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E-Book-Piraten im Interview: “Die Buchverleger machen genau die selben Fehler wie die Musikindustrie”

Buch und E-Book-Reader. Bild: Cristian Eslava. Lizenz: Creative Commons BY-SA 2.0.

Buch und E-Book-Reader. Bild: Cristian Eslava. Lizenz: Creative Commons BY-SA 2.0.

Was MP3, Napster und tragbare Audio-Player für die Musikindustrie waren, sind EPUB und E-Book-Reader für die Buchverlage. Netzpolitik.org hat die Betreiber von drei eher nicht-legalen Webseiten für DRM-freie E-Books interviewt. Einig sind sich alle, dass die Verlage mit der digitalen Welt völlig falsch umgehen. Unterschiedliche Ansichten gibt es, dass eine der Seiten nun Geld von seinen Usern verlangt – ein Unding für die anderen.

Vor zwei Wochen berichteten wir über eine Strafanzeige gegen die Zeitungsverlage von Tagesspiegel und Zeit Online. Ihr Vergehen: Sie hatten in einem Interview mit einem Betreiber der Online-Plattform boox.to (TorBoox) die volle Domain genannt. Im Gegensatz zur Denkweise von buchreport.de sind wir nicht durch das Interview auf die Seite aufmerksam geworden, sondern durch die absurde Anzeige.

Unterdessen kündigte der Autor Selim Özdoğan in einem Interview an, seinen Erzählband “Freikarte fürs Kopfkino” exklusiv auf TorBoox zu veröffentlichen.

Wenn wir uns schonmal mit dem Thema beschäftigen, haben wir gleich ein eigenes Interview mit den Buchpiraten von TorBoox geführt. Und mit zwei weiteren Seiten, die als im Tor-Netzwerk versteckte Dienste operieren: Imperial Library of Trantor und Jotunbane’s Reading Club.

Alle drei Webseiten bieten E-Books im EPUB-Format an. Während TorBoox fast 40.000 Bücher zählt, hat Trantor 11.000 und der Club 450. Sowohl die Leute hinter TorBoox als auch Jotunbane kaufen E-Books und stellen sie ein – Jotunbane achtet dabei aber peinlich genau auf Qualität. In der Imperial Library können User/innen Bücher selbst hochladen und mit anderen teilen.

Alle drei Plattformen kritisieren den Umgang der Verlage mit der digitalen Welt. Laut Spiegelbest von TorBoox “fehlt ein attraktives digitales Angebot”, das nur eine Flatrate sein könne. Wenn die Verlage das nicht selbst tun, macht es eben TorBoox. Las Zenow von der Imperial Library of Trantor und Jotunbane kritisieren, dass die Verlage auf alten Vorstellungen von Copyright beharren und digitale Realitäten ignorieren. Beide vergleichen das Verhalten der Verlage mit dem der Musikindustrie zu Zeiten von Napster – und kritisieren Digitale Rechteverwaltung (DRM) scharf.

Allen ist bewusst, dass sie mit ihren Angeboten Gesetze brechen. Während Jotunbane vor allem von ihm erstellte digitale Bücher perfektionieren und gleich noch teilen will, bietet Las Zenow der Öffentlichkeit die Option, digitale Bücher mit anderen auszutauschen. Beide tun das aus Überzeugung für den freien Austausch von Wissen – und werden trotz Spenden-Möglichkeit immer kostenlos bleiben. TorBoox hingegen stellt jetzt auf Bezahlmodell um. Ab nächster Woche müssen User/innen 10 Euro für ein Quartal zahlen, um 150 Bücher pro Tag downloaden zu können. Begründet wird das mit gestiegenen Server-, Traffic- und Bücher-Kosten. Las Zenow und Jotunbane lehnen das ab und bezeichnen ein Bezahlmodell mit unerlaubten Kopien als “unethisch” und “moralisch falsch”.

Hier die drei Interviews im Volltext: (Direktlinks: TorBoox, Imperial Library of Trantor, Jotunbane’s Reading Club)


Interview: Spiegelbest von TorBoox (Hidden Service, Tor2web)

torbooxOffen und ehrlich: Wir sind Buchpiraten. Alle Titel sind roh vom DRM-Schutz befreit und fast4free. Wir sind nutzerfreundlich, werbefrei, aber bestenfalls halblegal.

netzpolitik.org: Wie viele Bücher gibt es bei euch? In welchen Dateiformaten?

Spiegelbest: Wir bieten nicht ganz 40.000 Titel an. Alle Titel sind EPUBs – ohne Ausnahme. Darunter sehr viele, die wir selbst in den letzten Jahren gekauft haben. Sehr aktuell also. Ich denke mal, in den letzten Jahren haben wir kaum einen gut gefragten Titel ausgelassen.

netzpolitik.org: Verstehe ich richtig, dass man bei euch keine Bücher downloaden kann, ohne vorher zu bezahlen?

Spiegelbest: Das verstehst du richtig. Ab dem 3.10 – unserem Stichtag für die Erhebung des Nutzungsbeitrages – musst du € 10,00 bezahlen, um downloaden zu können. Korrekt.

netzpolitik.org: Wie viel muss man wofür zahlen? 10 Euro pro drei Monate, dann bis zu 150 Bücher pro Tag?

Spiegelbest: 150 Downloads pro Tag kannst du saugen, stimmt. Die € 10,00 erheben wir für ein Quartal. Vermutlich haben wir am Ende der Zeit noch sehr viel Geld übrig. Wie wir dieses Geld den Nutzer gutschreiben können, wissen wir noch nicht. Wir warten noch auf einen guten Einfall. Und die Trolle warten auf eine Gerechtigkeitslücke

netzpolitik.org: Wann war der Punkt, das (bis dahin kostenlose?) Angebot auf ein Bezahlmodell umzustellen? Oder ist das jetzt erst?

Spiegelbest: Wir stellen erst jetzt auf Bezahlmodell um. Stichtag ist der 3.10. Heute wurde das Abrechnungs-Feature probeweise implimentiert. Im Prinzip sehen wir, seit wir auf 100.000 Downloads zusteuern, kein Land mehr für das Spendenmodell. Wobei nicht die Downloads das Problem sind, sondern der parallele Traffic. Wir haben jeden Monat bisher gleichbleibende 15-20 % Wachstumsraten. Wir steuern also Herbst 2014 auf 10 Millionen Downloads zu. Es hat sich wirklich – nicht nur spaßeshalber – die Frage gestellt, ob wir aufhören oder umstellen sollen auf Bezahlung.

netzpolitik.org: Warum können andere Projekte wie Imperial Library of Trantor oder Jotunbane’s Reading Club das unentgeltlich machen, aber ihr nicht?

Spiegelbest: Na ja, wir haben gestern 90.000 Downloads gehabt und massiven Traffic. Ich kenne die Seiten nicht, die du erwähnst. Aber ich glaube nicht, dass ich diese Seiten kennenlernen könnte, wenn sie auch nur einen Bruchteil unseres Last abbekommen würden. Scherz beiseite: Wir haben unentgeltlich angefangen, sind aber Opfer unseres Erfolges geworden. Die Spenden, die wir bekommen haben, reichten nicht aus, ein ausbaufähiges technisches Setup zu gewährleisten. Dann hat sich die Frage gestellt: Free-4-all und Aus-und-Ende, oder eben € 3,33 und Segel setzen.

“Unentgeltlich” ist ein schönes Wort. Das kann ich so nicht stehen lassen: Die Nutzer doch zahlen immer – und sei es über die Werbebanner oder über die Premiumaccounts bei den Hostern. Der einzige Unterschied ist, dass wir das Geld direkt von den Nutzern bekommen. So bekommen wir ein unglaubliches finanzielles Potential in die Hand. Diese Geld bedeutet unmittelbar Sicherheit und Gestaltungsmöglichkeit. Ich sage hier bei euch voraus, dass sich auch andere aus der Szene bald nicht mehr mit Klimpergeld zufrieden geben werden. Das ist dann das Ende der One-Klick-Hoster und ihrer Pornofenster.

netzpolitik.org: Kannst du sagen, wie viel Geld ihr für Technik und Traffic ungefähr ausgeben müsst?

Spiegelbest: Wir geben im Moment etwa € 500 für die Technik aus, haben aber Bestellungen laufen. Um gut aufgestellt zu sein – mit E-Books – brauchen wir etwa € 1.000. Das mag nicht viel klingen, aber anfangs haben wir unsere Server selbst bezahlt. Das geht dann einfach nicht mehr. Auch die Spenden für die Technik haben nicht mehr gereicht. Mit € 1.000 wollen wir gut über die Weihnachtsmonate kommen.

netzpolitik.org: Habt ihr keine Angst, euch mit dem Bezahl-Modell juristisch noch viel angreifbarer zu machen als ohnehin schon?

Spiegelbest: Ich bin Pressesprecher und habe noch nie einen Upload gemacht. Wovor sollte ich Angst haben? Aber ich verstehe deine Frage und werde versuchen, sie zu beantworten.

Wir leiten das Geld der Nutzer um, wir lassen es ja nicht verschwinden. Wir kaufen stellvertretend für sie die E-Books, die sie möchten. Und die Server, die sie benötigen. Aber wir haben keine Gewinnerzielungsabsicht. Diese rote Linie überschreiten wir nicht. Am Ende des Tages werden wir natürlich mit Anzeigen konfrontiert werden. Hmm … Dann verschwinden wir halt wieder. Wenn die Verlage keine eigene Flatrate gegen uns aufbauen wollen, dann müssen sie die Anzeigen aus der Welt schaffen.

netzpolitik.org: Wie viel Aufmerksamkeit habt ihr tatsächlich mit dem Tagesspiegel-Interview bekommen? Was hat sich geändert?

Spiegelbest: Das mag unbescheiden klingen, aber wir hatten schon vorher sehr gute Wachstumszahlen. Wir waren bereits in dem Wachstumsbereich, wo die Mundpropaganda wirkt. Du darfst nicht vergessen, dass Leser von E-Books an ihrem Reader zu erkennen sind. So kommt der Eine schnell mit der Anderen ins Gespräch.

Das Tagespiegel-Interview hat uns bei den Journalisten und in Folge bei den Entscheidungsträgern bekannt gemacht. Es hat nicht so sehr unser Angebot als viel mehr unsere Story verbreitet: “Buchpiraten zeigen den Verlagen, wie sich E-Books verkaufen lassen!”

Dass der Geschäftsführer des Börsenvereins gegen uns paar Leutchen die Politik zu Hilfe rufen muss, zeigt, dass der digitale Buchmarkt ein paar Überraschungen für die Verlage bereit hat.

netzpolitik.org: Was ist euer Kommentar zur Strafanzeige?

Spiegelbest: Gigantisch – die GVU darf sich von uns was wünschen!


Interview: Las Zenow von der Imperial Library of Trantor (Tor2web)

imperial-libraryWir bezahlen Autoren gerne, aber nicht die Unternehmen, die mit ihnen Profit machen. Wir werden auf keine Anfrage von Firmen, Redaktionen, Verwertungsgesellschaften oder sonstigen Blutsaugern eingehen, Inhalte zu entfernen.

netzpolitik.org: Wer bist du?

Las Zenow: Ich bin Las Zenow, oder zumindest ist das einer meiner Namen aus der Cyberwelt. Ich bin ein begeisterter Leser und ein Computerfreak. Ich liebe Bücher, ich kann mich stundenlang durch Bücherstapel in Second Hand Geschäften wühlen, auf der Suche nach mir unbekannten Büchern oder schönen Ausgaben.

Ich bin auch begeistert von den Möglichkeiten, die uns neue Technologien bringen. Ich denke, wir haben jetzt sowohl eine große Chance, uns zu befähigen, als auch ein gewaltiges Risiko, unsere Privatsphäre zu verlieren. Ich versuche, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass die digitale Gesellschaft von den Menschen regiert wird, und nicht von Geld und Konzernen.

netzpolitik.org: Was ist die Imperial Library of Trantor?

Las Zenow: Die Bibliothek von Trantor ist sowohl ein virtuelles Bücherregal, in dem jeder das Buch finden kann, das er lesen möchte, als auch eine Gemeinschaft von Lesern, die ihre Bücher frei teilen kann.

Alle Bücher sind DRM-frei und im EPUB-Format, einem offenen Standard für elektronische Bücher, der entwickelt wurde, um bequem auf jedem Gerät unabhängig von der Bildschirm-Größe lesen zu können. Fast alle Geräte unterstützen das EPUB-Format, außer der Amazon Kindle, das sein eigenes Format benutzt (MOBI). Immerhin gibt es verschiedene Anwendungen, die von EPUB zu MOBI konvertieren können, also kann man auch mit einem Kindle in den Genuss unserer Bibliothek kommen.

netzpolitik.org: Warum hast Du die Imperial Library of Trantor gestartet?

Las Zenow: Ich habe immer weitaus mehr Bücher, als ich aufbewahren kann. Das digitale Zeitalter bietet mir eine großartige Lösung für dieses Problem: das elektronische Papier. Jetzt kann ich all meine liebgewonnenen Bücher (und außerdem die, die ich nicht mag) in einem kleinen tragbaren Gerät speichern. Ich liebe Papier noch immer, aber jetzt muss ich nicht mehr alles, was ich lesen möchte, auf Papier haben.

Als ich anfing, E-Books zu lesen, hatte ich Schwierigkeiten, die gewünschten Bücher zu finden. Man bekommt sie, wenn man einen der Shops für E-Books benutzt, aber diese werden vor allem von wenigen Konzernen kontrolliert und die Bücher haben unverschämte Preise. Sie verlangen fast den gleichen Betrag wie für ein physisches Buch, obwohl es sie nichts kostet, deine Kopie herzustellen. Und selbst wenn du diesen Preis bezahlt hast, besitzt du das Buch nicht wirklich, sie nutzen DRM, was zum Beispiel verhindert, dass du einem Freund das Buch leihst – oder manchmal entscheiden sie sogar, es ohne deine Zustimmung von deinem Gerät zu löschen.

Die Imperial Library of Trantor ist der Versuch, diese Situation zu verbessern und den Lesern die Kontrolle über ihre Bücher wieder zurückzugeben. Wie die meisten guten Computer-Programme begann die Imperial Library of Trantor in einer Nacht des Herumhackens mit Netz-Technologien. Aber über die Monate ist die Bibliothek gewachsen, und jetzt, mehr als ein Jahr nach dem Start, ist sie ziemlich stabil und voller Bücher.

Es braucht noch viel Arbeit, bis sie so gut ist, wie wir sie uns erträumen. Wir arbeiten in unserer Freizeit daran, aus Spaß an der Sache; manchmal entwickelt sie sich nicht so schnell, wie wir uns das wünschen, aber sie wird Schritt für Schritt besser.

netzpolitik.org: Was kann man in der Imperial Library of Trantor finden?

Las Zenow: Es gibt dort jede Art von Buch. Man kann tausende Romane finden, von großen Bestsellern bis zu obskuren Romanen, es gibt Essays, Kochbücher, Computerfachbücher, … Alles, was die Benutzer entscheiden, hochzuladen.

netzpolitik.org: Wie viele Bücher gibt es in der Imperial Library of Trantor?

Las Zenow: Im Moment gibt es dort um die 11.000 Bücher. Aber diese Zahl wächst ständig – dank der Benutzer der Bibliothek, die ständig weiter Bücher hochladen. Wenn Du willst, kannst du auch an der Bibliothek mitarbeiten, indem du deine eigenen Bücher hochlädst.

netzpolitik.org: Warum betreibt ihr die Seite als Tor Hidden Service?

Las Zenow: Die großen Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell auf den Verkauf von Kulturgütern aufgebaut haben, verwenden eine Menge Ressourcen darauf, Menschen davon abzuhalten, darauf zuzugreifen. Anstatt mit dem Gewinn die Autoren gerecht zu entlohnen oder den Service für ihre Kunden zu verbessern, versuchen sie diejenigen rechtlich zu belangen, die anderen helfen, auf diese Kulturgüter zuzugreifen.

Der Tor Hidden Service gibt uns Anonymität, niemand erfährt, wo unsere Server sind. So können die Konzerne, die versuchen, uns vom Verbreiten von Kulturgütern abzuhalten, nicht herausfinden, wer wir sind oder unsere Website sperren.

netzpolitik.org: Verstößt ihr gegen irgendwelche Gesetze?

Las Zenow: Ich glaube, wir verstoßen gegen Gesetze von etlichen Ländern, die meisten Länder erlauben es nicht, urheberrechtlich geschützte Inhalte öffentlich zu verbreiten. Aber wir leben im Cyberspace, wo die Gesetze der physischen Welt nicht hinreichen.

In den meisten Ländern ist die Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Werken illegal, aber nicht der Besitz einer heruntergeladenen Kopie. Daher sind die Benutzer unserer Bibliothek in den meisten Ländern sicher. Ein Risiko gehen also nur wir ein, indem wir den Dienst anbieten, aber nicht die Benutzer.

netzpolitik.org: Falls ihr irgendwelche Gesetze brecht – interessiert es euch? Warum (nicht)?

Las Zenow: Wir sind der Meinung, dass die Urheberrechtsgesetze ein Relikt aus anderen Zeiten sind, als es noch Geld kostete, Bücher zu vervielfältigen. Jetzt sind sie sinnlos.

Mit dem Aufkommen des digitalen Zeitalters haben sich die Regeln geändert. Bevor es Computer gab, brauchten wir physische Objekte, um Kultur zu verbreiten, wie Bücher, Audio- oder Videokassetten. Aber jetzt sind wir die physischen Objekte losgeworden und können Kultur kostenlos kopieren. Es gibt nichts, was uns davon abhalten könnte, den alten Traum vom universellen Zugang zu Kultur zu verwirklichen, allen den freien Zugang zu jeglicher Kultur zu ermöglichen.

Natürlich müssen wir die Autoren ernähren, aber mit der kapitalistischen Art und Weise, Kultur zu kommerzialisieren, tun wir das verdammt schlecht. Tatsächlich füttern wir die großen Konzerne, aber nicht die Autoren.

netzpolitik.org: Was ist falsch an der Verlags-Welt heutzutage?

Las Zenow: Das Buch-Verlagsbranche ist, wie das Urheberrecht, mittlerweile ein überholtes Geschäft, das nicht an die neue Welt angepasst ist. Es hat immer noch eine riesige und komplexe Infrastruktur, die nicht mehr gebraucht wird, aber das Herausgeben von Büchern teuer macht – was wiederum bedeutet, dass die Autoren nur einen winzigen Anteil am Verkaufserlös erhalten.

Sie verlassen sich immer noch darauf, einige wenige Bestseller zu schaffen, wofür sie riesige Summen für Werbung ausgeben. Aber mittlerweile haben die Menschen Zugang zu einer größeren Vielfalt an Büchern und können über genau die Themen lesen, die sie wirklich mögen, anstatt das zu lesen, was in der Presse besprochen wird.

netzpolitik.org: Was ist falsch an DRM?

Las Zenow: Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns im Zuge der Digitalisierung Rechte weggenommen werden, anstatt das wir die Freiheit, welche diese Technologie uns bietet, voll ausschöpfen können. DRM ist ein gutes Beispiel dafür.

Mit digitalen Büchern können wir viel mehr Dinge tun als mit ihren physischen Pendants. Zum Beispiel können wir die Bücher an verschiedenen Orten gleichzeitig haben oder wir können selbst wählen, wie der Inhalt dargestellt wird. DRM beschneidet uns nicht nur von diesen neuen Möglichkeiten; wir verlieren zudem auch den Vorteil der gedruckten Versionen, so können wir die Bücher beispielsweise nicht mehr an unsere Freunde verleihen.

Mit DRM sind wir nicht länger Eigentümer unserer Bücher.

netzpolitik.org: Wohin sollte sich das digitale Verlagswesen entwickeln?

Las Zenow: Jetzt haben wir alle die Werkzeuge, um selbst Bücher zu publizieren und es gibt andere Kanäle, um sie zu verbreiten, die nicht viel Geld für Werbung benötigen. Es macht keinen Sinn mehr, große Konzerne hinter den Buchverlagen zu haben, wir können tausende kleine Verlagsgruppen gründen, um den Gewinn besser an die Autoren zu verteilen und den Lesern die Kontrolle wieder zu geben.

netzpolitik.org: Wird die Imperial Library of Trantor immer kostenlos bleiben?

Las Zenow: Ja, auf jeden Fall. Die Imperial Library of Trantor wird immer kostenlos sein, oder sie wird nicht sein.

netzpolitik.org: Wie viele Spenden erhaltet ihr?

Las Zenow: Wir haben erst seit einem Monat eine Spenden-Adresse auf der Bibliothek. Bisher haben wir hauptsächlich eine großzügige Spende von fast einem Bitcoin erhalten.

Wir sind Freiwillige, wir planen nicht, unseren Lebensunterhalt mit der Imperial Library of Trantor zu verdienen. Aber wir hoffen, genug Geld durch Spenden zu erhalten, um für die Server und die Internet-Bandbreite zu bezahlen. Falls wir etwas Geld zusammenbringen, werden wir es dafür verwenden, die Infrastruktur hinter der Website zu verbessern, dass sie schneller wird und mehr Nutzer verkraftet. Und vielleicht sogar einen öffentlichen Platz im Netz außerhalb des Tor-Netzwerks zu bekommen.

netzpolitik.org: Was hältst du von anderen halb-legalen E-Book-Seiten, die Geld von ihren Leser verlangen wollen?

Las Zenow: Ich finde es unethisch, Geld von Lesern zu nehmen ohne gleichzeitig die Autoren zu bezahlen. Jetzt wo wir die Möglichkeiten dazu haben, müssen wir Kanäle schaffen, auf Bücher frei zuzugreifen, unabhängig von finanziellen Ressourcen.

netzpolitik.org: Die Leute von TorBoox sagen, dass sie mit fast 40.000 E-Books und 90.000 Downloads an einem Tag “Opfer ihres eigenen Erfolges” sind und sie den Dienst nicht weiter anbieten können, ohne ihre User dazu zu zwingen, zu bezahlen. Was sagst du dazu?

Las Zenow: Andere Organisationen haben es geschafft, die Finanzierung ihrer Systeme sicherzustellen, ohne von ihren Nutzern Gebühren zu verlangen. Hier sei zum Beispiel Wikipedia genannt, die als sechstgrößte Webseite trotzdem kostenlos und werbefrei ist.

Ich halte es für eine schlechte Idee, einen zentralen Ort zu gründen, was wir brauchen, sind viele kleine. Es ist viel schwieriger einen großen Ort zu unterhalten als hunderte von ihnen, und wenn die Seite zumacht oder eine Bezahlplattform wird, dann haben die Leser keine andere Wahl.

Meine ideale Zukunftsvorstellung ist, dass wir hunderte von Seiten haben, die untereinander interagieren. Wenn also eine Seite das gewünschte Buch nicht hat, leitet sie dich zu einer anderen Seite, die das Buch hat.

netzpolitik.org: Möchtest du noch etwas ergänzen?

Las Zenow: Ich möchte eure Leser ermutigen, ihre Bücher mit anderen zu teilen. Als Kind hat man uns beigebracht, das Teilen etwas Gutes ist. Heute versuchen die Konzerne, uns das Gegenteil beizubringen, in dem sie behaupten, dass man stiehlt wenn man teilt. Ich denke immer noch, dass das Teilen von Kultur gut ist. Teilen hat nichts mit Diebstahl zu tun, denn durch Teilen nehmen wir niemandem Eigentum weg.

netzpolitik.org: Übrigens interviewe ich auch Jotunbane von Jotunbane’s Reading Club.

Las Zenow: Das ist eine tolle Idee, er macht qualitativ hochwertige Bücher.


Interview: Jotunbane von Jotunbane’s Reading Club (Tor2web)

readers-against-drmStattdessen wollten sie mir geschlossene Fernseh-Versionen von Büchern verkaufen, die alle möglichen seltsamen Einschränkungen hatten und sie haben sich sogar erdreistet, diese teurer zu machen als die Papierversionen. Das nennt man “sich in beide Füße gleichzeitig schießen”. Zum einen werde ich für ein qualitativ minderwertiges Produkt nicht mehr Geld bezahlen. Zum anderen werde ich nicht wieder zum Papier zurückkehren. Jetzt kann ich nirgendwo meine Bücher kaufen (es gibt Ausnahmen, Baen zum Beispiel), also was soll ich tun? Nun, ich mache meine eigenen Bücher.

netzpolitik.org: Wer bist du?

Jotunbane: Mein Name ist Michael und ich lebe in der Nähe von Kopenhagen. Ich glaube, das muss reichen.

netzpolitik.org: Es ist nicht schwierig, deinen Nachnamen herauszufinden.

Jotunbane: Ich weiß, dass meine Identität im besten Fall “verschleiert” ist. Aber als “echter Hacker” stehe ich zu dem, was ich tue. Wenn Leute mich finden wollen, können sie das. Die Seite wird nicht bei mir zu Hause gehostet, also bringt es nichts, mich zu finden. Natürlich kann es mich (persönlich) in die Klemme bringen, aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Du kannst meinen vollen Namen veröffentlichen, wenn du willst.

netzpolitik.org: Auf der Seite gibt es ein Bild von einer Person. Könntest das du sein?

Jotunbane: Ja, das bin ich.

netzpolitik.org: Was ist Jotunbane’s Reading Club?

Jotunbane: “Der Club” sind Grunde all die Bücher, die ich je gelesen habe (und ein paar, die ich noch nicht gelesen habe), organisiert in einer Datenbank.

netzpolitik.org: Warum hast du den Lese-Club gestartet?

Jotunbane: Ich habe im Verlagswesen gearbeitet und brauchte etwas, das meine Büchersammlung in einem einheitlichen und lesbaren Format darstellt. Ich habe die schlechte Angewohnheit, keine Bücher zu akzeptieren, die eine seltsame oder uneinheitliche Formatierung haben. Mein Hintergrund im Verlagswesen gab mir die Fähigkeiten, meine Bücher zu verbessern, aber ich brauchte noch einen Platz, um sie aufzubewahren. Also habe ich “den Club” entworfen.

netzpolitik.org: Was kann man im Lese-Club finden?

Jotunbane: Im Moment sind das (überwiegend) meine Bücher. Ich würde es lieben, wenn auch andere Leute anfangen, ihre Bücher einzustellen, aber ich glaube nicht, das das passiert. Einige Leute (vier, soweit ich mich erinnere) haben versucht, Bücher beizusteuern, aber bisher sind alle gescheitert. Keiner von denen hat mir gesagt warum und ich dränge meine Nutzer nicht nach Antworten. Die Bücher sind alle für meinen E-Book-Reader optimiert, aber man kann sich sein Stylesheet individuell gestalten, falls es auf dem eigenen Gerät komisch aussieht. Bisher hat das noch keiner getan und die Bücher wurden als “gut aussehend” auf den meisten Geräten eingestuft.

Aber ich bearbeite auch Anfragen, also wenn du ein Buch brauchst, fragt mich einfach und ich werde versuchen, es zu bekommen.

netzpolitik.org: Was ist die Quelle für deine Bücher? Woher bekommst du sie?

Jotunbane: Ich kaufe sie, wie jeder andere auch.

netzpolitik.org: Wie viele Bücher gibt es Lese-Club?

Jotunbane: Im Moment 450. Ich weiß, das sind nicht viele, aber ich nehme mir die Zeit, OCR-Fehler zu reparieren. Ich kenne niemanden, der das bisher versucht hat. Der Fokus liegt auf “korrekten“ und “gut aussehenden“ Büchern, es war nie mein Ziel, Millionen von Büchern zu haben. Und die Menschen scheinen sie zu mögen, ich zähle um die 10.000 Downloads (und das sind alles Downloads von außen, Bücher, die ich lokal herunterlade, werden nicht gezählt).

netzpolitik.org: 450 Bücher, aber 10.099 EPUBs? Woher kommt der Unterschied?

Jotunbane: Da steht: 10.099 EPUBs erstellt. Jedes Mal, wenn man ein ein Buch auf der Seite herunterlädt, wird ein neues EPUB generiert. Ich kann einzelne Absätze in den Büchern editieren, das heißt, wenn ich einen Fehler sehe, dann habe ich Möglichkeit ihn zu reparieren ohne am gesamten EPUB herumzubasteln. Das ist auch der Grund, warum man die Bücher online lesen kann (man bekommt eine Wiki-ähnliche Oberfläche für Bücher, die man “besitzt“). Um also sicherzustellen, dass ihr immer die letzte, fehlerfreie Version bekommt, erstelle ich das Buch für jeden Download neu.

netzpolitik.org: Warum betreibst du die Seite als Tor Hidden Service?

Jotunbane: Ich denke, das ist offensichtlich. Wenn die Seite im normalen Internet wäre, würde ich schneller abgemahnt, als man “DMCA” sagen kann.

netzpolitik.org: Verstößt du gegen irgendwelche Gesetze?

Jotunbane: Mehrere :)

netzpolitik.org: Interessiert dich das? Warum (nicht)?

Jotunbane: Klar ist mir das nicht egal. Aber was soll ich machen? Die Gesetze sind auf mehreren Ebenen einfach schlecht (Das Copyright-Monopol wurde allein in meinem Leben 16 mal verlängert, und wird immer weiter verlängert, kurz eh Micky Mouse gemeinfrei wird.) Es hat immer Konsequenzen, wenn man sich entscheidet, Gesetze zu brechen und das Risiko der Bestrafung ist eindeutig ein Teil der Rechnung. Nach US-Recht könnte ich eine Geldstrafe von $ 150.000 für jede Rechtsverletzung bekommen, aber das ist keine Frage des Geldes, sondern das Richtige zu tun. “Sharing is caring”, also klar interessiert es mich.

netzpolitik.org: Was ist falsch an der Verlags-Welt heutzutage?

Jotunbane: Verlage sind Dinosaurier. Sie versuchen im Grunde so zu tun, als ob das Internet nie passiert ist. Ich kann verstehen warum, da ihr Geschäftsmodell nicht dafür ausgerichtet ist.

Wie ich auf der Seite sage: Die Tatsache, dass das Internet kopieren einfach macht, ist kein Bug, sondern ein Fakt. Und wenn dein Geschäftsmodell diesen Fakt nicht verkraften kann, wirst du aus dem Geschäft verschwinden. Aber anstatt ihr Geschäftsmodell zu verändern, haben sie einer Technologie den Krieg erklärt. Das wurde schon vorher probiert, die Musikindustrie führte einen Krieg gegen Napster und MP3-Player (und davor gegen das Klavier, den Plattenspieler, das Tonband und den Kassettenrekorder). Die Filmindustrie hat einen Krieg gegen Videorecorder geführt, und beide versuchen immer noch The Pirate Bay zu bekämpfen.

Ich denke, so ist das Leben. Dumme Menschen sind dazu bestimmt, die Geschichte zu wiederholen, und kluge Leute sind dazu bestimmt, zu sehen, wie sich Geschichte immer und immer wieder wiederholt.

netzpolitik.org: Was ist falsch an DRM?

Jotunbane: Es kann nicht funktionieren. Und wer denkt, dass es möglich sein könnte, dass es funktioniert, der versteht Computer nicht.

DRM ist eine Bedrohung für Innovationen. Eine Bedrohung der Privatsphäre. Und eine Bedrohung der Freiheit. Es sind meine Bücher. Es gibt keine vergleichbaren Einschränkungen für gedruckte Bücher. Stell dir diesen Dialog vor: “Sie dürfen dieses Buch nicht mit über die Grenze nehmen, weil sie nur das Recht gekauft haben, es im Land X zu lesen.

Wie dem auch sei, so wichtig ist mir DRM auch nicht. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, Bücher zu kaufen, die DRM haben. Wenn es ein Buch nur mit DRM gibt, dann weigere mich, dafür zu zahlen. Ich möchte es vielleicht trotzdem lesen, und mich das zu einem Kriminellen macht, dann soll es so sein.

netzpolitik.org: Wohin sollte sich das digitale Verlagswesen entwickeln?

Jotunbane: Gute Frage. Die beste Alternative, die ich gesehen habe, ist das Buch “The Case For Copyright Reform” von Christian Engström und Rick Falkvinge (Buch #300 auf der Seite). Das kann man zusammenfassen mit: Filesharing legalisieren, kürzere Schutzfristen für das gewerbliche Urheberrechts-Monopol, freies Sampling und ein Verbot von DRM.

netzpolitik.org: Woher soll das Geld kommen? Wie sollen Autoren bezahlt werden?

Jotunbane: Lass mich aus dem Buch zitieren: „Soll die Frage, ob wir die Rechte auf private Kommunikation, faire Verfahren und verhältnismäßige Strafen beibehalten wollen, wirklich davon abhängen, ob es für Künstler rentabel ist oder nicht?”

Um ehrlich zu sein, ich hasse diese Frage. Wir nennen es das “Anspruchsargument“: Ich verdiene es, für meine Arbeit bezahlt zu werden. Und das ist nur Bullshit. Wenn Menschen mögen was du tust, werden sie gerne dafür bezahlen. Cory Doctorow scheint es gut zu gehen, und alle seine Bücher sind auf seiner Webseite frei verfügbar.

Also, um es offen zu sagen, Künstler sind nicht dafür da, bezahlt zu werden, sondern um Kunst zu machen. Wenn du von deiner Kunst leben kannst, dann nur zu: mach das. Aber ein echter Künstler wird sowieso Kunst machen, weil er ein Künstler ist.

netzpolitik.org: Wird der Lese-Club immer kostenlos bleiben?

Jotunbane: Die Bücher auf der Seite werden immer kostenlos sein (frei wie Freibier). Ich bin stolz, dass ich sagen kann “All Your Books Are Belong To Us!” Das ist nicht nur ein lustiger Spruch, sondern die Bücher, die ihr veröffentlicht, sind vielleicht eure im Sinne des Urheberrechts, aber sie sind Teil unserer Kultur, so dass sie uns allen gehören.

netzpolitik.org: Wie viele Spenden erhältst du?

Jotunbane: Bisher keine. Aber das war zu erwarten. Ich habe nicht geglaubt, dass ich damit reich werde.

netzpolitik.org: Was hältst du von anderen halb-legalen E-Book-Seiten, die Geld von ihren Leser verlangen wollen?

Jotunbane: Das ist moralisch falsch. Ein weiser Mann hat mal gesagt (ich glaube, es war Bob Dylan) “Um außerhalb des Rechts zu leben, musst du ehrlich sein.” Etwas zu ohne Genehmigung zu verkaufen, was andere erschaffen haben und ohne sie daran zu beteiligen, ist nicht ehrlich und nicht etwas, was ich machen möchte. Deshalb behalte ich sehr sorgfältig die Copyright-Informationen in den Büchern.

netzpolitik.org: Die Leute von TorBoox sagen, dass sie mit fast 40.000 E-Books und 90.000 Downloads an einem Tag “Opfer ihres eigenen Erfolges” sind und sie den Dienst nicht weiter anbieten können, ohne ihre User dazu zu zwingen, zu bezahlen. Was sagst du dazu?

Jotunbane: Da möchte ich widersprechen. Sie könnten den Dienst ganz leicht kostenlos anbieten: einfach aufhören, Geld zu verlangen.

Aber mit über 38.000 Büchern machen sie das offensichtlich nicht aus den richtigen Gründen. Ich kann Motive nicht kommentieren, aber sie machen das nicht “für die Bücher“. Ich mache das, was ich mache, weil ich Bücher liebe. Die mögen offensichtlich “große Seite mit viel Traffic“.

netzpolitik.org: Übrigens interviewe ich auch Las Zenow von der Imperial Library of Trantor und Bernd Fleisig von TorBoox.

Jotunbane: Ich habe ein paar Mails mit Las Zenow ausgetauscht und besuche seine Seite ab und zu. Ich mag TorBoox nicht, deshalb habe ich die Seite nie besucht.

Es ist nichts Persönliches, ich bin sicher, sie sind nette Jungs. Aber so wie ich das sehe, tragen sie nichts bei. (Sorry Jungs, falls wir uns jemals treffen, lade ich euch auf ein Bier ein ;)

(Anmerkung: Vielen Dank an Jens und Eva für die Mithilfe beim Übersetzen!)

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