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October 29 2013

NSA: James Clapper gibt weitere zehn Dokumente frei

480px-James_R._Clapper_official_portraitDer Direktor der US amerikanischen Geheimdienste James Clapper hat am Montag zehn weitere NSA Dokumente freigegeben. Die Freigabe beruht weniger auf Clappers angeblichen Bemühungen für mehr Transparenz zu sorgen, sondern sind direkt auf eine Freedom of Information Act Klage der US amerikanischen Electronic Frontier Foundation zurückzuführen. Einige der Dokumente legen weitere Interpretationen der umstrittenen Section 215 des USA PATRIOT Acts – eine Gesetzesänderung, die es US amerikanischen Geheimdiensten erlaubt umfassend und verdachtsunabhängig Telekommunikation zu überwachen.

  • Ein Memorandum zwischen NSA und dem Senate Select Committee on Intelligence (SSCI) belegt, dass die NSA in Kooperation mit einem Provider mindestens seit 26. April 2010 Standortdaten von Mobiltelefonen – zunächst zu Testzwecken – ausgewertet haben. Das Justizministerium (DOJ) hatte davon gewusst und die Erfassung unter dem FISA Gesetz genehmigt.
  • Seit 1. September 2011 wusste der zumindest der Justizausschuss des Senats der USA laut Memorandum, dass Verbindungsdaten (Meta-Daten) von Telefongesprächen zwischen zwei US-Bürgern im Inland abgefangen und analysiert werden. Auch dies wurde durch das Geheimdienstgericht (FISA Court) gebilligt.

[...] NSA has begun to acquire and analyze telephony metadata derived from cellular network or “mobility” call detail records (CDRs). The cellular telephony metadata is being produced pursuant to an order issued by the Foreign Intelligence Surveillance Court… for billed long distance telephone calls to or from landline telephones either (a) between the U.S. and abroad; or (b) wholly within the U.S., including local telphone calls.

  • In einem Brief von Dezember 2009 an Mitglieder des Justizausschusses des Senats betont das Justizministerium (DOJ), dass eine öffentliche Debatte über die umfassenden Überwachungsmaßnahmen durch Sektion 215 des USA PATRIOT Acts nicht erwünscht sei, da die nationale Sicherheit gefährdet sei.

Public disclosure of the highly classified uses of Section 215 authority, including the bulk collection program thereunder, is problematic… Because we are concerned that public disclosure would cause serious damage to national security, we cannot disclose publicly that Section 215 is used for bulk collection of telephony metadata.

  • Ein Protokoll vom selben Jahr illustriert, dass die Richter des Geheimdienstgerichts immer wieder Bedenken gegenüber der NSA geäußert haben in Bezug auf die Legalität des Programmes und der Einhaltung der gesetzlichen Schranken – vor allem bei der Beurteilung der Reasonable Articulable Suspicion (RAS). Dadurch, dass die Richter des FISC niemals die Gegenseite oder Bedenken hören, können sie kaum ehrlich abwägen, ob tatsächlich Überwachung zu weit geht. Und somit findet keine effektive Kontrolle der Geheimdienste statt.
  • Ein Memorandum von Februar 2009 an das Select Committee on Intelligence zeigt, wie wenig diese Memoranden eigentlich sagen: Die Quintessenz aus drei Seiten Text ist, dass die NSA ‘kleinere Probleme’ bei der Einhaltung der Auflagen und aufgezeigten Schranken des Geheimdienstgerichts hatte. Man würde aber eng mit dem Justizministerium zusammenarbeiten, um die Programme entsprechend abzuändern.

NSA and DOJ have already identified a number of steps designed to improve the Agency’s ability to comply with the relevant orders and implementation of these changes has begun.

NSA needs access to telephony business records in bulk so that it can quickly identify the network of contacts that a targeted number is connected to, whenever a targeted number is detected. NSA identifies the network of contact by applying sophisticated analysis to this metadata. The more metadata NSA has access to, the higher the chances are that NSA can identify or discover the network of contacts linked to targeted numbers.

Im Vergleich zu den ersten Veröffentlichungen durch den Dirctor of National Intelligence, durch die u.a. das erste Mal die rechtliche Interpretation des Patriot Acts an die Öffentlichkeit gelangte, sind die jetzigen Dokumente eher als Bestätigung einiger Vermutungen zu sehen. Wir wussten all das schon durch Snowdens Enthüllungen. Allerdings sind diese offiziellen Dokumente essenziell für die weitere politische Diskussion. So ist ein weiteres Mal durch diese Dokumente eindeutig belegt, dass DNI James Clapper vor dem Kongress gelogen hat.

Ebenso hatte Barack Obama gelogen, als er in Jay Lenos Show sagte, es würden keine Amerikaner überwacht werden.

There is no spying on Americans.

Die Dokumente verdeutlichen außerdem das grundlegende Problem der Aufsicht und Kontrolle der geheimdienstlichen Aktivitäten. Ein Richter des US amerikanischen Geheimdienstgerichtes, Reggie B. Walton, sagte gegenüber der Washington Post, dass das Gericht selbst keine Untersuchungen einleiten könne und auf die durch die NSA vorgelegten Informationen angewiesen sei. Somit ist vorprogrammiert, dass es zu keiner echten Aufsicht und scharfen Kontrolle kommt – sondern eher zum ‘Abnicken’.

The FISC is forced to rely upon the accuracy of the information that is provided to the Court. The FISC does not have the capacity to investigate issues of noncompliance, and in that respect the FISC is in the same position as any other court when it comes to enforcing [government] compliance with its orders.

Gerade deswegen kann man nur hoffen, dass der neu vorgeschlagene USA FREEDOM Act der US Senatoren Sensenbrenner und Leahy große Unterstützung findet.

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July 23 2013

Vision 2015: Das global vernetzte Geheimdienst-Vorhaben der USA

Wir haben schon letzten Woche argumentiert, dass der Fokus auf Prism, Snowden oder Tempora von der eigentlichen Thematik ablenkt:

Es geht nicht um PRISM. Es geht nicht um neun Internet-Firmen. Es geht noch nichtmal nur um den gesamten Internet- und Telefonverkehr. Es geht um die Komplettüberwachung der gesamten Menschheit auf unserem Planeten.

Dieses Ziel, der lückenlosen Komplettüberwachung, wird nochmals deutlich durch eine – etwas in die Tage gekommene – Vision des Director of National Intelligence (DNI) von 2008, die Rechtsanwalt Thomas Stadler ausgegraben hat.

So liest man gleich auf dem Deckblatt:

Vision: A Globally Networked and Integrated Intelligence Enterprise

Strategy: Integrate foreign, military, and domestic intelligence capabilities through policy, personnel and technology actions to provide decision advantage to policy makers, warfighters, homeland security officials and law enforcement personnel.

Nachdem Globalisierung und Informations- und Finanzflüsse in globalen Netzwerken angesprochen werden, wird argumentiert, dass der Geheimdienst nicht mehr alleine agieren kann, sondern Partner benötigt. Der Schutz der Privatsphäre ist indes nur bei Amerikanern von Belang.

By necessity, we must be involved with numerous new partners in interactive relationships, but we must also respect and maintain the privacy and civil liberties of all Americans.

Bei den Auswirkungen für den Geheimdienst liest man außerdem, dass Hoheit über die Informationsflüsse der Schlüssel zum Erfolg sei.

Deep and persistent penetration is key for collection… Our anticipated strategic environment models closely on chaos theory: initial conditions are key, trends are nonlinear, and challenges emerge suddenly due to unpredictable systems behavior. In this environment, one prerequisite for decision advantage is global awareness: the ability to develop, digest, and manipulate vast and disparate data streams about the world as it is today.

Das verbindet sich wunderbar mit der Mentalität des NSA Director Keith Alexander:

Collect it all, tag it, store it. . . . And whatever it is you want, you go searching for it.

Die große Vision für 2015 ist dann, dass sich der Geheimdienst nicht mehr in NSA, CIA, Secret Service, usw. unterteilt, sondern dass diese Institutionen verschmelzen und Projekt- und Expertisen-bezogen zusammengearbeitet wird.

By 2015, a globally networked Intelligence Enterprise will be essential to meet the demands for greater forethought and improved strategic agility. The existing agency-centric Intelligence Community must evolve into a true Intelligence Enterprise established on a collaborative foundation of shared services, mission-centric operations, and integrated mission management, all enabled by a smooth flow of people, ideas, and activities across the boundaries of the Intellligence Community agency members.

Liest man den Text weiter, wird offensichtlich, dass Prism, Tempora, Echelon… alles nur Ausprägungen einer Überzeugung sind.

The elusive, transitory nature of our targets, and the imbalance between the increasing demand forinformation and the capacity of our means to collect it, require multiple, integrated collection systems. Each of the collection disciplines … human intelligence, signals intelligence, computer network exploitation, geospatial intelligence, measurements and signatures intelligence, open source intelligence, acoustic intelligence, and foreign materiel acquisition … Finally, we envision a collection community with a fully integrated processing, exploitation, and
dissemination architecture

In der ‘Strategic Roadmap’ finden sich dann auch Handlungsempfehlungen für die Umsetzung dieser Ziele.

Integrate our counterintelligence capabilities through increasingly rigorous policy, doctrine, standards and
technology, and align counterintelligence with our broader National Intelligence Strategy goals and objectives.

Wie Thomas Stadler richtig anmerkt:

Wenn die Bundesregierung vorgibt, bezüglich aller aktueller Enthüllungen und Entwicklungen ahnungslos zu sein, würde das bedeuten, dass man noch nicht einmal die offiziell veröffentlichten Dokumente liest.

In nächster Zeit wird es wohl noch mehr ‘Überraschungen’ geben bzgl. Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Geheimdienst und internationalen Unternehmen oder anderen Ländern. Wenn auch nur ein Bruchteil dessen wahr ist, was im Bericht des Director of National Intelligence zu lesen ist, dann sind Prism, Tempora u.a. nur kleine Puzzle-Teile eines größeren Ganzen.

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