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December 06 2013

“Atlas zur Drohnenforschung” benennt Projekte, Akteure, Orte und Gegeninitiativen

drohnenforschungsatlas_2013Die Informationsstelle Militarisierung hat heute ihren “Atlas zur Drohnenforschung” online gestellt. Auf 72 Seiten werden Projekte, Akteure, Orte und Gegeninitiativen aufgeführt, die sich mit der Entwicklung oder Herstellung von Drohnen beschäftigen. Hierzu gehören auch Lobbygruppen, in denen sich die Hersteller, aber auch Einrichtungen der Bundesregierung organisieren. Vielfach genannt werden die Firmen EADS-Cassidian, Diehl BGT Defence, ESG, Rheinmetall Defence, IABG, OHB System, Carl Zeiss Optronics und die Schweizer RUAG, sowie die mittelständischen Drohnenspezialisten EMT, AirRobot, Microdrones oder der österreichische Camcopter-Hersteller Schiebel.

Viele Hochschulen forschen ebenfalls an Drohnen und gehen Kooperationen mit Fraunhofer-Instituten, der Deutschen Flugsicherung, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und oder seinem niederländischen Pendant (NLR) ein. Häufig finden sich die FU und TU Berlin, die RWTH Aachen und die Technischen Universitäten München und Braunschweig unter den Antragsstellern.

Explizit verweist die Herausgeberin darauf, das der Atlas unvollständig ist. Im Vorwort heißt es:

Wir klagen die Politik an, die systematisch versucht, gefährliche neue Technologien mit Fragestellungen der Sicherheit verknüpft voranzutreiben und nur in einigen Fällen die beteiligten Wissenschaftler_innen selbst. Denn auch sie sind von dieser Politik auf verschiedene Weisen betroffen. Nicht nur, weil sie zu Ansätzen und Kooperationen über Drittmittelvergabe usw. gedrängt werden, die sie nur bedingt selbst aussuchen, sondern auch, weil diese Politik selbst – anders als in der überwiegenden Außendarstellung – die neuen Technologien nicht nur als Lösung sondern auch selbst als Gefährdung ansieht.

Der “Atlas zur Drohnenforschung” zum Download bei der Informationsstelle Militarisierung.

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September 12 2013

Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr werden im Kriegsgebiet von EADS gestartet und gelandet – Regierung nennt das “automatisch”

Dass im März 2010 eine Drohne des Typs “Heron” nach der Landung in eine Transportmaschine der Bundeswehr krachte ist, wurde ja bereits mehrfach berichtet. Das unbemannte Flugzeug setzte sich nach dem Stillstand plötzlich wieder in Bewegung und machte sich daran, zwei Soldaten zu überrollen. Auf Youtube ist ein Video der BILD-Zeitung befreit worden (die Zeitung veröffentlichte hierzu weitere Bilder von dem Crash):

Der Unfall ereignete sich in Mazar-i-Sharif in Afghanistan, wo die Bundeswehr drei “Heron” zur Aufklärung nutzt. Die Systeme liefern Echtzeitvideos an Bodenstationen, seit 2010 verfügen sie über eine Vorläufige Verkehrszulassung des Militärs.

Die Drohnen werden vom israelischen Hersteller Israel Aeronautics Industries gefertigt. Vertragsnehmer gegenüber dem Militär ist aber der Rüstungskonzern EADS, das Ganze nennt sich “Betreibermodell auf Leasingbasis”. Für Wartungsarbeiten ist stets ein “Instandsetzungsteam” EADS vor Ort. Im Juli meldete eine Presseerklärung vom EADS-Ableger Cassisidan, die “Heron” habe inzwischen 15.000 Flugstunden (mehr als 1.300 Flüge) absolviert. Pro Flugstunde kostet die “Heron” (ohne Steuer) 8.675 Euro.

Die Bundesregierung hatte erklärt, die Drohnen der Luftwaffe würden “automatisch von einem Flugplatz mit Start- und Landebahn” in die Luft steigen. Erst nach zweimaligen Lesen stolperte ich aber in der EADS-Pressemitteilung über den Hinweis, dass die Drohnen in Afghanistan gar nicht von der Bundeswehr gestartet und gelandet werden – den Job übernimmt die Firma selbst:

Der Vertrag beinhaltet auch, dass die Starts und Landungen in Mazar-e-Sharif von Cassidian-”Piloten” gesteuert werden und das Flugzeug dann in der Luft an das Bundeswehrpersonal übergeben wird. Die Bundeswehr kann sich somit voll auf die Erfüllung ihrer Mission konzentrieren und wird personell nicht durch unterstützende Aufgaben (Start, Landung, Wartung, Instandsetzung) belastet.

Die EADS-Techniker in Afghanistan kommen von Cassidian Airborne Solutions mit Sitz in Bremen. Im Frühjahr hatte in Bremen ein angeblicher Agent des pakistanischen Geheimdienstes versucht, Kenntnisse zur Steuerung von “Heron”-Drohnen abzugreifen. Die Affäre wird aber beschwiegen. Medien hatten berichtet, die Spionage habe sich in Räumen des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR) ereignet. Das DLR ist selbst in Forschungsvorhaben zur teil-autonomen Steuerung der “Heron” eingebunden.

Womöglich geht der Crash also auf das Konto von EADS – oder bei der “Übergabe” an die Bundeswehr ging etwas schief. Ein ähnliches Problem ergab sich auch bei der Überführung der Spionagedrohne “Euro Hawk” aus den USA. Der an die Bundeswehr gelieferte Prototyp geriet kurz außer Kontrolle, als die Steuerung von US-Bediensteten an deutsche Militärs übergeben werden sollte. Offensichtlich war die Satellitenverbindung für mehrere Minuten unterbrochen, die Drohne kam vom Kurs ab und verlor an Höhe.

Eine weitere “Heron” stürzte ebenfalls in Afghanistan ab und wurde danach sicherheitshalber aus der Ferne zerstört. Insgesamt werden die Kosten für beide Crashs mit rund 9,3 Millionen Euro angegeben.

Bei anderen Drohnen haben Luftwaffe und Bodentruppen die ulkige Kategorie “systemkonforme Landung” eingeführt: Gemeint ist, wenn die Drohne außer Kontrolle gerät und abstürzt, aber der Fall beispielsweise mit einem Fallschirm gebremst werden kann. Trotzdem verzeichnet das Gerät aber einen wirtschaftlichen Totalschaden und muss ersetzt werden.

Die berühmteste “systemkonforme Landung” ereignete sich ebenfalls in Afghanistan, als eine LUNA-Drohne beinahe eine Verkehrsmaschine rammte und anschließend das Dach einer Lagerhalle durchschlug:

Im Rahmen des Untersuchungsausschusses zum “Euro Hawk” hatten PolitikerInnen aller Parteien die Intransparenz des Verteidigungsministers hinsichtlich seiner Drohnenpolitik kritisiert. Schließlich wurde von manchen auch für de Maizière die “systemkonforme Landung” gefordert.

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June 20 2013

Zulassung großer Drohnen in den zivilen Luftraum wird zur Angelegenheit militärischer Luftfahrtbehörden

heron_DLR_DesireFragen der luftfahrtrechtlichen Zulassung zivil und militärisch genutzter Drohnen werden auf EU-Ebene jetzt gemeinsam betrieben. Die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) haben hierzu diese Woche ein Kooperationsabkommen geschlossen. Ziel ist die Beschleunigung verkehrsrechtlicher Fragen und der gegenseitige Austausch zur Lufttüchtigkeit der Drohnen. Bislang ist die EASA lediglich für zivile Drohnen oberhalb von 150 Kilogramm zuständig.

Mit der neuen Vereinbarung soll die EASA von Forschungsergebnisse der beiden EDA-Flaggschiffe profitieren. Dabei geht es unter anderem um die 70 Millionen Euro teure Studie “Unmanned Aircraft System Mid-air Collision Avoidance Function” (MIDCAS). Bis 2014 will MIDCAS ein automatisches Ausweichverfahren entwickeln. Beteiligt sind Rüstungskonzerne aus Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien unter Führung der schwedischen Firma Saab. Ziel ist die Gleichstellung mit der bemannten Luftfahrt.

Im ebenfalls von der EDA geführten Projekt “Demonstration of Satellites Enabling the Insertion of Remotely Piloted Aircraft Systems in Europe” (DeSIRE) wurde kürzlich der Flug einer israelischen “Heron”-Drohne im zivilen Luftraum getestet. Der Flugroboter wurde hierfür von spanischen Fluglotsen wie ein gewöhnliches Flugzeug behandelt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatte zuvor Flugsimulationen vorbereitet. Das Institut hat sich mit seinem niederländischen Pendant (NLR) in einem Konsortium namens AT-One zusammengeschlossen. Deutschland und die Niederlande hatten Ende Mai verabredet, die Beschaffung eigener MALE-Drohnen gemeinsam zu betreiben.

Perspektivisch sollen gewöhnliche Flugzeuge mit unbemannten Systemen im gleichen Luftraum operieren (“Single European Sky”, SES). Die EU hat entsprechende Anstrengungen unter dem Namen “Single European Sky ATM Research” (SESAR) gebündelt. In der leitenden Kommission (“Single Sky Committee”, SSC) sind zivile und militärische VertereterInnen aller EU-Mitgliedstaaten gleichermassen vertreten. Das Bundesverteidigungsministerium sitzt dort mit Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung zusammen. Die Bundesregierung gibt in der Antwort auf eine Kleine Anfrage zu Spionagedrohnen zu, dass im SSC wichtige Entscheidungen fallen:

Im SSC haben die Mitgliedstaaten die Möglichkeit, auf die EU-Durchführungsverordnungen (implementing rules und community specifications) im SES-Prozess einzuwirken. [...] Zudem arbeitet die Bundeswehr an der Erarbeitung standardisierter europäischer Zulassungsvorschriften militärischer Luftfahrzeuge mit. Diese Aktivitäten werden in der European Defence Agency (EDA) durchgeführt. Darüber hinaus werden im Rahmen von NATO-Arbeitsgruppen Zulassungsforderungen harmonisiert.

Auch die Zulassungsverfahren für Drohnen des NATO-Programms “Alliance Ground Surveillance” gehen in fünf Arbeitsgruppen voran. Deutschland hat zusammen mit den USA und Frankreich den Vorsitz der “Joint Capability Group on Unmanned Aerial Vehicles” (JCGUAV) inne. Bereits 2004 hatte die NATO die “Flight in Non-Segregated Airspace Working Group” (FINAS) gegründet, um grenzüberschreitende Flüge im zivilen Luftraum zu vereinfachen. Auch FINAS ist mit der Entwicklung von Standards und Trainings sowie einem Ausweichverfahren für die Drohnen befasst.

Weitere Auskünfte gibt die Bundesregierung auch zur Studie “UAV im allgemeinen kontrollierten Luftraum”, in der das DLR und die Rüstungskonzerne EADS, ESG, Rheinmetall Defence und IABG seit 2000 die Integration von Drohnen mit “bestehenden Regeln der bemannten zivilen Luftfahrt” synchronisiert hatten. Unter Beteiligung der Deutschen Flugsicherung (DFS) haben hierzu Flugversuche stattgefunden, allerdings wurde eine Drohne lediglich “simuliert”:

In Phase II wurde der in Phase I identifizierte Versuchsträger des DLR in ein von der Funktionsweise unbemanntes System, welches jedoch noch über einen Piloten zur Sicherheit an Bord verfügte, umgebaut.

Später wurde ein Ausweichsensor der Firma Diehl BGT Defense eingebaut und getestet. Als Ergebnis heißt es, bestehende Flugsicherungsverfahren könnten teilweise auf Drohnen übertragen werden. Richtig gut war das System wohl nicht: Denn als Grundlage diente eine Drohne vom Typ “LUNA”, die von EMT gefertigt wird. “LUNA” steht für “Luftgestützte Unbemannte Nahaufklärungs-Ausstattung”. Der “Motorsegler mit Verbrennungsmotor” hat einen Einsatzradius von rund 40 Kilometern und wird von der Bundeswehr seit 13 Jahren in Kriegsgebieten mitgeführt. Bei einem Gesamtgewicht bis zu 40 Kilogramm kann das Gerät miniaturisierte Aufklärungs- und Überwachungstechnik befördern. Mittlerweile verfügt die Bundeswehr über 96 “LUNA”-Drohnen. Es waren früher viel mehr: Mindestens 52 “LUNA” sind abgestürzt.

Jetzt hat das Verteidigungsministerium EADS Cassidian mit einer neuen Studie namens “Technologien zur Integration von unbemannten Luftfahrtsystemen” in den zivilen Luftraum beauftragt. Die Universität der Bundeswehr München wiederum erhielt den Zuschlag für die die Studie “Cognitive Automated Sensor Integrated Unmanned Mission System” (CASIMUS). Erforscht wird die Weiterentwicklung einer “semi-autonomen Missionsführung” von Drohnen.

Als Reaktion auf das Debakel um den “Euro Hawk” hatte der Verteidigungsminister die Gründung einer neuen, militärischen Luftfahrtbehörde angekündigt. Damit sollen ähnlich kostspielige Ausflüge wie bei der riesigen Spionagedrohne vermieden werden. Der “bisherige europäische Harmonisierungsprozess bei den militärischen Luftfahrzeugen” solle demnach durch “vertiefte Aktivitäten zur Sonderproblematik der Zulassung von unbemannten Luftfahrzeugen” befördert werden.

Bei näherem Hinsehen handelt es sich bei der neuen Behörde eher um eine Stärkung der Bundeswehr, wenn diese also zukünftig mit zivilen Luftfahrtbehörden gemeinsame Studien betreibt und Standards entwickelt. Das Ziel ist weiterhin die rasche Integration von Drohnen mittlerer Flughöhe und hoher Reichweite (die sogenannte MALE-Klasse) in den zivilen Luftraum. Hierfür werden in EU-Projekten nicht nur die “Heron” über dem Mittelmeer probegeflogen, sondern auch die “Predator” und der Senkrechtstarter “CAMCOPTER”, den die Marine seit 2008 testet und dessen Beschaffung das Verteidigungsministerium laut dem “Spiegel” kürzlich beschlossen hat.

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