hacken. Sollten sie dabei zögern, empfahl Prins, private Firmen wie Crowd Strike oder Mandiant zu engagieren. Die würden effektiv mit dem nötigen Druck vorgehen und sich nicht groß um die Regeln scheren, die staatliche Strafverfolger beachten müssen.

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March 27 2013

EU will Mindestquote für polizeiliche Datenlieferungen an EUROPOL und das neue “Cybercrime Centre” ausbauen

Die EU-Kommission hat heute vorgeschlagen, die Kompetenzen und Zuständigkeiten der Polizeiagentur EUROPOL erneut zu erweitern. Aus netzpolitischer und überwachungskritischer Perspektive hätte dies beträchtliche Auswirkungen. Denn vor allem das erst kürzlich bei EUROPOL eingerichtete “EU-Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität” (“European Cybercrime Centre”; EC3) würde weiter gestärkt.

Die dort angereicherten Fähigkeiten sollen jetzt den nationalen Strafverfolgungsbehörden zugänglich gemacht werden. Mit diesem “Europäischen Fortbildungsprogramm für den Bereich Strafverfolgung” geht ein größeres Kompetenzgerangel zu Ende: Denn EUROPOL will im letztes Jahr neu bezogenen Hauptquartier in Den Haag eine “EUROPOL Akademie” ansiedeln. Mit der CEPOL verfügt die EU bereits über eine EU-Polizeiakademie, die bislang in Großbritannien untergebracht ist. Die soll aber zukünftig in EUROPOL integriert, ihr Standort in Bramshill im Laufe des Jahres 2014 für immer geschlossen werden.

EUROPOL wäre dann allein zuständig für alle gemeinsamen Aus- und Fortbildungs- sowie Austauschprogramme für Polizeikräfte, aber auch für “sonstiges Personal von Strafverfolgungsstellen”. Laut der EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström kämen die Maßnahmen vor allem den “an vorderster Front tätigen Ermittlern” zugute. In der Pressemitteilung und dem Begleitdokument der Kommission wird “Cyberkriminalität” hervorgehoben. Besonderer Augenmerk liegt auf der Sicherstellung elektronischer Beweismittel, der sogenannten “digitalen Forensik”:

On top of this, MS laboratories face an explosion in digital evidence analysis up to the point where some labs have more then 2 years of backlog. Through centralisation the EC3 laboratory will deliver techniques and reports in advance forensics, in-house and on-the spot that would support the MS digital evidence collection in a fast manner. This team will use advanced techniques found by European R&D to provide more efficient tools to investigators.

Hierfür sollen weitere “Spezialisten” eingestellt werden. Zu ihren Aufgabenbereichen “digital
forensics, mobile forensics, network forensics and Malware reserve engineering” gehört insbesondere die Wiederherstellung gelöschter oder verschlüsselter Dateien:

An accredited forensic capability providing state-of-the-art solutions such as a high-end decryption, recovery and analysis of operational information extracted from computers, digital devices or digitally-stored media.

europol

Auch die Struktur der Informationssysteme soll nun umgebaut werden. Dabei werden elektronische Werkzeuge eingesetzt, die ich hier bereits skizziert hatte. In der heutigen Pressemitteilung liest sich das so:

Die bestehende Datenverarbeitungsarchitektur Europols soll so umkonzipiert werden, dass Europol künftig einfacher Zusammenhänge zwischen ihm vorliegenden Daten erkennen und analysieren kann.

Mit Ausnahme von Personendaten sollen alle Informationen auch mit “Unternehmen, Firmen, Handelsvereinigungen, Nichtregierungsorganisationen und anderen privaten Einrichtungen” geteilt werden dürfen. Begründet wird dies damit, dass diese oft über Wissen und vor allem Daten verfügen würden, um “schwere Kriminalität und Terrorismus” wirksam zu bekämpfen. Der Vorstoß dürfte insbesondere für die Aufrüstung des “EU-Zentrums zur Bekämpfung der Cyberkriminalität” von Bedeutung sein.

Doch der Vorschlag der Kommission enthält weitere Maßnahmen zur Umstrukturierung und Stärkung von EUROPOL. Zukünftig sollen Datenlieferungen aus den Mitgliedstaaten nicht mehr freiwillig erfolgen. Stattdessen werden die Polizeien unter Druck gesetzt, eine bestimmte Quote zu erfüllen:

Damit Europol zu einem echten Knotenpunkt der EU für den Austausch und die Analyse von Informationen über schwere Straftaten werden kann, soll die den Mitgliedstaaten obliegende Pflicht, Europol einschlägige Daten zu übermitteln, verschärft und präzisiert werden.

Die nationalen Europol-Kontaktstellen sollen dann eine feste Quote an übermitteln Datensätzen erfüllen. In der Diskussion sind zudem finanzielle Anreize.

Schon jetzt gehört Deutschland zu den vier Hauptlieferanten und Datenstaubsaugern bei Europol: Rund ein Drittel aller Daten in den drei Informationssystemen von EUROPOL stammen vom Bundeskriminalamt, etwa die gleiche Zahl an Abfragen kam über Wiesbaden. Zur “Spitzengruppe” gehören außerdem Frankreich, Belgien und Spanien. Zu den offenen Fragen einer neuen Europol-Rechtsgrundlage gehört vor allem die Erleichterung des Informationsaustausches mit der Agentur. Dabei geht es um die Nutzung der sogenannten “Dataloader” durch die EU-Mitgliedstaaten. Diese automatisierte Übermittlung von Informationen über Personen, Sachen oder Vorgänge wird bereits für 81% aller Einspeisungen in das EIS in Anspruch genommen. 70% der per “Dataloader” gelieferten Datensätze werden von Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien herangeschafft.

Möglich, dass die EU-Kommission Gegenwind erwartet. Vielleicht enthält der Vorschlag deshalb auch einige Maßnahmen zur parlamentarischen Kontrolle. So sollen das Europäische Parlament und die nationalen Parlamente künftig häufiger “gehört werden”. Allein die Formulierung drückt bereits aus, dass hier keine großen Mitbestimmungsmöglichkeiten in Sicht sind. Ohnehin bezieht sich dies nicht auf operative Maßnahmen, sondern allein auf Diskussionen zum “strategischen mehrjährigen Arbeitsprogramm” der Polizeiagentur.

Immerhin dürfen sich die Parlamente freuen, regelmäßig Infopost von EUROPOL zu bekommen: Sie sollen künftig über die jährlichen Tätigkeitsberichte und Jahresabschlüsse informiert werden. Damit den Abgeordneten nicht langweilig wird, werden sie mit “Risikobewertungen, strategischen Analysen und allgemeinen Lageberichten auf dem Laufenden gehalten”.

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