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February 24 2014

February 19 2014

February 13 2014

Rezension: ‘Der unsichtbare Mensch’ von Ingrid Brodnig

brodnig-coverVor etwas mehr als einem Jahr haben wir hier über den Artikel “Täter hinter der Tastatur” von Ingrid Brodnig, Medienjournalistin bei der Wiener Stadtzeitung “Falter“, berichtet, in dem sie anonyme Kampfposter auf Blogs und in Foren porträtiert hatte. Aufbauend auf ihre damaligen Beobachtungen ist jetzt im Czernin-Verlag ein Buch zum Thema Anonymität im Netz mit dem Titel “Der unsichtbare Mensch” erschienen. Weil die Rezension etwas länger geraten ist, vorweg ein tl;dr: Ingrid Brodnigs Buch liest sich gut, ist reich an anschaulichen Beispielen, klarer Haltung und konkreten Ableitungen. All jene die in Zeitungsforen, auf Blogs, in Wikipedia oder sonst wo im Netz mit Beiträgen anonymer Nutzer zu tun haben, sollten es dringend lesen.

Anonym, Pseudonym, Klarnamen

Im ersten Teil ihres Buches führt Brodnig an Hand des Beispiels es chinesischen Dissidenten Michael Anti, dessen “echter” Name Zhao Jing lautet, sehr gut in die verschiedenen Facetten der Debatte um Anonymität, Identität, Pseudonymität und Klarnamenszwang ein: Während die Universität Harvard ein offizielles Zeugnis auf den Namen “Michael Anti” ausstellte und auch Twitter diesen Namen “verifizierte”, sah Facebook sein Klarnamensgebot verletzt. Vor allem in der Klarnamensdebatte sieht Brodnig jedoch nur einen “Stellvertreterkrieg”:

“Im Kern geht es darum, wie wir das menschliche Miteinander in digitalen Zeiten regeln wollen, wie wir ein Mindestmaß an Respekt wahren können.” (S. 9)

Zusätzlich unterscheidet Brodnig Anonymität im Netz als Unsichtbarkeit von sichtbarer Anonymität wie zum Beispiel in der Straßenbahn und stellt die These auf, dass nicht die Anonymität die Ursache für Aggressivität im Netz ist, sondern das Gefühl der Unsichtbarkeit:

“Weil die Kommunikation oft so konsequenzenlos und der Gesprächspartner fern scheint, werden viele Aussagen unachtsam hingeschleudert, und etliche User neigen zu einer harscheren, enthemmteren Sprache. […] Übrigens ein großer Trugschluss: So anonym sind wir Internetuser meist gar nicht.” (S. 21)

Dass Anonymität im Netz oft trügerisch ist liegt nicht nur daran, dass Geheimdienste mit Hilfe von Überwachung und “Big Data” aus verteilt-anonymisierten Daten auf Einzelpersonen zurückschließen können. Viele Schreiber von Hassmails und -kommentaren unterschätzen, wie einfach sie auf Grund ihrer Mailadresse oder des verwendeten Pseudonyms identifizierbar sind. Auch diesen Umstand, dass Menschen zwar relativ leicht identifizierbar sind, sich aber dennoch verhalten, als wären sie komplett anonym, erklärt Brodnig mit einem “Gefühl der Unsichtbarkeit” (S. 74).

Anonymität und Überwachung

Umgekehrt ist dieses Gefühl der Unsichtbarkeit aber auch hilfreich wenn es um Enthüllungsjournalismus bzw. Whistleblowing geht und wurde durch die jüngsten Enthüllungen Edward Snowdens erschüttert:

“Was unsere Anonymität im Netz betrifft, sind all diese Dinge deswegen Quelle von Unbehagen, weil man als User gar nicht richtig einschätzen kann, ob man denn anonym ist, inwiefern alle Aktionen im Rahmen einer riesigen digitalen Rasterfahndung erfasst werden.” (S. 49)

Schon im Untertitel ihres Buches – “Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert” – macht Brodnig klar, dass die Frage von Anonymität im Internet für sie keine ist, die nur die Online-Sphäre betrifft; vielmehr geht sie von einem Verschmelzen von Online- und Offline-Identität aus und fundiert so ihre Forderung nach stärkerem Grundrechtschutz im digitalen Bereich:

“Unser Leben findet immer mehr im digitalen Bereich statt, auch im digitalen Umfeld müssen Grundrechte gelten. Vor hundert Jahren haben die Menschen Briefe geschrieben, heute schreiben sie E-Mails. Warum sollte das Briefgeheimnis nicht auch für E-Mails gelten? […] Wird die Anonymität im Internet von Staaten und ihren Geheimdiensten eingeschränkt, wirkt sich das freilich auf dieses Machtverhältnis zwischen der Regierung und ihrer Bevölkerung aus.” (S. 51f.)

Obwohl Brodnig also die Möglichkeit von Anonymität im Netz grundsätzlich für erstrebenswert hält, plädiert sie dennoch für einen “Interessenabgleich” und ist der Meinung, dass Anonymität nicht in jedem Fall vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sein sollte. So wendet sie sich beispielweise gegen die Verharmlosung der Nutzung von Anonymisierungsdiensten im Kontext von dokumentiertem Kindesmissbrauch:

“In Teilen der Netzcommunity gibt es diese Tendenz. Sie haben recht mit ihrer Behauptung, dass Kinderpornografie von Politikern gern als Ausrede verwendet wird, um generell härtere Überwachungsgesetze einzuführen; aber es ist auch gefährlich, Kinderpornografie zu verharmlosen und nicht ernst zu nehmen, wie furchtbar die Verbreitung von derartigem Material ist.” (S. 99)

Im Bereich des Journalismus und des Informantenschutzes tritt sie dann aber doch für absoluten Schutz von Anonymität ein. Interessant ist dabei Brodnigs Journalismus-Definition, die auf die Tätigkeit und nicht das Medium oder die Bezeichnung als “Journalistin” abstellt. Die entscheidende Frage für weitgehenden Schutz von Anonymität auch vor staatsanwaltlichem Zugriff ist demnach ob eine Person Inhalte publiziert, und Dinge aufdeckt, die für die Öffentlichkeit relevant sind.

Anonymität in Blogs und Foren

Hinsichtlich Kommentaren in Blogs und Zeitungsforen hilft diese Unterscheidung aber nur bedingt weiter. Während veröffentlichte Leserbriefe unter das Redaktionsgeheimnis fallen, ist das bei anonymen Forenkommentaren keineswegs genauso. Interessant in diesem Zusammenhang der Verweis auf die interne Richtlinie der österreichischen Zeitung “Der Standard“, wonach diese sich nur in solchen Fällen auf das Redaktionsgeheimnis beruft, in denen der Poster nach Ansicht der Redaktion die Forenregeln eingehalten hat.

Jenseits der Frage, inwieweit die Autorennamen von Online-Kommentaren unter ein Redaktionsgeheimnis fallen fragt Brodnig im vierten Kapitel nach den allgemeinen Auswirkungen auf öffentliche Debatten und widmet sich dafür dem Beispiel der besonders im Internet sehr lauten “Antifeministen” bzw. “Maskulinisten“, die Anonymität – ähnlich wie das im Kapitel davor beschriebene Kollektiv “Anonymous” -  auch zur Simulation von Größe nutzen. In diesem Zusammenhang treibt Brodnig die mit wissenschaftlichen Studien begründete Sorge um, dass eine Minderheit radikaler Stimmen den Rest übertonen, das Klima vergiften und “Hass-Postings tatsächlich den Hass nähren” (S. 33) können.

Zur Erklärung von Meinungsexzessen in Online-Kommentaren verweist Brodnig auf das Konzept der “toxischen Enthemmung” des US-Psychologen John Suler, das sich in fünf Bausteine gliedert:

  1. Anonymität in Form von Pseudonymität, die eine Trennung zwischen Online- und Offline-Person ermöglicht.
  2. Unsichtbarkeit der Online-Gesprächspartner und deren (nonverbale) Reaktionen auf Kränkungen
  3. Asynchronität, also das Fehlen von unmittelbarem Feedback mit der Möglichkeit zu “emotionalem Hit-and-Run”
  4. Solipsistische Introjektion, eine Art Fantasievorstellung des Gegenübers
  5. Vorstellungskraft, die eine gedankliche Trennung zwischen Spiel und Alltag ermöglicht.
  6. Fehlende Autorität, die außerhalb des Netzes sowohl formalen (z.B. Vorgesetzte) oder informalen (z.B. Kleidung, Körpersprache) Ursprungs sein kann.

Zur Illustration verweist Brodnig außerdem auf ein YouTube-Video (siehe Embed), das sich humoristisch mit Enthemmung in Onlineforen auseinandersetzt und bezeichnet Sulers Ansatz als kompliziertere Fassung der “Greater Internet Fuckwad Theory“:

“Normale Person + Anonymität + Publikum = totale Arschgeige” (S. 69)

Problematischer als in Online-Foren kann dieser Effekt vor allem dann sein, wenn dadurch ein Cybermob entsteht, der auf digitale Menschenjagd geht. Auch hier liefert Brodnig eine Reihe anschaulicher Beispiele dafür, wie unverhältnismäßig sich die Wut ganzer Horden (vermeintlich) anonymer Verfolger an Einzelnen entladen. Mit Viktor Mayer-Schönberger, der auch ein Vorwort für das Buch verfasst hat, kritisiert sie “wie unbarmherzig eine Gesellschaft werden kann, die nichts vergisst.” (S. 82)

Anonymes Trollen 

Ein weiterer Unterabschnitt widmet sich dem Phänomen des Trollens, wo unter anderem erklärt wird, dass der Begriff wahrscheinlich weniger mit dem Sagenwesen sondern mehr mit Anglersprache zu tun hat:

“Fischer kennen die Methode, einen Köder auf ihre Angel zu spannen und mit dem Motorboot langsam durch ein Gewässer zu fahren. Die Raubfische sehen den Köder davonschwimmen und schnappen zu – prompt hängen sie am Haken. Im Englischen heißt diese Technik »Trolling«, im Deutschen »Schleppfischen«. Auch der Internettroll wirft einen Köder aus, nur will er keine Fische, sondern andere Internetuser an die Angel kriegen. Trolle amüsiert die Aufregung der anderen. Sie sehen es als Beweis ihrer eigenen emotionalen und kognitiven Erhabenheit, wenn sie bei anderen Wut, Verwirrung oder Trauer auslösen.”

Das Hauptproblem von Trollen ist aber, dass diese sich genau auf jenen Wert berufen, der auch Anonymität und Pseudonyme rechtfertigen kann: die Meinungsfreiheit. Leider bleibt die Darstellung des Trolling-Themas etwas einseitig und Brodnig geht nicht auf jüngere Debatten (z.B. rund um die Trollcon) ein, die auch positive Seiten des Trollens identifizieren. Diesbezüglich lohnt es also vielleicht, auf das seit einiger Zeit angekündigte Buch von Julia Seeliger zu warten.

Ein Schönheitsfehler ist auch die Diskussion des Falls Wikipedia, den Brodnig fast ausschließlich als Positivbeispiel für die produktive Kraft anonymer Beiträge anführt. Gerade die Wikipedia kämpft aber genauso mit Trollen, mit mangelnder Vielfalt unter den Beitragenden sowie durch Anonymität erleichterte Manipulationen aus PR-Interessen. Wikipedia hätte sich deshalb auch sehr gut als Beispiel für die Ambivalenz von Anonymität im Internet geeignet – mehr noch, Brodnigs Analyse liefert einige Denkanstöße für laufende Diskussionen, wie sich z.B. der Anteil von weiblichen Autoren in der Wikipedia erhöhen ließe.

Ideen für respektvolle Anonymität

So schlägt Brodnig vor, persönliche Verantwortung auch online einzufordern und meint, dass das auch mit Anonymität gelingen kann. Denn die Anonymität im Netz bringe keineswegs die “wahre Natur” des Menschen zum Vorschein, so Brodnig, sondern das Verhalten hänge sehr stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Konsequenterweise widmet sie ein ganzes Kapitel ihres Buches der Fragestellung “wie man online gegenseitigen Respekt fördert” (S. 138) – und zwar ohne die in Südkorea zeitweilig von Seiten des Staates verordnete Realnamenspflicht einzuführen (eine Maßnahme die das Ziel eines respektvolleren Umgangs im Internet übrigens keineswegs erreichte und schließlich als verfassungswidrig wieder aufgehoben wurde).

brodnig-häufigkeit-beleidigender-postings

Jenseits staatlich verordneter Klarnamenspflicht sorgt beispielsweise bereits die Möglichkeit sich mittels Social-Media-Profil auf einer Seite zu registrieren für zivilisierteren Umgang (siehe Abbildung). Auch Asymmetrie bei der Gestaltung von Interaktionsmöglichkeiten auf Online-Plattformen kann zu einem respektvolleren Klima beitragen und ist wohl einer der Gründe, warum es auf Facebook nur einen “Like” und keinen “Dislike”-Button gibt. Als ein weiteres positives Beispiel für den Umgang mit Anonymität führt Brodnig die klaren Richtlinien von Zeit Online an, wo nach Schätzungen eines Community-Managers bei wirtschaftlichen und politischen Themen jeder fünfte Kommentar gelöscht oder gekürzt wird. Gleichzeitig werden besonders originelle Kommentare als Empfehlung der Redaktion hervorgehoben. Letzteres ist Brodnig zu Folge eine bislang noch viel zu wenig genutzte Strategie zur Verbesserung des digitalen Diskussionsklimas:

“Entscheidend ist, nicht ständig nur die fiesen Postings zu beachten, sondern die guten Beiträge und Diskussionen aktiv hervorzuheben.”

Und wahrscheinlich wäre es wirklich hilfreich, nicht nur Trolle zu ignorieren und Hasskommentare zu löschen, sondern wertvolle Beiträge sichtbarer zu machen. In dieser Hinsicht könnten wir vielleicht auch bei netzpolitik.org noch nachlegen, wenn wir wieder einmal den Umgang mit Kommentaren hier am Blog diskutieren.

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December 22 2013

Internet Monitor 2013: Reflections on the Digital World

IM2013_ReflectionsontheDigitalVom Berkman-Center gibt es mit “Internet Monitor 2013: Reflections on the Digital World” einen Report auf 105 Seiten mit diversen Artikeln als Jahresrückblick. Mit dabei sind Artikel von Urs Gasser, Viktor Mayer-Schönberger, Ron Deibert und Jonathan Zittrain. Das ganze PDF kann man bei SSRN herunterladen. Einzelne Kapitel gibt es hier.

This publication is the first annual report of the Internet Monitor project at the Berkman Center for Internet & Society at Harvard University. Instead of offering a traditional project report, and to mirror the collaborative spirit of the initiative, we compile — based on an open invitation to the members of the extended Berkman community — nearly two dozen short essays from friends, colleagues, and collaborators in the United States and abroad. The result is intended for a general interest audience and invites reflection and discussion of the past year’s notable events and trends in the digitally networked environment. Our goal is not to describe the “state of the Internet” in any definitive way, but rather to highlight and discuss some of the most fascinating developments and debates over the past year worthy of broader public conversation.

Our contributors canvass a broad range of topics and regions — from a critique of India’s Unique Identity project to a review of corporate transparency reporting to a first-person report from the Gezi Park protests. A common thread explores how actors within government, industry, and civil society are wrestling with the changing power dynamics of the digital realm.

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December 16 2013

Endlich ausgedruckt verfügbar: Unser Buch “Überwachtes Netz”

UeberwachtesNetz_banner_300x250Ausdrucken dauert immer länger als etwas nur online stellen. Und so sind übers Wochenende endlich unser gedruckten Bücher von “Überwachtes Netz – Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte” bei uns angekommen und sollten jetzt auch von epubli an alle Vorbesteller rausgegangen sein. Wer es noch nicht mitbekommen hat: In “Überwachtes Netz” haben wir rund 50 Experten aus aller Welt eingeladen, die durch Edward Snowden ausgelösten Enthüllungen zu reflektieren und zu diskutieren, welche technischen und politischen Antworten darauf notwendig sind. Das gedruckte Buch kostet 14,99 Euro und ist am Besten über epubli direkt zu bestellen. Aber es ist auch sonst im Buchhandel verfügbar, wer es anonym erwerben will. (Buchhändler bestellen es wiederum bei epubli, dort geht es schneller).

Digital gibt es das Buch u.a. als epub bei epubli, sonst noch bei Amazon, Apple-iTunes und Google-Play für 7,90 Euro zu kaufen.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns helft, das Buch und die Ideen darin weiter zu verteilen, z.B. durch einen Link. Und wenn es Euch gefällt, freuen wir uns natürlich über positive Bewertungen.

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December 05 2013

Geheimdienste und Bürgerrechte

Dieser Beitrag “Geheimdienste und Bürgerrechte” von Thomas Stadler ist zuerst in unserem Buch “Überwachtes Netz” erschienen, das als eBook für 7,99 Euro und als gedrucktes Buch für 14,90 Euro zu kaufen ist.

UeberwachtesNetz-square_5112pxDie Enthüllungen Edward Snowdens werfen unzählige Fragen auf. Eine davon lautet: Wie verträgt sich die Tätigkeit von Geheimdiensten mit der Vorstellung von global geltenden Bürger- und Menschenrechten?

(Auslands-)Geheimdienste sind ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert. In der Zeit des Kalten Krieges wurde es als politische Notwendigkeit angesehen, dass sich Staaten, nicht nur wenn sie verfeindet waren, gegenseitig bespitzeln. Dieser Legitimationsansatz ist längst weggefallen. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wurde er durch einen anderen ersetzt, nämlich den der Terrorbekämpfung. Dass Geheimdienste daneben aber auch Wirtschaftsspionage betreiben, ist mittlerweile mehr als ein offenes Geheimnis. James R. Clapper, Director of National Intelligence, hat dies in einem offiziellen Statement eingeräumt, indem er darauf hinwies, dass Geheimdienste Informationen über ökonomische und finanzwirtschaftliche Angelegenheiten sammeln, u.a. auch um Einsichten in die Wirtschaftspolitik und das wirtschaftliche Verhalten anderer Staaten zu erlangen.

Der Tätigkeit von Geheimdiensten, egal welches Ziel sie verfolgen, liegt eine letztlich widersprüchliche Logik zu Grunde. Geheimdienste werden weltweit — immer von einer national geprägten Sichtweise aus — als legitim betrachtet, obwohl ihr Auftrag am Ende darin besteht, Politiker, Unternehmen und mittlerweile auch Bürger fremder Staaten zu überwachen und damit auch das Recht dieser Staaten zu brechen.

Dieses an sich bereits merkwürdige Konstrukt erweist sich im Zeitalter eines weltumspannenden Datennetzes endgültig als Anachronismus. Mit der Vorstellung von global geltenden Bürger- und Menschenrechten war es ohnehin nie wirklich vereinbar. Denn die Verletzung des Rechts fremder Staaten durch Geheimdienste beinhaltet immer auch die Verletzung der Grundrechte der Bürger dieses Staates. Der amerikanische Politberater Andrew B. Denison hat dies in der Talkshow von Anne Will auf den Punkt gebracht, indem er sagte, es sei die Aufgabe der NSA, das Recht fremder Staaten zu brechen, allerdings nicht, ohne dies praktisch im selben Atemzug als legitim zu bezeichnen. Wenn wir ein weltweites System von Geheimdiensten akzeptieren, dann akzeptieren wir auch immer auch die weltweite Verletzung von Grund- und Bürgerrechten.

Die aktuelle öffentliche Diskussion erfasst die Tragweite und Bedeutung dieses Aspekts noch nicht ansatzweise. Wir müssen die Rolle der Geheimdienste vor dem Hintergrund der Funktionsfähigkeit desjenigen Staatswesens diskutieren, zu dem sich alle westlichen Staaten formal bekennen. Verträgt sich das Grundkonzept von Geheimdiensten mit der Vorstellung von einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung? Die nationalstaatliche Betrachtungsweise ist dafür zu eng. Andernfalls würden wir akzeptieren, dass das Recht eines beliebigen Nationalstaats im Ergebnis immer Vorrang vor global geltenden und wirkenden Menschen- und Bürgerrechten hätte.

Wir müssen letztlich erkennen, dass unser Demokratisierungsprozess noch nicht abgeschlossen war, sondern vielmehr gerade ins Stocken geraten ist. Auf dem Weg zu einer vollständigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung müssen Fremdkörper wie Geheimdienste beseitigt werden. Sie sind Ausdruck eines archaisch-kriegerisch geprägten Denkens, das es zu überwinden gilt. Man kann durch nationales Recht den Bruch des Rechts eines anderen Staates nicht legitimieren. Es handelt sich dabei vielmehr um die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln.

Geheimdienste bewirken die Entstehung rechtsfreier Räume, die weltweit niemand mehr kontrollieren kann. Denn die Geheimdienste, zumindest die formal befreundeter Staaten, tauschen ihre Erkenntnisse wiederum wechselseitig aus, und umgehen damit aktiv die Bindungen ihres nationalen Rechts. Was sie selbst nicht ermitteln dürfen, erledigt ein ausländischer Geheimdienst, der die Daten und Informationen liefert, die für den jeweils nationalen Dienst tabu sind. Geheimdienste schaffen dadurch ein weltweit vernetztes und unkontrolliert agierendes System, das der zielgerichteten Aushebelung von Bürgerrechten dient. Es kommt hinzu, dass das Internet die Rahmenbedingungen entscheidend verändert hat. Denn mit der Überwachung durch Geheimdienste ist es so ähnlich wie mit dem Urheberrecht. Was in den 80er Jahren noch auf einen kleineren Personenkreis beschränkt war, betrifft plötzlich (nahezu) alle Menschen.

Viele Bürger haben mit dieser Überwachung offenbar deshalb kein Problem weil sie glauben, das würde sie nicht betreffen, sondern nur Terroristen oder Terrorverdächtige. Warum diese Annahme naiv und falsch ist, lässt sich im Grunde mit einem Wort erklären: Guantanamo. Dort werden seit Jahren Menschen festgehalten, die zu einem erheblichen Teil unschuldig sind und die nie ein ordentliches Gerichtsverfahren bekommen haben und auch nie eines bekommen werden. Es kann also im Grunde jeder in den Fokus von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden geraten, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, oder wenn die digitale Rasterfahndung aus ein paar ungünstigen Einzelindizien einen unberechtigten Tatvorwurf entstehen lässt. Dieses Phänomen kennt man sogar aus Strafverfahren, die vergleichsweise strikten rechtsstaatlichen Vorgaben folgen. Spätestens dann, wenn es keine nachvollziehbaren Regeln mehr gibt und die Betroffenen überhaupt nicht mehr wissen, welche Einzelinformationen gesammelt wurden und wie diese verknüpft worden sind, wird der Einzelne zum Objekt eines undurchsichtigen Machtapparats. Genau vor dieser Entwicklung sollen uns die Grundrechte schützen, aber sie tun es nicht mehr. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Grundrechte, wie die informationelle Selbstbestimmung oder das Fernmeldegeheimnis. Es geht um die Würde des Menschen, um das Recht, selbstbestimmtes Subjekt sein zu dürfen, das sich von nichts und niemand zum bloßen Objekt einer undurchsichtigen Überwachungsmaschinerie machen lassen muss.

Die aktuelle Entwicklung führt zu der Frage, für welches Menschenbild unsere Gesellschaft künftig stehen wird. Für das des Subjekts, das frei und selbstbestimmt handeln kann oder für das des Objekts, das unter dem Vorwand der Sicherheit bloßer Spielball eines Staates bleibt. Derzeit gaukelt man uns weiterhin das Ideal von der freien Entfaltung der Persönlichkeit in einem freiheitlich-demokratischen Staat vor, während im Hintergrund die Geheimdienste verschiedenster Staaten unsere Kommunikation nahezu lückenlos überwachen bzw. eine solche Überwachung zumindest anstreben. Beide Aspekte sind miteinander unvereinbar.

Gegen diese auf die Förderung und den Ausbau von Geheimdienstaktivitäten gerichtete Politik hilft einzig und allein Öffentlichkeit und Transparenz. Man kann insoweit auf die von Kant formulierte transzendentale Formel des öffentlichen Rechts zurückgreifen, die lautet:

“Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publizität verträgt, sind unrecht.”

Laut Kant wird sich der ewige Frieden zwischen den Völkern nur dann einstellen, wenn im öffentlichen Bereich eine größtmögliche, ja sogar radikale Publizität herrscht.

Edward Snowden und Chelsea Manning stehen in dieser Tradition der Aufklärung, während mächtige Strömungen in der internationalen Politik ihr entgegen arbeiten. Snowden hat den Bruch von Bürger- und Menschenrechten offenkundig gemacht, zu denen sich formal alle Staaten der westlichen Welt bekennen. Aus Sicht des Rechts, zumindest wenn man es global betrachtet und nicht national, ist Snowden deshalb kein Verräter, sondern ein Aufklärer. Der Rechtsbruch, der ihm vorgeworfen wird, besteht darin, auf einen global wirkenden Rechtsbruch hingewiesen zu haben. Weil er sich damit aber die US-Administration zum Feind gemacht hat, wird er gejagt und kein europäischer bzw. westlicher Staat war bereit, ihm Asyl zu gewähren, obwohl seine politische Verfolgung offensichtlich ist.

Die weltweite Geheimdienstaffäre wirft in letzter Konsequenz die Frage nach dem Zustand unserer westlichen Demokratien auf. Nicht mehr und nicht weniger. Die Qualität eines freiheitlich-demokratischen Staates zeigt sich nämlich gerade auch am Umgang mit Aufklärern wie Snowden oder Manning, die zu Unrecht als Verräter denunziert, verfolgt und ihrer Freiheit beraubt werden. Es besteht derzeit wenig Grund zu der Annahme, dass die Politik bereit und in der Lage dazu ist, die Geheimdienste unter rechtsstaatliches Kuratel zu stellen. Es wird also alles von den Bürgern abhängen, die selbst für ihre Rechte eintreten und kämpfen müssen.

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December 03 2013

iRights-Jahresrückblick “Das Netz”

001_Titel_irights2013_opt-280x371Von iRights gibt es seit heute mit “Das Netz” wieder einen Jahresrückblick in gedruckter und digitaler Form.

Das Buchmagazin richtet sich an alle, die sich für die netzpolitischen Debatten des noch laufenden Jahres interessieren und wissen wollen, was in den nächsten Monaten wichtig ist. Denn spätestens seit diesem Jahr sind alle, die das Internet nutzen, egal ob privat oder bei der Arbeit, von netzpolitischen Fragen betroffen. „Das Netz 2013-2014“ versucht einen Einblick zu geben und Entwicklungen transparent zu machen – für alle, nicht nur Experten.

Das gedruckte Magazin hat 174 Seiten, ist bunt und kostet 14,90 Euro. Ein eBook gibt es für 4,99 Euro. Hier kann man das Buch online lesen. Die Inhalte stehen alle unter einer CC-BY-ND-Lizenz.

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November 19 2013

Buch: “Überwachtes Netz” für Kindle erschienen

UeberwachtesNetz_banner_300x250Unser Buch “Überwachtes Netz” ist jetzt auch endlich bei Amazon in der eBook-Kindle-Version für 7,99 Euro erhältlich (Amazon-Partnerlink). Bei Google und Apple suchen immer noch die Sittenwächter jugendgefährdende Inhalte. Da ist es auch nur noch eine Frage von Tagen.

Die ePub-Version gibt es bereits seit einigen Tagen bei epubli. Das Buch ist im Druck und wird wohl in rund zwei Wochen endlich in einer limitierten Auflage für 14,90 Euro erhältlich sein. Vorbestellungen sind bei epubli möglich.

Alle weiteren Infos zum Buch finden sich hier. Wir haben das Buch selbst verlegt, um unabhängiger zu sein. Aber deshalb müssen wir uns auch selbst um die Öffentlichkeitsarbeit und Werbung kümmern. Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns dabei unterstützt und mit Werbung für die guten Inhalte macht. Unser Ziel ist, die vielen Forderungen für eine Aufklärung des größen Überwachungsskandals in der Geschichte der Menschheit und die Zurückgewinnung unserer Privatsphäre bekannter zu machen.

Enie wichtige Info für Spenderinnen und Spender von netzpolitik.org

Seit einigen Monaten kann man uns mit einer Spende unterstützen. Das machen viele und das freut uns sehr. Wir würden gerne etwas zurückgeben und haben uns folgendes überlegt: Alle Spenderinnen und Spender, die uns mehr als 50 Euro in diesem Jahr gespendet haben, erhalten das eBook von uns geschenkt. Für alle Spenden über 100 Euro gibt es das gedruckte Buch frei Haus. Dafür brauchen wir aber Eure Daten. Wenn Ihr dazu gehört, schickt uns eine Mail an spenden@netzpolitik.org mit Eurer Kontonummer (zur Verifikation) und Eurer Adresse.

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November 14 2013

Heute: Unsere Debatte über Überwachungsskandal in Berlin

Heute Abend launchen wir offiziell unser Buch “Überwachtes Netz” mit einer Diskussion in den Räumen von Zeit-Online in Berlin. Mit mir diskutieren noch Annette Mühlberg, Anne Roth und Jan Schallaboeck über die Auswirkungen des NSA-Überwachungsskandals und die notwendigen nächsten Schritte, was jetzt technisch und politisch zu tun ist. Moderiert wird die Debatte von Kai Biermann. Start ist 19 Uhr, der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

UeberwachtesNetz_banner_300x250Das Buch ist auf wenigen Kanälen bereits zu kaufen. Das eBook im ePub-Format gibt es schon bei epubli im Shop für 7,99 Euro zu kaufen. Das gedruckte Buch erscheint in rund zehn Tagen in einer Auflage von 1000 Stück zum Preis von 14,90 Euro. Dies kann man bereits im epubli-Shop vorbestellen (da kommt noch Porto drauf), es wird dann aber auch im Buchhandel mittels Bestellsystem erhältlich sein.

Bald auch überall erhältlich!

Amazon, Google, Apple und Co suchen gerade noch jugendgefährdende Inhalte im eBook, so dass es auf diesen Kanälen noch nicht freigeschaltet ist. Das ist aber nur eine Frage von Stunden oder Tagen.

Erste Rezensionen gibt es auch schon:

NDR.de: “Überwachtes Netz” bilanziert und blickt voraus.
WDR5: Neues Buch zur NSA-Affäre: Reflexionen nach Snowden.
Im FAZ-Feuilleton wird es heute gedruckt prominent mit viel Text verrissen (Irgendwie wegen historischem Analphabetismus oder so). Wir fühlen uns geehrt und suchen noch den Artikel über die Studie, wonach sich im Feuilleton verrissene Bücher besser verkaufen.

Money-Quote:

“Bereits Veröffentlichtes ist nicht selten, aber das schadet kaum – es kommt trotzdem etwas heraus, das man „Buch“ nennen darf, also keine aus den Nähten geplatzte Zeitschrift oder zerfledderte Website, dafür sorgt nicht nur die Gliederung nach Themenblöcken.”

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November 07 2013

Nächste Woche in Berlin: Überwachtes Netz

Am kommenden Montag erscheint endlich unser umfangreiches Buch “Überwachtes Netz – Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte” als eBook und einer ersten Auflage von 1000 Stück.

Mit unserem Sammelband zum NSA-Überwachungsskandal wollen die Debatte weiterführen, die Entwicklungen und Leaks aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln national und international reflektieren, was da genau passiert und vor allem: Was daraus zu lernen ist und wie wir unser Netz und unser Privatsphäre von den Geheimdiensten und der allumfassenden Überwachung unserer digitalen Kommunikation zurückerobern können.

Dazu wird es auch einen Launch-Event geben. In den Räumen von Zeit-Online in Berlin diskutieren wir am kommenden Donnerstag ab 19:00 Uhr über den größten Überwachungsskandal in der Geschichte der Menschheit, was wir daraus lernen können und wie wir als Gesellschaft darauf reagieren müssen.

Die Moderation übernimmt Kai Biermann von Zeit-Online (und Neusprech.org).

Es diskutieren:

  • Annette Mühlberg (ver.di Bundesverwaltung)
  • Anne Roth (Bloggerin, Netzaktivistin, Mitarbeiterin von Tactical Tech)
  • Jan Schallaböck (Datenschützer, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe zu Datenschutztechnologien der ISO/IEC)
  • Markus Beckedahl (netzpolitik.org)

Der Eintritt ist frei. Zeit-Online Askanischer Platz 1 in 10963 Berlin. Das liegt nahe S-Anhalter Bahnhof. Einen Stream wird es nicht geben, wir zeichnen aber vielleicht auf.

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November 01 2013

Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten: Die Wahrheit über die Popindustrie

pid13828827Wie funktioniert eigentlich die Popindustrie? Ein lesenswertes Buch darüber haben Tim Renner und Sarah Wächter mit “Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten: Die Wahrheit über die Popindustrie” vorgelegt. In vielen kurzweiligen Geschichten werden die unterschiedlichen Akteure und ihre Aufgaben beschrieben, so dass man das Buch auch nicht am Stück lesen muss.

Was das jetzt alles mit Netzpolitik zu tun hat? Seitdem man ständig wegen der ungeklärten Urheberrechtssituation über Geschäftsmodelle diskutieren muss, hilft dieses Buch zumindest dabei, mehr Einblicke in die Musik-Branche zu erhalten, in das Gestern, aber auch die Gegenwart. Und popkulturell ist es lesenswert wegen der zahlreichen Anekdoten.

Das Buch gibt es gedruckt für 16,99 Euro im Buchhandel (Amazon) oder 12,99 Euro als eBook (Kindle)

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October 02 2013

Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft.

Dieser Gastbeitrag wurde von Oliver Leistert verfasst. Oliver ist Post-Doc am Graduiertenkolleg „Automatismen“ der Universität Paderborn und rezensiert hier das Buch “Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft.” von Hans-Christian Dany (Edition Nautilus, 2013, 12 Euro, 127 Seiten).

Ich erinnere mich an eine Anekdote aus dem frisch souverän gewordenen Slowenien. Dort errichtete Philips (oder eine andere Firma) eine neue Produktionsstätte, vielleicht für Elektrogeräte, und warb bei den Arbeitern mit Enthierarchisierung, Partizipation und Eigenverantwortlichkeit der Einzelnen. Damit wollten sie sagen, dass die Arbeiter bei Philips Mitarbeiter sind, deren Wünsche, Ideen, Bedürfnisse teil der Sorgen der Firma seien. Dies war schon damals ein recht konventionelles Managementsprech, vielleicht wirklich in den Niederlanden entwickelt. Neu war das Gegenüber, das aus einer damals bereits unwahrscheinlichen Zeit kam. Die Arbeiter in Jugoslawien waren ein wichtiges Element der Arbeiterrätedemokratie, die unter Tito, in unterschiedlichen Phasen, tatsächlich Akteure der politischen und ökonomischen Geschichte gewesen waren. Die Fabriken hatten noch vor kurzem ihnen gehört. Und damals war ihr Selbstbewusstsein, wenn auch im Wissen, dass ihre geschichtliche Zeit (zunächst) vorüber war, ungebrochen. Mitbestimmung, Teilhabe, schlanke Hierarchien gab es Jahrzehnte lang in Jugoslawien; allerdings mit dem feinen Unterschied, dass den Arbeitern die Fabriken gehörten.

Darum staunten die Philips-Manager nicht schlecht, so geht die Anekdote, als die Arbeiter sagten: Teilhabe, Partizipation kennen wir. Das ist von uns und das bekommt ihr nicht. Für Euch sind wir Arbeiter, die ihrer Produktionsmittel beraubt worden sind.

Hans-Christian Dany hat mal wieder ein Buch geschrieben. Das letzte des Hamburger Künstlers, das ich kenne, lautet “Speed” und war ein Beitrag zur Frage des Aushaltens und Produktivseins unter Stress. Sein neues, wesentlich schlankeres Buch ist nun ein Beitrag zur Frage des Beendens und Unproduktivseins unter Kontrolle. Gewissermaßen nun also das Gegenstück, wenn auch hier kein systematischer Plan erkennbar ist.

Was das Buch auszeichnet, ist der Bogen, den es spannt. Gleichzeitig ist dieser Bogen aber vielleicht sehr weit gespannt und droht, sich selbst zu ernst zu nehmen. Die These ist, dass die Kybernetik als Regulationsidee nach ihrem Ableben in den 70ern durch Managementdiskurse und der Vermassung von vernetzten Rechnern ab den 80er Jahren in der aufziehenden Kontrollgesellschaft zu sich selbst findet.

Dany geht hierzu recht chronologisch vor. Nach einer Einführung zu wichtigen Personen und Ideen der Kybernetik, die nach dem 2. Weltkrieg florierte (Wiener, Macy-Konferenzen), erfolgt mit der Verschiebung des Blicks nach England die Vorbereitung seiner These. Der Psychologe Ross Ashby und der Wirtschaftswissenschaftler Stafford Beer hatten in den 50er und 60er Jahren damit begonnen, sich mit Vorträgen vor Managern gute Gagen zu verdienen. Dieser Transfer kybernetischer Ideen der Selbstorganisation von Systemen war, folgt man Dany, die Einspeisung eines neuen Denkens in die Arbeitswelt, das dort fortan nicht mehr wegzudenken war. Der Sophist, Magier und Biologe Heinz von Förster, der die Kybernetik der Kybernetik aus den Ruinen der alten Kybernetik vorbereitete, lieferte die epistemologischen Beiklänge des radikalen Konstruktivismus, indem er die Blindheit des Systems über sich selbst als Variable in die Modelle damaliger Theorien einspeiste (und damit auch der Systemtheorie Luhmanns viel mit auf den Weg gab). Mit der Einführung des Beobachters der Beobachter in der Welt des Managements wurde die Idee der Partizipation und Teilhabe der Angestellten in Konzernen zur tragenden Säule des “postheroischen Managements”, jenes Elements, dass die post-jugoslawischen Arbeiter lachend zurückwiesen, solange ihnen die Fabrik nicht gehörte.

Sehr schön zeigt Dany, dass diese Form der Partizipation dem Systemerhalt dient, da das mehr an Kommunikation und Transparenz, das hieraus folgt, den blinden Fleck des Managements entschärft. Wenn die Arbeitnehmer darüber berichten, was sie denken, wünschen, wollen, entsteht ein Feedback, das ein offenes System, das keine eigene Bestimmung hat, außer sich zu erhalten, unterstützt. Selbst dann, wenn es sich um eine Störung handelt. Dies, so von Försters Idee, stimuliere das System.

Etwas groß fällt jedoch der nächste Schritt aus: wir befinden uns nun in einer Welt, in der wir Punkte eines Systems sind, das unsere Kommunikation abtastet, sammelt, aggregiert und quantitativ auswertet. Gerade LeserInnen von Netzpolitik werden wenig Probleme haben, sich solch eine Maschine vorzustellen, die Dany beschreibt. “Jeder kontrolliert jeden, zumindest diese Aufmerksamkeit hat man sich verdient” ist seine Diagnose, sowie “die größte Bedrohung scheint zu sein, ins Funkloch zu fallen”. Doch wie kamen wir soweit?
Dany schreibt, dass das Merkmal der Kontrollgesellschaft die größtmögliche Transparenz ist. Kommunikation ist das Zauberwort und es kann davon nicht genug geben, solange sie mit IT prozessierbar ist. Die große Maschine, die er auch „Weltmaschine für organisiertes Verhalten“ nennt, die also unsere Kommunikation abtastet, kann aber nicht auf uns persönlich eingehen. Dazu ist sie einfach nicht in der Lage. Lediglich mit der Errechnung von Normalitätskurven und Feststellung von Devianzen, die das System inkludieren muss, ist die Maschine betraut. Somit liegt der Kern der Problematik, könnte man folgern, im Menschen, der zulässt, dass seine Kommunikation zum regelhaften Regieren benutzt wird, ohne dass es ein würdiges Gegenüber gäbe.

Dany überspringt nonchalant dieses Kernproblem, indem er von vornherein davon ausgeht, dass wir in einer postpolitischen oder postdemokratischen Zeit leben. Ist dies einmal gesetzt, ist es recht einfach, eine Gesellschaft zu porträtieren, die keine Hoffnungen und Ziele mehr hat, und deshalb im ewig weiterlaufenden Kommunikationsparadigma des kybernetischen Kapitalismus gefangen ist.
Der argumentative Schlenker, den Dany anbietet, dies plausibel zu machen, ist die hegemoniale Diffundierung von Managementpraktiken wie Feedback, Kleingruppen, Open Places, die die Partizipation vom runden Tisch der Stadtteilentwicklung bis hin zur WG als kulturelle Praxis normalisierten und damit die Totalmobilmachung des Subjekts für den Kapitalismus in die Wege leitete: von nun an sind alle Manager ihrer Selbst, wollen mit den Managern mitarbeiten und sind Sonden des Managements. Damit komme die kybernetische Totalität zu ihrer Vollendung: Ein System, das offen ist, insofern es Störung integrieren können muss, und geschlossen, insofern es als Ziel nur seinen Erhalt kennt, hat sich ubiquitär in alle Poren des Sozialen eingenistet.

Ein etwas ähnliches Buch, das des Autorenkollektivs “tiqqun”, dessen Text “die kybernetische Hypothese” hierzulande geadelt durch den Diaphanes Verlag wohl eine andere Leserschaft fand, als die Originalfassung, die in aufwendig gestalteten Textsammlungen in linken autonomen Zentren Frankreichs verschenkt wurden, hatte vor wenigen Jahren einen ähnlichen Anlauf unternommen und versucht, eine Diagnose der Gegenwart im Lichte der Kybernetik zu stellen. Was beiden Büchern gemeinsam ist, ist die inhärente Affirmation einer Idee, die sich in dieser Reinheit nie in der Praxis durchsetzen konnte. Die Kybernetik war immer ein Feld der Bastler und Randfiguren. Sicherlich hallt sie wieder in den Schriften der Systemtheorie, des radikalen Konstruktivismus, der Managementliteratur, der Pädagogik, und gewiss der Informatik. Und es ist wichtig, diese Spuren nachzuzeichnen und ihre Wechselwirkungen kenntlich zu machen. Und ja, vielleicht lassen sich die ins Smartphone verwebten scheinselbstständigen Arbeitsnomaden als Symptome auch einer Kybernetik lesen. Nur allein ist dies zu wenig.

Am Ende des (Arbeits-)tages entscheidet der Chef. Top-down Strukturen erleben die Bottom-Up Kommunikation als Erfrischung, oder wahlweise als Stress, dem man standzuhalten hat. Die Kontrollgesellschaft, so richtig die These ihrer unheimlichen Offenlegung der Gedanken und Tätigkeiten ist, ist nur in der Verbindung mit Zwang, Disziplin, Bestrafung wirksam. Es ist dieses Geflecht aus falscher Teilhabe und ständiger Bedrohung der Existenz, das waltet und vor allem verwaltet. Wenn Dany schreibt, er könne sich nicht erinnern, wann ihn die Agenten der Autorität das letzte Mal erschreckt haben (S. 15) mag das für ihn ein Glück oder Unglück sein. Von hier allgemein zu werden, ist eine brüchige Brücke, die sich der Essay schreibende Künstler erlauben kann; als Diagnose trägt es aber nicht weit genug.

Idiot sein, so das Fazit des Buches, wäre ein Ausweg. Idiot im alten Sinne des Privatmenschen, der keine prozessierbare Kommunikation absetzt und somit unsichtbar wird, sich der Abtastmaschine entzieht. Aber es ist eben die Frage, ob die Verneinung der Kommunikation allein weit führt. Die ehemals jugoslawischen Arbeiter, die den Braten der falschen Teilhabe sofort gerochen hatten, wussten wohl, dass die Kommunikation allein gar nichts ist, sondern entscheidend ist, woran sie gebunden ist. Mit anderen Worten, was ihr Ziel ist. Darum ist der Kampf um Netzneutralität, Verschlüsselung und Open Source Software eben kein falscher Kampf, denn dies sind Elemente von Bedingungen einer künftigen Kommunikation, die einen Unterscheid machen will.

Danys Buch schlägt aufweckende Funken und wirft Schlaglichter auf eine interessante Idee der Geschichte der Kybernetik durch den Bogen von Kybernetik und Management. Gleichzeitig überhöht es seine Gegenstand und macht in dadurch mächtiger, als er vielleicht ist. Dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert. Der Parcours durch Danys Geschichte der Kontrollgesellschaft ist gerahmt mit einem biographischen Narrativ über den Großvater, der als Leiter des ersten offenen Strafvollzugs ein Avantgardist der Kontrollgesellschaft im Auftrag des Humanismus war. Gleichzeitig bieten die Traumsequenzen, die Dany beschreibt, und allgemeiner die poetischen Strecken des Buches, eine verdichtende Entlastung, die kein akademisches Buch zum Thema bieten kann.

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September 16 2013

Broschüre: Offene Bildungsressourcen in der Praxis

oerDie Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) hat eine Broschüre zum Thema „Offene Bildungsressourcen (OER) in der Praxis“ herausgegeben. Die 64 Seiten lange Broschüre dienst als Ratgeber zu freien Bildungsmaterialien für Multiplikatoren der schulischen und außerschulischen Bildung.

Und darum gehts:

Die Broschüre befasst sich mit theoretischen und juristischen Fragen zu offenen Bildungsressourcen. Neben den aktuellen Entwicklungen im Bereich OER stehen auch praktische Anwendungen im Fokus der Broschüre: Praktiker, u.a. aus Schule und Universität, berichten von ihrer Arbeit mit freien Bildungsmaterialien. So lernen die Leser praktische Beispiele aus ihrem Bildungskontext kennen und werden womöglich zur Nutzung und Erstellung von OER für die eigene Arbeit angeregt.

Die Broschüre (PDF) steht unter einer Creative Commons Namensnennungs-Lizenz (CC-BY) und kann gerne weiterkopiert und geremixt werden.

Ich bin Medienrat der MABB und mein Name steht unter dem Grußwort.

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September 11 2013

August 15 2013

Coding Freedom von Gabriella Coleman nun als PDF

cole Gabriella Coleman hat ihr ausgezeichnetes Buch Coding Freedom – The Ethics and Aestetics of Hacking nun als PDF und ePub unter der Creative Commons (CC BY-NC-ND 2.5) Lizenz veröffentlicht. Coleman ist Anthropologin an der kanadischen McGill University und beschäftigt sich vor allem mit Hacker-Kultur, Anonymous und Digitalem Aktivismus. So ergründet sie in ihrem neusten Buch moralisches Selbstverständnis und Charakteristika der Hacker-Kultur – wobei ihr Ausgangspunkt und Fokus auf freier / offener Software-Entwicklung liegt. Auf für den Leser sehr angenehme Art und Weise verbindet Coleman hier Theorie mit eigener Feldforschung. Gespickt mit Referenzen und Anekdoten, Gesprächen und Reflexionen über ihre eigene Tätigkeit nimmt sie den geneigten Leser auf ihre Entdeckungsreise mit. Wer Motivation, Unterschiedlichkeiten, Ideologie und Selbstverständnis von Hackern besser verstehen möchte, sollte unbedingt Coding Freedom lesen.

This ethnography is centrally concerned with how hackers have built a dense ethical and technical practice that sustains their productive freedom, and in so doing, how they extend as well as reformulate key liberal ideals such as access, free speech, transparency, equal opportunity, publicity, and meritocracy.

Vielleicht eine der größten Stärken des Buchs und Colemans Forschung ist die Vielschichtigkeit und Differenziertheit mit der sie Hacker und Hacking betrachtet und gerade nicht alle über einen Kamm schert, nur weil alle vor Computern sitzen. Coding Freedom zeigt vor allem die Unterschiede auf, die bestehen.

Therefore, once we confront hacking in anthropological and historical terms, some similarities melt into a sea of differences. Some of these distinctions are subtle, while others are profound enough to warrant what I, along with Alex Golub, have elsewhere called genres of hacking… F/OSS [free and open source software] hackers, say, tend to uphold political structures of transparency when collaborating. In contrast, the hacker underground, a more subversive variant of hacking, is more opaque in its modes of social organization (Thomas 2003). Indeed, these hackers have made secrecy and spectacle into something of a high art form.

Gabriella Coleman ist sicherlich eine der Forscherinnen die die Hacker-Kultur zur Zeit am besten begreifen und dadurch wiederum aufdecken und anderen Personenkreisen verständlich machen kann. Wie auch bei anderen Ethnographen merkt man bei ihr, dass sie manchmal etwas zu positiv oder wohlwollend gegenüber den Phänomenen, die sie untersucht, eingestellt ist. Dadurch erhalten negative Aspekte nicht immer denselben Raum, wie positive Beispiele – was allerdings nichts an ihrer kritisch-analytischen Herangehensweise ändert. Selbst wenn man nach den rund 200 Seiten nicht mit ihr einer Meinung ist, hat man immer noch über 20 Seiten Literaturverzeichnis, um die Recherche fortzusetzen. ;)

Wer lieber zuhört, als liest, findet Gabriella Coleman auch in unserem Podcast, in dem sie über Anonymous und ihre Arbeit redet. Außerdem ist sie auch im Netzpolitik Jahrbuch von 2012 zu finden (“Anonymous: Leuchtfeuer der digitalen Freiheit”).

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July 15 2013

eBook: Das Internet in Wahlkämpfen: Konzepte, Wirkungen und Kampagnenfunktionen

Screen-Shot-2013-02-06-at-4.07.17-PMAnfang des Jahres erschien im Springer-Verlag das Buch “Das Internet in Wahlkämpfen – Konzepte, Wirkungen und Kampagnenfunktionen” von Andreas Jungherr und Harald Schoen.

Das Ziel des Buches beschreibt Andreas Jungherr in seinem Blog als “die aktuelle internationale Literatur zu diesem Thema aufzuarbeiten, so dass auch in Deutschland die Diskussion zur Rolle des Internets in Kampagnen endlich darüber hinausgeht welcher Politiker wie authentisch Facebook nutzt und wieviele Follower er auf Twitter hat.”

Und das gelingt auch gut, was auch daran liegt, dass sich kaum jemand in Deutschland darüber hinaus mit Wahlkampf im Netz beschäftigt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat das Buch jetzt als eBook lizenziert und bietet es in verschiedenen Formaten zum kostenlosen Download an:

E-Book: Das Internet in Wahlkämpfen [pdf]
E-Book: Das Internet in Wahlkämpfen [epub]
E-Book: Das Internet in Wahlkämpfen [mobi]

Aus der Selbstbeschreibung:

Das Internet ist aus Wahlkämpfen in vielen Ländern kaum mehr wegzudenken. Politiker und Kampagnenstäbe setzen das Internet als Wahlkampfinstrument ein. Bürger nutzen das Internet, um sich über Politik zu informieren oder in das politische Geschehen einzugreifen. Obwohl das Internet zum Kampagnenalltag gehört, herrscht vielerorts noch Unsicherheit über Einsatzmöglichkeiten und Wirkungen des Internets in Wahlkämpfen. Der vorliegende Band stellt daher kompakt den aktuellen Stand der Forschung zur Nutzung, Bedeutung und Wirkung des Internets in Wahlkampagnen in den USA und in Deutschland dar. So trägt er zu einem fundierten Verständnis von Wahlkämpfen im Internetzeitalter bei.​

Der Inhalt

Das Internet in Wahlkämpfen: Ein Überblick – Die Entwicklung des Internets und Erwartungen an dessen politische Konsequenzen – Zur Internetnutzung in Deutschland – Das Internet in Wahlkämpfen in den USA und Deutschland – Das Ende des Anfangs​

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May 21 2013

Rezension: ‚Citizenville’ von Gavin Newsom

cover-citizenville-628x471Schon einige Zeit bevor Open Data und Open Government auch hierzulande breiter diskutiert wurden, standen sie in den USA auf der politischen Agenda. Wenn dann jemand wie Gavin Newsom, Vizegouvernor von Kalifornien und davor langjähriger Bürgermeister von San Francisco, ein Buch über seine Erfahrungen mit Open Government schreibt, klingt das deshalb auf den ersten Blick vielversprechend. Warum Fehler hierzulande wiederholen und nicht von den Erfahrungen der US-Vorreiter lernen?

Leider erfüllt „Citizenville“, das Newsom gemeinsam mit der Autorin Lisa Dickey verfasst hat, diese Hoffnungen nicht. Anstatt ein realistisches Bild der Chancen und Schwierigkeiten digitaler Technologien zu zeichnen, liest sich das Werk über weite Strecken wie eine Steilvorlage für Evgeny Morozovs Kritik an „Solutionism“. So heißt es gleich im ersten Kapitel:

“Technology has rendered our current system of government irrelevant, so now government must turn to technology to fix itself.” (p. 10)

Kein Problem weit und breit, für das Internet und digitale Technologien nicht die Lösung wären. Oder wie es Carlos Lozada in einer Rezension für die Washington Post formuliert hat:

„Newsom even has a chapter titled ’There’s an App for That’ – the first unironic use of the phrase since 2009.“

Alles in allem ist „Citizenville“ ein wenig geordnetes, post-ideologisches Sammelsurium von Beispielen, wie mit Hilfe neuer Medien und Technologien staatliches Handeln besser gestaltet werden kann. „Besser“ ist für Newsom vor allem effizienter und, wo das Hand-in-Hand geht, gerne auch partizipativer. Newsom erweckt den Eindruck, als ob sich die meisten politischen Probleme lösen wie sich Schlaglöcher stopfen lassen. Politik als das Austragen von Interessenskonflikten ist im ganzen Buch kein Thema. Sinnbildlich dafür ist das letzte Kapitel mit dem Titel “The Postpartisan Age”, wo Newsom erklärt: “It’s the ideology of efficiency.” (p. 235)

Dieses technokratische Effizienzprimat wird dann noch verbrämt mit einer kommunitaristischen Ethik, die den Wert von Privatsphäre für (städtische) Freiheit völlig unterschätzt, was deutlich wird an Sätzen wie diesem:

“But the notion of Citizenville, at its heart, is really just an updated version of the township – a place where residents gather to take care of their societal needs.” (p. 213)

Newsom romantisiert von einem digitalen Zurück zur sich kümmernden und partizipativen Kleinstadt, die es so nie gegeben hat. Mehr noch, er definiert die Dystopie der gläsernen Stadt, wie sie Samjatin in „Wir“ entwickelt hat, zu einer naiven Post-Privacy-Utopie um (Kaptitel 3: “Living in a Glass House”). Diese gipfelt im zustimmenden Zitieren von ‚Weisheiten’ wie “My privacy policy is ‘Don’t do bad things.’” (p. 63) oder “In a world of infinite transparency and zero privacy, it’s a lot safer” (p. 64). Dass Newsom deshalb auch mehrfach die Vorzüge von Klarnamenspflicht betont, ist da nur folgerichtig.

Dabei ist es gerade die mit Anonymität verbundene Privatsphäre größerer Städte, die Subkulturen ermöglicht und für die sprichwörtlich freie Stadtluft sorgt. Das zu verkennen ist vor allem für einen ehemaligen Bürgermeister von San Francisco und Helden der Schwulen- und Lesbenbewegung – er hatte eigenmächtig die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet – verwunderlich.

Hinzu kommen apodiktische Aussagen wie “We have to accept the fact that top-down hierarchy is no longer working and it won’t ever work again” (p. xxii). Selbst jenen, die zustimmen, dass die Crowd viele Aufgaben besser zu erledigen vermag als bürokratische Apparate, dürfte diese fundamentale Ablehnung von Hierarchien wohl zu weit gehen. Ganz zu schweigen von neuen Top-Down-Hierarchien im Netz, die von Google, Facebook und anderen Plattformbetreibern erfolgreich etabliert wurden.

Ähnlich auch das durchaus interessante Plädoyer im öffentlichen Bereich stärker auf Gamification – also spielerische Formen der Bürgerbeteiligung – und mit Preisgeldern ausgestattete Ideenwettbewerbe zu setzen (vgl. beispielsweise die Plattform für staatliche Ideenwettbewerbe challenge.gov, p. 147). Denn die Euphorie für Ideenwettbewerbe geht dann wieder zu weit, wenn nur noch das Ergebnis und nicht auch der Prozess zählt. So meint Newsom, dass zuviel Geld für die Entwicklung von AIDS-Medikamenten verschwendet wurde und einfach stattdessen einen Preis auszuloben effizienter gewesen wäre (p. 155) – von gruseligen Biologismen ganz zu schweigen, wie zum Beispiel wenn Peter Diamandis zustimmend zitiert wird mit “‘We are genetically bred to compete.’” (p. 156)

Der spannendste Gedanke in Citizenville ist der Vorschlag, die öffentliche Hand sollte ein Selbstverständnis als offener Plattformprovider entwickeln. Newsom hat dabei vor allem die kommunale Ebene im Blick und fordert die Etablierung standardisierter und offener Schnittstellen:

“That ‘s the beauty of an open API – any city can adopt it and then use apps and technology there as well. The more we can share, the better off we are.” (p. 93)

Gerade auch angesichts aktueller Diskussionen um die staatliche Pflicht zur Gewährleistung von Netzneutralität ist diese These von großer Brisanz (vgl. auch Michael Seemanns These, die zentrale Forderung der Piratenpartei sei jene nach Plattformneutralität). Welche Implikationen aber aus diesem Selbstverständnis für die öffentliche Hand folgen und wo die Grenzen dieses Ansatzes liegen, dazu findet sich leider kaum etwas in dem Buch.

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Black Code: Inside the Battle for Cyberspace – Neues Buch ruft dazu auf, die Freiheit im Internet zu verteidigen

black-codeDie ursprüngliche Verheißung des Internets als globaler Gemeinschaftsraum für geteiltes Wissen und Kommunikation ist in Gefahr. Das beschreibt Ronald Deibert, Direktor des Citizen Lab, in seinem neuen Buch “Black Code”. Darin legt er detailliert dar, wie Unternehmen, Regierungen, Polizei und Kriminelle gemeinsam unsere “digitale Wasserversorgung vergiften” – und dass wir uns wehren müssen.

Über das kanadische Citizen Lab und dessen Direktor Ronald Deibert haben wir hier wiederholt berichtet. Heute ist das neue Buch von Deibert erschienen: Black Code: Inside the Battle for Cyberspace

As cyberspace develops in unprecedented ways, powerful agents are scrambling for control. Predatory cyber criminal gangs such as Koobface have made social media their stalking ground. The discovery of Stuxnet, a computer worm reportedly developed by Israel and the United States and aimed at Iran’s nuclear facilities, showed that state cyberwar is now a very real possibility. Governments and corporations are in collusion and are setting the rules of the road behind closed doors.

This is not the way it was supposed to be. The Internet’s original promise of a global commons of shared knowledge and communications is now under threat.

Cory Doctorow von Boing Boing hat es schon gelesen und eine Rezension geschrieben: How to make cyberspace safe for human habitation

Ronald Deibert’s new book, Black Code, is a gripping and absolutely terrifying blow-by-blow account of the way that companies, governments, cops and crooks have entered into an accidental conspiracy to poison our collective digital water supply in ways small and large, treating the Internet as a way to make a quick and dirty buck or as a snoopy spy’s best friend. The book is so thoroughly disheartening for its first 14 chapters that I found myself growing impatient with it, worrying that it was a mere counsel of despair.

But the final chapter of Black Code is an incandescent call to arms demanding that states and their agents cease their depraved indifference to the unintended consequences of their online war games and join with civil society groups that work to make the networked society into a freer, better place than the world it has overwritten.

Sein Fazit:

Black Code is a manifesto for a 21st-century form of network stewardship, a sense of shared responsibility toward our vital electronic water supply. It’s a timely rallying cry, and sorely needed.

Das Buch ist 320 Seiten stark, bei Random House erschienen und erhältlich als Totbaum oder e-Book. Vorwort und Einführung gibt’s als Leseprobe:

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August 23 2012

Buch “Generation Facebook”: Crowdfunding für englische Open Access Version

Das Buch Generation Facebook: Über das Leben im Social Net will “eine medien- und kulturkritische Perspektive auf das Phänomen Facebook” entwickeln. Linus hatte das bereits rezensiert. Jetzt soll das Buch auch auf englisch herausgegeben werden – gedruckt und als kostenloses PDF. Dafür gibt es eine Crowdfunding-Aktion auf Indiegogo:

Facebook’s success poses a lot of controversial questions – economically, socially, politically – which are far from answered yet. This book provides insights into these questions at an as yet unprecedented level of theoretical depth. Which is why it deserves to become available to an international audience.

The book has also proven to be an invaluable resource for a critical theoretical grounding of discussions about Facebook. Given the enormous user base of Facebook, it is vital to spread this kind of knowledge as widely as possible. Putting the texts under an Open Access license and making them freely accessible for everyone is the best way to achieve this goal.

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August 13 2012

Vernetzt Euch! – Auf dem Weg in die digitale Gesellschaft

In der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik findet sich ein weiterer Auszug unseres Buches “Die digitale Gesellschaft – Bürgerrechte, Netzpolitik und die Machtfrage”: Vernetzt Euch! – Auf dem Weg in die digitale Gesellschaft.

Und hier ist ein Auszug aus dem Auszug:

Früher hieß es: Wandel durch Handel. Heute muss es heißen: Vernetzen! Es gibt keine Alternative – zumindest keine demokratische. Die digitale Technik wird unser aller Leben immer weiter durchdringen, sie wird unverzichtbar werden und zum Alltag gehören. Wenn sie im Besitz weniger ist und von ihnen kontrolliert wird, dann steht der Idee einer besseren, digitalen Gesellschaft eine mächtige Dystopie entgegen: der Missbrauch der digitalen Macht.

Die digitale Diktatur ist perfektionierte Unmenschlichkeit, eine freie digitale Gesellschaft hat dagegen ein immenses Potential für mehr Menschlichkeit. Wenn jede Waschmaschine digital kontrollierbar ist, jedes Portemonnaie, jeder Herzschrittmacher und jedes Elektroauto, dann sollte die Kontrolle darüber in den Händen derer liegen, die sie nutzen und denen sie nützen soll. Der Schlüssel zur digitalen Gesellschaft liegt darin, dies zu ermöglichen, in Technik und Recht, in Gesellschaft und Weltgemeinschaft, und dafür zu sorgen, dass diese Möglichkeiten nicht missbraucht werden können.

Einfach ist das nicht. Wir, die Bürger, müssen es einfordern. Wir müssen Druck auf unsere gewählten Vertreter ausüben, klarmachen, in welcher Welt wir eigentlich leben möchten. Wir müssen von ihnen das Vertrauen einfordern, dass es Menschen gibt, die eine positive Idee von Zukunft haben. Und wir müssen dafür sorgen, dass sie entsprechend handeln.

Wie jeder gesellschaftliche Wandel, der tiefgreifend ist, wird auch die fortschreitende Digitalisierung Menschen enttäuschen. Sie wird Existenzen ruinieren, Lebenskonzepte über den Haufen werfen. Veränderung ist nie für alle gut. Aber wenn wir uns als Gesamtgesellschaft dessen bewusst sind und uns um diejenigen kümmern, die – aus welchem Grund auch immer – durch diese Entwicklungen Nachteilen ausgesetzt sind und auf die Verliererseite geraten, dann stehen die Chancen gut, dass wir am Ende alle gemeinsam von der digitalen Gesellschaft profitieren.

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