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INDECT war gestern: “Elektrischer Reporter” über deutsche Forschungsprojekte zur Mustererkennung

Das EU-Forschungsprojekt INDECT hatte es vermocht, grosse Teile der Netzgemeinde in Aufruhr zu versetzen: Das Vorhaben entwirft eine Machbarkeitsstudie zur Synchronisation verschiedener Überwachungstechnologien. Die zehn Arbeitsgruppen in INDECT fussen vor allem auf bildgebenden und bildauswertenden Verfahren und gehen der Frage nach, inwieweit diese zunehmend automatisiert werden können. Von Interesse ist die sogenannte “Mustererkennung”, also die Detektion bestimmter Bewegungen oder auch Objekte, sofern diese zuvor definierte Merkmale aufweisen.

Am Donnerstag widmete sich die ZDF-Sendung “Elektrischer Reporter” dem Thema “Mustererkennung”, Grundlage war die Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Linksfraktion vom Frühjahr (hier ein früherer Bericht). Untermauert wurde damals, dass auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung zahlreiche Projekte fördert, in denen Funktionalitäten wie bei INDECT beforscht werden:

Viele der Vorhaben zur computergestützen Auswertung von Audio- und Videoströmen werden längst im öffentlichen Raum getestet. Der Bundesinnenminister nahm die Anschläge in Boston zum Anlass, die baldige Einführung der Technik im Serienbetrieb zu fordern:

Sowohl die Erstbeschaffung der Kameras mit Aufzeichnungsmöglichkeit, eine gute Auswertung der Bilder und der permanente Betrieb ist teuer, und sowohl die Bahn als auch die Flughäfen oder ein Schnellrestaurant sollten ein Interesse an mehr Sicherheit haben [...] Wir sprechen derzeit intensiv mit der Deutschen Bahn, um die Überwachung der Bahnhöfe zu verbessern. Ähnliche Gespräche gibt es mit den Flughäfen.

Es ist unklar, welche Systeme IM Friedrich hier androht. Das Projekt “Automatisierte Detektion interventionsbedürftiger Situationen durch Klassifizierung visueller Muster” (ADIS) soll etwa für Akzeptanz unter den NutzerInnen sorgen, indem – zumindest vorläufig – nicht alle Bereiche des Bahnhofs überwacht werden. Reisende können also selbst entscheiden, ob sie von einer Kamera beobachtet werden wollen. Dies wird als Wahrung der Privatsphäre beworben.

Zu den Projektpartnern in Forschungen zur “Mustererkennung” gehören neben der Leibniz Universität Hannover häufig Institute des Fraunhofer-Verbunds. Das Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) ist beispielsweise auf Verfahren zur “automatischen Objekterkennung und Objektverfolgung” spezialisiert. Auf diese Weise können Personen in Videoströmen überwacht, aber auch “rückwärtsgerichtet” zurückverfolgt werden:

Ein weiterer Schwerpunkt [des IOSB] liegt in der Datenauswertung von Kameranetzwerken. Kameranetzwerke finden sich vermehrt im öffentlichen Raum, beispielsweise an Bahnhöfen, Flughäfen oder auch innerstädtischen Bereichen. Insbesondere die effiziente Auswertung der Masse an Daten sowie die Erhöhung der Sicherheit durch automatische Situationsinterpretation sind die Schwerpunkte der hier anfallenden Forschungsthemen.

Die Abteilung “Videoauswertesysteme” des IOSB forscht unter anderem zu Aufklärungs- und Überwachungsbereich in “bewegten Plattformen”. Gemeint ist nicht nur die Bundeswehr-Drohne LUNA, die in Afghanistan mit einem bildgebenden Sensor unterwegs ist den das Fraunhofer-Institut mitentwickelt hatte. Das IOSB will auch die “Detektion von Booten und Schiffen von marinen Plattformen” optimieren. Derartige Syteme werden gegenwärtig unter anderem im neuen EU-Überwachungssystem EUROSUR errichtet bzw. synchronisiert.

Auch das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) ist mit entsprechenden Forschungen befasst. Im Themenfeld “Integrated Border Management” werden unter anderem Anwendungen entwickelt, die mit biometrischen Verfahren einem “steigenden Migrationsdruck” entgegenwirken sollen. Gemeint sind automatisierte Kontrollgates an Flughäfen, mit denen Reisende mit biometrischen Ausweisen bevorzugt abgefertigt werden. Mit dem Schwerpunkt “Visual Analytics” werden Möglichkeiten beforscht, massenhaft anfallende Daten per Visualisierung handhabbar zu machen.

Für die Fraunhofer-Techniken interessiert sich auch das Bundeskriminalamt (BKA). Das BKA wendet bereits Verfahren zum “Lichtbildvergleich” an. Im Fraunhofer-IGD soll das Amt nun in den Genuss erweiterter Ermittlungsmethoden kommen: Das Projekt “Multi-Biometrische Gesichtserkennung” (GES-3D) will ein Verfahren entwerfen, um “Personen auf Foto- bzw. Videoaufnahmen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Begehen einer Straftat stehen” in polizeilichen Datenbanken zu suchen. Damit kommt das Projekt dem INDECT-Projekt bedenklich nahe.

Da will auch die Bundespolizei nicht zurückstehen: Bis Ende 2014 forscht das Bundespolizeipräsidium mit der Polizei Hamburg zur “Multi-Biometriebasierten Forensischen Personensuche in Lichtbild- und Videomassendaten” (MisPel). Diese “Bildinhaltsanalyse” soll eine “zeitnahe Erkennung von ermittlungstechnisch relevanten Personen” bewerkstelligen und würde auf die öffentliche Videoüberwachung zugreifen. Wieder ist mit dem IOSB ein Fraunhofer-Institut mit von der Partie.

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